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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 29
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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280

[Sonnabend 31. Oktober und Dienstag 3. November]

d. 31. Oktbr.

Sagen Sie doch Kestnern dass er mir Moose von allen Sorten durch den Schäfer suchen lässt und wo möglich mit den Wurzeln und feucht erhält dass sie sich wieder fortpflanzen.

Die Welt ist so lachend und die Gegend so frey dass ich wieder zeichnen würde, wenn die Umstände nicht wieder Ball mit mir spielten. Ich bin wie der Komet im Spiel den man zu allen Karten macht. Der Philosoph ist gepuzt und steht nun an mit wem der den Reyen eröffnen soll, sein (Herz)* Wiz wird ihn einen Ausweg lehren da er seinem Herzen nicht folgen kann.

*Sie haben hier wieder ein weites Feld mich zu necken, dass ich in den Fall komme Herz in Wiz zu korrigiren.

d. 3. Nov.

Steinen hab ich versäumt das Zettelchen mitzugeben, und von Ihnen hör ich auch nichts. Es lebe die Gegenwart, und ich wollt Sie wären wieder hier. Des Abends wird nun meist zu Hause geblieben. Gestern waren Herders da und der Herzog und Seckend[orf] bis 8 Uhr Musick nachher assen wir und zum Nachtisch las ich was da zu lachen machte und verdauen half. Ich habe wieder eine Scheere zugerichtet um eine grose heerde zu scheeren und gelegentlich zu schinden. Daran hindern mich eifrige Gedancken an einen Theater Bau dazu ich ohnablässig Risse krizzle und verkrizzle, nächstens ein Modell hinstellen werde dabey's bleiben wird.

Auf den Freytag ist das Schauspiel in Ettersb[urg] zum Schluss diesjähriger Landunlust, vergebens hab ich meinen Mardochai loszuwerden gesucht, ich muss dies Kunstwerck noch einmal vortragen. Sie wissen und mögen von alle dem nichts wenn Sie dadraussen stecken. Nun haben wir Ihnen Steinen bald geschickt, kommen Sie nun auch bald.

Zu Anfang künftger Woche wirds von Belvedere hereinkommen, und ich werde also auch für diesmal die Sorge für Fusböden, Ofen, Treppen und Nachtstühle losseyn. bis es wieder von vorn angeht.

Wenn Sie abwesend an meinen Seelenumständen theil nehmen so dient zur Nachricht dass sie ruhig beschäfftigt, liebreich und possenhafft sind. Grüsen Sie Steinen und die Kinder.

Die Waldnern wird alle tag koketter, mit meinen Lieben gehts auch nicht vom Flecke ich schiebs auf die Jahrszeit dass mich Mauern und hängewercke mehr unterhalten als die Misels. Schreiben Sie mir nun auch wies Ihnen geht Sie sehn das liebe Ich füllt meinen ganzen Brief. Denn von der ganzen Cristenheit hab ich Ihnen nichts zu erzehlen. Der Herzog ist wohl wir sind einmal viel zusammen.

G.

281

[Montag 9. November]

Sie haben nun keine Hinderniss mehr herzukommen, bey Ihnen ist alles gesäubert und mit besemenen gekehrt. Ich besuche Ihre Zimmer manchmal. Es ist aber unheimlich drinen, Ihre Geister sind alle hinausgeweist. Kommen Sie ia bald, denn die Abwesenden sind wie die Todten fern, und ohne Gewalt, desswegen man auch guts von ihnen reden soll. Ein paar frische Veilgen hab ich für Sie aufgehoben die sollen Sie dürr kriegen. Ade. Grüsen Sie Steinen und die Kinder. Ich vermuthe dass mir der Bote auch einen Brief bringt. Dies schreib ich am grünen Tisch in der Canzley.

d. 9. Nov. 78.

G.

282

[Sonntag 15. November]

Der Herzog hat besser Wetter zu seinem Ritt, ich gönn's Ihm, und auch dass er sie sieht. Ich werde wieder was von Ihnen hören. Mein Wesen geht in der Stille fort, wenn Sie wieder kommen wird mein Thal wieder lebendiger werden. Adieu liebe. Grüsen Sie Stein und die Kinder und Kestnern.

d. 15. Nov. 78.

G.

283

[Sonnabend 21. November]

Es ist sehr gut dass Sie kommen, ich kan Sie nicht mehr im schwarzen Kochberg dencken. Gestern haben wir der Herzogin die erste Nacht Ihrer Ankunft erhellt, da sollten Sie auch bey seyn hofft ich. Grüsen Sie alle und Frizen besonders den das versprochne erwartet. Adieu. Dancke fürs überschickte.

d. 25. Nov. 78.

284

[Donnerstag 10. Dezember]

Vorm Jahr um diese Stunde war ich auf dem Brocken und verlangte von dem Geist des Himmel viel, das nun erfüllt ist. Dies schreib ich Ihnen dass Sie auch in der Stille an diesem Jahresfest theilnehmen. Behalten Sie mich lieb auch durch die Eiskruste, vielleicht wirds mit mir wie mit gefrornem Wein.

d. 10. Dezemb. 78. Nachm. 2 Uhr.

G.

285

Wie einst Titania im Traum und Zauberland
Claus Zetteln in dem Schoose fand
Sollst du erwachend bald für alle deine Sünden
Titanien in deinen Armen finden.

286

[Freitag 11. Dezember]

Heut Mittag bin ich zur Herzoginn geladen, und heut Abend nach der Comödie will ich das zugedachte Stück Braten bey Ihnen verzehren. Dancke liebste dass Sie nach meinen Verworrenheiten fragen. Gott hat den Menschen einfach gemacht, aber wie er gewickelt wird und sich verwickelt ist schweer zu sagen.

d. 11. Dez. 78.

G.

287

Was die Schachtel enthält ist allein für Sie. Drum wenn etwa schon Sozietät bey Ihnen seyn sollte, so bitt ich die Schachtel nicht in ihrer Gegenwart aufzumachen, eine höfliche Austheilung würde mich sehr ärgern.

G.

288

Meine Worte haben keinen schlimmen Sinn, sie waren nur kauderwelsch, wenn ich Sie sehe will ich sie leicht erklären. Lieben Sie mich und machen Sie sich keine Plage um meinetwillen, denn das Leben ist vorübergehend, und die gute Zeit nicht wiederbringlich. Adieu beste.

G.

289

Heute komm ich zu Tisch wenn Sie mich mögen. Gestern war's ein bissgen wunderbaar.

Addio beste Frau! Sie haben also das kleine Ungeheuer bey sich gehabt.

G.

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