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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 15
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 23. April 1830 Freitag

Meine einzige Luise!

Ich habe meinen Pultschlüssel verlegt und muß nun nach dem nächsten besten Blatt Papier greifen, obgleich meine Gedanken, wenn es einen Brief an die Geliebte gilt, sich längst nicht mehr an eine rohere Folie gewöhnen wollen; zu einem Aufschub des Schreibens mögen sie sich aber noch viel weniger verstehen, denn, wäre es auf sie allein angekommen, so hättest Du mit dem Datum »Linsenhofen, den 20. April« bereits ein zartes Wischchen erhalten. In einem dortigen sehr freundlichen Gasthof war Herr Doktor [Härlin] kurze Zeit mit mir abgestiegen, um einen Krankenbesuch im Dorf zu machen und ich hatte große Lust, die schönen und bedeutenden Eindrücke der letzten zwei Tage ruhig auf dem Papier zu sammeln, und sie Dir, noch ganz warm, vorzuführen, aber die äußern Umstände waren dem zärtlichen Vorhaben nicht völlig gemäß. Ich sah mit zerstreuten Gedanken einige gute Geßnerische Landschaften, die an den Wänden umherhingen, nach der Reihe an und wollte mich soeben besser für sie interessieren, als ein freundliches Männchen mit kleinem preußischen Zopf und kurzem Puderhaar zu mir trat und ein Gespräch über den Meister dieser Bilder anfing, welche sein Eigentum zu sein schienen; es war allem nach ein unterrichteter Mann, den die Wirtsleute den Herrn Rittmeister nannten, ein Schweizer aus Zürich, der seit Jahren privatisiert und seine Zeit in mäßigem Genüsse eines nicht unbedeutenden Vermögens unabhängig hier auf dem Lande zubringt. Er wußte mir Manches von Lavater zu erzählen, den er persönlich gekannt hatte, und er freute sich recht treuherzig über die Bekanntschaft, die ich mit dem eigentümlichen Charakter und den Ansichten seines berühmten Landsmanns zeigte. Merkwürdig war es mir, bei dieser Gelegenheit umständlich zu hören, daß die den Jesuiten zur Last gelegte Vergiftung des Nachtmahlweins, worüber Lavater damals die fürchterliche mit allen Farben des jüngsten Gerichts flammende Predigt hielt, keineswegs absichtlich, sondern bloßer Zufall gewesen sei, der auch glücklicherweise keinen Schaden getan. –

Als der Doktor und ich wieder in der Chaise saßen, fand ich immer mehr Ursache, mich unserer Unterhaltung zu freuen. Gefiel er sich auch zuweilen nach seiner Art im Widersprechen, so begegneten wir uns doch vielfach in unserer Gesinnung. Ich war überrascht, überall auffallende und originelle Züge eines feinen Denkers und Beobachters zu finden, dem die hervorragendsten Teile auch der schönen Literatur durchaus nicht fremd sind. So kamen wir auf das höchst gedankenvolle Schillersche Gedicht zu sprechen, das »Die Künstler« überschrieben ist, und ich wunderte mich nicht wenig, als Herr Doctor medicinae Härlin sagte, daß er dieses Stück noch vor wenigen Jahren förmlich auswendig gelernt und auch noch Wort für Wort innehabe. Im Verfolg spielte sich der Diskurs auf theologische Dinge. Seine Denkart über diese Materien ist zwar sehr frei, aber nicht frivol und gewiß in einem großen Sinne selbsterworben. Eine Äußerung in anderer Hinsicht hat mich besonders an ihm gefreut, weil sie auch auf die Gemütlichkeit dieses übrigens so schroff und stolz erscheinenden Mannes schließen läßt. Ich erzähle sie einmal mündlich. – In kurzer Zeit kamen wir an Ort und Stelle an, und ich begleitete den Doktor ins Amtshaus aus Höflichkeit und Teilnahme, denn er hatte mir die Unrettbarkeit der guten kranken Frau unterwegs deutlich genug merken lassen. Man hat eine Herzerweiterung zu befürchten. In der Stadtpfarrei traf ich und sah zum erstenmal den jüngsten Sohn des Hauses, den Tübinger Studenten, einen sehr braven Menschen, mit dem ich indessen viel Gemeinschaft machte, besonders, da wir in manchen Uracher Reminiszenzen gut sympathisieren. Mein zeitiges Eintreffen im Hause war auch in dieser Hinsicht den Alten, wie ich sehen konnte, recht erwünscht. Am Mittwoch machten wir einen Ausflug auf die benachbarte Ruine Sulzburg im Lenninger Tal, von wo aus man eine reizende Aussicht genießt. Das Dorf Unterlenningen mit seinen hellroten Ziegeldächern liegt dicht an dem Fuße des Hügels und bildet einen kindlichen Gegensatz zu dem prächtigen Gebirg umher. Abends verabredete man einen Zug auf den folgenden Morgen, um die Sonne von der Teck aus aufgehn zu sehen. Herr Vetter Louis wollte zum Frühstück eine Partie Fische zusammenfangen, die sollte man droben bei einem selbstgemachten Feuer in der Pfanne fertig machen; die Frau Pfarrerin gab den Wein, das Kochzeug, und ein Bube ward als Träger bestellt. Aber, woran kein Mensch gedacht hatte, es regnete in der Frühe, und man mußte den Mittag abwarten, der denn aber auch um so günstiger für das kleine Abenteuer ausfiel. Um halb drei Uhr sott und raschelte das Schmalz schon auf unserm zusammengetragenen Herde hoch über den Wohnungen der Menschen. Auf einem etwas vertieften und windstillen Grasplatz hatte die Gesellschaft sich niedergelassen. Während der Backerei las ich eine Washingtonsche Erzählung vor, deren Inhalt einigermaßen zu unserer romantischen Situation stimmte; von Zeit zu Zeit ward eine warme Platte mit Forellen herumgeboten, und das Glas zirkulierte gleichzeitig; endlich legte man das Buch weg und stärkte sich noch einmal, um allgemein die Runde auf den bedeutendsten Aussichtspunkten zwischen dem alten Gemäuer zu machen. Ich stahl mich von den übrigen hinweg und besuchte in stiller herzlicher Erinnerung alle die Plätzchen wieder, wo ich mich noch vor wenig Tagen in der Mitte, in der lieben Mitte anderer und vertrauterer Gestalten gesehen hatte. Ich schob den Tubus durch die nämliche Maueröffnung, durch welche mir Fritz damals den Turm von Grötzingen und den hellschimmernden Hardter Weg wie in einem Zauberglas gezeigt hatte. Eine süße Sehnsucht stieg in meiner Brust auf, und wenn ich sie damals durch einen warmen Druck auf die lebendig gegenwärtige Hand des Bruders meiner Luise beschwichtigen konnte, so waren jetzt nur die Steine noch da, die Zeugen jenes glücklichen Tags gewesen. Auch betrübte es mich, daß ich trotz des langen Suchens mit dem Fernrohr das Tal, wo meine Liebe wohnt, nicht wieder finden konnte; glaubte ich Einmal die rechte Spur zu haben, so stach ich unversehens wieder in den Horizont und seine täuschend wie sonnige Talgründe gefalteten Wolken. So suchte ich also unbewußt mein süßes Kind an dem Himmel, auf den es mir zu Liebe doch noch ein volles Menschenalter wird verzichten müssen. – Jetzt rief es meinen Namen, und ich verließ den runden Turm wie ein Heiligtum, neidisch, daß kein ungeweihter Fuß der andern ihn betrete. Vetter Louis, der biedere Bienenvater (wir nannten ihn diesmal alle den Papa) machte uns übrigens viel Spaß; so kroch er mit komischem Gesang bis in[s] Hinterste der Sibyllenhöhle und wiederholte diese Verwegenheit an einem andern merkwürdigen Schlupfwinkel der Art, den ich erst diesmal kennen lernte. Wenn man nämlich auf dem Fortsatz des Teckbergs weitergeht, so kommt man mit dem Ende dieser Flanke an den sogenannten »gelben Felsen«, von wo man senkrecht eine schwindelnde Tiefe in das Tal hinabblickt. In der Nähe befindet sich ein schmales Erdloch, das unmittelbar vom platten Boden in eine geräumigere Höhle führt. Es heißt nach einer gewissen Veronika, einem Mädchen von Beuren, das vor uralter Zeit mit einem dortigen Bürger in verbotenem Umgang gelebt und mit zweien Kindern vierzehn Jahre in der Höhle gelebt haben soll. Ihr Geliebter versorgte sie heimlich mit Nahrung und sie gab ihm täglich ein Zeichen vermittelst eines durch den Felsen gehangenen Scharlachtuchs.

Aber, mein Kind! dürft ich Dich einmal auf diesen Höhen umherführen, einmal in Deinem Aug die Majestät dieser Berge, den wunderbaren Wechsel dieser Beleuchtung sich spiegeln sehen und es hören, wie sich in dieser Anschauung von Schönheit ein leiser, staunender, überwältigter Ausdruck von Gefühl Deiner tiefern Brust entreißt! Das ist das Schwerste, was die Liebe bei der Entfernung hat, daß man die Erscheinungen der höchsten Schönheit und des reinsten Glückes nur einzeln genießt, daß man sich mit alle dieser Last von Wonne nicht an eine vertraute Schulter lehnen, diesen reizenden Drang der Empfindung nicht ruhig auflösen kann durch die Gegenwart des teilnehmendsten, geliebtesten Wesens, ja daß man dies Wesen sich in der Ferne als entbehrend vorstellen muß. Das Bewußtsein meiner Liebe wird in solchen Augenblicken so übervoll in mir, daß ich mich freudeschaudernd jene gähen Tiefen herabstürzen möchte, vom Glauben an die Allmacht meines Glücks getragen – – Ich schreibe dies im vordern Gartenhaus auf dem grünen Sofa – die Luft ist warm und klingt und schwirrt von hundert melodischen Kehlen. Der Kukuk sendet seinen einförmigen, wehmütigen Gesang kaum hörbar aus dem Walde – desto lauter klappern die Störche zuweilen vom nahen Kirchendach. Der Hund schläft neben mir, und der Student liest behaglich mit der Pfeife auf der andern Bank. Ich kann diesmal nicht aufhören fort zu schreiben; ich möchte Dir noch tausend Dinge sagen, noch Tausendfaches fragen. Fürs erste: wann und wie kamst Du nach Haus? Was triebt Ihr in den letzten Tagen? Wie konstelliert sich der Himmel über mich? Könnt ich, könnt ich doch mit im Rate sitzen! – Laßt mich nur machen und sorgen, ich hoffe doch noch an einer der letzten Sitzungen teilnehmen zu können und, so Gott will, noch solange das Herzchen anwesend ist, um das sichs eigentlich handelt. Im Fall das Letztere sich bereits merklich zur Ergebung neigen sollte, darf es sich freuen, in mir einen Fürsprecher für seine Sache zu finden, die ich je länger je weniger riskiert erachte. Gewiß ist es nicht blos gutmütige Sympathie mit Denks Sehnsuchtspein, deren ungefähre Qualität ich im August 29 genugsam habe kennen lernen, sondern meine unmaßgebliche Meinung geht aus den objektivsten Gründen hervor. Ich bin höchst gespannt, was die liebe Rike urteilt, denn es gilt diesmal ja das Wohl und Wehe ihres zweiten Egos. Des lieben Mütterchens Bedenklichkeiten kann ich mir gar wohl vorstellen; ihre Ungewißheit kann kaum weniger peinlich sein als die des guten Denks selbst. Daß mein lieber Schwager Denk abermals als Vermittler heimgesucht worden, find ich an Dies, nach den trefflichen Vorgängen vom vorigen Jahr, sehr begreiflich und ich zweifle nicht, daß des Schwagers Herz und seine Weisheit gleichmäßig sein Votum bestimmen werden. Die liebe Mine pflegte, wie ich noch sehr wohl weiß, den Namen des bewußten Vikars früher niemals ohne den sehr ausdrucksvollen Beisatz zu nennen: »Ein ganz ordentlicher, artiger solider Mensch!« – N'est-ce pas? Bei alledem muß ich hinzusetzen, Amor hat, auf den Fall, daß Jettchen einen Korb ausgäbe, seinen letzten Pfeil inbezug auf sie noch lange nicht verschossen.

Ich meinesteils wiederhole bei dergleichen Diffikultäten immer nur den fröhlichen Refrain: Selig ist der Mann, der sein Schäfchen sicher und im Trocknen hat. Und ein solcher Mann bin ich! und mein Schätzchen heißt Luise! Und nächst der besten Mutter, Denk und Rike – soli Deo gloria!

Gestern bekam ich Briefe von Scheer: Karl will mich in seinen Affären noch einmal in Bewegung setzen, zwar nicht mit Reisen, aber sonst auf eine Art, in der ich ratlos und ohnmächtig bin. Übrigens schreibt er: »Die Kommission ist seit einigen Tagen hier, wird jedoch in dieser Woche zu Ende gehn, ›die Stunde rennt auch durch den rauhsten Tag‹. – Wenngleich der Kommissär bis jetzt nichts Gefährliches gefunden hat und mir auch nicht eigentlich feind zu sein scheint, so behandelt er mich doch sehr inhuman. Ich merkte, daß ich ihm am besten mit der Drohung imponieren kann, es dem Ministerium amtlich anzuzeigen, welchen Zwang der Direktor von Hügel mir mit der Rekommandation des Aktuars auflegte. – O um wieviel Geld und schöne Tage hat diese verfluchte Geschichte mich gebracht! Wäre sie nicht, so wär ich heut – heut an Klärchens Konfirmationstag – unter Euch und Dorchen säße zwischen mir und Deinem Luischen und meine Kinder spielten uns zu Füßen!« Weiterhin entschuldigt er sich sehr angelegentlich und rührend, daß er Dir, mein Kind! noch nicht geschrieben. Du kannst Dir den Grund leicht denken. Du selbst bist ihm unendlich lieb und wert – das wisse nur!

Nun ist dies die neunte Seite und noch plauderts in meinem Innern fort; ich merke jedoch, es wollen nun Dinge kommen, die an das Unaussprechliche grenzen, d. h. ich möchte Dir den Begriff meiner Liebe einmal wieder definieren, aber darin tut man sich weder mit philosophischen noch poetischen Terminis ein Genüge. War ich bei Dir, so könnt ich doch wenigstens mit Tasso reden:

– Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! So kann ich auch nur sagen: Nimm mich hin! Grüße, küsse mir die treuste Mutter! Sage Allen, wie sehr ich sie liebe und schreibe bald, recht bald!

Auf ewig Dein
Eduard

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