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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 38
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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1780

362

[Darmstadt, Sonnabend 1. und Homburg, Montag 3. Januar]

Darmstadt d. 1 Jan. 1800.

Seitdem wir uns an den Höfen herumtreiben und in der sogenannten grosen Welt hin und her fahren ist kein Seegen für die Correspondenz. Das schöne Jahr haben wir in Dieburg mit kleinen Spielen angefangen, wo Diedens der Stadthalter seine Schwägerinn, Graf Nesselrodt zusammen waren. heut sind wir wieder hier, morgen in Homburg, Dienstag wieder hier, wo die Erbprinzess das Melodrama geben wird. Seit einigen Tagen hat eine herrliche Kälte Himmel und Erde aufgeklärt. Der Herzog ist munter und erkennt sich nach und nach im alten Elemente wieder, beträgt sich vortrefflich, und macht köstliche Anmerkungen. Von mir kan ich das nicht rühmen ich stehe von der ganzen Nation ein für allemal ab, und alle Gemeinschafft die man erzwingen will, macht was halbes, indess führ ich mich so leidlich auf als möglich. Hier gefällt mir die Pr[inzess] Charlotte, |: der verwünschte Nahme verfolgt mich überall :| doch hab ich auch nichts mit ihr zu schaffen aber ich seh sie gerne an, und dazu sind ia die Prinzessinnen.

Wenn Sie iezt von dieser Welt wären könnt ich mit einer schönen Anzahl Schilderungen aufwarten coll amore dell odio gezeichnet. Es ist unglaublich was der Umgang mit Menschen die nicht unser sind den armen Reisenden abzehrt, ich spühre iezt manchmal kaum dass ich in der Schweiz war. Adieu und Glückliches neues Jahr. Ich muss aufhören meine Feder ist zu elend und in einem Schloss ist wie sie wissen nichts zu haben.

Homburg d. 3 Jan.

So ziehen wir an den Höfen herum, frieren und langeweilen, essen schlecht und trincken noch schlechter. Hier iammern einen die Leute, sie fühlen wie es bey ihnen aussieht und ein fremder macht ihnen bang. Sie sind schlecht eingerichtet, und haben meist Schöpse und Lumpen um sich. Ins Feld kan man nicht, und unterm Dach ist wenig Lust. Ihren Br. vom 27 Dez erhielt ich gestern, schreiben Sie mir nun ich bitte nach Eisenach bey Streibern abzugeben. Wir sind übrigens sehr wohl, die Bewegung, die frische Lufft thun das ihrige und die Sorglosigkeit ist eine nährende Tugend.

Hab ich Ihnen schon geschrieben, dass ich unterweegs eine Operette gemacht habe? Die Scene ist in der Schweiz, es sind aber und bleiben Leute aus meiner Fabrick. Kayser soll sie komponiren und wenn ers trifft, wird sich s gut spielen lassen es ist eingerichtet dass es sich in der Ferne, bey Licht gut ausnimmt.

Den sogenannten Weltleuten such ich nun abzupassen worinn es ihnen denn eigentl. sizt? Was sie guten Ton heisen? Worum sich ihre Ideen drehen, und was sie wollen? und wo ihr Creisgen sich zuschließt? Wenn ich sie einmal in der Tasche habe werd ich auch dieses als Drama verkehren. Interessante Personae dramatis wären.

Ein Erbprinz
Ein abgedanckter Minister
Eine Hofdame
Ein apanagirter Prinz
Eine zu verheurathende Prinzess
Eine reiche und schöne Dame
Eine dito hässlich und arm.
Ein Hofkavalier der nie etwas anders als seine Besoldung gehabt hat.
Ein Cavalier auf seinen Gütern der als Freund vom Haus bey Hofe tracktirt wird.
Ein Aventurier in französchen Diensten eigentlicher: in französcher Uniform.
Ein Chargé d'affaires bürgerlich.
Ein Musickus, Virtuoso Komponist beyher Poete.
Ein alter Bedienter der mehr zu sagen hat als die meisten.
Ein Leibmedikus
Einige Jäger, Lumpen, Cammerdiener und pp.

Diese Nachricht bitte als ein Geheimniss zu verwahren denn ob es gleich nicht viel gesagt ist so könnte mir doch ein andrer den Braten vorm Maul wegnehmen. Adieu beste. In Eisenach find ich was von Ihnen. Bald wirds von uns nicht mehr heissen sie kommen sondern sie sind da.

363

[Weimar, Mitte Januar]

Ich schicke Ihnen was ich von alten Krizzeleien von Franckfurt mitgebracht. Ein Kupfer nach Raphael, und einen Epheu der in den Zeitungen steht und bitte mich zu Gaste.

G.

364

[Mittwoch 19. Januar]

Die Ungeschicklichkeit des Glücks zu ersezen

d. 19. Jan. 80

G.

365

[Montag 24. Januar?]

Ich danke l. Engel für die Vorsorge. Hierhausen bin ich soweit ganz gut, hab auch alles beysammen. Der Kopf ist mir nur gar sehr eingenommen ich darf nicht einmal Bilder sehen. Wenn Sie etwa mit einigen guten Freunden gegen Abend zu mir kommen wollten, die Stunden werden mir immer am sauersten. Adieu.

366

[Mittwoch 2. Februar]

Sehen Sie das Portrait des Menschen der wenn er bey uns wäre verlangen würde, dass Sie ihn lieber haben sollten als mich. Die Wittrung von Frühlingslufft hat mich heut früh recht lebendig gemacht, ich bin im Garten herumgesprungen, meine Bäume besehen, habe mich der Zeiten erinnert da ich sie pflanzte und wie nun die gewünschten und gehofften Zeiten da sind, wo sie gedeyen, gefühlt. Gebe uns der Himel den Genuss davon, und stäube allen Ackten und Hofstaub um uns weg. Adieu liebste. Ich möchte gern heut nicht mit Ihnen essen, es wird aber doch wohl nicht anders werden.

d. 2 Febr. 1779

G.

367

Ich schicke meine neu angekommne Zeichnungen dass etwas von mir zu ihnen gehe und bey Ihnen bleibe bis ich komme. Ich lauffe spazieren, sie sehen es ist das schönste erste Wetter.

G.

368

Sie wären gar allerliebst wenn Sie bey noch hoher Sonne eine Spazierfahrt machten und mich im Vorbeyfahren mitnähmen. Sind Sie aber verhindert so bitten Sie Steinen mir balde einen Wagen zu schicken der Herzog hats erlaubt.

G.

369

[Sonntag 6. Februar]

Wie gehts Ihnen heute und was fangen Sie an. Gestern Abend hätt ich Sie gerne besucht, ich musste aber hin wo die Kutsche hinwollte. Es ist mir gar leidlich. Gestern Trieb ich s schon wieder ein bissgen zu arg, hörte das Alex[ander] Fest und schwazzte zu viel bey der Herzoginn und erzählte, dass mirs gegen Abend nicht ganz recht war. Gehn Sie heut nach Hof?

d. 6. Febr. 79.

G.

Schicken Sie mir doch das Stückgen Reisebeschr[eibung] vom Münsterthal, Lac de Joux, und Savoyen! Ich schreibe am Wallis.

370

In Ermanglung des Wassers das tanzt und der Aepfel die singen, oder was sonst den Damen Vergnügen machen könnte schick ich einige Blumen ausser der Jahrszeit, und wünsche offt den Packat und immer ihn zu solviren oder was sonst das Spiel wünschenswerthes mit sich bringt.

G.

371

[Mittwoch 9. Februar]

Morgen m. beste. Haben Sie Sich wohl erlustigt, haben Sie ein angenehmes Tarock gespielt und bey irgend einem Thiere mein gedacht?

d. 9 ten Febr. 80.

G.

372

[Donnerstag 10. Februar]

Hier den gewöhnlichen Morgen tribut! zu Mittage seh ich Sie in Tiefurt!

G.

373

[Freitag 18. Februar?]

Fahren Sie wohl. Ich kanns doch nicht lassen und folg ihnen nach Tiefurth.

G.

374

[Donnerstag 24. Februar?]

Ich bin zwar wieder kranck will aber doch fahren. Sagen Sie obs noch ist und wan Und lassen Sie mir Hauptmanns Schliten bestellen† ich bitte. denn es ist so weit. Er mag nur bereit seyn ich will ihn hohlen lassen.

† und Vorreuter.

375

[Dienstag 29. Februar]

Der Sturm hat mich die Nacht nicht schlafen lassen, das Treiben der Wolcken ist aber iezt gar schön. Die Zeichnung steht oben beym Herzog, ich bin nicht weit mit der meinigen gekommen. Wenn Sie zeichnen wollen; so lassen Sie das Original nur holen, sonst lassen Sie mirs noch heute.

d. 29. Febr. 1780.

G.

376

[Dienstag 29. Februar]

Es ist sehr artig dass wir unsre alten Meubles wechseln, ich dancke fürs überschickte. Gestern hätt ich wohl mitgehn können der Schlaf überwältigte mich als ich nach Haus kam und konnte nichts mehr thun. Vielleicht locken Sie mich durch den Regen nach Tiefurt. Adieu meine liebste beste.

d. 29. Febr. 80.

G.

377

[Donnerstag 2, März]

Diese aufblühende Blume wird die schönste Amarillis genant, stellen Sie Sie an das Fenster es wird nicht lange so zeigt sie sich. Sagen Sie mir wie Sie Sich befinde.

d. 2. Marz 80.

G.

378

[Sonnabend 4. März]

Hier schick ich Stahl den man zur Abwechslung statt der Juwelen in die Haare zu stecken pflegt. Wie ist Ihnen das gestrige Fest bekommen? Mir sehr wohl.

d. 4. März 80.

G.

379

[Sonnabend 4. März?]

Ich dancke Ihnen dass Sie mir Frizzens Angesicht haben sehen Lassen. Diesen Mittags hab ich Misels und der Probstin Bruder von Leipzig. Die Landschafft die ich schicke, schencken Sie mir wieder, denn ich muss sie der Herzoginn geben, und sie ist doch für Sie gezeichnet.

G.

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