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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 31
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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1779

294

[Weimar, Freitag 1. Januar]

Friz hat mich vor vieren geweckt und das neue Jahr herbeygegackelt. Auch ein glücklichs neues Jahr liebste, und Zuckerbrodt. Friz will wieder fort. Wollen Sie mich heut zu Tische?

79.

G.

295

[Sonnabend 2. Januar]

Mit dem aufgehenden Mond hab ich mein ganz Revier umgangen, Es friert starck. Einige Anblicke waren ganz unendlich schön, ich wünschte Sie Ihnen vors Fenster. Schicken Sie mir den leeren Rahm wo der geschnizte goldne Stab dran ist. er passt auch über das Stückgen von Oberweimar. Adieu liebe.

d. 2. Jan. 79.

G.

296

[Sonntag 3. Januar?]

Noch einen guten Morgen und Ade! Gestern Nacht wars herrlich um's dampfende Wasser im Mondschein. Heute noch herrlicher nur unendlich kalt. Dencken Sie mein Addio bestes.

G.

297

[Sonnabend 9. Januar]

Einen guten Morgen von Ihrem stummen Nachbaar. Das Schweigen ist so schön dass ich wünschte es Jahre lang halten zu dürfen. Etwas von meiner Jagd kommt mit, und ich heute Mittag wenn Sie mich wollen.

d. 9. Jan. 7.

G.

298

[Donnerstag 14. Januar]

Dancke lieber Engel für das überschickte. Geben Sie innliegendes an Ernsten. Und guten Tag.

d. 14. Jan. 79

299

Ich schicke Ihnen noch ein Frühstück. Danck l. Engel für Frizzen. Ich habe viel zu kramen.

G.

300

[Montag 8. Februar]

Gute Nacht allerliebste. Ich muss mich wieder an meine Wohnung gewöhnen. Eigentlich käm ich lieber zu Ihnen. Schicken Sie mir ein bisgen zu Essen

d. 8. Febr. 79.

G.

301

[Sonntag 14. Februar]

Mit einer guten Nacht, schick ich noch zwey aufkeimende Blumen. Von unserm Morgen werden Ihnen die Gras und Wasser Affen erzählt haben. Den ganzen Tag brüt ich über Iphigenien dass mir der Kopf ganz wüst ist, ob ich gleich zur schönen Vorbereitung lezte Nacht zehn Stunden geschlafen habe. So ganz ohne Sammlung, nur den einen Fus im Steigriemen des Dichter Hippogryphs, wills sehr schweer seyn etwas zu bringen das nicht ganz mit Glanzleinwand Lumpen gekleidet sey. Gute Nacht Liebste. Musick hab ich mir kommen lassen die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden.

d. 14. Febr.

G.

302

[Montag 22. Februar]

Meine Seele löst sich nach und nach durch die lieblichen Töne aus den Banden der Protokolle und Ackten. Ein Quatro neben in der grünen Stube, sizz ich und rufe die fernen Gestalten leise herüber. Eine Scene soll sich heut absondern denck ich, drum komm ich schwerlich. Gute Nacht. Einen gar guten Brief von meiner Mutter hab ich kriegt.

d. 22. F. Abend.

G.

303

[Mittwoch 24. Februar?]

Das mir zugedachte Abendbrod hab ich in Ihrer Stube verzehrt, hab auch an meiner Iph[igenie] einiges geschrieben, und hoffe immer mehr damit zu Stande zu kommen. Gute Nacht. Liebste.

G.

304

[Jena, Montag 1. März]

Mit meiner Menschenglauberey bin ich hier fertig und haben mit den alten Soldaten gegessen, und von vorigen Zeiten reden hören. Mein Stück rückt. Lassen Sie mich hören dass Sie wohl sind und mich lieb haben. Der Herzog weis wo ich ieden Tag bin. Grüsen Sie ihn. Adieu.

Jena, d. 1. März 1779.

G.

305

[Dornburg, Dienstag 2. März]

Dornburg d. 2. März. Wenn ich an ein Ort komme wo ich mit Ihnen gewesen bin, oder wo ich weis dass Sie waren, ist mir's immer viel lieber. Heut hab ich im Paradiese an Sie gedacht, dass Sie drinn herumgingen eh Sie mich kannten. Es ist mir fast unangenehm dass eine Zeit war wo sie mich nicht kannten, und nicht liebten. Wenn ich wieder auf die Erde komme will ich die Götter bitten dass ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtinn. Noch etwas hätten Sie mir mitgeben können, einen Talisman mehr, denn ich habe wohl allerley und doch nicht genug. Wenn Sie ein Misel wären hätt ich Sie gebeten das Westgen erst einmal eine Nacht anzuziehn und es so zu transsubstantiiren, wie Sie aber eine weise Frau sind muss ich mit dem Calvinischen Sakrament vorlieb nehmen.

Knebeln können Sie sagen dass das Stück sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will ich mich in das neue Schloss sperren und einige Tage an meinen Figuren posseln. Am 5ten treff ich in Apolda ein, da verlang ich aber einen Boten von Ihnen zu finden, und viel geschriebnes, und sonst allerley Sachen.

Jezt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und trincke spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein inneres Leben geht unverrücklich seinen Gang.

Indem ich das Blat umwende bedenck ich dass ich Ihnen diesen Brief gleich schicken, und morgen um diese Zeit schon Antwort von Ihnen haben kan. Wenn sie einigermassen können schreiben Sie mir viel. Grüsen Sie den Herzog. Adieu Liebste. Schreiben Sie mir dass Sie wohl sind. Adieu. Abends halb neune.

G.

Nach Apolda erwart ich eben auch einen Brief von Ihnen.

306

Dornb[urg] d. 4ten März 79.

Auf meinem Schlössgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedanckt, dass durch seine Veranstaltung an dem schönsten Plaz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stäte zubereitet ist.

Wenn nur die Fürsten seyn könnten wie Bürger wo doch einer des Vaters Gartenhäuser wenn er einigermassen kann in Baulichem Wesen erhält. Doch ist's wohl in allen Ständen so dass unsre Wünsche uns hin und her schleudern, wir was wir besizzen drüber verschleudern, und nicht eh achten lernen bis es fort ist.

Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst. Wenns grün wird wollen wir mit Herders hin.

Mit denen Leuten leb ich, red ich, und lass mir erzählen. Wie anders sieht auf dem Plazze aus was geschieht als wenn es durch die Filtrir Trichter der Expeditionen eine Weile läufft. Es gehn mir wieder viele Lichter auf, aber nur die mir das Leben lieb machen. Es ist so schön dass alles so anders ist als sich's ein Mensch dencken kan. Noch hab ich Hoffnung dass wenn ich d. 11ten oder 12ten nach Hause komme mein Stück fertig seyn soll. Es wird immer nur Skizze, wir wollen dann sehn was wir ihm für Farben auflegen.

Um die Einsamkeit ists eine schöne Sache wenn man mit sich selbst in Frieden lebt, und was bestimmtes zu thun hat.

307

[Apolda, Freitag 5. März]

Apolda d 5 Abends Sie haben sehr wohlgethan mir ein Briefgen hier einzulegen, denn ich hatte mir unterweegs vorgenommen böse zu werden wenn ich nichts von Ihnen anträfe. Ihr Bote ist schon wieder fort. Mein Coffre ist noch nicht ausgepackt drum schreib ich auf ein ander Blätgen.

Besser hätt ich gethan noch heut in Dornburg zu bleiben da wars schön, offen und ruhig. Hier ist ein bös Nest und lärmig, und ich bin aus aller Stimmung. Kinder und Hunde alles lärmt durch einander, und seit zwölf uhr Mittag lass ich mir schon vorerzählen von allen Menschen, eins ins andre, das will auch wieder theils vergessen, theils in sein Fach gelegt seyn. Mir ists auf dieser ganzen Wandrung wie einem der aus einer Stadt kommt wo er aus einem Springbrunnen auf dem Marckte lang getruncken, in den alle Quellen der Gegend geleitet werden, und er kommt endlich spazierend einmal an eine von diesen Quellen an ihrem Ursprung, er kann dem ewig rieselnden Wesen nicht genug zusehn und ergözt sich an denen Kräutern und Kieseln. Meine Gedancken spielen ein schön Conzert, und Gott geb Ihnen einen guten Abend, sagen Sie dem Herzog dass ich mancherley mitbringe, dass sich der Schimmel gut hält, biss aufs scheuen, und dass ich ihm so viel freye Luft und gutes leben wünsche wie mir. Grose Lust hätt ich, morgen zu ihnen hinein zu reiten. Will mich aber halten.

G.

308

[Sonnabend 6. März]

d. 6. März. Den ganzen Tag war ich in Versuchung nach Weimar zu kommen, es wäre recht schön gewesen wenn Sie gekommen wären. Aber so ein lebhafft Unternehmen ist nicht im Blute der Menschen die um den Hof wohnen. Grüsen sie den Herzog und sagen ihm dass ich ihn vorläufig bitte mit den Rekrouten säuberlich zu verfahren wenn sie zur Schule kommen. Kein sonderlich Vergnügen ist bey der Ausnehmung, da die Krüpels gerne dienten und die schönen Leute meist Ehehafften haben wollen.

Doch ist ein Trost, mein Flügelmann von allen |: 11 Zoll 1 Strich :| kommt mit Vergnügen und sein Vater giebt den Seegen dazu. Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwürcker in Apolde hungerte.

Gute Nacht liebes Wesen. Es geht noch eben ein Husar.

G.

309

Apolda d. 7ten März früh.

Nun entfern ich mich wieder auf meiner Bahn von Ihnen und gehe auf Buttstädt, d. 9ten auf Alstädt und den 11ten wieder zurück. Leben Sie wohl indess, dencken Sie an mich. Hier war gar kein Heil, und eine Scene plagt mich gar sehr, ich dencke wenn's nur einmal angeht, dann rollts wieder hintereinander. Grüsen Sie den Herzog und Steinen. Der Schleusingen auch einen guten Morgen. Ich habe Knebeln geschrieben er soll mir etwas nach Buttstädt schicken. Geben Sie auch was mit.

Lavatern hab ich immer ausgelacht, dass er auf seinen Reisen jede Viertelstunde an die seinigen schrieb, und mit jeder Post Briefe und Zettelgen erhielt, worauf eigentlich nichts stund, als dass sie sich wie vor vier Wochen noch immer herzlich liebten. Und nun könnte man auch lachen. Adieu lieber Engel.

G.

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