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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 49
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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480

[Freitag 15. September]

Welcher Unsterblichen
Soll der höchste Preis seyn?

Mit keinem streit ich,
Aber ich geb ihn
Der ewig beweglichen
Immer neuen
Seltsamsten Tochter Jovis
Seinem Schooskinde
Der Phantasie.

Denn ihr hat er
Alle die Launen,
Die er sonst nur allein
Sich vorbehält,
Zugestanden
und hat seine Freude
An der Thörinn.

Sie mag rosenbekränzt
Mit dem Lilienstengel
Blütenthäler betreten,
Sommervögeln gebieten,
Und leichtnährenden Thau
Mit Bienenlippen
Von Blüten saugen

Oder sie mag
Mit fliegendem Haar
Und düstrem Blick
Im Winde sausen
Um Felsenwand.
Und tausendfärbig
Wie Morgen und Abend,
Immer wechselnd
Wie Mondesblicke
Den Sterblichen scheinen.

Lasst uns alle
Den Vater preisen,
Den alten, hohen
Der solch eine schöne
Unverwelckliche Gattin
Den sterblichen Menschen
Gesellen mögen.

Denn uns allein
Hat er sie verbunden
Mit Himmelsband
Und ihr geboten
In Freud und Elend
Als treue Gattin
Nicht zu entweichen.

Hingehen die armen
Andren Geschlechter
Der kinderreichen
Lebendigen Erde
In duncklem Genuss
Und trübem Leiden
Des augenblicklichen
Beschränckten Lebens
Gebeugt vom Joche
Der Nothdurft.

Uns aber hat er
Seine gewandteste
Verzärtelte Tochter,
Freut euch! Gegönnt.
Begegnet ihr lieblich
Wie einer Geliebten,
Lasst ihr die Würde
Der Frauen im Haus

Und dass die alte
Schwiegermutter Weisheit
Das zarte Seelgen
Ja nicht beleidge.

Doch kenn ich ihre Schwester
Die ältere, geseztere,
Meine stille Freundinn
O dass die erst
Mit dem Lichte des Lebens
Sich von mir wende
Die edle Treiberinn,
Trösterinn Hoffnung.

d. 15. Sept. 80.

Dieses zum Danck für Ihren Brief, und statt alles andern was ich von heut zu sagen hätte. Kaltennordheim.

G.

481

[Montag 18. September]

Heute geht mirs recht übel und es ist mir alles in den Weeg gekommen dass ich Ihnen nicht die Continuation meines mikroscopisch metaphisisch politischen Diarii durch diese Ochsenpost überschicken kann.

Nehmen Sie diesen unnumerirten herzlichen Grus bestes Gold und erhalten Sie mir Ihre Liebe.

Hierbey folgt eine leidliche Scizze unsres leidigen Aufenthalts den wir im Augenblicke verlassen.

Leben Sie wohl. Gott erhalte Sie. Ich habe nichts zu thun als die Verworrenheiten unsrer Diegos aus einander zu klauben – O Julie.

Kaltennordheim, d. 18ten S. 1780.

G.

482

[Ostheim, Montag 18. bis Donnerstag 21. September]

d. 18. Abends.

Nur dass ich im Zusammenhang bleibe eine gute Nacht. Wir sind in Ostheim unter viel Cärimonien angekommen, es hat sich alles ausgepuzt und in eine Reihe gestellt. Die Kinder sahen gar gut aus.

Ich habe einige Tage her pausirt im Schreiben, einmal weil ich zu wenig, und dann weil ich zu viel zu sagen hatte. Gott giebt mir zur Buse für meine eigne Sünden die Sünden andrer zu tragen. Und in meinem immer bewegten Zustand, beneid ich den der mich um etwas bittet und dem ich durch eine kleine Gefälligkeit seine Wünsche ausfüllen kan und selbst niemand habe der mir – doch ich will nicht ungerecht und undanckbar seyn. Gute Nacht Gold. Wäre ich mein eigner Herr heut früh gewesen, so hätt ich mich zum Ochsentreiber gesellt und hätte Ihnen die Thiere überbracht. Adieu.

d. 20. früh.

Gestern haben wir die Wiesenverbesserungen gesehen die Baty bey drey Dorfschafften besorgt hat. Er rührt sich recht, und wird noch vor Winters manches zu Stand bringen. Das schöne Wetter ist mit Wolcken und Nebeln auf einmal überzogen worden, die Berge brauen und es ist kein Heil mehr. Meine Natur schliesst sich wie eine Blume wenn die Sonne sich wegwendet.

d. 21ten.

Ihr liebes Blat vom 12ten bis zum 16ten empfang ich heut. Morgen gehts auf Meinungen, wo sich denn das Theater verändern wird. Lang kans auch nicht währen und hernach hab ich nur Einen Plan dessen Ansicht mich beschäfftigt und vergnügt. Der Steine von Thüringen hab ich nun satt, das vorzüglichste kenn ich und das übrige lässt sich schliesen oder von andren hören.

In bürgerlichen Dingen, wo alles in einer gemessnen Ordnung geht, lässt sich weder das Gute sonderlich beschleunigen noch ein oder das andre Übel herausheben, sie müssen zusammen wie schwarz und weise Schaafe Einer Heerde unter einander zum Stalle herein und hinaus. Und was sich noch thun liese, da mangelts an Menschen, an neuen Menschen, die doch aber gleich auf der Stelle ohne Misgriff das gehörige thäten.

Mit der Nürnberger Reise ists nichts, die Herzoginn geht mit Oesern nach Manheim. Also seh ich Sie bald wieder. Ich sehne mich nach Hause wie ein Krancker nach dem Bette. Wenn die Wolcken über der Erde liegen sehnt man sich nicht hinaus.

Ich mögte iezt etwas recht artigs für Sie und Ihre Misels haben! Nichts fremdes ist eingelaufen, und heute stockts in meinem eignen.

Abends.

Da ich zu Wercke ging Ihnen und Ihren Misels ein hübsch neu Lied auf zu schreiben, kam der Herzog, und wir stiegen, ohne Teufel oder Söhne Gottes zu seyn, auf hohe Berge, und die Zinne des Tempels, da zu schauen die Reiche der Welt und ihre Mühseeligkeit und die Gefahr sich mit einemmal herabzustürzen. Nachdem wir uns denn ganz bedächtlich entschlossen Stufenweis von der Höhe herabzusteigen und zu übernehmen was Menschen zugeschrieben ist, gingen wir noch in den anmutigen Spaziergängen heroischer Beyspiele und geheimnissvoller Warnungen herum, und wurden von einer solchen Verklärung umgeben dass die vergangene und zukünftige Noth des Lebens, und seine Mühe wie Schlacken uns zu Füssen lag, und wir, im noch irrdischem Gewand, schon die Leichtigkeit künftiger seeliger Befiederung, durch die noch stumpfen Kiele unsrer Fittige spürten.

Hiermit nehm ich von Ihnen Abschied, und möchte gern in den feuchtlichen Gängen um Ihre Fenster heut Abend erscheinen. Der Recktor bringt eine Serenade, das Volck iauchzt über seines Landesherrn Gegenwart, und alle alte Übel werden, wie die Schmerzen eines Gichtischen nach einer Debauche, in unzählichen Supplicken lebendig.


Hier wieder eine Lücke die durch ein langes Gespräch mit dem Herzog verursacht wurde das so lebhafft und luminos war als das vorige. Worinn einiger guten Wercke Rechenschafft gegeben, und ein neues zu stande gebracht wurde, und so ein fröhliges Ende eines sonst elenden Tags.

Gute Nacht Gold ich möchte im dreyfachen Feuer geläutert werden um Ihrer Liebe werth zu seyn. Doch nehmen Sie die Statue aus korinthischem Erz, wie der Engel Ithruriel, um der Form willen an. Denn es kan Sie ein bessrer nicht besser lieben.

Grüsen Sie was um Sie artig ist. Lingen verliert etwas dass dieses Blat No. 12 nicht mit Versen angefüllt ist, es war ihr verschiednes zugedacht, womit sie ihr Kopfküssen hätte parfümiren können.

Grüsen Sie Carlen und die andern.

Dies Blat geht über Ilmenau. Adieu.

G. il penseroso fedele.

483

[Mittwoch 20. September]

Nur einen guten Morgen mit diesem Boten, Ich war diese Zeit nicht fleisig, meine numerirten Blätter sind nur angefangen, und so mag ich sie nicht fortschicken. Wir gehn übermorgen nach Meiningen, und weis Gott wohin wir alsdenn auseinander geschlagen werden. Addio.

d. 20. Sept. Ostheim.

G.

484

Meiningen [Sonntag,] d. 24. Sept. 80.

Seit dem ich hier bin macht mein Schreiben eine Pause. Es lässt sich nicht so wie von Felsen und Wäldern sogleich sagen, wie man mit Menschen dran ist, und besser man wiederholt sich nicht ieden Eindruck, sondern lässts eine Weile fortgehen. Wir wären sehr undanckbaar, wenn wir uns hier nicht gefallen sollten, man ist im möglichsten verbindl. und die Unterhaltung ist mancherley.

Die ersten Paar Tage sind mir sauer geworden, weil ich weder Leichtigkeit noch Offenheit habe mit den Menschen sogleich zu leben, iezt aber gehts besser. Es ist mir auch ein Unglück, ich habe gar keine Sprache für die Menschen wenn ich nicht eine Weile mit ihnen bin.

Adieu. Grüsen Sie was um Sie ist.

Stein ist nach Hildburghausen um zu condoliren der Herzog ist todt wie Sie wissen werden. Adieu Beste, hier schick ich Ihnen den Unsinn eines Menschen. Adieu.

G.

485

[Weimar, Dienstag 10. bis Donnerstag 12. Oktober]

den 10. Okbr. Abends. Dass sich doch Zustände des Lebens wie Wachen und Traum gegen einander verhalten können!

Was Sie mir heut früh zulezt sagten hat mich sehr geschmerzt, und wäre der Herzog nicht den Berg mit hinauf gegangen, ich hätte mich recht satt geweint. Auf ein Übel häuft sich alles zusammen! Ja es ist eine Wuth gegen sein eigen Fleisch wenn der Unglückliche sich Lufft zu machen sucht dadurch dass er sein Liebstes beleidigt. Und wenns nur noch in Anfällen von Laune wäre und ich mirs bewusst seyn könnte; aber so bin ich bey meinen tausend Gedancken wieder zum Kinde herabgesezt, unbekannt mit dem Augenblick, dunckel über mich selbst, indem ich die Zustände der andern wie mit einem hellfressenden Feuer verzehre.

Ich werde mich nicht zufrieden geben biss sie mir eine wörtliche Rechnung des Vergangnen vorgelegt haben, und für die Zukunft in Sich einen so schwesterlichen Sinn zu überreden bemühen, der auch von so etwas gar nicht getroffen werden kan. Ich müsste Sie sonst in den Momenten meiden wo ich Sie am nötigsten habe. Mir kommts entsezlich vor die besten Stunden des Lebens, die Augenblicke des Zusammenseyns verderben zu müssen, mit Ihnen, da ich mir gern iedes Haar einzeln vom Kopf zöge wenn ich's in eine Gefälligkeit verwandlen könnte, und dann so blind, so verstockt zu seyn. Haben Sie Mitleiden mit mir. Das alles kam zu dem Zustand meiner Seele darinn es aussah wie in einem Pandämonium von unsichtbaaren Geistern angefüllt, das dem Zuschauer, so bang es ihm drinn würde, doch nur ein unendlich leeres Gewölbe darstellte.

Nachdem ich alles durchkrochen, |: das Thal hatte mich sehr freundlich empfangen :| nachdem ich die neuen Weege fertig und sehr schön, und mancherley zu thun gefunden, durch die Bewegung selbst, ward mirs viel besser.

Hier ist das Lexikon wieder, es soll Ihre. Mein Seidel hat übereilt meinen Nahmen hineingeschrieben, ich dencke dass es drum nicht weniger Ihre gehören kan.

Schicken Sie mir Wasers Ende, und den Schreibtisch Schlüssel. In Belveder ist man artig und das Prinzessgen gar allerliebst.

d. 11. Nachts.

Knebel, hofft ich, sollte mir etwas von Ihnen mitbringen, sonst hätt ich meinen Boten schon heute fortgeschickt. Nun nicht eine Zeile, nicht ein welckes Blat, nichts was Ihnen nichts gekostet hätte.

Er hat mit mir gegessen, die Schrötern auch, wir haben in Steinen gelebt und zulezt war der Mondschein sehr schön. Das Thal ist liebreich die Blätter fallen einzeln, und jedes wechselt noch erst zum Abschied die Farbe.

Gute Nacht, meine beste. Ach man weis nicht was man hat, wenn man gute Nacht mit Hand und Mund sagen kan.

d. 12ten früh 6. Guten Morgen! Mein Bote geht. Vielleicht hör ich heute noch etwas von Ihnen. Grüsen Sie Lingen und geben ihr innliegendes. Adieu. Adieu. Auch Steinen in seinem Laboratorio. und Frizzen.

486

[Donnerstag 12. bis Sonntag 15. Oktober]

d. 12. Octbr. 80 Nachts. Mein Vergnügen vor Schlafengehn ist zu dencken dass meine Botin glücklich bey Ihnen angelangt seyn wird. Gute Nacht beste. Der Herzog ist wohl in Belvedere und hat mir etwas hoff ich von Ihnen mitgebracht.

d. 13. Nachts. durch die Botin und Steinen Hab ich etwas von Ihnen, nun bin ich still und vergnügt wenn Sie mir etwas sagen.

Es ist wunderbaar und doch ists so, dass ich eifersüchtig und dummsinnig bin wie ein kleiner Junge wenn Sie andern freundlich begegnen. Gute Nacht Gold. Seit denen Paar Tagen bin ich noch nicht zur Ruhe gekommen als schlafend, das ist mir aber am gesundsten.

Um Mitternacht vom Sonnabend auf den Sonntag. Ihr Bote war wieder weg als ich Ihr Zettelgen erhielt. Wenn die Sonne wieder aufgegangen ist schick ich Ihnen meine Alte. Seit heut früh um sechs hab ich nicht Ruhe gehabt und noch nicht. Wenn man nur nicht zu schlafen brauchte und immer ein Interessantes dem andren folgte! Ich bin wie eine Kugel die rikochet aufschlägt.

Der Mond ist unendlich schön, Ich bin durch die neuen Wege gelaufen da sieht die Nacht himmlisch drein. Die Elfen sangen.

Um Mitternacht wenn die Menschen erst schlafen
Dann scheinet uns der Mond
Dann leuchtet uns der Stern,
Wir wandlen und singen
Und tanzen erst gern.

Um Mitternacht
Wenn die Menschen erst schlafen
Auf Wiesen an den Erlen
Wir suchen unsern Raum
Und wandlen und singen
Und tanzen einen Traum.

Gute Nacht. Meine Feder lauft zu schläfrig.

Sonntags früh. Sie erhalten schöne Trauben, dagegen sagen Sie mir dass Sie Sich wohl befinden und mich lieben. Gestern ist alles von Belvedere herein. Heute gehts nach Hof. Grüsen Sie Lingen und geben ihr einige süse Beeren in meinem Nahmen. Grüsen Sie Frizzen hier sind ein Paar Bücher, ich weis nicht ob sie ihn unterhalten werden. ich will was bessers suchen.

Schicken Sie mir das Waserische.

Knebel ist recht gut.

Glück zum schönen Wetter!

G.

487

[Freitag 20. Oktober]

Dancke für alles aufs beste.

Im Begriff nach Mühlhausen zu fahren, wo Mephistopheles Merck hinkommt schick ich noch zwey Fasanen von der gestrigen Jagd.

Nunmehr werd ich Sie recht bitten bald herein zu kommen es ist Zeit in allem Sinne. Helfen Sie uns leben, Theilen Sie Ihre Zeit mit uns.

Adieu grüsen Sie Lingen, das kühle Feuer leuchtet gar schön. Ich habs Nachts um mein Bett gestellt.

Adieu, Sonntag Abends bin ich wohl wieder da lassen Sie mich etwas von Ihnen finden, und kommen Sie ia bald.

d. 20. Okbr. 80.

Eben kommt die Herzoginn.

488

[Mittwoch 25. Oktober]

Wir hören dass Sie nicht wohl sind, und es vermehrt diese Nachricht iedes Uebel an dem wir kranck liegen, sagen Sie uns nur ein Wort, wir brauchen Trost.

Hier leben die Menschen mit einander wie Erbsen in einem Sacke, sie reiben und drücken sich, es kommt aber nichts weiter dabey heraus, am wenigsten eine Verbindung. Knebel ist sehr gut.

Gestern ward Robert und Kalliste gespielt, lassen Sie Ihre Correspondentinnen drüber sprechen.

Hier schick ich Süsigkeiten, sonst fehlt mirs an allem ausser an Gedancken.

Stein wird erst auf eine Pferdeiagd ausgehn wie ich höre, und dann erst zu Ihnen, dann wird noch eine Weile draussen gekramt werden und so kommen Sie immer nicht. Es wäre doch besser für Sie und uns.

Dass Lingen neulich meine Trauben süs schmeckten, ist kein Wunder, sie sind durch dreyer Verliebten Hände gegangen eh sie zu ihrem Munde kamen.

Grüsen Sie Frizzen.

Mit dem Rahmen haben Sie vergessen mir die Kupfer zu schikken, ich kan nicht fortfahren.

Adieu beste behalten Sie mich lieb. Mein Vater ist sehr kranck. Mit Mercken hab ich einen sehr guten Tag und ein Paar Nächte verlebt. Doch macht mir der Drache immer bös Blut, es geht mir wie Psychen da sie ihre Schwestern wiedersah.

Der Herzog ist recht vergnügt rasch und wohl, das ist das beste in der ganzen Sache. Dencken Sie doch an das was wir wegen der Herzoginn Badreise gesprochen haben.

Ich habe den Mädgen Bodens Stück zu lesen gegeben, die wollen ihm die Augen auskrazzen, dass er ihnen solche Masken zu denckt. Es ist doch unerhört! So ein Mangel an Beurtheilung.

Grüsen Sie Lingen. Gott erhalte Sie. Addio.

d. 25. Oktbr. 80.

G.

489

[Sonntag 29. Oktober]

Um diese Stunde hofft ich bey Ihnen zu seyn. Knebel ist allein weg weil mein alter Beruf mich hält. Ich will heute den Tag in Tiefurt zubringen, es sind gewisse Dinge in Gährung denen Lufft muss gemacht werden. Knebel ist gar brav, und wenn er beharrt, kan er uns unendlich nuzzen, gebe Gott sein Gedeihen dazu. Die Mittlerschafft kleidet ihn gar gut, er sieht alles reiner und würckt nur zu wahren Zwecken.

Ich weis nicht warum, aber mir scheint Sie haben mir noch nicht verziehen. Ob ich Vergebung verdiene weis ich nicht, Mitleiden gewiss.

So gehts aber dem der still vor sich leidet, und durch Klagen weder die seinigen ängstigen noch sich erweichen mag, wenn er endlich aus gedrängter Seele Eli, Eli, lama asabthani ruft, spricht das Volck, du hast andern geholfen hilf dir selber, und die besten übersezzens falsch und glauben er rufe dem Elias.

Nur keine Gedanckenstriche in Ihren Briefen mehr, Sie können versichert seyn dass ich sie immer mit dem schlimmsten ausfülle. Wenn Sie wiederkommen werden Sie mir doch die Geschichte vertrauen, dagegen hab ich Ihnen auch eine wunderbaare Catastrophe zu entdecken, die Sie wissen müssen. Ich dencke der Baum unsrer Verwand- und Freundschafft ist lange genug gepflanzt und fest genug gewurzelt dass er von den Unbilden der Jahrszeit und der Witterungen nichts mehr zu besorgen hat.

Die Kupfer hab ich nicht erhalten.

Die Zusammenkunft mit Merck hat mir geschadet und genüzt, das lässt sich in dieser Welt nicht trennen.

Lingen soll keine Verse mehr von mir kriegen, noch mehr Freundlichkeit als die allgemeine Höflichkeit erlaubt. Glauben Sie mir die Menschen die sich um uns bekümmern thätens nicht wenn sie mit sich selbst was bessers anfangen könnten. Wenigstens thäten sie's anders.

Sagen Sie mir doch wenn Sie kommen.

Man mögte Robert und Kalliste gerne wieder sehn, und ich mögts nicht gerne geben lassen biss Sie wieder da sind, denn eine dritte Vorstellung folgt nicht sobald.

Adieu. Grüsen Sie Lingen und Frizzen. Auch Knebeln der wohl noch bey Ihnen ist.

Weimar d. 29. Oktbr. 80.

G.

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