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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 6
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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40

[Sonntag 14. April]

Warum gabst du uns die Tiefen Blicke
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun.
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend seelig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns Schicksaal die Gefühle
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältniss auszuspähn.

Ach so viele tausend Menschen kennen
Dumpf sich treibend kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz,
Jauchzen wieder wenn der schnellen Freuden
Unerwarte Morgenröthe tagt.
Nur uns Armen liebevollen beyden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwancken auch in Traumgefahr.

Glücklich den ein leerer Traum beschäfftigt!
Glücklich dem die Ahndung eitel wär!
Jede Gegenwart und ieder Blick bekräfftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag was will das Schicksaal uns bereiten?
Sag wie band es uns so rein genau?
Ach du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Kanntest ieden Zug in meinem Wesen,
Spähtest wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit Einem Blicke lesen
Den so schweer ein sterblich Aug durchdringt.
Tropftest Mässigung dem heissen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf,
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergauckeltest ihm manchen Tag.
Welche Seeligkeit glich ienen Wonnestunden,
Da er danckbaar dir zu Füssen lag.
Fühlt sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut.

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, dass das Schicksaal das uns quälet
Uns doch nicht verändern mag.

d. 14. Apr. 76.

G.

41

Ich bin noch eben so ungewiss ob ich recht hatte zu gehen als ich gestern unentschlossen war. Nur ein einzig Wort ich bitte Sie. Wenn Sie wollen nur Ihren Nahmen auf ein Zettelgen dass ich nur was von ihnen sehe. Sie fühlen dass ich heute kommen muss.

G.

42

Warum soll ich dich plagen! Liebstes Geschöpf! – Warum mich betrügen und dich plagen und so fort. – Wir können einander nichts seyn und sind einander zu viel – Glaub mir wenn ich so klar wie Faden mit dir redte, du bist mit mir in allem einig. – Aber eben weil ich die Sachen nur seh wie sie sind, das macht mich rasend. Gute Nacht Engel und guten Morgen. Ich will dich nicht wiedersehn – Nur – du weisst alles – Ich hab mein Herz – Es ist alles dumm was ich sagen könnte. – Ich seh dich eben künftig wie man Sterne sieht! – denck das durch.

43

[Dienstag 16. April]

Der Herzog war die ganze Nacht ruhig, er schläfft noch halb neun wie es ist. Hier ist Lav[ater]. Wiel[and] sagte mir gestern wodurch ich Sie beleidigt hätte. Mir ists lieb das ich's weis – Sie thun mir Unrecht, ich weis dass ich's gesagt habe, erinnre mich aber nicht mehr auf was, wie mich dünckt war's in Wind, um was zu reden da oben herunter. – An Sie hab ich nicht gedacht, da wär's schändl. Adieu liebe Schwester weils denn so seyn soll. Haben Sie eine Ahndung mich heut zu sehen? Hier ist was für die Grasaffen! –

Wenn's Ihnen einmal so ist schreiben Sie mir doch mein Gedicht ab, ich hab's nicht mehr, möcht's von deiner Hand – sollst auch Ruh vor mir haben.

d. 16. Apr. 76.

G.

D[er] H[erzog] ist munter aufgewacht.

44

[Montag 22. April]

Biss iezzo hofft ich noch immer Sie zu sehen, und weis noch nicht wie Sie sich befinden. Hier ein Zeichen dass ich lebe, dass ich Sie liebe. Und immer Ihr voriger, gegenwärtiger, und zukünftiger bin.

d. 22. Apr.

G.

45

[Donnerstag 25. April]

Wahrscheinlicher Weise ess ich heut mit Ihnen, um Ein uhr bin ich da, so mich nicht ein Fluss oder ein Berg abhält. Liebe Frau gestern hatt ich einen guten Tag. Addio. Lenzens Eseley von gestern Nacht hat ein Lachfieber gegeben. Ich kann mich gar nicht erhohlen.

d. 25. Apr.

G.

46

[Mittwoch 1. Mai]

Heut will ich Sie nicht sehn. Ihre Gegenwart gestern hat so einen wunderbaaren Eindruck auf mich gemacht, dass ich nicht weis ob mir's wohl oder weh bey der Sache ist. Leben Sie wohl. Liebste Frau.

d. 1. May.

G.

47

[Denselben Abend]

d. 1. May abends. Du hast recht mich zum heiligen zu machen, das heisst mich von deinem Herzen zu entfernen. Dich so heilig du bist kann ich nicht zur heiligen machen, und hab nichts als mich immer zu quälen dass ich mich nicht quälen will. Siehst du die treffl. Wortspiele. Also auch Morgen. Gut, ich will dich nicht sehen! – Gute Nacht.

Hier auch eine Urne, wenn allenfalls einmal vom Heiligen nur Reliquien überbleiben sollten.

48

[Donnerstag 2. Mai]

Guten Morgen. Mir fiel's schweer l. Frau gestern mein Gelübde zu halten, und so wird mir's auch heut mit Ihrem Verlangen gehn. Doch da meine Liebe für Sie eine anhaltende Resignation ist, mag's denn so hingehn. Dencken Sie mein.

d. 2. May.

G.

49

Ilmenau, Sonnabend d. 4. Mai 76 Eilf uhr V. Mittag

Um diese Zeit sollt ich bey Ihnen seyn sollte mit bey Kalbs essen und sizze aufm Thüringer Wald wo man Feuer löscht und Spizbuben fängt, und bin, bey beydem entbehrlich aber doch da. Die Gegend wie die Kochberger! – Der Weeg hierher ganz herrlich – Und mir ist lieb dass ich weg bin. Ich weis nicht gestern früh! was es machte mir ward weh bey Ihnen – Nun weis ich nicht wann ich wiederkomme! Vielleicht Montag. Adieu Beste grüssen Sie mir Ihre Grasaffen, und auch den Grasaffen im Schatten. Und dencken Sie an mich und schreiben Sie mir was das sie mir geben wenn ich zurückkomme. Ade.

G.

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