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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 12
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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100

[Mittwoch 18. September]

Gestern gab uns Knebel tanz, Illumination und nachtessen, ich hab sehr viel getanzt, und bin überhaupt iezt Gott weis wie. Was ist denn Ihr Falcke für eine Art? Es ist Sturm schon seit der ganzen Nacht! ich lese Rechnungen und bin still, lassen Sie sich's wohl seyn! dancke für alles liebe. Grüsen Sie Lenzen Kestnern und die Kinder. Ich möchte iezt übers Evangelium des 1. Sont. nach Trinitatis predigen das sollt ein trefflich Stück werden.

Mittw. d. 18. Sept. 76.

G.

101

[Freitag 20. September]

Ich weis nicht ob der Herzog wieder zurück ist oder ob er noch das Frühstück bei Ihnen einnimmt. Wenn Sie glauben dass ich Sie nur im mindsten lieb habe, können Sie sich vorstellen wie mir's war da der Herzog Abschied nahm, und Einsiedel in meiner Uniform sich reisefertig machte. Ich will aber nichts weiter sagen. Hier ist der L[and] Pr[ediger], lassen Sie sichs recht wohl mit seyn, und lernen recht viel englisch. Addio.

Freytag d. 20. Sept. 76.

G.

102

[Zwischen Dienstag 24. und Freitag 27. September?]

Hier schickt Ihnen Ihre Schwägerin die ich täglich lieber gewinne ein Stückgen Desert zum Zeichen des Andenckens, auch der Stadthalter lässt sie grüsen und sagen, er stehe von seiner Bitte nicht ab. Ein braves Weib sezte er hinzu, habe nichts abzuschlagen was ein ehrlicher Kerl verlangen dürfe – Alles giebt mir Aufträge an Sie und niemand weis, wie schlecht ich im Fall sie auszurichten. Adieu.

G.

103

[Montag 7. Oktober]

Leben Sie wohl beste! Sie gehen und weis Gott was werden wird! ich hätte dem Schicksaal danckbaar seyn sollen, das mich in den ersten Augenblicken da ich Sie wiedersah so ganz rein fühlen lies wie lieb ich Sie habe, ich hätte mich damit begnügen und Sie nicht weiter sehen sollen. Verzeihen Sie! Ich seh nun wie meine Gegenwart Sie plagt, wie lieb ist mir's dass Sie gehn, in einer Stadt hielt ichs so nicht aus. Gestern bracht ich Ihnen Blumen mit und Pfirschen, konnts Ihnen aber nicht geben wie sie waren, ich gab sie der Schwester. Leben Sie wohl. Bringen Sie das Lenzen. Sie kommen mir eine Zeither vor wie Madonna, die gen Himmel fährt, vergebens dass ein rückbleibender seine Arme nach ihr ausstreckt, vergebens dass sein scheidender trähnenvoller Blick den ihrigen noch einmal niederwünscht, sie ist nur in den Glanz versuncken der sie umgiebt, nur voll Sehnsucht nach der Krone die ihr überm Haupt schwebt. Adieu doch Liebe!

d. 7. Otbre 76.

G.

104

Ich bin eben nirgend geborgen
fern an die Saale hier
verfolgen mich manche Sorgen
und meine Liebe zu dir.

Dornburg 16. Otbr. 76.

105

[Weimar, Sonnabend 2. November]

An den Geist des Johannes Sekundus.

Lieber, heiliger, groser Küsser,
Der du mir's in lechzend athmender
Glückseeligteit fast vorgethan hast!
Wem soll ich's klagen? klagt ich dir's nicht!
Dir, dessen Lieder wie ein warmes Küssen
Heilender Kräuter mir unters Herz sich legten,
Dass es wieder aus dem krampfigen Starren
Erdetreibens klopfend sich erhohlte.
Ach wie klag ich dir's, dass meine Lippe blutet,
Mir gespalten ist, und erbärmlich schmerzet,
Meine Lippe, die soviel gewohnt ist
Von der Liebe süsstem Glück zu schwellen
Und, wie eine goldne Himmelspforte,
Lallende Seeligkeit aus und einzustammeln.
Gesprungen ist sie! Nicht vom Biss der Holden,
Die, in voller ringsumfangender Liebe,
Mehr mögt haben von mir, und mögte mich Ganzen
Ganz erküssen, und fressen, und was sie könnte!
Nicht gesprungen weil nach ihrem Hauche
Meine Lippen unheilige Lüfte entweihten.
Ach gesprungen weil mich, öden, kalten,
Über beizenden Reif, der Herbstwind anpackt.
Und da ist Traubensaft, und der Saft der Bienen,
An meines Heerdes treuem Feuer vereinigt,
Der soll mir helfen! Warrlich er hilft nicht
Denn von der Liebe alles heilendem
Gift Balsam ist kein Tröpfgen drunter,

d. 2. Nov. 76.

G.

106

[Sonntag 3. November]

Ich bitte Sie um das Mittel gegen die Wunde Lippe, nur etwa dass ich's finde heute Abend wenn ich zurückkomme. Muss ich Sie schon wieder um etwas bitten um etwas heilendes. Gestern Nacht haben mich Stadt und Gegend und alles so wunderlich angesehen. Es war mir als wenn ich nicht bleiben sollte. Da bin ich noch in's Wasser gestiegen und habe den Alten Adam der Phantaseyen ersäuft. Adieu beste Frau. d. 3 Nov. 76.

Ich reite nach Erfurt.

G.

107

[Freitag 8. November]

Ich war verlegen welcher der Jahrstag wäre dass ich in Weim. bin. Gestern war er liebste Frau! Und wie gefeyert! – und wie beschenckt! – Was Ihre Bedencklichkeiten aufgespaart hatten, alles auf einmal, und eben in dem Augenblick wo ich alles so fühlen konnte, so zu fühlen bedurfte. Ich musste mein Tagbuch nachsehen um Ihre Zettelgen zu verstehen hier und da, und fand alles. Wieviel wieder lebendig wurde! Ach die acht Wochen haben doch viel verschüttet in mir, und ich bleib immer der ganz sinnliche Mensch. Meine Landschafft will ich durch Wasser ziehen und für geendigt abgeben. Ich soll nichts endigen. Was Sie von mir haben ist so, und wenn Sie nicht wären wärs auch nicht so weit. – Was macht der Fus.

Freytag d. 8. Nov. 76.

G.

108

[Sonntag 10. November]

Lenz grüsst Sie er ist bei mir. Hier der Mantel er hat mich wohl gehalten. Akkurat 20 Minuten brauch ich von Ihrer Stube in meine. Vielleicht komm ich ein paar Seiten Englisch zurückzulegen, eh Sie nach Hof gehn. Ich maskire mir iezt das Verlangen Sie zu sehen mit der Idee dass ich Ihnen zu was nuz bin.

Addio. d. 10. Nov. 76.

G.

109

[Dienstag 19. November]

Der Sturm hat die ganze Nacht gewährt, und mich aus seltsamen Träumen wohl fünfmal aufgestört, und der Tag der so unhold einbrach, wollte eben Ihr Angesicht nicht sehen unter meinem Wachholderb. Ich hab meine kleine Wirtschafft um und umgekehrt, dieses Zieraffen Papier gefunden, und zugleich schick ich. Aussicht vom Stüzzerbacherberg lincks, wie das Sie schon haben rechts ist, gezeichnet das erstemal in Ilmenau. Schwedenborg. Grau Papier für Kestnern, und einen Bindfaden. Es ist das Maas wo Sie sollen einen Pflock zum Nagel in die Wand schlagen lassen. NB. gemessen von dem Nagel wo das Berg Nebelbild hinzuhängen kommt. Gestern Nacht hab ich ein Model zu einem Schlitten für Sie, aus einem Stümpfgen Wachslicht gefertiget, er ist auch schon bestellt. Wenn Sie mich sollten sizzen sehn, in dem neuen Eckgen das ich mir bereitet habe. Ich kalfatre ietzt Fenster und Thüren, und will sehn wie lang ich mich gegen die Unbilden der Wittrung halte, und ob sie mich überwältigen. Addio – Ich muss nur noch nach einem Pferd schicken denn die Unruhe hat mich heute wieder an allen Haaren. Gute Nacht. d. 19. Nov. halb vier.

Nach Mitt.

G.

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