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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ewig Dein getreuer
Eduard

(Owen,) den 27. Februar 1830

Meine teuerste Luise!

Ich habe mir schon allerlei beunruhigende Gedanken gemacht, warum doch diese Tage her nicht ein Briefchen von Dir, im Wechsel mit dem meinigen, ankomme. Ist sie wieder krank? Hat ein ärgerlicher Besuch sie abgehalten? usw. Nun heute, da ich nichts erwarten konnte, erscheinen Deine lieben goldenen Worte zu meiner desto größern Freude. Sie waren jedoch schon am Dienstag, wenig Stunden nach meinem Abschied geschrieben und gewiß hat ein Schuft von Bote sie am Mittwoch vergessen.

Ich kam, da ich Deine Zeilen (eigentlich das Paket) auf dem Klavier liegend antraf, soeben von einem Spaziergang mit dem Neveu des Pfarrers nach Hause. Ich sagte Dir schon von diesem biedern, gesunden Naturmenschen, mit dem ich gelegentlichen Umgang habe. Er hat viel ökonomische Erfahrung, ist Jäger, Bienenhalter und versuchte mit Glück und Unglück schon alles mögliche. Ich sehe ihm in seiner Geschäftigkeit für mein Leben gern zu und so namentlich auch heute, da er im Garten mit den bereits aufgestellten Bienenkörben zu schaffen hatte. Welch ein Genuß war es mir, behaglich mit der Pfeife im Mund, in warmer Frühlingsluft diesem höchst anziehenden Geschäfte zuzusehen. Das fröhliche Summen dieser frommen Geschöpfe, die das Bißchen Sonnenschein bezauberte – wie stimmte mich alle das so sommerlich zu leiser Sehnsucht! – Nachher ließ ich mich bereden, mit ins Fischen an die Lauter zu gehen (Brotbeck hat nämlich das Wasser hiezu in Pacht) und gewiß reuten mich die paar Stunden nicht, die ich größtenteils als Zuschauer am Ufer auf einem Block sitzend im Freien zubrachte. Der Hund lag neben mir und konnte kaum begieriger und vergnügter sein als ich selber, so oft wieder etwas an der Schnur zupfte und gleich darauf so ein glattes Tierchen zu unsern Füßen geschleudert lag. Wir fingen fast ein Dutzend treffliche Forellen. Zuletzt gab ich kaum mehr auf den Fischer acht, sondern verfolgte unter dem Rauschen des Wassersturzes, wo ich saß, ungestört meine eigenen Meditationen, wobei ich abermals meine alte Bemerkung bestätigt fand, daß die Einbildungskraft, namentlich auch die musikalische, durch nichts lebhafter befördert wird als durch die dichte Nähe eines tosenden Wassers. Ich bekam hier einige gute und brauchbare Einfälle.

Endlich brachen wir auf und zogen ganz hungrig mit der Beute nach Haus. Louis [Brotbeck] machte sogleich Anstalt, die Fische zu backen, was er anerkanntermaßen viel geschickter als die Frauen zu machen wußte. Nun hättest Du sehen sollen, wie wir zusammen am selbstgemachten Feuer um den Herd herstanden und das Schmalz in der Pfanne sieden sahn. Selbst der gute Pfarrer schlürfte in die Küche heraus und freute sich und gab dem Koch diesen und jenen guten Vorteil an. Übrigens hatten wir freie Hand in der Speiskammer, da die Hausfrau nicht zugegen war. Nachher veranstaltete man eine vertrauliche Collation und trank Wein dazu. Mir schmeckte nicht leicht ein Essen so.

Ein Zug von den Kindern des Amtmanns, deren Mutter wirklich gefährlich krank liegt, freute mich sehr. Das älteste Mädchen von neun Jahren, Pauline, flüsterte dem Pfarrer etwas ins Ohr, das, wie ich merkte, auf mich ging. Der Alte lächelte gegen mich und sagte, sie bäte mich gern um ein Verschen auf den Geburtstag ihres Vaters, der bald sein werde. Ich sagts natürlich mit Freuden zu und nun eilt das Kind ganz fröhlich davon; nach fünf Minuten bemerk ich wieder eine schüchterne Heimlichkeit von Seiten des mittlern Buben; es kam die nämliche Bitte heraus, er wolle auch ein besonderes übergeben, aber zuletzt kam das Jüngste, ein schönes Kind von zwei Jahren, das zur Not reden kann, und mit dem ich mich gern abgebe; es verlangte »au a Versle«, ohne eigentlich zu wissen, wovon die Rede war.

Der heutige Tag hat für mich überhaupt eine besonders einfach milde Bedeutung. (Auch war mir noch nie eine Katechisation so gut vonstatten gegangen wie den Morgen.) Und nun vollends Dein Briefchen am Abend! O, Kind, glaube nur, diese liebevollen Worte, diese wenigen Linien sind mir erfreulicher und wichtiger, als ein ehrenvolles Diplom von König und Kaiser. Sie machten mich so guter Laune, daß ichs nicht halten konnte, den Andern zu sagen, Du hättest mir geschrieben. »Und was denn?« – dem Hauptinhalt nach soviel: »Sie habe mich lieb und ich soll schreiben.«

Sage der lieben Mutter, es werde außer einem Brief an Deinen lieben Fritz mein erstes Geschäft sein, den Karl zu trösten.

Lebet Alle wohl! Leb wohl, wohl, teuerste Seele!

Ewig Dein
Treuer

Grüße doch besonders auch den lieben Louis.

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