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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 20
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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180

[Montag 11. August]

Dass ich mich immer träumend an den Erscheinungen der Natur und an der Liebe zu Ihnen weide, sehn Sie an beykommendem. Ich muss mich festhalten sonst risse mich Ihr Kummer mit weg, und da ist mir so weh dass ich das einzige was meinem Herzen übrig bleibt, Ihr Andencken, offt weghalten muss.

Adieu Engel. Die Waldner schickt mir eben das Paquet. Sie geben mir Speise gegen Schatten. – Wenns Steinens Gesuch thulich ist will ich's zu machen suchen. Adieu beste.

d. 11. Aug. 77.

G.

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[Mittwoch 27. August]

Dancke allerbeste für das Andencken. heut wollt ich Ihnen Petern schicken, es regnet nur zu sehr. Ich gehe unendlich gelassen weg, denn ich habe nichts hier was mich hielte, und Ihre Entfernung macht dass ich nicht fühle dass ich mich auch von Ihnen entferne Leben Sie wohl und schreiben mir was nach Eisenach.

d. 27. Aug. 77.

G.

182

[Mittwoch 27. August]

Ich schick Ihnen Petern, denn es ist doch nun so dass Sie immer etwas von mir haben müssen. Ein Messer hab ich verschrieben bleibt aber aus. Ich bin im Packen begriffen. Adieu. Meine Verständnisse sind dunckel, nur ist mir ziemlich klar dass ich Sie liebe. Adieu. Grüsen Sie Kästnern und die Kleinen. Von Eisenach hören Sie bald was.

d. 27. Aug.

G.

Morgen d. 28 meinen Geburtstag dencken Sie an mich! Noch einmal Adieu. Es ist doch in der Welt immer Abschiednehmen. Ich hab noch heut früh die Farben in ihre Zimmer ausgesucht, mit grün und grau gewechselt, und ein einzigs, das Besuch Zimmer Paille machen lassen. Es wird lichter dadurch. Ich bin oft bey Ihnen. Schreiben Sie mir doch nach Eisenach.

G.

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[Manebach, Freitag 29. und Ilmenau, Sonntag 31. August]

d. 29. Abends, August 77.

Manebach beym Cantor. Zwischen Gebürg und Fichtenwald hab ich heut Abend gesessen und zeichnen wollen, aber es ging nicht. Meinen Weeg von Ihnen herüber hab ich gestern glücklich gefunden. Wie wohl ist mirs dass ich erst bey Ihnen war. Wie lieb ich Sie habe fühlt ich erst wieder in den Augenblicken da Sie vergnügt und munter waren, die Zeit her hab ich Sie nur leiden sehn und das drückt mich so dass ich auch meine Liebe nicht fühle. Bester Engel Sie haben mir Reisezehrung mitgegeben! Gott weis wie ich in Eisenach werde geschunden seyn, ich gehe dunckel meinem Schicksaal entgegen und mags durch Einbildung nicht vorschmecken noch verschlimmern.

Sonntag d. 31. Ilmenau Ich schicke Ihnen was ich d. 30 früh in des Cantors Gärtgen gezeichnet habe. Wunder dacht ich was ich alles fertigen wollte, und nun ist das alles. Durch diesen Boten können Sie mir was schreiben auch von Petern was, und recht viel bitt ich sie. Ich bin hier immer allein die andern laufen auf den Gebürgen herum. Mittwoch d. 3ten kommt Prinz Joseph hierher wir bleiben also einige Tage länger. heut Abend gehn wir nach Stüzzerbach vielleicht schick ich noch was gezeichnetes von da. Meinen Boten erwart ich balde zurück, grüsen Sie alles, und die Waldnern gelegentlich auch. Auf Morgen hab ich eine grose Freude dass mir der Bote etwas von Ihnen nach Stüzzerbach bringen wird.

G.

Ich habe immer noch von Ihrem Biskuitkuchen und hoffe dass Sie keinen Kaffee mehr trincken.

184

[Eisenach, Sonnabend 6. September]

Dancke bestes Gold für den Boten, wir waren den vierten von Ilmenau früh weg also krieg ich das Packet ganz unerwartet erst Eisenach am 6ten. Alles ist wohl nur ich habe mir ein Monster von dickem Backen ganz wider allen Sinn meiner dürren Constitution geholt. In Stüzzerbach tanzt ich mit allen Bauermädels im Nebel und trieb eine liederliche Wirthschafft bis Nacht eins, und da kriegt ich den Ansaz und wurde vermehrt durch fatales Gestöber auf der Reise, und muss nun inne sizzen und warme Kräutermilch im Mund haben, und kan nicht auf Misels ausgehn, es wird ein verfluchter Streich seyn, wenn ich mit verzognem Gesicht soll die Maidels belügen.

Ja lieb Gold, ich Glaub wohl dass Ihre Lieb zu mir, mit dem Abseyn wächst. denn wo ich weg bin können Sie auch die Idee lieben die Sie von mir haben, wenn ich da bin wird sie offt gestört, durch meine Thor und Tollheit. Adieu. Ich schick Ihnen nun Zeichnungen oder meine Haare. denn die Gegend ist herrlich hier, wild und |: Gott versteht mich :| und wenn ich muss zu Hause bleiben und kan nicht zeichnen und schiesen, so schneid ich von meinen Haaren ab und schick sie Ihnen. Grüsen Sie Petern und bitten Sie Kästnern nur einige Pfeifen ihm des Tags auf gute Weise abzubrechen, denn ich halte den Toback denn doch bey so einem Jungen für ein Spezificum, sagen Sie Kästnern er wüsst es schon und also mag er immer rauchen.

Das Haus hier hab ich auch nicht lieb, ich wohne hinten hinaus, vielleicht auf der Reihe, ich will mir einbilden in dem Zimmer wo Sie wohnten. Liebste! Ich habe Sie doch ganz allein lieb, das spür ich an der Wirthschafft mit den übrigen Frauen. Eifersüchtig auf mich sind Sie nicht, sonst wollt ich Ihnen ein Mittel sagen. Das Futteral zum Souvenir hab ich nicht, aber ihr Halstuch hab ich um, aus dem die blaue Farbe auch ausgewaschen ist. Ihr gestümpert Bild hab ich, und ihre Liebe mehr als ich weis und soll. Adieu. Grüsen Sie die Kinder. Es ist ein weiter Weeg zwischen uns, der Grade beschweerlicher als der Krumme. Ich seh Sie bald nicht wieder adieu – Engel. Ich hab Sie gegenwärtig Lieber als abwesend, drum könnt ich mir anmasen, dass meine Liebe wahrer sey. Adieu.

185

[Freitag 12. September]

Schon fühl ich liebste Frau dass Sie weit, fatal weit von mir weg sind denn ich weis nicht einmal wie die Briefe vielleicht lauffen und mir stockts gleich in allen Gliedern wie Sie wissen, drum hab ich so lang nicht geschrieben. Auch hab ich ein Knötgen gewonnen an einem Zahn, schon in Stüzzerbach, habs parforce dressirt und hab viel dran gelitten. besonders da schon fast alles gut war tanzt ich wie toll eine ganze Nacht und habe 24 Stunden Geschwullst und Grose Schmerzen gehabt. Jetzt ists wieder still doch noch ein wenig dick und muss zu Hause sizzen in Eisenach, in dem weitschichtigen Schlössgen und alles ist in Wilhelmsth[al] und auf Jagden. da wird nun in der Stube gehezzt wo den offt aus Mangel andres Wildprets mein armes Ich herhalten muss. Auf den Montag soll Vogelschiesen seyn und weis noch nicht einmal ob ich dazu kann. Die Gegend ist überherrlich und ich kan nicht Zeichnen. Es ist viel Übel in einem kleinen.

Die Wizleben hat glücklich einen Sohn. Vielleicht wissen Sies schon.

Eine Tollheit hab ich erfunden, eine komische Oper die Empfindsamen, so toll und grob als möglich. Wenn Seckend[orf] sie komponiren will kan sie den Winter gespielt werden ich hab angefangen Philippen zu dicktiren.

Nun gute Nacht bester Engel, was für wunderbaare Operationen muss mein Kopf machen! und doch sind nur wenig Dinge die drinn auf und abgehn wie's Firmament über unsern Häupten. Den ganzen Nachmittag hab ich mit tollen Imaginationen gewirthschafftet, diesen Abend mit einem sehr braven Manne von unsrer Landschafft unzähliges geschwäzzt. Stündlich seh ich mehr dass man sich aus diesem Strome des Lebens ans Ufer retten, drinne mit allen Kräfften arbeiten, oder ersaufen muss.

Freytag d. 12. S. Eisenach.

G.

186

[Sonnabend 13. bis Dienstag 16. September]

Wartburg d. 13. S. 77. abends 9. Hier wohn ich nun liebste und singe Psalmen dem Herrn der mich aus Schmerzen und Enge wieder in Höhe und Herrlichkeit gebracht hat. der Herzog hat mich veranlasst heraufzuziehen, ich habe mit den Leuten unten, die ganz gute Leute seyn mögen nichts gemein, und sie nichts mit mir, einige sogar bilden sich ein, sie liebten mich, es ist aber nicht gar so. Liebste diesen Abend denck ich mir Sie in Ihrer tiefe um Ihren Graben im Mondschein beym Wachfeuer denn es ist kühl. In Wilhelmsthal ist mirs zu tief und zu eng, und ich darf doch noch in der Kühle und Nässe nicht in die Wälder die ersten Tage. Hieroben! Wenn ich Ihnen nur diesen Blick der mich nur kostet aufzustehn vom Stuhl hinüberseegnen könnte. In dem grausen linden Dämmer des Monds die tiefen Gründe, Wiesgen, Büsche, Wälder und Waldblösen, die Felsen Abgänge davor, und hinten die Wände, und wie der Schatten des Schlossbergs und Schlosses unten alles finster hält und drüben an den sachten Wänden sich noch anfasst wie die nackten Felsspizzen im Monde röthen und die lieblichen Auen und Thäler ferner hinunter, und das weite Thüringen hinterwärts im Dämmer sich dem Himmel mischt. Liebste ich hab eine rechte Fröhlichkeit dran, ob ich gleich sagen mag dass der belebende Genuss mir heute mangelt, wie der lang gebundne reck ich erst meine Glieder. Aber mit dem ächten Gefühl von Danck, wie der durstige ein Glas Wasser nimmt, und die heiligkeit des Brunnens, und die Liebheit der Welt, nur nebenweg schaut.

Wenns möglich ist zu zeichnen, wähl ich mir ein beschränckt Eckgen, denn die Natur ist zu weit herrlich hier auf ieden Blick hinaus! Aber auch was für Eckgens hier! – O man sollte weder zeichnen noch schreiben! – Indess wollt ich doch dass Sie wüssten dass ich lebe, und Sie gleich wieder recht liebe da mirs anfängt wieder wohl zu seyn – Und zu Trost in der Oede bild ich mir ein, Sie freuen sich über einen Brief oder sonst ein Gekrizel von mir.

Sontags d. 14 Nach Tische.

Da hab ich einen Einfall: mir ists als wenn das Zeichnen mir ein Saugläppgen wäre, dem Kind in Mund gegeben, dass es schweige, und in eingebildeter Nahrung ruhe.

Diese Wohnung ist das herrlichste was ich erlebt habe, so hoch und froh, dass man hier nur Gast seyn muss, man würde sonst für Höhe und Fröhlichkeit zu nicht werden.

Den ganzen Morgen hab ich für Sie gekrabelt auf dem Papiere. O der Armuth! – Wenn ich mir einen der Meister dencke, die vor so alten Trümmern sassen, und zeichneten und mahlten, als wenn sie die Zeit selbst wären, die das so abgestumpft, und in die Lieblichkeit der Natur wieder, aus dem rauhen groben Menschensinn, verbunden hätten.

Lieber Gott! Die Pfade der Zeit, des Bedürfnisses wie unbemerckbaar den Menschen und den Künstlern. In uns ist Leben und – ich weis wohl was ich will aber wie sagen? Eben krieg ich Ihr Briefgen vom 11ten.

Nachts halb 12. Eben komm ich wieder aus der Stadt herauf. Noch eine gute Nacht. – Im Mondschein den herrlichen Stieg auf die Burg! – Gestern sagt ichs dem Herzog als er hoben bey mir war: Es sey mir merckwürdig: dass, in unsrer Wirthschafft, alles abenteuerliche natürlich werde. So seltsam mirs vor 4 Wochen geklungen hatte auf der Wartburg zu wohnen, so natürlich ist mir's iezt, und ich bin schon wieder so zu Hause wie im Nest.

Mont. d. 15. Nachts! wieder herauf! Wenn Sie nur einmal zum Fenster hinaus mit mir sehen könnten! heut haben wir unser Vogelschiesen dum geendigt. ohngefähr auf den funfzigsten Schuss lag ein Bursche, von den Zuschauern, auf der Erde, so todt als ie einer, und ein andrer verwundt am Arm. Und hätte, nach den Umständen, ieder von uns können todtschiesen und todtgeschossen werden.

Morgen hab ich Misels heraufgebeten. Sie versichern mir alle dass sie mich lieb haben, und ich versichere sie sie seyen Charmant. Eigentlich aber mögte iede, so einen von uns, wer er auch seye, haben, und dadrüber werden sie keinen kriegen.

Dienst. d. 16. Heute früh war wieder alles neu. Philip weckte mich und lies mich ans Fenster gehn! es lagen unten alle Thäler im gleichen Nebel, und es war völlig See, wo die vielen Gebürge, als Ufer, hervorsahen. Darnach hab ich gezeichnet. wenn ichs fertig nicht verderbe werden Sie Freude dran haben.

Mir ist gestern was auf gefallen. in meinem Diarium steht so offt: ich habe gezeichnet, und es will sich immer nichts finden was ich gezeichnet habe, auser den Paar Dingen die Sie haben.

Adieu. Ich weis dass Sie an mich dencken, denn sonst dächt ich nicht so viel an Sie. Ich weis dass Sie mich lieben, ich spürs daran, dass Ich Sie so lieb habe.

Adieu Gold. Ihr Seegen ist eingetroffen Eisenach und die Sau Wirthschafft schindt mich nicht. Ich sehe täglich mehr dass weniger aber länger zu leiden ist in diesem Mansch. Schreiben Sie mir was von den kleinen und Petern. Sagen Sie Kästnern ich wollte noch einen Tag Zahnweh haben das viel gesagt ist, wenn ich ihm könnte den Spas machen, den folgenden hieroben mit mir zu zubringen, wenn er besonders so herrlich wäre wie heut ist. Addio.

G.

187

[Weimar, Freitag 10. Oktober]

In meinem Garten, d. 10 Oktbr. Wieder hier! und nur zwey Worte da ich höre dass eben ein Bote geht. Mit Weh hab ich meine Wartburg verlassen, und Weimar mit kindischer Freude wiedergesehn. Heut früh fünfe ritt ich mit Lichtenb[erg] aus um halb 12 waren wir hier, und haben eine Stunde beym Stadth[alter] gefrühstückt. Morgen kommt der Herzog nach. Adieu beste. Ich bin entfremdeter von viel Welt nur nicht von Ihnen.

G.

188

Grüsen Sie die kleinen und Petern, den Sie wohl noch behalten bis ich eingerichtet bin. Und Kästnern.

G.

189

[Mittwoch 29. Oktober]

Ich habe mich heut den ganzen Tag geplagt Ihnen was zu zeichnen, durch plagen kommt man zu nichts seh ich wohl. dancke für alles überschickte, und wünsche dass die Misels alle Spuren von mir mögen ausgelöscht haben. Weise Karten kommen hier. Heut Abend lang zum erstenmal hab ich auch wieder griechische Worte geschrieben. Es ist still still bey mir, eigentlich um mich. Denn ums Herz ists nicht gar so. Ade.

d. 29. Okbr. 77.

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