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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 85
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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840

[Weimar, Dienstag 19. März?]

An des Herzogs Schreibtisch.

Schon lange paß ich auf ob mir nicht ein Licht aus deinem Fenster erscheinen wollte. Ich muß nun ohne dich zu grüsen in die finstern Nächte hinunter gehn. Adieu. Ich nehme dein liebes Bild mit und freue mich des nächsten Tags der dich mir wiedergeben wird.

G.

841

[Mittwoch 20. März]

Das Wetter ist so wenig einladend und die Welt auch nicht, und ich soll wieder aus deiner Nachbarschafft. O wenn ich dich nur noch einen Augenblick sehen und dir ein Abschieds Wort sagen könnte mein Herz rastet nicht dich zu lieben, ich komme nicht weg von dir. Werde nicht müd immer dasselbe zu hören. Mein Egmont ist die einzige frohe Aussicht auf die Acht Tage das einzige was ich zwischen mein Verlangen zu dir einschieben kann daß es mir nicht schmerzlich wird. Adieu Grüse den Herzog und danck ihm. Dir kann ich nicht dancken als mit meinem ganzen selbst. Hier sind Briefe die dir gefallen werden. Wie hoff ich in Alstädt ein Wort von dir an zu treffen. Sey fein fleisig am Apollo, so bald ich wiederkomme bestell ich dir den Gitterrahm. Adieu. Der Wagen hält und ich stehe so ungern von dieser Schrifft auf. Tausendmal Adieu.

d. 20. März 82.

G.

842

[Buttstädt, Mittwoch 20. März]

Der zurückfahrende Kutscher bringt dir dies Blättgen. Könnt ich in der Eile ein Monogramm erfinden das dir alles sagte, was ich dir seit gestern Abend von Gedancken zugeschickt habe. Ich weis kein bessers als daß ich den Nahmen hersetze des der ganz dein ist.

Goethe.

843

[Mittwoch 20. und Donnerstag 21. März]

Buttstädt d. 20. März.

Mein Verlangen zu dir meine Geliebte läßt mich dir fast nicht schreiben, wenn ich ihm folgte, so setzte ich mich auf und ritte hinein, denn der Zeit nach wär ich doch Morgen zur rechten Stunde wo ich seyn soll. Wäre es lieblich Wetter so geschäh es auch, nun hält mich der Sturm, und der entsetzliche Weeg von dir ab.

Beym Mittagsessen erzählten die Stadtvögte, und besonders Castrop, alte Geschichten wie sie sich im Kriege aus allerley Verlegenheit geholfen. Es ist mir auch im Kleinen interessant zu sehen wie der Mensch sich wendet und dreht und sein Geschick gelten macht.

Die Unstrut ist ausgetreten, ich werde umreiten müssen, und Morgen Nacht wohl in Kalbsrieth beym würdigen Curius schlafen der auch Rüben brädt, aber nicht in der Asche.

Nun will ich mich hinsezen und einen alten Geschichtschreiber durchlesen damit Egmont endlich lebendig werde, ober auch wenn du willst daß er zu Grabe komme. Heute früh hab ich auch an Wilhelm Meistern gedacht gebe der Himmel daß Garvens Weissagung eintreffe, denn wenn nichts zu thun ist hab ich nichts was ich zwischen mein Verlangen zu dir legen kan als die liebe Kunst die auch mir armen in der bösen Zeit beysteht.

>Abends.

Ich habe gelesen, ausgezogen und geschrieben. Den ersten Tag daß ich von dir weg bin will es nie recht gehn, mich reisst iedes Fäsergen meines Wesens zu dir. Heute war mir's fast unerträglich daß ich dich erst in acht Tagen wieder sehen sollte. Was für wunderbare, ich mag wohl sagen thörige Bewegungen in mir vorgehen darf ich dir nicht erzählen.

Zum Egmont habe ich Hoffnung, doch wirds langsamer gehn als ich dachte. Es ist ein wunderbaares Stück. Wenn ich's noch zu schreiben hätte schrieb ich es anders, und vielleicht gar nicht. Da es nun aber da steht so mag es stehen, ich will nur das allzuaufgeknöpfte, Studentenhaffte der Manier zu tilgen suchen, das der Würde des Gegenstands widerspricht.

Diesen Brief erhälst du durch einen Boten der Morgen frühe weg soll.

O du beste! Ich habe mein ganzes Leben einen idealischen Wunsch gehabt wie ich geliebt seyn mögte, und habe die Erfüllung immer im Traume des Wahns vergebens gesucht, nun da mir die Welt täglich klärer wird, find ichs endlich in dir auf eine Weise daß ich's nie verlieren kann. Lebe tausendmal wohl.

G.

d 21ten früh

Noch einen guten Morgen eh ich Buttstädt verlasse. Heut Abend werd ich in Kalbsrieth seyn. Morgen find ich einen Brief von dir das ist mein sehnlichster Wunsch. Wenn ich von dir weg bin werd ich nicht eh beruhigt bis ich wieder ein Paar Zeilen von dir sehe.

Was macht dein Hals? wie befindest du dich. Lebe wohl. Von Alstädt schick ich dir den Mieting wenn Gelegenheit ist ich lasse dir ihn abschreiben. Der Tag ist heute besser als gestern doch wird immer etwas zu leiden seyn. Leb wohl du liebste Aussicht meines Ganzen Lebens. Leb wohl du einzige in die ich nichts zu legen brauche um alles in dir zu finden.

G.

844

Kalbsrieth, d. 22. März 1782.

Gestern kam ich schon zeitig hierher, und hörte mit grosem Vergnügen daß die S[eckendorf] und Caroline kommen würden. Ich wusste daß der Präsident auf dem Weege war, und zwischen Vater und Sohn, gegen die mein innerstes zugeschlossen ist, dachte ich mir ein Paar betrübte Tage. Solange als die kleinen Gäste erwartet wurden hatte ich nicht den Verstand zu hoffen daß meine Liebste mir mit dieser Gelegenheit schreiben würde, so fest hatte ich mir in den Kopf gesetzt daß ich durch Reviglio in Alstädt einen Brief haben sollte. Wie fröhlich war ich als mir Carlingen ein Papier gab, ich danckte deiner Sorgfalt tausendmal, und alle Besorgnisse waren mir verschwunden, als ich wieder von deiner Hand die Versichrung deiner Liebe las. Wir waren munter und vergnügt. Ich erzählte ihnen ein Mährgen, worüber viel gelacht wurde, indem sich aus einer weitläufigen Geschichte der Ursprung eines großen Löffels den der Stadtrath zu Rastenburg aufbewahrt, und des graziösen Lächlens einer bekannten Standsperson offenbaarte.

Mit diesem schick ich dir die Abschrifft von Mietings Trauergedicht durch einen Expressen. Lass mich Sonntag Abends in Grosrudstädt etwas von dir finden.

Montags Abend bin ich schon wieder bey dir, länger möcht es nicht auswärts gehn, besonders da ich zu Ende der Woche wieder fort muß.

Ich komme aber Montags späte, dies schreib ich dir nur damit du mir zu liebe zu Hause bleibest und ich dich gewiss antreffe.

Im Strada der den alten Niederländischen Krieg geschrieben hat, finden sich gar treffliche Schilderungen von Personen die ich dir übersetzen will. Wenn ich nach Hause komme will ich die Stelle Quintilians nach der du fragst aufschlagen und sie mit dir lesen.

Lebe wohl liebes Leben. Wenn du mir nur schreibst daß du gut geschlafen hast, giebt mir's neue Kräffte auf den ganzen Tag. Gott erhalte dich. Seit ich in deiner Liebe ein Ruhen und Bleiben habe ist mir die Welt so klar und so lieb. Unter den Menschen nenne ich deinen Nahmen still für mich, und lebe auch entfernt von dir nur um deint willen. Ich habe dir viel artiges zu erzählen.

Gegenüber schreib ich, was ich dir von Briefen seit Mittwochs geschickt habe, mercke dir auch was du mir schreibst. damit nicht ein Billet verlohren gehe.

Mittwochs d. 20ten früh.

In Weimar ein Billet mit einem Briefe von der Jöchh[ausen] und Oesern.

Von Buttstädt ein Billet durch den Kutscher frühe, das hast du d. 20ten Nachts um 10 Uhr noch nicht gehabt.

Von Buttstädt durch einen Boten einen Brief d. 21 frühe.

Dieses von Kalbsrieth. d. 22ten. früh.

G.

Adieu! grüse den Herzog.

NB. heute bleib ich hier.

Morgen d. 23 auf Alstädt. Abends wieder Kalbsrieth.

Sonntags d. 24 auf Grosrudst[ädt].

Montag Abend nach W[eimar].

Wenn du dem Boten heute Abend ein Paar Zeilen mitgiebst, so find ich sie Morgen Abend hier, wenn ich von Alstädt wieder zurückkomme.

Schreibe mir doch ia von der Gräfinn Brühl daß ich etwas für die Weibgen habe.

845

[Großrudstädt, Palmsonntag 24. März]

Vergnügt und beruhigt geh ich zu Bette weil ich weis morgen schlaf ich nicht ein ohne meiner Geliebten gute Nacht gesagt zu haben. Wir haben heute eine kalte Reise gehabt, wäre es Stöperwetter wie gestern gewesen, würde es uns noch härter gedäucht haben. Ich bin merck ich müde und auch verdrüslich über eine kalte und raucherige Stube. Also nur diese Zeilen als Vorboten daß ich komme. Hier einen Brief von d. G[räfinn?] der dir wird Lachen erregen, er hat recht gute Stellen. Danck sey dir tausendmal für alles gute was du an mir zeither gethan hast. Wir sind im eigentlichen Sinne nicht von einander entfernt gewesen. Ich habe dir vielerleiy zu erzählen.

Mir graut vor Eisenach wo ich lange von dir nichts hören werde. Doch wird die erfindungsreiche Liebe auch wohl da ihr Recht behaupten. Gute Nacht. Ich gebe dir alles in Gedancken zurück um es von dir wieder zu empfangen.

Grosrudstädt d. 24. März 82.

846

[Weimar, Dienstag 26. März]

Es dringt so vielerleiy auf mich zu Liebe Lotte daß ich mir nicht kan so wohl seyn lassen dir ein gut Wort zu schreiben. Nur also diesen Grus, und die Hoffnung dich vor Tisch zu sehn.

d. 26. März 82.

G.

847

[Mittwoch 27. März]

Gern möcht ich dir ieden Morgen eine Blume schicken, von rechtswegen müssten auch schon Veilgen da seyn wenn der Schnee nicht das Land bedeckte. Hier hast du eine Aurickel,

von Mädgen Hand geschickt hervorgebracht.

Du weisst daß ich dir immer einen schönen Kranz binde. Lebe wohl.

d. 27. M. 82.

G.

848

[Donnerstag 28. März]

Leider ist heute wieder der letzte Tag den ich in deiner Nähe zubringe, und werde nicht einmal viel bey dir seyn können. Diesen Morgen seh ich dich einen Augenblick, und freue mich auch auf diesen. Lebe wohl und schick mir die Rolle, und – es war sonst noch etwas das ich vergessen habe.

Adieu du immer gleiche unvergleichliche.

d. 28. März 82.

G.

849

[Erfurt, Freitag 29. März]

Erfurt d. 29. März.

Dieses zum Zeichen daß die Fluthen bey Linderbach mich nicht verschlungen haben, und eine Bitte.

Besser ist es für den Reisenden an das zu dencken was ihm bevorsteht als an das was er zurück lässt. Darüber hab ich meinen Mantel vergessen. Zum Glück ist es noch trocken Wetter.

Schicke ihn an den Kriegs Kanzell. Seeger der kann ihn mitnehmen er geht d. zweyten Feyertag weg und kann mir auch von dir etwas bringen.

Lebe wohl mir thun die Arme noch von der Gewalt weh, die ich anwenden musste, den stärcksten aller Knoten zu zerreissen.

G..

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