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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 88
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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870

[Meiningen, Freitag 10. und Sonnabend 11. Mai]

Meinungen d. 10. May 82.

Ein schöner und glücklicher Tag! Ich ritt um 7 von Gotha nach dem Gebürg. in Friedrichrode fing mich der Bergrath Baum auf, ich mußte zu Tisch bleiben, und kroch mit ihm vorher in den Eingeweiden der Erde herum, und that mir was rechts zu gute. Er ist eine glückliche Art Menschen, hat mit der Krumhälser Arbeit angefangen, |: wenn du das Wort nicht kennst lass dir's vom Herzog erklären, der weis es sehr gut :| und ist nun das fac totum in einem zwar kleinen aber doch sehr manigfaltigen Kreise, wo einer vielerley wissen, vielerley thun und ein Geschick haben muß sich in allerley Menschen und Umstände zu richten. Er versicherte es ginge nichts über das Vergnügen ein Bergmann zu seyn, und wenn er auch die Gaben hätte und er könnte Minister seyn, würde er es ausschlagen, meynte er, und ich glaub es gerne. |: besonders wenn er recht wüsste was das hiese Minister seyn :|

Auch muß ich dir mein Glück wieder preisen, ich hatte den ganzen Tag das schönste Wetter und wie ich vom Pferde steige fängts an zu regnen. Du hast mich wohl heute besonders lieb.

Um ein weniges grüner find ich hier die Bäume als bey uns.

Gute Nacht beste ich sage dir nicht wie du in ieden Meiner Gedancken verwebt bist, du weisst es.

d. 11ten. Die Post geht ab und ich habe nicht Zeit etwas hinzuzufügen. Sonnabend vor Pfingsten geh ich durch Kochberg es liegt mir wenig ausser dem Weeg. O wenn ich dich da fände. Vielleicht komm ich auch einen Tag früher vielleicht einen später durch. Liebste wenns möglich ist so sey da. Tausendmal Adieu.

G..

871

[Meiningen, Sonntag 12. bis Coburg, Mittwoch 15. Mai]

Meiningen d. 12. May 82.

Meine Sachen gehen ordentlich und gut, es ist freylich nichts wichtiges noch schweeres, indessen da ich, wie du weisst, alles als Übung behandle; so hat auch dies Reiz genug für mich. Ich habe als Gesandter eine förmliche Audienz bey beyden Herzogen gehabt, die Livree auf dem Saal, der Hof im Vorzimmer, an den Thürflügeln zwey Pagen und die gnädigsten Herrn im Audienz Gemach, Morgen geh ich nach Coburg dieselbe Comödie zu spielen, will in Hildburghausen mich auch an Hof stellen, und gegen Ende der Woche nach Rudolstadt gehn da ich einmal auf dem Weege bin und hiermit alle Thüringische Höfe absolviren. Von Rudolstadt schick ich einen Boten auf Kochberg zu hören ob du da bist.

Da ich einmal im Gewinnst sitze; so fällt mir alles zu, da ich aufmercksam bin des Glücks zu gebrauchen; so vermehrt sich's täglich, und ich verschleudre nichts. Wäre das was ich gewinne Geld; so wollt ich bald eine Million beysammen haben. Verschiedne sind auf verschiednes in der Welt angewiesen. Goldreich werd ich nie, desto reicher an Vertrauen gutem Nahmen und Einfluss auf die Gemüther.

Und was ich erlange bring ich zu deinen Füssen. Es ist gewiss meine Liebste, meine Sinne gehören dir so zu eigen, daß nichts bey mir ein kann ohne dir Zoll und Akzise zu bezahlen.

Du hast in meinen Augen und meinen Ohren kleine Geister angestellt, die von allem was ich sehe und höre den Tribut der Verehrung für dich fodern.

Ich wohne gegen der Kirche über, das ist eine schröckliche Situation für einen der weder auf diesem noch auf ienem Berge betet, noch vorgeschriebne Stunden hat Gott zu ehren. Sie läuten schon seit früh um viere und orgeln daß ich aufhören muß denn ich kann keinen Gedancken zusammenbringen. Adieu liebe liebe Lotte.

Coburg d. 13. May 82 Abends.

So weit wäre mein Feldzug vorgerückt und ganz glücklich und püncktlich. Wenn der Kopf weis was er will und das Herz nicht nötig hat ausheimisch zu seyn daß es ihm wohl werde so gehts ia wohl. Das danck ich dir Liebste alle Tag daß ich dein geworden bin und daß du mich aufs rechte gebracht hast. Ich verlange nicht mehr von den Menschen als sie geben können, und dringe ihnen wenigstens nicht mehr auf als sie haben wollen, wenn ich ihnen gleich nicht alles geben kann was sie gerne mögten.

In Meiningen hat man mich auf das aller artigste behandelt, es ist ohnmöglich, mehr Attention Freundschafft und Gefälligkeit zu haben. Ich trete demohngeachtet sehr leise auf und nehme nichts an als was sie mir, iedes einzeln und alle zusammen gewiß nicht zurücknehmen. Die Seele aber wird immer tiefer in sich selbst zurückgeführt iemehr man die Menschen nach ihrer und nicht nach seiner Art behandelt, man verhält sich zu ihnen wie der Musikus zum Instrument, und ich könnte es nicht Acht Tage treiben wenn mein Geist nicht in der glückseeligen Gemeinschafft mit dem deinigen lebte.

Dürckheim ist noch gar nicht wohl. Die famose Kranckheit überfällt auch unversehens in diesen Gegenden viele Menschen. Wenn ich nur hören könnte daß du wohl bist. In M[einingen] hat mich kein Brief getroffen, ich habe deswegen Bibra Commission gegeben.

Heut Mittage hab ich in Hildburghausen bey dem Alten gegessen. Er war sehr munter und freundlich, gab mir Audienz im Bette, und war nachher gleich angekleidet zu Tafel.

Coburg d. 14. früh.

Eben erhalte ich deinen lieben Brief vom 9ten und 10ten, du hast mir damit eine unbeschreibliche Freude gemacht. Ich wünschte recht sehnlich von dir etwas zu sehen als er ankam.

Nun rücke ich nicht weiter, und übermorgen näher zu dir. Ich lasse mich nirgends halten und gehe zur gesetzten Stunde weg. Es ist gar artig eine Reihe Phisiognomien von Städten und Höfen zu sehn, ieder Hof hat einen dezidirten eignen Charackter der sich von oben herein bildet. Ich verspreche dir eine Reihe Schilderungen die dir gefallen sollen.

Coburg d. 15ten früh.

Nun wäre ich auch hier so weit fertig, will mich heute nach Gegenden und Menschen umsehen und Morgen in die Gebürge reiten.

Gestern war es ein schöner Anblick als ich mit der Herrschafft ausfuhr auf einmal die ganze Gegend grün zu sehen. Es hatte in Einer Nacht sehr starck getrieben. Es fehlt nichts als daß du nicht da bist, die Landschafft ist auserordentlich schön.

Heute früh werde ich auf die Feste fahren, es ist auch ein schöner Morgen. Ihr werdet auch solches Wetter haben, und ich hoffe du besuchst meinen Garten.

Lebe wohl liebste Lotte. Dieser Brief sucht dich in Kochberg auf. Findet er dich nicht so geht er traurig auf Weimar. Bist du in Kochberg so komm ich Sonnabend Abend hin. Wärst du nicht da so gehe ich über Jena. Adieu vielgeliebte. Wer dich gefunden hat weis warum er in der Welt ist.

Den 15ten Nach Mittags.

Die Aussicht von der Vestung ist sehr schön und ich habe einen angenehmen Morgen gehabt, es wird mit Gewalt grün, und des armen Menschen Freude, wenn wieder einmal etwas iung wird, ist gar gros, weil er doch selbst immer altert.

Heute fahren wir noch auf eine Marmel Mühle von Thümmeln, was das sey erfährst du weitläufig wenn ich komme.

Adieu, ich muss schliesen. Morgen frühe geh ich von hier weg.

G.

872

Man laufft man drängt man reisst mich mit!
Was hat das zu bedeuten?
Sechs Pferde mit gemessnem Schritt
Erblick ich schon von weiten,
Ein Dichter der so manches litt,
Fährt her begafft von Leuten,
Steigt aus und kommt mit stolzem Tritt
Begrüst von allen Seiten.
Doch kommt ein Wurm im Herzen mit
Und lässt ihn vieles leiden.
Er muß bey stolzem Tritt und Schritt
Ein armes Volck beneiden.
O Pegase! o nimm ihn mit
In der Begeistrung Weiten;
er giebt gewiß für Einen Ritt
Das Sechs Gespann mit Freuden.

873

[Weimar, etwa 20. Mai]

Ich hatte heute schon einen sehr schönen Anfang mit Fritzen gemacht. Er ist den ganzen Tag bey mir und fleisig munter und gut. Ich hoffte diesen Abend bey dir zu seyn und kann der Hoffnung nicht entsagen. Gegen fünfe will ich durch den Hof gehen und laut reden. Wenn du mich sehn magst so komm ans Fenster. Sey ruhig es wird sich geben. Thue nur vorerst das Kind drüben weg und laß ihn hüben schlafen wenn Ernst weg ist, denn es schickt sich auf alle Fälle nicht länger. Dann wollen wir es einzuleiten suchen, und ich will ihm alles seyn was ich kann. Beruhige dich. Lebe wohl und fürchte nicht. Ich bin immer dein und der deinigen.

G.

874

[Sonnabend 25. Mai]

Willst du l. Lotte mir heute ein wenig Essen machen lassen meine Leute sind über und über beschäfftigt. Ich lasse es gegen 1 Uhr holen. Denn ich will zu hause bleiben, und alte Sünden aufräumen. Adieu Ich sehe dich gegen Abend und wir schreiben weiter. Wie hast du geschlafen.

d. 25. May 82.

G.

875

[Sonnabend 25. Mai]

Es war mir gar nicht gemüthlich dich heute zu verliehren, und so hab ich mich deines Fritzens bemächtigt und habe ihn überall herum geführt. Erst in's neue Quartier, dann zu der Schröter die Kranck ist. Darauf sind wir in den Garten gegangen und Fritz bleibt bey mir.

Wir waren in seinem Gärtgen und seine Bohnen interessiren mich mehr als meine Bäume. Ich dancke Gott der mir den Sinn gegeben hat ihm seine Aqueducs nicht zu verderben, sondern sie zu ehren.

Gute Nacht ich liebe dich in ihm und in allem.

d. 25. May 82.

G.

876

[Sonntag 26. Mai]

Danke für den frühen Morgen Grus, durchs rauhe Wetter. Hier ein Zettelgen von Fritz der mir ein vergnügter Anblick diesen Morgen war, gestern Abend haben wir noch im Linné von den Fischen gelesen und zwar im Bette.

Diesen Morgen will ich bey mir bleiben, gegen ein Uhr komm ich mit dir zu essen, ich habe bey Hofe mich entschuldigen lassen, und ich will gerne Mittags und Abends was du willst. wenn wir bey deiner Schwägerinn lesen könnten wäre es sehr gut. Adieu ich binn dir ganz ergeben. Hier eine Innschrifft:

                        Der Nachtigall

Dich hat Amor gewiß o Sängerinn fütternd erzogen
    Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost
Damals saugtest du schlürpfend den Gifft in die liebliche Kehle
    Denn wie Cypriens Sohn trifft Philomele das Herz.

den 26. May 82.

G.

877

[Ende Mai]

Liebste Lotte ich war schon dich zu suchen bey dir, und finde nun erst dein Billet.

Ich komme gegen sechse, wenn wir Zeit finden zu schreiben, so wird mir es sehr lieb seyn. Viel Vieles hab ich dir zu erzählen. Adieu. Du weißt was ich sage und sagen will.

G.

878

Ich bin so fleisig an der Landschaft die heute noch gerne ferdig machen möchte das ich Ihnen durch meinen Geheimen Secretair schreiben, und mich nach Ihren Wohlseyn erkundigen muß Fritz wird bei mir bleiben und diesen Abend komme ich Sie zu besuchen. Haben Sie doch die Güte mir einen von denen Ramen zu schicken worin die Mondscheine hängen über Ihren Schreibtisch. Leben Sie wohl und denken an Ihre abwesende Freunde.

879

Ich muß zu Hause bleiben um heute mit Fritzen alles in Ordnung zu bringen, sonst wäre ich schon bey dir. Wolltest du heute Abend mit einer kleinen Gesellschafft Thee bey mir trincken so sage wen wir nehmen wollen, und Lottgen käme alsdann und besuchte die ihrigen. Schicke mir doch das gestrige Conzept von Fritzen.

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