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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 4. Januar 1830 (Isabella)

Guten Morgen, liebste Seele!

Es liegt für mich etwas Angenehmes darin, die erste Morgenstunde des Tages Dir zu widmen, eh ich noch ein Wort mit andern gesprochen, und solange das Innere, noch unbewegt von der Außenwelt, rein und glatt wie ein Spiegel liegt. Du kennst doch jene stille Frühstimmung des Herzens, wo man sich bewegt fühlt, man weiß nicht, von was, aufgelegt zu jeder guten Tat; es fehlte wenig, und man würde in die seligsten Tränen ausbrechen. Es ist (wie das Sprichwort in anderer Beziehung sagt), als wäre ein Engel durchs Zimmer gegangen; die Seele fängt gleichsam von sich selber zu tönen an, wie jene Harfen, auf denen die Luft spielt. O Liebste! das hast Du hundertmal empfunden, gewiß; weißt Du, an jenen goldigen Sommermorgen, wenn Du, die Erste im Haus, schon bei der reinlichen Arbeit am Fenster saßest? Eine so milde Sehnsucht zieht mich jetzt zu Dir, mein ganzes Wesen hat nur eine stete Richtung, und ich fühle mich jetzt seit vier Tagen wieder zum erstenmal Dir und mir ganz gegeben; denn seit ich in Nürtingen gewesen, ohne Dich sehen zu können, war ich wie in zwei Teile gespalten, ich fehlte mir überall. Am Donnerstag, wie ich hier angekommen war, auf mein einsames Zimmer trat, Hut und Stock ablegte, fuhrs mit Einmal in mich hinein wie das Bewußtsein eines unwiederbringlichen Verlusts; wahrlich, mein Herz wimmerte in mir wie ein Kind und klagte mich bitterlich an, und doch wüßt ich mich ohne Vorwurf; fast hätt ich aber mit ihm geweint. Nun ist Alles wieder gut; ich denke, wir küssen uns bald anders als blos auf dem Papier. Dein letzter Brief (der in der Christtagsschachtel lag) glühte mir in der Hand, und ich weiß nicht, war es seine oder meine Glut. Mein Schreiben vom 28. Dezember wirst Du indessen erhalten haben. Ich schickte gestern einen Expressen nach Nürtingen, teils im lebhaftesten Verlangen nach Nachricht über das Befinden meiner Mutter, teils in anderer Absicht, und da erhielt ich außer den tröstlichen Versicherungen hinsichtlich des erstem auch die Mitteilung Deines Briefchens vom 1. Januar an meine gute Mutter. Diese schreibt: »Noch auf einem besonderen Blatte drücke ich Dir meine unendliche Freude über Luisens kindlichen Brief aus. Gott erhalte das Band der Liebe, das für mich eine reiche Quelle der Freude ist! Ich hätte sie nur an mein Herz drücken mögen. Sie wird Dir mit ihrer Liebe unendlich viel sein.« – Hörst Du? Aber das wissen wir beide schon längst. –

Gestern machte ich die Bekanntschaft eines Mannes, die unter die merkwürdigsten meines Lebens gehört. Vielleicht schätz ich sie auch deswegen so hoch, weil sie mir in meinem gegenwärtigen saftlosen Umgang so erquickend wie eine Oase in den Sandsteppen begegnete. Der Pfarrer Klett von Dettingen kam (mit der Braut seines Stiefsohns und einem eigenen Mädchen) im Schlitten auf Besuch. Noch eh ich seinen Namen wußte, trafen wir bei den ersten Worten in einer Bemerkung zusammen, die mich einen überraschenden Blick in das tiefere Leben eines Mannes werfen ließ, dessen gesellschaftliche Heiterkeit anfangs nicht dergleichen verspricht. Es ist einer von den seltenen Geistern, die durch eine lange Erfahrung der vielseitigsten Art endlich ganz mit sich selber fertig, mit dem Leben im Reinen sind, und zu der Virtuosität gelangten, Sachen des Enthusiasmus und Dinge des gewöhnlichsten Interesses gleich harmonisch aufzunehmen, mit gleicher Kenntnis und immer heiterer Klarheit gleich liebevoll zu behandeln. Kurz, ein Mann, dessen hohe Überlegenheit unser einer deutlich empfindet, ohne sie übel zu empfinden. Das setzt aber viel Humanität und große Liebenswürdigkeit voraus. (Hoffentlich legst Du mir diese Anmerkung nicht fälschlich für Stolz aus, ich glaube, es liegt eher das Gegenteil darin.) Soll ich Dir, was Schärfe, Universalität, anmutige Gewandtheit und Biegsamkeit des Geistes betrifft, einen Vergleich nennen, so wüßt' ich nur Eine Person, die hier – wiewohl mit einem himmelweiten Unterschied in anderer Hinsicht – allenfalls in Betracht kommen könnte. Der verstorbene Prälat Bengel, von dessen gravitätischem Wesen und klugem Hinterm-Berghalten aber hier ganz abzusehen ist. Klett hat einen untersetzten Körper, eine etwas scharf vorwärtsspringende Nase, edle feingewölbte Stirn und den muntersten Mund; sein blaugraues, nicht sehr großes Auge hat etwas Helles, Lauschendes, das in der lebhaften Unterhaltung wie Nadelspitzen wirft. Er ist Kenner und Liebhaber der Musik in hohem Grade, aber ohne Rumor davon zu machen; der Erfinder einer neuen Methode hierin für Kinder und überhaupt berühmt als Pädagoge.

Ich will Dir einen Begriff von seinem Gespräch geben. Man sprach über Napoleon, und wie mirs nun geht, wenn andere als über den ausgemachtesten, verächtlichsten Schurken über ihn herfallen, so nahm ich mit einiger Wärme und zuletzt mit Heftigkeit das Wort für ihn, wobei ich zwar mitunter mein Unrecht selber fühlte, auch, daß ich mit meinen Argumenten mehr nur auf poetischem Glutboden agierte – aber mich empörte das kecke Urteil über einen großen Mann, dessen Genius die hölzerne Vogelscheuche der Moral nicht verträgt, dessen Taten nur ein Gott mit seinem Stern zusammenhalten kann. Wir müssen das stehen lassen und den Finger auf die Lippe legen und ich sage höchstens, sein Verbrechen war nicht größter als das von manchem Menschen, das wir verzeihlich finden weil es kleinere Wirkungen hatte, die aber nicht in dem Willen des Menschen begrenzt waren usw. In diesem Sinn fuhr ich fort. – »Herr Amtmann!« (Dieser nahm meine Partie) – rief der Pfarrer – »ich frage Sie nur das Eine – war einer, der kein ehrlicher Mann zu nennen ist, würdig, Europa zu beherrschen?« A ntwort: »er hatte die Ehrlichkeit eines Politikers, der sich überredete, daß er es mit einer unmündigen Welt zu tun habe.« Pfarrer zu mir lachend – Ihnen gefällt der Kerl, nicht wahr, weil er einen guten Stoff zu einer Epopöe abgäbe? Ich: »Um Verzeihung! nicht deswegen, sondern weil mich beim Gedanken an Ihn ein unwiderstehliches Gefühl des Tragischen übermannt. Ich respektiere das Schicksal in Ihm, das ihn im Sturme fortriß und zuletzt opferte, dem er dienen mußte, während er sich seinen Herrscher glaubte.« Pfarrer (lächelnd): »Ich sage nur mit dem Evangelium: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Was trug er für Früchte?« – Ich: »Er wirkte nicht direkt das Gute, aber es muß zu finden sein, so gewiß als die wohltätigen Spuren in jeder Revolution der Natur. Fragen Sie, ob er mehr seinen Ruhm oder den Vorteil der Völker kultivieren wollte. Er wollte die Blume des Ruhms, aber die Frucht sollte der Welt bleiben, und zwar die positive, handgreifliche Frucht. Was sind Julius Cäsars Edeltaten? und doch, wenn Sie an ihn denken, sehn Sie und freuen sich über die Lorbeern auf seiner Stirn und sie blühen noch.« Pfarrer: »Das muß Kirschlorbeer sein. Hören Sie, wenn ich mich vom Shakespeare an das Monument Cäsars führen lasse, so ist das was anderes, als wenn ich die Geschichte lese.« Ich: »Warum ? Die Geschichte fällt kein Urteil; – Sie mögen Ihr: vide Schiller ausrufen oder nicht. Auch Shakespeare fällt keines über seinen Helden und wenn wir die schöne Gestalt der Muse sich über das Grab schweigend in Tränen hinbeugend sehen, so fragen wir so eigentlich nicht warum? sondern wir weinen aus einem dunkeln Gefühl des Großen, was hier starb, wohl mit. Das ist der Silberblick unserer Menschlichkeit, was der Dichter in uns enthüllt und das muß man von der gewöhnlichen Empfindung nicht trennen wollen, vielmehr sollten wir immer auf dieser Höhe schweben. Pfarrer: Mein Freund! (er hob mit diesen Worten ganz sachte den rot- und weißgewirkten Tischteppich etwas auf und ließ die Rückseite sehen:) Schaun Sie, wie da vorn alles so harmonisch und lieblich läßt – und hinten, wie kraus und wüste, wie viele abgerissene Fäden hier der Weber fallen lassen mußte! Nun! so mein's ichs. – Mein Gott (setzte er feurig hinzu), »wenn man den Wein besingt, so läßt man ihn im Kristall spielen und preist seine Reize – sagt aber nicht, wie im Hintergrund ein Niederländer speit«. Das Treffende dieser Beispiele entzückte mich. Überhaupt hatte er Recht ohne alle Frage, und im Stillen bestritt ich mich selber. Wie kommts aber, daß ich bei der nächsten Veranlassung gewiß wieder ärgerlich über jene Art zu urteilen werden werde? Ich glaube, gerade in diesem Ärger liegt wenigstens etwas, das auch Freund Denk (an den ich inzwischen auch dachte) mit mir teilen sollte, wenn gleich Herr Hofrat von Rotteck– –.

Ferner: man kam nun ganz folgerecht auf die Poeten. Hier waren Herr Pfarrer und ich ganz kordial. Ich könnte Dir manche feine Bemerkung von ihm hersetzen, aber ich fürchte, Du habest schon zuviel. Eins mußt Du doch hören, es paßt ganz in Deinen Ideenkreis: »Ich mag«, sagte Herr Klett, »den Ossian doch nicht völlig zum Lieblingsdichter. Ein Geschichtchen daraus und seine rührenden Schlußworte führ ich aber jederzeit gerne an, besonders, wenn etwas Schiefes begegnet. Es ist da von einem Jüngling die Rede, der sich im Schiff über die See zu seiner Geliebten fahren wollte. Halb träumend gleitete er über die Wellen, war in Gedanken schon bei ihr, da merkte er, daß ihm ein entgegengesetzter Wind eine falsche Richtung zu geben drohte. Angestrengter und immer ängstlicher ruderte er seitwärts. Vergebens! Der Nord trieb ihn unaufhaltsam der Küste seiner Feinde zu. Der Westwind, der ihm günstig gewesen wäre, kam nicht. Das Schiff stieß an dem gefürchteten Lande auf – der Arme fiel in die Hände seiner triumphierenden Mörder. Damit endigt die Erzählung und nun folgen nur noch, wie der Hauch eines Seufzers, die Worte nach: O ihr westlichen Winde! wo seid ihr geblieben. Man fühlt es, diese Klage kommt gleichsam von der Braut herüber. Gibt es aber eine erhabenere Naivität?« Genug jetzt! Ich kehre nun zu meiner Luise zurück. Der Brief wird lang, ohne daß ich bis jetzt erreichte, was ich eigentlich jedesmal will, nämlich: Dir recht recht nahe kommen! Dich ganz in mich hineinschauen lassen. Der Brief und meine Liebe sollten ineinander aufgehen. Aber da gehts mir wie Dir, wenn du klagst, daß Du Dir hierin nie ein volles Genüge tun könnest. Und doch, wenn Du wüßtest, wie lebendig Deine Worte zu mir sprechen! wie sie mir das oft tausendmal besser auszudrücken scheinen, was ich Dir sagen möchte, Du würdest Deine Sprache nicht anklagen. O sie ist so wahr, so einfach, so lieb und innig! Laß mich sie immer so vernehmen. Ich trinke begierig jedes Wort in mich.

Fortgefahren abends nach dem Essen

Höre – eben fällt mir bei, Du oder die liebe Mutter könnten aus meinen gelegentlichen Klagen über Mangel an Umgang auf Unzufriedenheit mit meiner Lage überhaupt schließen. Gott behüte, das wäre der höchste Undank. Nein, den guten Pfarrleuten laß ich nichts geschehen. Solltest nur sehen, wie gemütlich und freundlich er gegen mich ist. Auch nach Dir, das heißt »nach der lieben Jungfer Braut« erkundigt er sich oft und bringt mich zuweilen in Verlegenheit mit sehr ernsten Ehstandsregeln, die er sich aus seiner Erfahrung mit drei Frauen abstrahierte. Neulich rührte er mich recht. Ich kam am Neujahrsmorgen zum Frühstück herunter, da rief er mir entgegen: (halb wehmütig) »Sagen Sie nur! was mir die Nacht träumte! Ich sah mich im Chorrock tot im Sarge liegen.« – Ei, sagt ich, so haben wir nach der Traumtheorie Hoffnung, Sie noch ungewöhnlich lang am Leben zu sehn. (Übrigens war der Traum natürlich; wir hatten abends vorher aus Veranlassung eines Enkels, der ihm starb, und dem ich die Rede hielt, viel vom Tode gesprochen.) Lassen Sies immerhin sein! – sagte er, indem er mir mit der ungekünstelten Freundlichkeit in die Augen blickte – Ich bin auf Alles gefaßt. Diesen Abend nach dem Nachtessen mußte mir die Stadtpfarrerin auf meine Bitte ihren alten Schmuck zeigen, und ich hatte meine große Freude, die goldenen soliden Schnörkel alle recht ausführlich zu betrachten.

Was tust Du wohl in diesem Augenblick? Es ist neun Uhr. Ist die liebe Rike zurück von Tübingen? Wie ist ihre und der lieben Mutter Stimmung? Danke doch dieser noch einmal aufs zärtlichste für ihr schönes Geschenk in meinem Namen. Es wird machen, daß ich mich mit der schwarzen Farbe mehr und mehr aussöhne (unter der schwarzen Farbe versteh ich den Kirchenrock – in der Tat, wir sind schon jetzt auf dem Punkt, die besten Freund zu werden). Grüße Alles, besonders auch die lieben Denkischen.

Leb wohl, teuerstes Herz! In der Woche vom 10. an hab ich Dich in meinen Armen, Euch Alle!

Schlaf wohl, mein Kind, und träume von mir!

Ewig
Dein Eduard

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