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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 74
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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730

[Freitag 19. Oktober]

Eben erhalt ich durch den Hofmechanikus dein liebstes Briefgen, als ich im Begriff bin dir zu schreiben und dir ein halb Schock Lerchen zu schicken. Verzehre sie mit deinen Gästen vergnügt, und grüse den Herzog. Ich sehe mit Sehnsucht das Zeichen über dem Camin an, und hoffe dich bald wieder dabey zu sehn.

Heute Abend habe ich Anatomie gezeichnet und bin fleisig in Ermanglung etwas bessern.

Adieu! meine Liebe ist und bleibt dir bewahrt. Ich bin gar nichts ohne dich. Adieu. Grüse Lingen. Der Schl[eusingen] dancke für die Vögel.

d. 19. Oktbr. 81 Abends.

G.

731

[Dienstag 23. Oktober]

Dein Quartier ist fertig und ich erwarte nun von ieder Stunde daß sie mir dich wiederschencken soll. Ich bin diese Tage her meist allein gewesen und habe mich viel beschäfftigt, mein Haus wird mir aufs neue lieb und werth, wenn ich auch eine Wohnung in der Stadt hätte ich zöge nicht hinein.

Der Augenblick dich wiederzusehn wird auch kommen, ich stehe viel gegen das Fenster wo ich mir dich hinter den Bergen dencke, meine Liebste! mein Glück! Es wird ein wolthätigerer November seyn als der vorige.

Nun scheint mir alles fröhlich und gut wenn du mir gesund bleibst! komme bald! Bis dahin freu ich mich deiner Zeichen die ich hie und da antreffe. O du Gute. Halte mich nur an daß ich fleisig bin. Adieu ich kan nicht von dir kommen.

d. 23. O. 81.

G.

Grüse deine Krancken.

Wende will erst morgen mit einräumen fertig werden. Also wirst du eben recht kommen. Du brauchst doch einen Tag um von Kochberg loszuwerden. Adieu ich hoffe und harre auf dich.

732

[Sonnabend 27. und Sonntag 28. Oktober]

Sonnab. d. 27. Oktbr. 81.

Sehr unerwartet und unangenehm meine beste war mir die Nachricht daß du ausbleibst. Denn ich kan und darf nicht ohne dich leben. Schon hatte ich mir eine Menge Beschäfftigungen ausgesonnen, was ich in die nächste Woche legen wollte und nun schickt mir der Himmel eine neue Prüfung der Geduld in einem sehr beschweerlichen Auftrag davon du die Geschichte mündlich erfahren sollst.

Sonntag früh.

Ich gehe nach Jena in einer sonderbaarcn Gesellschafft. Lebe wohl. Liebe mich ich hoffe auf Ruhe und Belohnung von allen Mühseeligkeiten bald wieder an deiner Seite.

G.

733

[Jena, Montag 29. Oktober]

Von Jena wo ich seit gestern bin schick ich dir eine Schachtel mit Trauben möge sie gut bey dir ankommen.

Ein beschwerlicher Liebesdienst den ich übernommen habe, führt mich meiner Liebhaberey näher. Loder erklärt mir alle Beine und Musklen und ich werde in wenig Tagen vieles fassen.

Meine Seele ist an dich fest gebunden, deine Liebe ist das schöne Licht aller meiner Tage, dein Beyfall ist mein bester Ruhm, und wenn ich einen guten Nahmen von aussen recht schäze, so ists um deintwillen daß ich dir keine Schande mache. Leb wohl meine liebste. Laß mich einen Brief von dir in Weimar finden.

Jetzt ist mir lieb daß du noch nicht da bist, daß deine Abwesenheit mir durch ein verwickelt Abenteuer kürzer wird. Ich habe diese zwey Tage Gelegenheit gehabt alles was von Klugheit und Resolution in mir ist zu brauchen. Wenns vorbey ist und wohlgeendigt; so ists nicht viel und doch waren viele Menschen in Verlegenheit. Adieu Beste. Grüse Lingen.

Montags.

G.

734

[Weimar, Sonnabend 3. November]

Heute bin ich von Jena zurückgekommen, wo ich die ganze Woche in Geschäfften als moralischer Leibartzt zugebracht habe.

Ich höre du kommst erst Montags, ich erwartete dich morgen. Länger dürft es nicht dauren, mein Verlangen dich wieder zu sehen wird stärcker als daß ich Herr drüber werden könnte. Gar gerne wäre ich morgen zu dir geritten. Wie hoff ich dir meine Geschichten zu erzählen, und von deiner lieben Seele verstanden zu werden. Adieu beste. Ich bleibe an dir! wie sehn ich mich dir zu sagen daß ich ganz dein bin!

Sonnabend. Nachts.

G..

735

[Dienstag 6. November]

Sag mir meine Liebste wie du geschlafen hast und wie du lebst. Schicke mir den Rock und die Schlüssel. Zu Mittage ess ich mit dir damit meine durch Ackten eingeschnürte Seele sich wieder ausweite. Adieu meine Beste.

d. 6. Nov. 81.

G.

736

[Mittwoch 7. November]

Ich bitte dich meine beste um den Schädel. Grüse dich tausendmal zum guten Morgen. Die vielerley Papiere halten mich zu hause, und ich will auch zu hause essen.

Adieu. Nach Tische frag ich an wie du lebst und was heut Abend wird. Gehst du ins Conzert?

d. 7. Nov. 81.

G.

737

Sag mir liebste Leidende wo möglich etwas tröstliches. Ich sehne mich aus den Ackten zu dir.

G.

738

[Montag 12. November]

Wenn nur die Schmerzen weg sind die guten Kräffte werden bald wiederkommen. Schone dich nur heute um deint und meintwillen, denn wie kan ich leben und am Leben mich freuen wenn du kranck bist. Um deinem Vorwurf zu entgehn als wenn man Jahrhunderte leben müsse, um in meinen Gärten des Schattens zu geniessen hab ich die Sache recht durchgedacht, und will dir einen Plan vorlegen den du gewiss billigen wirst. Der Herzog hat doch im Grunde eine enge Vorstellungs Art und was er kühnes unternimmt ist nur im Taumel, einen langen Plan durchzusetzen der in seiner Länge und Breite verwegen wäre, fehlt es ihm an Folge der Idee und an wahrer Standhafftigkeit.

d. 12ten Nov. 81.

G.

739

[Mittwoch 14. November]

Da ich mich entschliese zu Hause zu bleiben, eilt zuförderst mein Geist mit einem Morgengruse zu dir. Schicke mir meine liebste, den Schädel, die Zeichnung davon, das Lateinische Büchel in Oktav, und eine Versicherung deiner Liebe.

d. 14. Nov. 81.

G.

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