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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 17
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, 19. Mai 1830

Wenn mich auch nichts anderes bestimmte, Dir, mein Herz! heute zu schreiben, so wäre es die Bedeutung des heutigen Tages, die zu schön, zu wichtig für mich ist, als daß ich sie nur stillschweigend feiern sollte. Heute vor Einem Jahr geschah mein Eintritt in das Haus, worin ich meine Liebe, das süßeste Glück meines Lebens, Dich, meine Luise! finden sollte. Wie ahnungslos war der Einzug in das Dorf, das nur einige blasse, halbverwischte Erinnerungen, nur eine Vergangenheit, nicht die geringste Weissagung einer nahen entscheidungsvollen Zukunft aufwies. Ich sah Dich, bestes Mädchen! ohne etwas mehr als Deinen Namen zu kennen, Du warst für mich bis auf diesen Augenblick so gut als nichts auf der Welt gewesen, wir beide standen uns wie völlig fremde Menschen gleichgültig gegenüber, und nun – ist's möglich? – nun kann keines mehr seine Existenz von der des Andern trennen, wir sind ein Ich und eine Seele! – Jenes freundliche Fraulein, das Dich damals unter der Tür nur höflich begrüßte, – Du nennst sie jetzt Deine Mutter, und eine andere liebreiche Gestalt, die mir fremd gewesene Frau des Hauses, sie zählt mich jetzo ihren Kindern bei; alle die andern lieben Angesichter, die mir nur anmutige Masken gewesen, sie bieten mir, wenn ich nun komme, die schwesterliche, die brüderliche Wange hin. Einen zweiten Vater hab ich nicht mehr angetroffen; Gott seis geklagt, daß ichs nicht durfte, o glaube mir, mein Kind! es wäre meine stolzeste Freude gewesen, wenn Er mich Sohn geheißen hätte. Ich fühle ganz, ganz die entsetzliche Lücke; aber ein Trost ist mirs, denken zu dürfen, daß Er mir seinen Segen nicht würde versagt haben. Sieh! das hoff, das glaub ich so fest, so unerschütterlich! Ich müßte mit Angst, mit Sorge an Deinem Herzen liegen, wenn ichs weniger gewiß wäre. – Aber wie lange doch haben wir beide uns um einander bewegt, eh nur ein Gedanke, ein Gefühl dessen in uns aufdämmerte, was jetzt ist; eh ein kecker Traum mir spielend einen Wunsch erklärte, den ich wachend nie in mir gewahr geworden. Welche Tage des zufriedenen, anspruchslosen Ineinanderlebens! Du gingst neben mir hin und fülltest die Luft mit angenehmem Wesen; ich war mir dieses Eindrucks kaum bewußt, aber er, er fehlte mir, wenn Du irgend abwesend warest. Ich verstand mich nach und nach besser, besonders wenn am Klavier Du den Tag zur Ruhe sangest. Es war, als schlösse sich dann Dein geheimeres Leben für mich auf, wie es Pflanzen gibt, die am Abend erst leise ihre schüchternen Kelche öffnen; doch ich dachte immer nicht über die Gegenwart hinaus. Es konnte zuweilen geschehen, wenn Du auf dem Gang, im Zimmer oder wo sonst gleichgültig an mir vorüberstreiftest, mich mit dem Kleid berührtest, daß michs dann schaudrig überflog, daß all meine Seele sich sehnsüchtig Dir nachbeugte. Aber es setzte sich kein bestimmter Wunsch in mir fest. – Eine seltsame Empfindung muß ich Dir noch entdecken (wenn ichs anders nicht schon getan habe), in der Du mich jedoch schwerlich ganz begreifen wirst. Deine ganze Erscheinung, Dein stilles, verschlossenes, häufig mißverstandenes Wesen, Deine heimlichen Besuche auf dem Kirchhof, jener gedankenvolle, starre Blick, mit dem Du öfters, die laute Gesellschaft überhörend, unbeweglich dasaßest, – dies alles gab Dir in meinen Augen etwas Feierliches, Mysteriöses, ja zuweilen etwas Geisterhaftes, das mir heilig und unantastbar war. Gewiß – so sonderbar es lauten mag – ich stand oft gebannt in Deiner Nähe, jenen Geschöpfen nicht unähnlich, welche durch die natürliche Zauberkraft gewisser Schlangen festgehalten werden. Es war die süßeste Beklemmung. Hast Du mir denn niemals so etwas angespürt? Bei weitem am Häufigsten aber fühlte ich mich ganz ruhig, ganz harmlos und wohl in Deiner Gegenwart. Auch bedaure ich nicht, daß jene seltsame Idiosynkrasie nun längst verschwunden ist.

Wir spielten lange Zeit, wie Kinder im Sonnenschein zusammen, ohne eben einander entschieden zu begehren, ein Sturm mußte kommen, um den Vorhang, der noch über meiner Seele hing, zu zerreißen; ich klammerte mich mit Heftigkeit an Dich und wollte verzweifeln, da die Möglichkeit erschien, Dich zu verlieren. Im nächtlichen Gewitterschein dieser Gefahr stund Dein Bild doppelt herrlich und wunderbar erleuchtet vor meinen Augen. Ich fühlte, ein Gott hatte die Glocke der entscheidenden Stunde angeschlagen, er trieb, er stieß mich vorwärts, das Glück zu ergreifen, das mir und keinem andern bestimmt war. Der Morgen kam, da die liebe Rike mir jene Eröffnung machte – Du standest am Türpfosten der Kammer und blicktest ernst zu uns herüber, als die Schwester mich zum Spaziergang aufforderte. – Nun die Szene zwischen Dir und mir in der morgendlichen, goldengrünen Gartenlaube! »Mein Herz hat entschieden«, sagtest Du endlich. – Mir stürzte ein Fels von der Brust, und doch welche Angst war in uns Beiden! – Hinweg, hinweg über diese schwindelnde Kluft! vorwärts bis zu dem Abend, der endlich die Schwester von Tübingen zurückbrachte. Ich sehe sie noch, erschöpft vom Wege, auf ihrem Sessel; endlich fällt ihr Blick auf mich, sie hatte Mitleid mit meinem Zustand; ich eilte ein paar Minuten aus dem Zimmer, um Euch Zeit zu lassen, ihr den günstigen Vorgang in Bernhausen zu kommunizieren. Wie ich wieder eintrat, drückte sie meine Hand mit einem zusagenden Lächeln. Du standest im Hintergrund beim Sofa und ersahst Dir die Gelegenheit, mich, den Übrigen im Rücken, zum ersten Kusse zu Dir herzuziehen. O wie schwankte der Boden selig unter mir! wie zitterten meine Finger in den Deinen! wie freudig staunend blickten wir uns an! Die Rike schien mir wie ein guter Engel; ich hätte vor der Mutter, ich hätte vor Euch Allen auf den Knien liegen mögen. –

Weißt, eine Zeitlang ließen wirs, des eigenen Reizes wegen, noch beim »Sie«. In der Kirche von Bernhausen, Arm in Arm den langen Gang auf- und abgehend, machten wir das schöne Du erst aus. – Nun! Du! Du! mein Kind! was sagst Du zu dem Allem? – Ich danke Gott mit brünstiger Seele und schließe nun diese Vergangenheit, die ach! vor einem Jahre erst ein Unding in dem Schoß der Zukunft lag, – mit leichtem, heiterm Herzen ab. Sie deucht mir alt, älter als zehn Jahre wohl und jung doch wie der Tag von gestern. –

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