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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 4
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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20

[Freitag 23. Februar]

Wie ruhig und leicht ich geschlafen habe, wie glücklich ich aufgestanden bin und die schöne Sonne gegrüst habe das erstemal seit vierzehn Tagen mit freyem Herzen, und wie voll Dancks gegen dich Engel des Himmels dem ich das schuldig bin. Ich muss dir's sagen du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in's Herz gab die mich glücklich macht. Nicht eher als auf der Redoute seh ich dich wieder! Wenn ich meinem Herzen gefolgt hätte – Nein will brav seyn – Ich liege zu deinen Füssen ich küsse deine Hände.

d. 23. Febr. 1776.

G.

21

[Sonnabend 24. Februar]

Ich musste fort aber du sollst doch noch eine gute Nacht haben. Du Einzige die ich so lieben kann ohne dass mich's plagt – Und doch leb ich immer halb in Furcht – Nun mag's. All mein Vertrauen hast du, und sollst so Gott will auch nach und nach all meine Vertraulichkeit haben. O hätte meine Schwester einen Bruder irgend wie ich an dir eine Schwester habe. Denck an mich und drück deine Hand an die Lippen, denn du wirst Gusteln seine Ungezogenheiten nicht abgewöhnen, die werden nur mit seiner Unruhe und Liebe im Grab enden. Gute Nacht. Ich habe nun wieder auf der ganzen Redoute nur deine Augen gesehn – Und da ist mir die Mücke um's Licht eingefallen. Ade! Wunderbaar gehts in mir seit dem gestrigen lesen. Morgen zu Pferd.

Febr. d. 23. Nachts halb 1 Uhr.

22

Wenn heute Abend iemand zu Haus ist, so komm ich, les den Kindern ein Mährgen, Esse mit euch und ruhe an deinen Augen von mancherley aus. Indess Adieu liebe.

23

[Erfurt, Montag 4. März]

Ich bitte dich doch Engel komm ia mit auf Ettersburg. Du sollst mir da mit einem Ring ins Fenster, oder Beistifft an die Wand ein Zeichen machen dass du da warst – du einziges weibliches was ich noch in der Gegend liebe, und du einziges das mir glückwünschen würde wenn ich was lieber haben könnte als dich. – Wie glücklich müsst ich da seyn! – oder wie unglücklich! Adieu! – komm! und lass nur niemand meine Briefe sehen – Nur – NB. – das NB. will ich dir mündlich sagen weils zu sagen eigentlich unnötig ist – Ade Engel – Montag d. 4. Merz 76. Erfurth.

G.

24

[Weimar]

Hier durch Schnee und Frost eine Blume. Wie durch das Eis und Sturmwetter des Lebens meine Liebe. Vielleicht komm ich heute. Ich bin wohl und ruhig, und meyne ich hätte sie um viel lieber als sonst, das doch immer nur ieden Tag meist so vorkommt.

G.

25

[Sonntag 17. März]

Wenn's Ihnen so ums Herz wäre wie mir, und sonst nichts entgegenstünde; so käm ich heut mit Ihnen zu essen. Ich hab bey Hofe abgesagt denn auf's gute Leben das ich wieder gestern im Wasser getrieben habe mag ich daoben nicht im Sande herumdürsten. Wie stehts sonst. Ein Wort Antwort, liebe theure Frau. Die paar Tage die wir noch beysammen sind wollen wir wenigstens geniessen.

d. 17. Merz 76.

G.

26

[Dienstag 19. März]

Ich muss Ihnen noch ein Wort sagen liebe Frau, ich bin heute Nacht kranck worden und zwar toll, habe mich wieder zusammen genommen. Muss aber noch hier bleiben, bin zu Wielanden geflüchtet weil ich ganz allein zu Hause wär. Wollte heut zu Ihnen Hufland verbietet mir auszugehn. Ade. Nur eine Zeile von Ihrer Hand. Gute Nacht Engel. Friz war bey uns den hab ich viel geküsst. Ade.

d. 19. März 1776.

G.

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[Mittwoch 20. März]

Sie irrten sich Engel. Unter allem was mir auf Erden schädlich und tödlich seyn könnte ist Aergerniss das lezte. An Stoff dazu fehlts freylich niemals, nur verarbeit ich ihn nicht. Wie befinden Sie Sich beste Frau, Heute war ich schon weit von Ihnen ohne den Zufall, und der ist mir auch lieb in dem Augenblick weil ich Ihnen noch nah bin – Lassens Sie's gut seyn, weil ich doch nun einmal die Schwachheit für die Weiber haben muss, will ich sie lieber für Sie haben als für eine andre. Adieu Engel.

Mittw. d. 20. Merz 76.

G.

28

[Mittwoch 20. März]

Dass doch Worte einen um das bringen müssen was man am sehnlichsten wünscht! Ich sagte heut zu mir wenn sie wohl wäre, sie käme vielleicht! Nachher redt ich mir auch das aus, und sezt mich gelassen ans Klavier. – Nun denn liebe Frau was Sie thun ist mir recht. Denn mir ists genug dass ich Sie so lieb haben kann, und das übrige mag seinen Weeg gehen. Dass ich von meiner Gesundheit nichts schrieb merckt ich da das Billet wegging. Natürlich wars, aber so natürlich dass Sie's unnatürlich auslegen mussten. Dancke für die Aepfel. Ich hätte heute doch noch ein Billet von Ihnen erzwungen Ade. d. 20. Merz 76.

G.

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[Sonntag 24. März oder Anfang Mai]

Es ist mir lieb dass ich wegkomme, mich von Ihnen zu entwöhnen. Hier haben Sie die Briefe wieder und ein Paar neue dazu. Ich wollt in meinem Herzen wärs so hell da, dass ich gleich der göttlichen Thusnelda, Sie zu lachen machen könnte. Aber all meine Thorheit und all mein Wiz sind, Gott weis wohin! – Ich nehme den Homer mit und will sehn was der an mir thut. Treiben Sie brav dass der Westindier gelernt wird, ich will auch lernen! – Ah von oben biss unten nichts als gute Vorsäze, klingts doch fast als wär ich ein iunger Herzog. Geduld liebe Frau, ach und ein bissgen Wärme wenn Sie an Ihren Gustel dencken es verschlägt Sie ja nichts – doch ich habe mich nicht zu beklagen Sie sind so lieb als Sie seyn dürfen um mich nicht zu plagen. Sie könnten den einfältigen Vers: O Freundschafft, Quell erhabner pp. hier anbringen. Passte aber doch nicht ganz und sagt im Grunde nichts. Adieu.

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