Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 60
Quellenangabe
pfad/goethe/brstein1/brstein1.xml
typeletter
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080903
modified20150827
projectid953ee68e
Schließen

Navigation:

590

[Mittwoch 7. März]

Wir pflegen mit dem Todte zu spasen, und es fällt doch so schweer sich auf kurze Zeit zu trennen. Beym anziehn könnt ich nicht begreifen daß ich mich ankleidete ohne die Absicht zu Ihnen zu gehen. Wir werden einen sehr bösen Ritt haben, doppelt für mich denn mein Herz zieht mich, und der Wind stöst mich zurück. Adieu meine Geliebte. Grüsen Sie Steinen, Ihre Schwägerinn und Lingen. Machen Sie Knebeln wohl, und lieben mich, und versäumen nicht mir zu schreiben.

d. 7. März 81.

G.

591

[Hottelstädter Ecke, Mittwoch 7. März?]

Die Töchter des Himmels die weitschweifenden Wolcken sind von dem übelsten Humor und haben nichts von der lieblichen Beredsamkeit die ihnen Sokrates zu schreibt. Adieu.

Hottelst. Ecke

592

Neunheiligen d. 7 März Nachts 10.

Man ist auseinander gegangen, ich habe mein neues Nachtwestgen zum erstenmale angezogen, und will dem Kutscher der Morgen früh zurück geht einige Worte mitgeben. Der Ritt hierher war ein bittrer Bissen, besonders die lezten Stunden, wo es feinen Regen im Winde trieb. Der Herzog hat einen entsezlichen Schnuppen, mir ists ganz wohl bekommen und wir sind hier gar artig. Ihnen danck ich tausendmal für die Nähe Ihrer Liebe, und alles was Sie mir mitgegeben und mich hoffen lassen. Dafür hab ich Ihnen auch ein Paar schöne Gleichnisse erfunden. Morgen soll wenn das Glück gut ist gezeichnet werden.

Unsre Wirtinn ist ein zierliches Wesen, und er hat sich noch ganz gut gehalten. Seine Narrheit nehm ich für bekannt an und toll ist er noch nicht gewesen.

Ich sehne mich nach Ihren lieben Augen die mir gegenwärtiger sind als irgend etwas sicht oder unsichtbaares. Noch nie hab ich Sie so lieb gehabt und noch nie bin ich so nah gewesen Ihrer Liebe werth zu seyn. Adieu beste. Grüsen Sie die Waldnern. Empfehlen Sie mich der Herzoginn.

G.

593

[Donnerstag 8. März]

Morgen geht ein Husar um die Religieuse zu hohlen, ihm will ich auch dieses Blat an Sie mitgeben.

Es geht uns recht gut. Der Tag lauft weg wie das Leben, man thut nichts und weis doch nicht wo die Zeit hinkommt. Der H[erzog] hat einen entsezlichen Schnuppen der ihn in der Sozietät nicht sehr interessant seyn läßt, ich bin auch davon ein wenig angegriffen, doch sind meine Ideen immer um ein gut Theil losgebundener.

Sie ist liebenswürdig, einfach, klug, gut, verständig, artig pp alles was Sie wollen, und ihr ganzes Wesen ist recht gemacht mich an das zu erinnern was ich liebe.

Heute ist gezeichnet worden. Der Graf hat auserordentlich schöne Ewerdingen, davon hab ich zwey angefangen, es ist eine Gröse und Krafft drinne an der man sich ewig erlaben kan.

Sonst liest und schwäzt man, isst und trinckt, mir kommts ganz ungewohnt vor solche harmlose Tage zu haben.

Im Zeichnen war ich heute wieder recht unzufrieden mit mir, es wird eben nichts draus und kan nichts werden. Ich bin immer so nah und so weit wie einer der vor einer verschlossnen Thüre steht.

Versäumen Sie ia nicht mir mit dem rückkehrenden Husaren ein Wort zu sagen. Bertuch soll mit der Abfertigung so lange warten. Sagen Sie mir was ich immer hören mag daß Sie mich lieben, immer neuer und schöner lieben.

Gestern auf dem langen Weeg, dacht ich unsrer Geschichte nach, sie ist sonderbaar genug. Ich habe mein Herz einem Raubschlosse verglichen das Sie nun in Besiz genommen haben, das Gesindel ist draus vertrieben, nun halten Sie es auch der Wache werth; nur durch Eifersucht auf den Besiz erhält man die Besizthümer. Machen Sie's gut mit mir und schaffen Sie gottseelig den Grimmenstein in Friedenstein um. Sie haben es weder durch Gewalt noch List, mit dem Freywillig sich übergebenden muß man aufs edelste handlen, und sein Zutraun belohnen. Da ich der ewige Gleichnißmacher bin, erzählt ich mir auch gestern, Sie seyen mir was eine Kayserliche Kommission den Reichsfürsten ist. Sie lehren mein überall verschuldetes Herz haushältischer werden, und in einer reinen Einnahme und Ausgabe sein Glück finden. Nur meine Beste unterscheiden Sie sich von allen Debit Commissarien daß Sie mir eine reichlichre Competenz geben als ich vorher im Vermögen gehabt. Sezzen Sie Ihr gutes Werck fort, und lassen Sie mich iedes Band der Liebe Freundschafft, Notwendigkeit, Leidenschafft und Gewohnheit mich täglich fester an Sie binden. Wir sind in der That unzertrennlich, lassen Sie es uns auch immer glauben und immer sagen. Gute Nacht. Sie müssen iezt meinen gestrigen Brief haben und morgen bey guter Zeit erhalten Sie diesen. Wenn Sie fleisig und artig waren; so kann ich auch übermorgen von Ihrer Hand lesen was ich so sehr wünsche. Da die Tage so schnell herumgehn, so lebt die Hoffnung in mir Sie bald wiederzusehn.

D. Herzog kan für Schnuppen nicht schreiben sagt er. Mich lockt ein Husar der nach Weimar geht ganz anders. Adieu. Ich habe das liebe Band im Schreiben um die Hand gebunden, und küsse Ihnen in Gedancken tausendmal die Hände.

Donnerstag d. 8ten Abends 10 Uhr.

G.

594

[Sonnabend,] d. 10ten März 81. früh.

Heut ist eine Fahrt nach Ebeleben ein Schwarzburgisches Lustschloss angestellt. Vorher schick ich Ihnen noch diesen Grus und Wunsch daß Ihnen recht wohl seyn möge.

Gestern hab ich gezeichnet, dann kam Besuch von Langensalza, der gröste Theil des Tags wurde weggestanden und wegdiskutirt. Wenn es nicht immer nüzlich wäre Menschen zu sehen, sie seyen von welcher Art sie wollen, so würde mich die schöne Zeit dauern. Ich habe einen Everdingen angefangen, nach meiner gewöhnlichen Art, auf schlecht Papier und nun dauert mich die Arbeit da ich ans Ausmachen komme. Die Ruhe, die Entfernung von aller gewohnten Plage thut mir gar sehr wohl, ich fühle daß ich noch immer bey mir selbst zu Hause bin, und daß ich von dem Grundstock meines Vermögens nichts zugesezt habe.

Gestern bey guter Zeit erhielt ich Ihren lieben Brief den schönen Abdruck Ihrer Seele. Ich hab ihn gleich sechsmal hintereinander gelesen und les ihn immer wieder. Hoffentlich fahren Sie fort mir immer zu schreiben bis ich wiederkomme, es ist gewiß bey mir angewendet was Sie für mich thun.

Wir wollen den Grafen nicht berufen, sonst müßt ich sagen er führt sich recht gut auf. Wir haben noch keine Sekkatur auszustehn gehabt, der Herzog versichert er kenne ihn gar nicht.

In ihr ist eine Richtigkeit der Beurtheilung, ein unzerstörliches Leben und eine Güte die mir täglich neue Bewundrung und Freude machen. Sie ist dem Herzog sehr nützlich, und würde es noch mehr seyn wenn die Knoten in dem Strange seines Wesens nicht eine ruhige gleiche Aufwicklung des Fadens so sehr hinderten.

Mich wundert nun gar nicht mehr daß Fürsten meist so toll, dumm, und albern sind. Nicht leicht hat einer so gute Anlagen als der Herzog, nicht leicht hat einer so viel verständige und Gute Menschen um sich und zu Freunden als er, und doch wills nicht nach Proportion vom Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken eh man sich's versieht wieder hervor. Das größte Übel hab ich auch bemerckt. So passionirt er fürs gute und rechte ist, so wirds ihm doch weniger darinne wohl als im unschicklichen, es ist ganz wunderbaar wie verständig er seyn kan, wieviel er einsieht, wieviel kennt, und doch wenn er sich etwas zu gute thun will so muß er etwas Albernes vornehmen, und wenns das Wachslichter Zerknaupeln wäre. Leider sieht man daraus daß es in der tiefsten Natur steckt, und daß der Frosch fürs Wasser gemacht ist wenn er gleich auch eine Zeitlang sich auf der Erde befinden kan. Die Zeit unsrer Abfahrt rückt herbey, ich sollte schon lang geschlossen haben.

Leben Sie wohl meine Beste und grüsen die guten und lieben. Können Sie gelegentlich meine Literatur von der Herzoginn zurücknehmen; so heben Sie mir's auf. Wenn Sie mit Ihr und auch Herdern drüber sprächen, wäre mir's sehr angenehm, denn ich möchte durch den Mund meiner Geliebten am liebsten hören, was sie davon sagen. Übrigens ist's in mir so still wie in einem Kästgen voll allerley Schmucks, Gelds und Papiere das in einen Brunnen versinckt. Adieu es soll alles für Sie aufgehoben seyn. grüsen Sie auch Frizzen und Ernsten. Ich muss fort.

595

[Sonntag 11. März]

Neuenheiligen d. 11ten März. Ihr Bleystifft Zettelgen von gestern Abend hat mir einen guten Morgen gesagt, wir dürfen uns nicht beschweeren daß unsre Boten zu langsam gehen, wäre nur der Brief nicht im Schreibe Pult verschlossen gewesen, daß ich mehr von Ihnen gehabt hätte.

Heut ist Sonntag, Donnerstags früh geh ich hier weg und bin Abends bey Ihnen weil ich in Ringleben noch etwas zu sehen habe. Der Herzog will einige Tage nach Cassel, ich gehe nicht mit, aus viel Ursachen davon ich ihm einige gesagt, einige verschwiegen habe, er läßt Wedeln kommen und sie mögen glücklich fahren. Er wirft mir vor daß ich ans Brod gewöhnt sey, und mich deswegen nicht weit verlaufen mögte. Es kan seyn daß auch das unter den neun und neunzig keine der geringsten Ursachen ist.

Gestern haben die Ratten zu maneuvriren angefangen; da ich nun auf alle solche inn- und ausländische Tiere sehr präparirt bin, hab ich mich sogleich einiger bemächtigt, sie secirt um ihren inneren Bau kennen zu lernen, die andern hab ich wohl beobachtet und ihre art die Schwänze zu tragen bemerckt, daß ich gute phisiologische Rechenschafft davon werde geben können. Ich hoffe in diesen wenigen Tagen noch einige Scenen, um die Erscheinung recht rund zu kriegen. Ich erstaune wie das plumpste so fein, und das feinste so plump zusammenhängt. So still bin ich lang nicht gewesen, und wenn das Auge Licht ist wird der ganze Körper licht seyn et vice versa. Die Gräfinn hat mir manche neue Begriffe gegeben, und alte zusammengerückt. Sie wissen daß ich nie etwas als durch Irradiation lerne, daß nur die Natur und die größten Meister mir etwas begreifflich machen können, und daß im halben oder einzelnen etwas zu fassen mir ganz unmöglich ist! – Wie offt hab ich die Worte Welt, grose Welt, Welt haben u. s. w. hören müssen und habe mir nie was dabey dencken können, die meisten Menschen die sich diese Eigenschafften anmasten, verfinsterten mir den Begriff, sie schienen mir wie schlechte Musickanten auf ihren Fiedeln Symphonien abgeschiedner Meister zu kreuzigen, ich konnte eine Ahndung davon aus diesem und ienem einzelnen Liede haben, vergebens sucht ich mir das zu dencken was mir nicht mit vollem Orchester war produzirt worden.

Dieses kleine Wesen hat mich erleuchtet. Diese hat Welt oder vielmehr sie hat die Welt, sie weis die Welt zu behandlen |: la manier :| sie ist wie Quecksilber das sich in einem Augenblicke tausendfach theilt und wieder in eine Kugel zusammenläuft. Sicher ihres Werths, ihres Rangs handelt sie zugleich mit einer Delikatesse und Aisance die man sehn muß um sie zu dencken. Sie scheint iedem das seinige zu geben wenn sie auch nichts giebt, sie spendet nicht, wie ich andre gesehn habe, nach Standsgebühr und Würden iedem das eingesiegelte zugedachte Packetgen aus, sie lebt nur unter den Menschen hin, und daraus entsteht eben die schöne Melodie die sie spielt daß sie nicht ieden Ton sondern nur die auserwählten berührt. Sie tracktirts mit einer Leichtigkeit und einer anscheinenden Sorglosigkeit daß man sie für ein Kind halten sollte das nur auf dem Klaviere, ohne auf die Noten zu sehen, herumruschelt, und doch weis sie immer was und wem sie spielt. Was in ieder Kunst das Genie ist, hat sie in der Kunst des Lebens. Tausend andre kommen mir vor wie Leute die das durch Fleis ersezzen wollen was ihnen die Natur versagt hat, noch andre wie Liebhaber die ihr Conzertgen auswendig gelernt haben und es ängstlich produziren, noch andre – nun es wird uns Stoff zur Unterredung genug geben. Sie kennt den größten Teil vom vornehmen, reichen, schönen, verständigen Europa, theils durch sich theils durch andre, das Leben, Treiben, Verhältniß so vieler Menschen ist ihr gegenwärtig im höchsten Sinne des Worts, es kleidet sie alles was sie sich von iedem zueignet und was sie iedem giebt thut ihm wohl. Sie sehen ich trete geschwind auf alle Seiten um mit todten Worten, mit einer Folge von Ausdrücken ein einziges Lebendiges Bild zu beschreiben. Das Beste bleibt immer zurück. Ich habe noch drey Tage und nichts zu thun als sie anzusehn in der Zeit will ich noch manchen Zug erobern. Nur noch einen der wie eine Parabel den Anfang einer ungeheuren Bahn zeichnet. Der Pfarr hier ist ein schlechter Kerl, nicht so daß man ihn absezzen könnte, genug er ist schlecht. Wenn der Graf ihn zu Gaste lädt so ißt sie nicht mit hausen, und sagt es sey recht und nothwendig auch öffentlich zu zeichen wenn man iemanden um seiner Schlechtigkeit willen verachtet. Thun Sie dieses zu ienem oben gesagten hinzu so multiplizirt es die Summe ungeheuer. Gerne macht ich Ihnen nun auch von ihm das Portrait so weit ichs habe und führte den Rattentext weiter aus, wenn mich bey diesem Gegenstande nicht der natürliche Widerwille gegen das Schreiben behende ergriff. Soviel kan ich sagen er macht mir meine dramatische und epische Vorrathskammer um ein gutes reicher. Ich kan nicht verderben, da ich auch aus Steinen und Erde Brod machen kan.

Adieu meine beste. Ich zähle die Stunden bis Donnerstags Abends, |: nicht mit Ungeduld. Denn ich habe bis dahin mein Pensum noch vor mir :| sondern mit der stille der gewissen Liebe und des festen Zutrauens daß ich nicht von Ihnen entfernt bin und daß mich zur gesezten Stunde die Gegenwart meines Glückes empfangen wird als wenn ichs nie verlassen hätte. Adieu grüsen Sie Steinen und was mir gut ist.

Adieu süse Unterhaltung meines innersten Herzens. Ich sehe und höre nichts guts das ich nicht im Augenblick mit Ihnen theile. Und alle meine Beobachtungen über Welt und mich, richten sich nicht, wie Marck Antonins, an mein eignes, sondern an mein zweites selbst. Durch diesen Dialog, da ich mir bey iedem dencke was Sie dazu sagen mögten, wird mir alles heller und werther. Wir haben heute Gäste von Langensalza. auf das Siegel drück ich einen Kuß und bin dein für ewig.

G.

596

[Montag 12. März]

Sie haben mir durch den Boten eine grose Freude geschickt, schon furcht ich, heut und Morgen nichts von Ihnen zu hören, und so kam mir das Gute unvermuthet. Es ist mir zuwider daß mein Brief versteckt geblieben, und daß die andern Sie so spät auffinden; gerne wollt ich daß Sie so bald als möglich mein Andencken erhielten. Ihr Bote ist recht frisch gegangen, er war schon vor sechs heut Abend hier.

Unsre arme schöne Wirthinn ist kranck, und trägts wie Frauen zu tragen gewohnt sind. Heute früh hatten wir einen langen politischen Diskurs; auch diese Dinge sieht sie gar schön, natürlich und wie ihres gleichen. Sie liebt den H[erzog] schöner als er sie. und in diesem Spiegel hab ich mich beschaut und erkannt daß auch Sie mich schöner lieben als wir gewöhnlich können. Doch ich geb es nicht auf ich fühle mich zum Streit aufgefordert, und ich bitte die Grazien daß sie meiner Leidenschafft die innre Güte geben und erhalten mögen aus der allein die Schönheit entspringt.

Behalten Sie ia was Sie mir gutes zu sagen haben, auch mir haben die Geister der Welt viel nüzliches in's Ohr geraunt, haben mir über mich und andre schöne Eröffnungen gethan. Donnerstags Abends hoff ich Sie allein zu finden, hoffe die ersten Stunden ganz bey Ihnen zu seyn. Freytags wollen wir zusammen essen und fröhlig seyn.

Heut ist wenig gezeichnet worden gestern gar nichts, kaum werd ich eine Landsch[afft] fertig bringen die ich hier lasse. Was gehen mir über den Ewerdingen für neue Lichter auf, warum muß man so lang im Dunckeln tappen und in der Dämmrung schleichen.

Meine Seele ist fest an die deine angewachsen, ich mag keine Worte machen, du weist daß ich von dir unzertrennlich bin und daß weder hohes noch tiefes mich zu scheiden vermag. Ich wollte daß es irgend ein Gelübde oder Sakrament gäbe, das mich dir auch sichtlich und gesezlich zu eigen machte, wie werth sollte es mir seyn. Und mein Noviziat war doch lang genug um sich zu bedencken. Adieu. Ich kan nicht mehr Sie schreiben wie ich eine ganze Zeit nicht du sagen konnte.

Der Bote verspricht beyzeiten in Weimar zu seyn. In zwey Tagen folg ich ihm. Wo möglich kriegst du noch einen Brief eh ich komme.

Noch etwas von meiner Reiseandacht. – Die Juden haben Schnüre mit denen sie die Arme beym Gebet umwickeln, so wickle ich dein holdes Band um den Arm wenn ich an dich mein Gebet richte, und deiner Güte Weisheit, Mäsigkeit und Geduld theilhafft zu werden wünsche. Ich bitte dich fusfällig vollende dein Werck, mache mich recht gut! du kannsts, nicht nur wenn du mich liebst, sondern deine Gewalt wird unendlich vermehrt wenn du glaubst daß ich dich liebe. Lebe wohl.

Ich hoffe immer daß du wohl seyst. Leb wohl. Mir fällt eins aufs andre ein. Leb wohl, ich kan nicht von dir kommen wenn nicht des Blätgens Ende wie zu Hause die Thüre mich von dir noch schiede.

d. 12. März Montags um halb 11 Nachts 81

G.

597

[Dienstag 13. März]

Heute früh vor sechsen ist der Bote ab mit der Antwort auf Ihr gestriges, wahrscheinlich kommt dieses durch den Husaren früher, vielleicht zugleich. Der Tag ist schön heiter ich wünscht mir ihn übermorgen so. Heute beym Erwachen hab ich schon meine Andacht zu Ihnen gerichtet, und verlange sehnlich Sie wiederzusehn.

Hier ist ein Brief von Lavatern an Knebel, er steht ganz von der Idee ab und kündigts ihm an. Durch Ihre Hand soll er die Nachricht seines Glücks erhalten, denn was wird dadurch nicht werther. Ich mögte Ihnen mein Leben, mich ganz hingeben um mich aus Ihren Händen mir selbst wieder zu empfangen. Es ist auch schon zum Teil so mit mir, und das ist was ich am liebsten an mir habe.

Der Herzog hat mir Ihren Brief den der Husar brachte, bis iezt vorenthalten, und schickt mir ihn in 10 übereinander gesiegelte Couverts eingeschlossen herauf. Ich hatte schon der Hoffnung entsagt etwas von Ihnen zu sehn.

Tausend Danck meine liebste.

Es ist wahr offt wünsch ich Ihnen selbst mehr Zeit der Sammlung, und mag doch nichts von dem Teil hergeben den ich Ihnen raube.

Also hoffte ich vergebens Sie und wenige auf den Freytag bey mir zu sehn, doch will mir Ihre Güte sich selbst behalten, ich nehms an weil ich glaube daß es kein Opfer ist, und nähm es auch vielleicht wenn es ein Opfer wäre. Adieu. Einen so schönen Morgen hoff ich bald mit Ihnen im Stern zuzubringen.

Heut früh fang ich zum erstenmal an einige Unruhe zu spüren und ein Verlangen wieder bald bey Ihnen zu seyn. Der Flus läuft sanft und sachte, ie näher er ans Wehr kommt ie geschwinder ziehts.

Grüsen Sie Knebeln und geniesen mit ihm die Erstlinge der Freude über seinen Gewinnst.

Steinen, die Waldnern Lingen und die Kleine grüsen Sie, auch die Werthern und Seckendorfen.

Frizzen nicht zu vergessen. Er hätte mir wohl einmal schreiben können. Tausendmal Adieu.

d. 13. März 81. früh 8te.

G.

598

[Weimar, Donnerstag 15. März?]

Mit grosem Verlangen bin ich bey Ihnen vorgeritten, und habe mein bestes nicht zu Hause angetroffen. Ich wollte zu Ihren Eltern weil ich doch zu Hause nichts zu Essen wusste, dann zog mich wieder ein Winck nach meinem Garten. Da bin ich in Erwartung zu hören wenn Sie nach Hause kommen.

G.

599

[Freitag 16. März]

Für das volle Kästgen schick ich Ihnen hier ein leeres zur schwarzen Kreide, und nur weniges von dem vielen guten. Eh ich meine Visiten antrete gegen 10 Uhr komm ich Sie zu sehn. Zu Mittag will ich nach Hof gehn und entbehre also mein Leib essen und mein Lieb essen. Ich habe mich recht wohl geschlafen und hoffe mit Mäsigkeit bald wieder auf den guten Weeg zu kommen. Adieu meine beste, meine immer nahe.

d. 16. März 81.

G.

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.