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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 28
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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270

[Sonntag 6. September]

Eben wollt ich Ihnen schreiben dass beym Aufstehn mich eine Lust wieder ankam in's Wasser zu gehen, die ich denn auch sogleich stillte, und wie sie ein gutes Zeichen ist, also auch ist die gute Würckung nicht aussenblieben. Ich lezze mich nunmehr an den Kohlen meines Küchenfeuers, sage Ihnen Danck für die Sorge und sehe Sie heute.

d. 6. Sept. 78

G.

271

[Sonntag 6. September]

Hier schicke ich eine Leipziger Pfirsche mir von Misels gegeben, Ihnen zum guten Abend. Auch einen Schlüssel, dass Sie nicht wieder künftig umkehren müssen, aber ich bitte verschliesen Sie ihn, zu Ihrem alleinigen Gebrauch. Gute Nacht, hier unten ist sehr feucht, ich bin wieder in der Küche.

d. 6. Sept. 78

der Mama auch eine gute Nacht.

G.

272

[Dienstag 8. September]

d. 8. S. 78

Ihr schlimmes Reise Wetter hab ich bedauert, und hoffte noch auf ein rückgelassnes Zettelgen von Ihnen. Es war Ihnen aber nicht so. Heut früh besucht ich das Bauwesen. Blieb dann einmal, o Wunder! bey mir. Sezte mich an mein Küchenfeuer und las den Cardan wieder einmal, mit vieler Freude und Rührung.

Gute Nacht. d. 8. S.

273

[Eisenach, Donnerstag 10. und Sonntag 13. September]

Eisenach d. 10. S. 78

Da Sie weg waren spürt ich, ich müsse die Dekoration verändern. Ging erst nur zum Stadthalter, und bey leidlichem Wetter hierher, wo ich im grosen Fürstenhause ganz allein wie ein Spenst mit einem Diener wohne. Erst 6 Uhr kam ich an. Der H[erzog] ist in Wilhelmsthal. Morgen früh will ich hinaus. Viel Ruhe wirds nicht geben also heut wenigstens dies Wort und für heut Gute Nacht.

Eisenach Sonnt. d. 13. S.

Die Zeit bin ich auf der Wartburg mit dem Prinzen seshafft gewesen, und wir hatten so viele Drollerey zusammen dass ich in keine Ruhe kommen bin. Die Felsen hab ich truz dem bösen Wetter gemessen. Mit dem Jagen wirds morgen schweinisch werden, Und vier bis fünf Herzoge von Sachsen in einem Zimmer machen auch nicht die beste Conversation. Eben komm ich von Wi[lhelms]thal wo die Herzoge von Meiningen seit früh 10 sind unterweegs hab ich viel mit Ihnen lieb Gold geredt, was ich viel schreiben wollte. Jezt ists schon wieder vorbey.

Allerley Krickeleyen |: Disapointments :| hab ich wieder gehabt, wie Sie wohl dencken können, da ich die schöne Hoffnung auf mein 30 Jahr habe, weil ich im 29 noch so ein Kind bin. Oft schüttl ich den Kopf und härte mich wieder, und endlich kom ich mir vor wie ienes Ferckel, dem der Franzos die knupperig gebratne Haut abgefressen hatte, und es wieder in die Küche schickte, um ihm die zweite anbraten zu lassen.

274

[Weimar, Sonnabend 19. September]

Nach dem Grus an meine Hausgeister ist das erste dass ich Ihnen Guten Morgen sage, und wie ein Taucher der eine Zeitlang unter dem Wasser unsichtbaar gewesen wieder hervor komme. Einige Zettelgen während der Zeit geschrieben, lege bey. Wir sind alle wohl und auf seine Art ieder vergnügt. Auch eine Flasche guten Malagas kommt mit, und ein alt wiederholt Pläzgen. Sobald möglich komm ich sie zu sehen. Grüsen Sie die Kinder, und sagen mir auch was.

d. 19. S. 78 Weimar.

G.

275

[Donnerstag 24. September]

Überall such ich Sie, bey Hof in Ihrem Haus und unter den Bäumen, auch ohne es zu wissen geh ich herum und suche was, und endlich kömts heraus dass Sie mir fehlen.

Ich bin in Jena gewesen wo mich Steine und Pflanzen mit Menschen zusammengehängt haben. Werd Ihnen auch einen alten Turn von da schicken. Bitte um die Zeichn[ung] von der Wartburg wieder zurück vielleicht radir ich sie. Dass Sie an mich dencken und schreiben verlang ich nicht, ich würde eifersüchtig werden und was draus folgt. Ich nehm alles als Geschenck an. Der Herzog will Sie bald besuchen. Ihre Zimmer werden hübsch.

W. d. 24. S. 78.

G.

276

[Montag 28. September]

Meinen Philip schick ich Ihnen zur Kirmes, dass Sie wenigstens etwas von mir haben. Ich bin sehr einsam. Auch einen Alten Thurn um den meine Eulen Seele gern wohnt. Und doch bau und puz ich, und kleide mich in die Masque eines alten Philosophen, halte Haus und bin eben in meiner Pflicht wie die berühmten fische in der Pfanne. Viel denck ich an Sie und allerley möcht ich Ihnen sagen, doch geht mir neuerdings die Rede ab, wie die Waldner sich beklagt dass ich kein artiger Tisch Nachbaar bin. Unsre hoffnungen wachsen mit den geheimen Treppen, und die Wickelschnuren sind goldne Binden in denen wir unsre Einbildung lieblich wiegen. Adieu liebste. Eigentlich bin ich nicht nothwendig hier, aber ich bilde mirs ein und das gehört zu meinem Leben. Adieu grüsen Sie Stein und die Kinder.

d. 28. S. Abends Weim. 78.

G.

277

[Donnerstag 1. Oktober]

Wenn ich nach Hause komme und etwas finde möcht ich's Ihnen gleich hinauf schicken, aber es ist wüst und leer in Ihren Wohnungen und neu gemahlt. Mögen denn die Pfirschen über die Berge gehn und Sie von mir grüsen. Es ist immer ebenderselbe, um nicht zu sagen immer mehr derselbe der Ihnen guten Abend sagt.

d. 1. Okbr 1778.

G.

Grüsen Sie Stein und die Kinder.

278

[Mittwoch 14. Oktober]

Dancke liebste für die Tasche. Ich hoffe sie wird solang bey mir bleiben wie die erste. Gegen achte komm ich noch ein wenig. So kan ich nicht sagen wenn Sie in Kochb[erg] sind. Adieu.

d. 14. O. 78.

G.

279

Ihre Abwesenheit bringt mich wieder in meine Wohnung, es ist recht hübsch von Ihnen dass Sie mir theil geben von dem was um Sie geschieht. Dafür schick ich Ihnen auch Lieder der Liebe von einem weisen Könige gesungen und einem weisen Mann kommentirt. Nächstens wird vielleicht eine Veränderung die mich wieder an eine Menge garstigen Zeugs anknüpft, mags drum seyn. Adieu. Lieber Engel adieu.

G.

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