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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen (im Januar 1830)

[Der Anfang fehlt.] ... red ich so viel von den Toten?

Glaub mir Beste! wenn mein Gemüt in diesen Augenblicken um ein Beträchtliches über den Horizont gemein irdischer Dinge hinaus, und dem wahrhaft Göttlichen und Ewigen näher gerückt ist, als sonst, so brauch' ich, um von dieser Stufe meines Gefühls aus nun Dir die Hand zu reichen, nicht eine Linie herab zu steigen. Meine Liebe zu Dir geht mit allem Höchsten und Heiligsten, was ich habe, gleichen Schrittes, das weiß Gott. Darum mußt Du auch erlauben und es natürlich finden, daß ich Dir zuweilen von Dingen rede, die meine ganze Seele erfüllen, und die Dir sonst gleichgültig sein könnten.

Um Dich einen Blick in das Herz, sage Herz, Lichtenbergs tun zu lassen (dessen Religiosität an manchen Stellen zweifelhaft werden könnte), schreib ich Dir Folgendes aus seinem Geheimbuch ab.

»Welch ein Unterschied, wenn ich die Worte: ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit–, in meiner Kammer ausspreche, oder in der Halle von Westminster Abtei! (zu London). Über mir die feierlichen Gewölbe, wo der Tag immer in einer heiligen Dämmerung trauert, unter mir die Reste zusammengestürzter Pracht, der Staub der Könige, und um mich her die Trophäen des Todes! Ich habe sie hier und dort ausgesprochen; in meinem Schlafgemach haben sie mich oft erbaut, ich habe sie von Kindheit an nie ohne Rührung gebetet, aber hier durchlief mich ein unbeschreibliches, doch angenehmes Grauen; ich fühlte die Gegenwart des Richters, dem ich auf den Flügeln der Morgenröte selbst nicht zu entrinnen vermöchte, mit Tränen weder der Freude noch des Schmerzens, sondern mit Tränen des unbeschreiblichen Vertrauens auf ihn. Glaubt nicht, ihr, die ihr überall mutmaßet und mehr mutmaßet, als leset, daß ich aus modischer Schwermut dieses dichte. Ich habe den Young nie ganz lesen können, als es Mode war, ihn zu lesen, und halte ihn noch jetzt für einen großen Mann, da es Mode ist, ihn zu tadeln.« –

Von dem, der Vorstehendes und Ähnliches schrieb, sagte vor fünf Jahren mein Onkel Georgii ganz verächtlich und unwillig zu mir: – »Er war ein witziger Kopf und weiter nichts! Hat Karikaturen geschrieben.« – Puh! ich schüttle mich am ganzen Leibe. – –

Genug nun! Tu mir aber den Gefallen und lies den sehr guten biographischen Aufsatz »Lichtenberg« im Konversations- Lexikon, namentlich das charakteristische Urteil am Schlusse.

Nachmittag

Ich habe, solang ich das Bisherige schrieb, einigemale aufhören müssen, weil sich die Skorpionen in meinem Leib gar zu lustig machten. Jetzt ist mir wieder so leicht, daß ich nur auf und zu Dir hinüberfliegen möchte. Das wäre mir sehr zu gönnen, wenn auch nur wieder so'n Stündchen, wie das Letztemal. Ich sage Dir, ich habe nicht leicht von einem Zusammensein mit Dir einen so bestimmten und – daß ich so sage – runden Eindruck, wie vom 19. Januar. Es war dieses kurze Rendez-vous gleichsam ein Auszug von dem ganzen Inbegriff unseres Verhältnisses. Ich fühlte damals den Wert Deiner Gegenwart um so vollkommener, je stiller ich war und das volle Gefühl meines Glückes in Dir nahm unwillkürlich den Ausdruck einer unbekannten Wehmut an.

Sage der lieben Rike, heute nacht habe ich gar lebhaft von Schütte geträumt. Die Szene war der Georgiische Garten in Stuttgart – es schien, er durfte sich vor der Geliebten, die krank war, noch nicht so schnell produzieren, obwohl sie von seiner Ankunft unterrichtet war. Sie bewohnte eines der Zimmer, worin Du bei unserm letzten Aufenthalt in Stuttgart logiertest, gegen den Garten zu; er wußte aber das nicht und ich wußte ihn so zu führen und zu stellen, daß Sie Ihn vorläufig vom Fenster aus sehen konnte. Im Verfolg ging es bunt durcheinander; unter anderm kam der Herr Pfarrer von Plattenhardt und warf sich, ohne viel Komplimente zu machen, mit rasendem Schnaufen in eine Ecke des Kanapées im Gewächshaus, daß Georgii sich nicht wenig entsetzte. Es kam ein Händler mit schönen Farbenkästchen; ich wählte mir eins und der Schwager riet mir dabei. Übrigens schien er sehr abgespannt und glich auch keineswegs der Vorstellung, die ich wachend von ihm habe. –

Was die Gelassenheit betrifft, womit er in seinem neulichen Brief über seine nunmehrige Befreiung spricht, so finde ich das unbeschadet seiner Liebe sehr begreiflich. Ich kann mir denken, warum er nicht etwa laut jauchzend, sondern sogar mit einigem Zaudern auf die Schwelle der Freiheit trat. Es mußte ihm schwindeln, wie dem Schiffer, der nach einer langen gefahrvollen Fahrt das feste Land wieder betritt; schwindeln unter dem überraschend aufgezogenen Portal eines neuen Lebens, für das er sich und seine geistige Ökonomie völlig umschaffen soll. Warum trennen wir uns oft ungern und mit einem seltsamen Heimweh von einem Verband, der uns lange Zeit eine Wunde bedeckte? Übrigens beneide ich jeden Gefangenen um das Gefühl, das er bei seiner Loslassung haben muß und das jener angenehmen linkischen Unsicherheit nicht unähnlich sein kann, womit man beim Wiedererstehen von einem langwierigen Krankenlager die Außenwelt betritt, die Gegenstände anfaßt und dergleichen. Vielleicht ist aber meine Vorstellung hievon – wenigstens für Schuttes Fall – übertrieben. – Nun genug für diesmal. Ich hätte Dir schon früher geschrieben, hätt ich nicht von Tag zu Tag auf die Ankunft eines (nach Augsburg gelehnten) Buches gewartet, das ich Dir senden wollte. Es folgt nun um so gewisser das nächstemal.

Auch dem lieben Denk kann ich den Briefwechsel von Goethe und Schiller erst schicken, wenn es endlich dem Herrn Amtmann in Scheer gefällig sein wird.

Grüße indessen Alles aufs Innigste und fühle im Geist die beiden Arme, die mit Dir das Teuerste umschließen, was ich wachend oder träumend, krank oder gesund, im Leid oder in Freuden denken mag. Schreibe bald! balde bald!

Ohne Aufhören ganz
Dein Eduard

P.S. Es freut mich jedesmal, wenn Du in Deinen Briefen Stunde und Ort bemerkst, wann und wo Du schreibst. Bleibe fein bei dieser lieblichen Gewohnheit. A propos: wie gefällt Dir die kleine Kinderschrift von Barth?

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