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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 25
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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240

[Wörlitz, Donnerstag 14. Mai]

Wörliz Donnerst. Nach Tische gehn wir auf Berlin über Pozdam. Hier ists iezt unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist wenn man so durchzieht wie ein Mährgen das einem vorgetragen wird und hat ganz den Charackter der Elisischen Felder in der sachtesten Manigfaltigkeit fliest eins ins andre, keine Höhe zieht das Aug und das Verlangen auf einen einzigen Punckt, man streicht herum ohne zu fragen wo man ausgegangen ist und hinkommt. Das Buschwerck ist in seiner schönsten Jugend, und das ganze hat die reinste Lieblichkeit. – Und nun bald in der Pracht der königlichen Städte im Lärm der Welt und der Kriegsrüstungen. Mit den Menschen hab ich, wie ich spüre weit weniger Verkehr als sonst. Und ich scheine dem Ziele dramatischen Wesens immer näher zu kommen, da michs nun immer näher angeht wie die Grosen mit den Menschen, und die Götter mit den Grosen spielen. Adieu. Schreiben Sie mir ia nach Leipzig. Grüsen Sie die Herzoginn, Stein, Waldn[er], Prinzen und Knebeln, des leztern wir oft erwähnen obs ihm gleich nicht gesund wäre herzukommen.

G.

241

[Berlin, Sonntag 17. bis Dessau, Sonntag 24. Mai]

Berlin, Sontag d. 17. Abends. In einer ganz andern Lage als ich Ihnen den Winter vom Brocken schrieb, und mit eben dem Herzen wenige Worte. Ich dacht heut an des Prinzen Heinrichs Tafel dran dass ich Ihnen schreiben müsste, es ist ein wunderbarer Zustand eine seltsame Fügung dass wir hier sind. Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich mich durchgetrieben. Von den Gegenständen selbst mündlig mehr. Gleichmut und Reinheit erhalten mir die Götter aufs schönste, aber dagegen welckt die Blüte des Vertrauens der Offenheit, der hingebenden Liebe täglich mehr. Sonst war meine Seele wie eine Stadt mit geringen Mauern, die hinter sich eine Citadelle auf dem Berge hat. Das Schloss bewacht ich, und die Stadt lies ich in Frieden und Krieg wehrlos, nun fang ich auch an die zu befestigen, wärs nur indess gegen die leichten Truppen.

Es ist ein schön Gefühl an der Quelle des Kriegs zu sizzen in dem Augenblick da sie überzusprudeln droht. Und die Pracht der Königstadt, und Leben und Ordnung und Überfluss, das nichts wäre ohne die tausend und tausend Menschen bereit für sie geopfert zu werden. Menschen Pferde Wagen, Geschüz, Zurüstungen, es wimmelt von allem. Der Herzog ist wohl, Wedel auch und sehr gut. Wenn ich nur gut erzählen kan von dem grosen Uhrwerck das sich vor einem treibt, von der Bewegung der Puppen kan man auf die verborgnen Räder besonders auf die grose alte Walze gezeichnet mit tausend Stiften schliesen die diese Melodieen eine nach der andern hervorbringt.

Berlin d. 19. Wenn ich nur könnte bey meiner Rückkunft Ihnen alles erzählen wenn ich nur dürfte. Aber ach die eisernen Reifen mit denen mein Herz eingefasst wird treiben sich täglich fester an dass endlich gar nichts mehr durchrinnen wird. – Wenn Sie das Gleichniss fortsezzen wollen, so liegt noch eine schöne Menge Allegorie drinn.

So viel kann ich sagen ie gröser die Welt desto garstiger wird die Farce und ich schwöre, keine Zote und Eseley der Hanswurstiaden ist so eckelhafft als das Wesen der Grosen Mittlern und Kleinen durch einander. Ich habe die Götter gebeten dass sie mir meinen Muth und grad seyn erhalten wollen biss ans Ende, und lieber mögen das Ende vorrücken als mich den lezten theil des Ziels lausig hinkriechen lassen. Aber den Werth, den wieder dieses Abenteuer für mich für uns alle hat, nenne ich nicht mit Nahmen. – Ich bete die Götter an und fühle mir doch Muth genug ihnen ewigen Hass zu schwören, wenn sie sich gegen uns betragen wollen wie ihr bild die Menschen.

Potsdam d. 21. Durch einen schönen Schlaf hab ich meine Seele gereinigt. Gestern Abend sind wir wieder hier angekommen. Wir wollen uns noch umsehen und dann wohl morgen weiter. Mein Verlangen steht sehr vorwärts nach Hause.

Dessau Sonntag d. 24. Endlich kann ich Ihnen die Zettelgen schicken und Ihnen sagen dass ich Sie immmer lieb habe, mich wieder nach Hause sehne obgleich auch in der weiten Welt alles nach Wunsch geht. Hier haben Sie auch wie mich die Karschin beverset hat. In Leipzig werd ich Ihre Briefe wohl nicht abhohlen, wir gehn über Alstädt nach Hause. Sagen Sies aber nicht weiter. Wenn der Herzog sich Pferde entgegenschicken lässt schicken Sie mir doch auch ein Zettelgen mit. Adieu liebe. Grüsen Sie die Herzoginn die Waldn[er] und Steinen.

G.

242

[Dessau, Donnerstag 28. Mai]

Himmelfahrtstag. Dessau. Ich dachte wir würden schon heut auf der Rückreise seyn so aber kriegen Sie noch erst einen Brief. Wir sind nun mitten im Soldaten Wesen und haben gestern wieder ein schön Maneuvre bei Aacken gesehen. Es ist sehr hübsch so viel neue Menschen und von einer eignen Art zu sehn. Unter den Generals und Offiziers ist manch tüchtig und staatlicher Mann.

Die übrige Zeit haben wir sehr friedlich in Wörliz zugebracht wo ich Ihnen auch etwas gezeichnet habe. Durch meine Dummheit dass ich erst um Ihre Briefe nach Leipzig bat krieg ich nun so bald nichts von Ihnen zu sehn. Vergessen Sie nicht nach Alstädt zu schreiben Liebste. Meine Grüse an die wenigen. Knebels wird offt gedacht. Und ich weis nicht warum Sie mir iederzeit bey Tische vorzüglich einfallen. Adieu die Post geht. Bleiben sie lieb.

G.

243

[Weimar, Dienstag 2. Juni]

Sie sollten schon einen guten Morgen von mir haben. In meinem Thal ist mirs lieber und wohler als in der weiten Welt. Gestern Abend dacht ich dass mich die Götter wohl für ein schön Gemähld halten mögen weil sie so eine überkostbaare Rahm drum machen wollten. Dass sie mich lieb haben glaub ich und fühls. Sie und der Herzog wohnen über mir wie Nagel und Schleife daran Rahm und Gemählde hängt.

d. 2. Juny 78

244

[Donnerstag 4. Juni]

Friz hat mich heute früh mit dem Pantoffel geweckt, lassen Sie Sich von ihm sein Erwachen beschreiben. Ich dancke Ihnen für den Einfall mir ihn zu lassen. Es war ein Zeichen dass Sie mich lieb haben.

d. 4. Juny 78.

G.

Schicken Sie ihn ia gleich zu Engelhart es wird sonst wie des Herzogs Hand.

245

[Donnerstag 4. Juni]

Die Waldn[er] lässt bitten wenn Sie heute die Thiere noch einmal im Freyen sähen sie mit zu nehmen. Das gestrige Gegauckel zog Sie also nicht an!

G.

246

[Donnerstag 4. Juni]

Die Tiere werden den ganzen Tag zu sehn seyn. Der Herzog hats den Leuten erlaubt weil sie einigen Vortheil daraus zu ziehen denken und mancher sie so zu sehen wünscht. Wenigstens durchgehend seh ich Sie aber bleibend lieb ich Sie ade.

d. 4. Jun. 78.

G.

247

Da wir wissen dass die gnädge Frau eine Freundin der Musick und der Dichtkunst sind werden Sie erlauben dass wir ihnen eine Abschrifft von der neusten Hymne im Klopstockischen Geschmack noch ehs in Musenalmanach kommt besorgen.

Wer so freudig als wir seyn will
Der komm herein, bring aber Früchte mit.
.... Der Herr Seegne sie & behüte sie, der Herr erhebe pp.
Seckendorff. Ich esse Kirschen und denck an Ihnen.

Aus Mangel von Zeit empfelen sich die übrigen Verfasser aber ich besonders Ihren jetzigen (? ?)

248

Jupiter mochte von der Schlange keine Rose, Sie werden diese von einem Bären nehmen, gehört er nicht unter die seinen gehört er doch unter die treuen Thiere, wie im Reinecke Fuchs weiter nachzulesen ist. Das ist die erste Rose die in meinem Garten aufblüht nun werden sie zu Duzzenden folgen.

G.

249

[Sonntag 14. Juni]

Gestern wollt ich noch zu Ihnen und ritt um neun von Tiefurt, es ward aber doch späte und ich fürchtete Sie schon zu Bett zu finden.

Von Tiefurt bring ich Ihnen das Myrtenreis und die Orange, denn mehr mögt ich nicht von fremdem Tische Ihnen geben. Knebel schickt Ihnen die duncklen Levkoyen, und der Straus ist wieder von mir. Sagen Sie mir wie Sie sich befinden. Heut will ich allein seyn im Herrn, und um Mittag bei Ihnen. Adieu. Sie werden zärtlich geliebt In Eile vergass ich vorhin den Zettel.

d. 14. Jun. 78

G.

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