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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 90
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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890

[Sonntag 16. Juni]

Zum schönen Morgen auch ein zierlich Blat. Ich war heute früh auf und mein erster und liebster Gedancke war daß du Morgen so erwachen würdest. Zum Dejeuné mag die H[erzoginn] ia vor sieben kommen, um achte ist die gröste Schönheit vorbey. Adieu ich überlasse dich dem Priester für heute früh, gewiss daß du auch unter dem Gebet meiner gedencken wirst. Ich bleibe zu Hause sag mir was du diesen Abend vorhast und wie und wann du einziehen willst.

d. 16. Jun. 82.

G.

891

[Sonntag 16. Juni]

Lang gehofft kommt auch. Es war mir heute ein rechter Ruhe Tag wie ich lange keinen genossen. Mit der Zeichnung ists wie immer, wie mit Rousseaus Musick. Wenn du wolltest bey meinem Garten vorbeyfahren, um halb 7 hielte ich mich in Bereitschafft. Adieu Beste. du Ziel meiner Arbeit und meiner Ruhe.

d. 16. Jun. 82.

G.

892

[Montag 17. Juni]

Laß mich eine Zeile von deiner Hand sehen sag mir wie du geschlafen hast, sag mir was ich so gerne höre und was mich allein beruhigen und glücklich machen kann.

d. 17. Jun. 82.

G.

893

[Montag 17. Juni]

Ich war nicht ohne Sorge ob du nicht etwa durch einen Zufall erschröckt werden könntest. Wie freu ich mich deiner unter meinem Dache. Wie danck ich dir daß du dir den Ruheplatz zueignen, und so mir doppelt zum meinigen machen wollen.

Möge ein kühles Lüftgen euch lange einen angenehmen Aufenthalt gönnen. Empfiehl mich der Herzoginn.

Still und fleisig will ich diesen Morgen zubringen, und meine Sehnsucht dich zu sehen mit der Hoffnung einwiegen, die mich dich wieder am Ende des Tags als die schönste Aussicht erblicken lässt.

d. 17. Jun. 82.

G.

894

[Mittwoch 19. Juni]

Am Himmel ist kein Wölckgen auch nicht in meiner Seele, droben regiert die Sonne hierunten deine Liebe. Sage mir wie du den Tag zubringst und schicke mir meine gedruckten Schrifften ich habe einen wunderlichen Einfall und will sehn ob ich ihn ausführe.

d. 19. Jun. 82.

G.

895

[Freitag 21. Juni]

Meiner liebsten den besten Morgengrus. Gestern Abend log mir meine Uhr zu balde zehn, sonst wäre ich noch zu dir gekommen. Meine ersten Capitel von Wilh[elm] M[eister] sind nun bald in der Ordnung und dann hoff ich soll die Lust kommen fortzufahren. Unsre Probe lief gestern ganz leidlich ab. Sag mir etwas freundliches, und wo du heute bist? Ich bin geschäfftig, still und vergnügt und lebe in dir.

d. 21. Jun. 82.

G.

896

[Sonntag 23. Juni]

Einen guten obgleich späten Morgen. Ich habe schon wieder angefangen an Wilhelm zu schreiben, nachdem ich lange geschlafen hatte. Es sollen nicht zwey Tage einander gleich seyn. Bey Hofe habe ich mich diesen Mittag entschuldigen lassen, ich kann mich nicht von meinen Büschen trennen als zu dir. Mache immer deine Besuche. Und wenn du diesen Abend nicht nach Hofe gebeten wirst: so sind wir zusammen. Sag mir es noch du immer gleich Geliebte.

d. 23. Jun. 82.

G.

897

[Montag 24. Juni]

Heute abends eh ich mich in die Geheimniße vertiefe bring ich dir meine Schlüssel selbst. Dancke für das Buch und bin eben über meinem geliebten dramatischen Ebenbilde. Lebe wohl, liebe mich und laß diesen immer währenden Sonnenschein unsre Freude bleiben, und ein immer schönes Clima um uns schaffen.

Am Joh. Tage 82.

G.

898

[Donnerstag 27. Juni]

Hier schick ich durch einen freundlichen Boten einen schönen Grus. Der Erde wird heute wohl ihr Wunsch gewährt daß der Regen sie erquickt, und mir der meinige daß ich dich sehe. Leb wohl. ich bin an Wilhelm.

d. 27. Jun. 82.

G.

899

[Sonnabend 29. Juni]

Eh ich weiter meinen Tag hinauf gehe muß ich wissen wie du geschlafen hast, wie du dich befindest. Heute Abend seh ich dich. Mit iedem Tage wird bey mir das alte neu, und das vergängliche scheint die Unvergänglichkeit angezogen zu haben.

d. 29. Jun. 82.

G.

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