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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 21
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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[Donnerstag 30. Oktober]

Dass Sie nicht dencken Sie werden bevortheilt schick ich eine Krizzeley die ich zerrissen unter des Herzogs Papieren gefunden und hier wieder aufgeleimt habe. Es stellt vor die Geheimnißvolle Ruhe um Wielands Ehbett. Adieu liebes Gold – ich hab heute eingenommen um die Teufel die am leichtsten zu packen sind auszutreiben. Adieu. Morgen fahr ich mit dem Herzog nach Burst[edt] und sehe Sie vielleicht wenn mir wohl ist.

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[Freitag 31. Oktober]

Warum das Haupt ingrediens Ihrer Empfindungen neuerdings Zweifel und Unglaube ist begreiff ich nicht, das ist aber wohl wahr dass Sie einen der nicht fest hielte in treue und Liebe von sich wegzweifeln und träumen könnten, wie man einem glauben machen kan er sähe blas aus und sey kranck. Gestern Abend Hab ich einen salto mortale über drey fatale Capitel meines Romans gemacht vor denen ich schon so lang scheue, nun da die hinter mir liegen hoff ich den ersten Theil bald ganz zu produziren. Addio. d. lezten Okbr. Meinen Nahmenstag, auch Reformationsfest. 1777

G.

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[Sonnabend 1. November]

Ich schicke Trauben aus meiner Heimath wie sie dies Jahr worden sind. Habe wohl gethan heut zu Hause zu bleiben denn es war eine Menge Wirthschafft. Adieu liebe. Wie mags andern Menschen gehn da mirs so verworren geht.

d. 1. Nov. 77.

G.

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[Freitag 7. November]

Lieber Engel ich schick Ihnen einen grosen Nahmen auf einem Buche. – Gestern waren Sie im Land der kleinen Spielgen, der Prinz kam zu mir von Ihnen her, unter mein Dach, wo ich mit Knebeln einige Stunden gelacht und gefabelt hatte. heut ist Conseil, ich weis nicht wann ich Sie sehn kann. Heute ists eben zwey Jahr dass ich herkam. Diese noch einmal zu leben!?? Nun am Ende doch. Adieu Gold.

d. 7. Nov. 77.

G.

Mit einem Blick auf den Morgen da ich vor 2 Jahren zuerst in Weimar aufwachte, und nun bis hierher ist mir wunderbaar fröhlich und rührend geworden. Was mir das Schicksaal alles gegeben hat, und wie nach und nach, wie man Kindern Freuden macht, dass ich iedes Gut erst ganz ausgekostet mir so ganz eigen gemacht habe, dass ich in die von mir ehdess entferntesten Gefühle und Zustände, lieblich bin hineingeleitet worden.

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[Sonnabend 8. November]

Die Bäume sind angekommen 30 an der Zahl, gute Kirschbäume auch wenige ObstBäume guter Sorten. wie und wann sollen sie nach Kochberg? sie müssen wohl gepflanzt und sonderlich gegen die Haasen mit starcken Dornen verwahrt werden. Gestern von Ihnen gehend hab ich noch wunderliche Gedancken gehabt. unter andern ob ich Sie auch wircklich liebe oder ob mich Ihre Nähe nur wie die Gegenwart eines so reinen Glases freut, darin sichs so gut sich bespiegeln lässt.

Hernach fand ich dass das Schicksaal da es mich hierherpflanzte vollkommen gemacht hat wie mans den Linden thut man schneidet ihnen den Gipfel weg und alle schöne Aeste dass sie neuen Trieb kriegen sonst sterben sie von oben herein. Freylich stehn sie die ersten Jahre wie Stangen da. Adieu. Ich kam von ohngefähr über den Kalender von vorm Jahr da stund beym 7 Novemb. Was ist der Mensch dass du sein gedenckest pp.

d. 8. N. 77.

G.

195

[Sonnabend 8. November]

Die Bäume sind alle für Sie, ein Karrn wird wohl nötig seyn. Machen Sies doch mit Hauptmann. Wenns nur Montag ist. Darnach will ich ihn anweisen wo sie liegen. Die Fortsezzung des Vergleichs hat mich sehr gedemütigt. Was doch der Mensch mit sich vortheilhafft steht!! Ich redete vom Vergangnen verlohrnen, und glaubte die Zweige sprossten schon wieder. Oh! und sie finden, dass sie neuerdings abgehauen, dass neuerdings kein Schatten und kein Hort drunter ist O weh!

d. 8. N. 77.

G.

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[Montag 10. November]

Die Welt war gestern Nacht unendlich schön, sie schien mir den ganzen Sommer nicht so. Es ist gewiss dass der Gegensaz nur einen das hohe schöne fühlen macht. Ade. hier Trauben.

d. 10. Nov. 77.

G.

Mich haben gestern Herders Picks auf Z[immermann] gefreut.

197

[Dienstag 11. November]

Gestern war ich in Ettersb[urg]. Herz[oginn] Louise war da und die Waldn[er]. Wie ists Ihnen bey der Martins Gans gangen? Sind Sie heute zu Haus? Schicken Sie mir: Jägers Nachtlied, und Süser todt, und die gedruckten, wo: Grabet in die iunge Linde, dabey ist. Ich bring auch wieder ein lieblich Lied von ihm mit.

d. 11 Nov. 77.

G.

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      An den Mond

Füllest wieder 's liebe Thal
Still mit Nebelglanz
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick
Wie der Liebsten Auge, mild
Über mein Geschick.

Das du so beweglich kennst
Dieses Herz im Brand
Haltet ihr wie ein Gespenst
An den Fluß gebannt

Wenn in öder Winternacht
Er von Todte schwillt
Und bey Frühlingslebens Pracht
An den Knospen quillt.

Seelig wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschliesst
Einen Mann am Busen hält
Und mit dem geniest,

Was den Menschen unbewust
Oder wohl veracht
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

199

[Mittwoch 12. November]

Liebste Frau heut Kommt Schuhmann aus dem neuen Haus, morgen Mittag ist alles gescheuert, hoff ich. Der Windofen wird in der Kinder Stube in wenigen Stunden stehn und das Küchelgen also zum Einräumen bereit seyn. Den Herd lass ich stehn er hindert wenig. Machen Sie sich also zum Aufbruch bereit. Ich dächte Sie fingen gleich heute an eben den Vorrath und so weiter einzuräumen. Liessen heute Nacht Wenden drinne schlafen dass er die Schlüssel zu sich nähme, und was transportirt wird in Empfang nähme, führen morgen mit Einräumen in die Stuben wie sie sauber werden fort, und könnten also auf den Freytag selbst einziehen. Ist dies Ihr Wille so schreiben Sie mir, oder was Sie wollen. So will ich noch heut früh zu Ihnen kommen und wir wollen alles abreden. Einen Windofen in Ihr grün Zimmergen können Sie immer noch haben.

d. 12. Nov. 77.

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