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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 77
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760

[Gotha, Sonnabend 8. Dezember]

Von freundlichen Gesichtern empfangen, lustig unterhalten und beschenckt, hab ich gestern einen angenehmen Tag zugebracht. Es ist hier gewöhnlich daß der Nikolas bescheert, dieser hat mir auch allerley verehrt. Wäre etwas dabey das dir Freude machen könnte so schickte ich dir es gleich mit. Von der Herzoginn hab ich ein Paar schöne Manschetten, und von der Oberhofmstr. eine Dose mit Rousseaus Bild. Wir waren sehr lustig bis Nachts um zwölfe, es wurden Austern gegessen und Punsch getruncken.

Durch alles das begleitet mich der vielgeliebte Talisman, und Abends und Morgens, und Nachts wenn ich aufwache nenn ich deinen Nahmen und hoffe auf dich. Schon freu ich mich bey meiner Rückkehr deinen Brief zu finden.

Leb wohl beste, deine Gestalt und deine Liebe glänzt immer um mich, und wie in eine glückliche Heimat trag ich alles in Gedancken zu dir. Leb wohl. Und schreibe mir viel.

G.

761

Eisenach. Sonntags früh d. 9ten [Dezember].

Ich kam gestern zu spät um noch nach Wilhelmsthal zu fahren, und gehe iezt dahin ab.

In Gotha hat man alle Arten von Höflichkeit und Aufmercksamkeit gegen mich erschöpft, und mir wohl gemacht. Auf dem Rückweege werd ich wohl ein paar Tage hängen bleiben.

Adieu liebste die Pferde sind da. Ich darf dir nicht sagen wie ich an dich dencke! was für Aberglauben ich mit dem lieben Talismann Treibe, was ich für Wünsche und Hoffnungen mit Mährgen stille. Adieu du liebste.

Die Götter machen es recht künstlich daß auch ein Mensch den sie nach und nach der Kindheit entreisen, dem sie einige Klugheit gönnen, daß auch der immer noch im Unmöglichen eine Laufbahn vor sich sieht. Adieu ich kan kaum vom Blatte weg.

G.

762

Barchfeld Sonntags d. 9. Dez. 81

Hieher verschlagen meine liebe, wendet sich meine Seele wieder zu dir. Als ich nach Wilhelmsthal kam, war der Herzog im Begriff hier her zu gehen und ich folgte.

Die gute Pr[inzessinn] W[ilhelmine] seh ich denn auch verheurathet, und vergnügt. Sie lieben sich und ich gönn es ihnen von Herzen.

Hier hängt ein schlecht Pastellbild das dir gleicht wenn man den Mund zudeckt, alle Leute haben es gefunden und ich auch. Nur scheute ich mich es zu sagen als man mich fragte, denn ich dachte wenn es etwa andern anders vorkäme; so würde man sagen ich fände dich überall.

Stein ist gar gut. Er hat mir nur gutes von seinem Schwager erzählt.

Eisenach Montags d. 10. Abends

In Barchfeld ward mir die Zeit sehr Breit, um nicht zu sagen lang. Ich will doch, wenns möglich ist, spielen lernen, nur um solcher Stunden willen. Auch da hielt ich mich am Gedancken deiner Liebe. Wenn ich auch etwas anders dencke, so hat meine Seele tausend Assoziationen um deine Erinnerung anzuknüpfen, und wenn ich noch so weit entfernt scheine, so hab ich schon wieder eine weile an dich gedacht, eh ich's bemercke. Beykommender Brief wird dich ergözen, weil er vom Wohlwollen der Menschen gegen den deinigen meldet. Der Mineralogische Theil ist wohl nicht für dich. NB meine einzige Beute von Barchfeld, ist eine köstliche Stufe, die ich dir auf Verlangen vorzeigen und den Werth erklären werde.

Unter uns gesagt die Lavas von Butspach sind sehr schön.

Hier in Eisenach hab ich mich von allem losgemacht um mir und dir zu seyn.

Stein ist bey seiner Schwester, und wird den H. Schwager sehr werth kriegen, der im Grund und auf der Oberfläche sicher ein Schufft ist.

Es wird mir recht natürlich Steinen gefällig zu seyn und ihm leben zu helfen. Ich bin es dir schuldig, und was bin ich dir nicht ieden Tag und den deinigen schuldig. Was hilft alle das kreuzigen und seegnen der Liebe wenn sie nicht thätig wird. Führe mich auf alles was dir gefallen kann ich bitte dich, denn ich fühls nicht immer.

Die Gunst die man mir in Gotha gönnt macht viel Aufsehn, es ist mir lieb um meintwillen und um der guten Sache willen. Es ist auch billich daß ich durch einen Hof wieder erhalte, was ich durch einen Hof verlohren habe.

Denn mein Passiv Wesen bisher war nicht genug, und die öffentliche Gleichgültigkeit der unsrigen gegen mich bey meiner Eingezogenheit, hat wie ich mercke im Publiko auch die nothwendige Sensation gemacht. Es bleibt immer gewiss, dieses so geehrte und Verachtete Publikum betrügt sich über das einzelne fast immer und über das ganze fast nie.

Grüse Ernsten und Fritzen, und grüse wenn du kannst dich selbst mit einem Gruse von mir.

Der Herzog ist vergnügt und gut, nur find ich den Spas zu theuer, er füttert 80 Menschen in der Wildniss und dem Frost, hat noch kein Schwein, weil er im freyen hetzen will, das nicht geht, plagt und ennuirt die seinigen, und unterhält ein Paar schmarutzende Edelleute aus der Nachbaarschafft die es ihm nicht dancken. Und das alles mit dem besten Willen sich und andre zu vergnügen. Gott weis ob er lernen wird, dass ein Feuerwerck um Mittag keinen Effeckt thut. Ich mag nicht immer der Popanz seyn, und die andern frägt er weder um Rath noch spricht er mit ihnen was er thun will. Ich hab ihn auch nur Augenblicke gesehen.

Ich bitte Gott daß er mich täglich haushälterischer werden lasse, um freygebig seyn zu können es sey mit Geld oder Gut, Leben oder todt.

Eisen. d. 11ten.
Dienst.

Hier muss ich schliesen und von dir Abschied nehmen.

Ich fahre nach Willhelmsthal, und gehe wohl morgen auf Gotha wo ich einige Tage bleibe.

Du hörst noch von mir.

ich hoffe Briefe von dir zu finden und zu hören daß du wohl bist. manchmal überfällt mich eine Angst du seyst kranck. Adieu du liebe meine.

G.

Der Brief von Tischbein wird dich freuen.

763

Willhelmsthal d. 12. D. Mittwoch Abends.

Vor allen Dingen, wie man vor einem Opfer alles unheilige wegzuwenden sucht, vor allen Dingen, liebe, wie du dirs [wünschen ] magst geliebte Lotte, kein

hier ist ein Stück aus dem Brief herausgeschnitten. Bou

men. aufs heiligste, durchlauchtig, allerdurchlauchtig und übergrosmächtig geben, mich nach morgenländischer Art in den Staub vor ein Bild werfen das ich verlache, wenn du mir du bist, um Gotteswillen kein Sie mehr! – Wie hofft ich auf deinen Brief ich macht ihn zuletzt auf, und die Ihnen! er mag nun erst liegen ich muss dich erst aus diesen Ihnen wieder übersetzen. Zur Strafe schreib ich dir nichts von mir und meiner Liebe du sollst nur hören wie es andern geht und mir mit andern.

Indess die andre Seite trocknete hab ich deinen Brief durchkorrigirt, und alle Ihnen weggestrichen. Nun wird es erst ein Brief. Verzeih dass ich die Kleinigkeit zu Etwas mache!

hier ist ein Stück aus dem Brief herausgeschnitten. Bou

was es sey gleich du redst von vielen dritten. Lass das zum letztenmal seyn und verzeih.

Ich bin nun hier in Wilhelmsthal und will und muss abwarten was geschieht. Heute früh wollt ich fort, dann aber gings nicht, und es wäre eine Unschicklichkeit geworden wenn ich gegangen wäre. Wie du alles erfahren sollst liebe Beichtigerinn. Liebe Lotte ich habe einen rechten Arm voll moralischer und politischer Geheimnisse dir mit zu bringen. Denn ich unterstehe mich nicht zu schreiben weil es zu viel ist.

Der Herzog thut was unschickliches mit dieser Jagd, und doch bin ich nach seiner Herzoglichkeit mit ihm zufrieden. Die andern spielen alle ihre Rollen. Ach Lotte wie lieb ist mirs daß ich keine spiele. Ich lasse mich als Gast tracktiren und lasse mir als einem Fremden klagen, es geht nichts besser und nichts schlimmer als sonst, ausser daß der Herzog weit mehr weis was er will, wenn er nur was bessers wollte.

Sein Unglück ist daß ihm zu Haus nicht wohl ist. Denn er mag gerne Hof haben pp.

Liebe süse ich hab dir gar vieles zu erzählen.

Man hat mir eine Italiänische Übersetzung des Werthers zugeschickt. Was hat das Irrlicht für ein Aufsehn gemacht! Auch dieser Mann hat ihn wohl verstanden, seine Übersetzung ist fast immer Umschreibung; aber der glühende Ausdruck von Schmerz und Freude, die sich unaufhaltsam in sich selbst verzehren, ist ganz verschwunden und darüber weis man nicht was der Mensch will. Auch meinen vielgeliebten Namen hat er in Annetta verwandelt. Du sollst es sehen und selbst urtheilen.

Nun sind die acht Tage um, und ich sehne mich eifrig nach Hause, nicht nach Hause, nur zu dir, denn es geht mir wohl, ich mag die Menschen leiden, und sie mich, ich bekümmre mich um nichts und schreibe Dramas. Mein Egmont ist bald fertig und wenn der fatale vierte Ackt nicht wäre den ich hasse und nothwendig umschreiben muß, würde ich mit diesem Jahr auch dieses lang vertrödelte Stück beschliesen.

Heut kommt der Herz. v. Gotha. Morgen gehts auf die Jagd und ich hoffe loszukommen. Auf den Sonntag giebt der Herzog ein Gastmal, um dem Vater im Himmel auch einmal gleich zu werden, nur mit dem Unterschied daß die Gäste von den Zäunen gleich Anfangs mit auf dem Fourier Zettel stehn. Des hin und wieder fahrens, schleppens reitens, laufens ist keine Rast. Der Hofmarsch. flucht, der Oberstallmeister murrt, und am Ende geschieht alles. Wenn diese Hast und Hatze vorbey ist und wir wären um eine Provinz reicher so wollt ich's loben, da es aber nur auf ein Paar zerbrochne Rippen, verschlagne Pferde und einen leeren Beutel angesehn ist, so hab ich nichts damit zu schaffen. Ausser daß ich von dem Aufwand nebenher etwas in meine politisch moralisch dramatische Tasche stecke. Ich habe in der Italienischen Übersetzung gelesen, sie fängt mir an besser zu gefallen, die Sprache ist gar angenehm und ich habe noch keinen Misverstand gefunden, das viel ist.

Der Herzog v. Gotha ist noch nicht da. Ich muß schliesen, weil der Bote geht. Adieu tausendmal meine Einzige.

Wie viel hab ich dir zu sagen.

d. 13ten D. 81.

G.

764

Eisenach [Freitag] d. 14. Dez. 81.

Endlich Glück auf zur Rückkehr! Heute Abend bin ich in Gotha, morgen bleib ich wohl da, und Sonntags binn ich wo mein Herz ist. Länger war mir's nicht möglich, und doch hätt ich gewünscht bey dem schönen Wetter die Jagd und einen grosen Ball auf den Sonntag mit abzuwarten. Adieu.

Dieses bringt ein Bote, wahrscheinl. Sonnabend zu guter Zeit.

G.

765

[Weimar, Montag 17. Dezember]

Wie ich die Augen aufthue möcht ich schon wieder deine Stimme hören, und dich fragen wie du dich befindest. Ich bin nicht von dir weggekommen, und der Traum war so artig mich immer bey dir zu lassen. Hier schick ich den Ital. Werther, wir wollen die Briefe zusammen durchgehen. Auch liegt eine Geschichte bey die mir die Herzoginn von Gotha gegeben hat ein Drama draus zu machen. Die gute Frau weis nicht wie nah mich die Situation berührt. Adieu. Ungern reis ich mich von dir los wie bey iedem Adieu.

d. 17. Dez. 81.

G.

Schick mir was ich bey dir habe.

766

[Mittwoch 19. Dezember]

Ich schliese mit Coocks Todt das Buch und schick es dir. Es ist eine grose Catastrophe eines grosen Lebens, und schön daß er so umkam. Ein Mensch der vergöttert wird, kann nicht länger leben, und soll nicht, um seint und andrer willen.

Adieu. Ich bin dir ganz nah, deine Güte und Liebe ist die Lufft in der ich lebe. Gute Nacht. Wäre ich nicht ausgezogen ich brächte dir sie selber.

d. 19. Dez. 81.

G.

767

[Donnerstag 20. Dezember]

Es ist auch durch meine gestrige Enthaltsamkeit nicht anders geworden l. L. und soll auch nicht. Hier schick ich dir die Folge zu dem Bogen von Liebe und selbstheit. Meine Verse zu der Zeichnung sind bald fertig. Gestern Abend gings ganz frisch. Coocks Todt kommt mir nicht aus dem Sinne, möge doch das Schicksaal iedem den es liebt einen Todt geben der so analog zu seinem Leben sey wie dieser war. Er ist in allem Betracht schön und auch schön daß die wilde Majestät ihre Rechte der Menschheit auf ihn behauptet hat. Adieu.

d. 20ten Dez. 81.

G.

Es ist ein Schweinskopf angekommen, darauf ich die Gesellschafft morgen Abend zu Gast lade.

768

[Montag 24. Dezember]

Ich muss dir einen Guten Morgen sagen und dir ein Stück Feyertags Kuchen schicken, damit mein Verlangen dich zu sprechen nur einiger massen befriedigt werde, und ich noch an etwas anders diese Paar Stunden dencken könne bis ich dich sehe. Um 10 geh ich auf das Theater und vorher einen Augenblick zu dir.

d. 24. Dez. 81.

G.

769

[Dienstag 25. Dezember]

Dancke aber und abermal für alles. Bald seh ich dich, denn ich werde mich in Feyerkleider setzen und dir geputzt und bey Hofe und überall sagen daß ich dich unaussprechlich liebe.

d. 25. Dez. 81.

G.

Viel Glück zum Geburtstag.

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