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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 11
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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90

[Montag 26. August]

Diese Briefe krieg ich heut, und ich dencke es macht Ihnen Freude guter Menschen Stimme zu hören. Hier auch Engel einige Melodien. Adieu. Ich Hab Ihnen nichts zu sagen denn mein ganzes Herz ist vor Ihnen. d. 26. Aug. 76.

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[Donnerstag 29. August]

Mir war's schon genug beste in ihrer Stube zu seyn gestern. Ich fühlte ganz wie lieb ich sie hatte und ging wieder, dancke für den guten Morgen, heut kriegen Sie mich nun freylich auf einen Augenblick. Ich bin in liebevoller Dumpfheit der Ihre. d. 29. Aug. 76.

G.

92

[Freitag 30. August]

Wie haben Sie geschlafen beste. Mir wars gestern sehr wohl um Sie. Es war Ihnen auch lieb ums Herz dünckt mich. Sagen Sie mir ein Wort. Ich lies gestern bey Ihnen Papiere schicken Sie mir sie doch versiegelt. d. 30. Aug. 76.

G.

93

[Ende August oder Anfang September]

Schicken Sie mir den 2 band Phisg! – haben Sie etwa noch einige Bogen des schlechten Exempl. mir fehlen sie. Wie ist's Ihnen liebste. Hier hausen ist's sehr schön.

G.

94

[Sonntag 1. September]

Wenn das so fortgeht beste Frau werden wir warrlich noch zu lebendigen Schatten. Es ist mir lieb dass wir wieder auf eine abenteuerliche Wirthschafft ziehen, denn ich halts nicht aus. So viel Liebe so viel Theilnehmung! So viel treffliche Menschen und so viel Herzensdruck. Leben Sie wohl. Lassen Sie Sich die Grasaffen, besonders die Imhof was vorschäckern. Fühlen Sie dass ich an Sie dencke, und dass ich wieder einen Theil des Wegs reiten werde den ich mit Ihnen gefahren bin. Steinen habe ich das Zettelgen gegeben. Louisen nur eine Verbeugung gemacht. Sagen Sie Ihr dass ich sie noch lieb habe! versteht sich in gehörigen termes. Addio. Addio. d. 1. Sept. Nachts im Garten.

G.

So offt Sie Selzer Wasser trincken gedencken Sie an mich!

95

[Kranichfeld an deiner Brücke, d. 2. Sept. 1776].

Hierhergetrabt die Brust voll tiefem Wühlen
Planvoller Aussicht, sehnt sich nun
Mein Herz ein Weilgen auszuruhn
Und wieder rein an der Natur zu fühlen
Und wieder was für dich zu thun.

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[Weimar, Sonntag 8. September]

Ich war gestern sehr traurig und wusste nicht warum. Es war mir als wenn ich Sie heut nicht sehen sollte, ich lies mir die Clarinettisten kommen, ging in meinem Garten herum, sie bliesen bis acht. Es war alles so herrlich aber mein Herz thaute nicht auf. Eben da ich im reinen Morgen umgehe kommt ihr Zettelgen. Ich habe vor einer Stunde Wielanden sagen lassen er möchte kommen, es war auch Ahndung dass ich iemand brauchen würde. Adieu ich bin dem Schicksaal zu viel schuldig als dass ich klagen sollte, und doch für meine Gefühle kann ich nichts. Adieu, ich werde nicht nach Kochberg kommen denn ich verstund Wort und Blick. Adieu.

d. 8. Sept. 76.

G.

97

[Dienstag 10. und Donnerstag 12. September]

Ich schick Ihnen Lenzen, endlich hab ich's über mich gewonnen. O Sie haben eine Art zu peinigen wie das Schicksaal, man kann sich nicht drüber beklagen so weh es thut. Er soll Sie sehn, und die zerstörte Seele soll in ihrer Gegenwart die Balsamtropfen einschlürpfen um die ich alles beneide. Er soll mit Ihnen seyn – Er war ganz betroffen da ich Ihm sein Glück ankündigte, in Kochberg mit Ihnen seyn, mit Ihnen gehen, sie lehren, für Sie zeichnen, sie werden für ihn zeichnen, für ihn seyn. Und ich – zwar von mir ist die Rede nicht, und warum sollte von mir die Rede seyn – Er war ganz im Traum da ich's ihm sagte, bittet nur Geduld mit ihm zu haben, bittet nur ihn in seinem Wesen zu lassen. Und ich sagt ihm dass er es, eh er gebeten, habe. Ich schicke einen Schäckespeer mit, schicke hoffentlich den Wäckefield nach. Geniessen Sie rein der lieben Herbst Zeit, es scheint als wollt Sie der Himmel mit lieben Tagen seegnen. Ade. von mir hören Sie nun nichts weiter, ich verbitte mir auch alle Nachricht von Ihnen oder Lenz. Wenn was zu bestellen ist mag er's an Philip schreiben.

d. 10. Sept. 76.

G.

Lenz will nun fort, und ich hatte Bedencken Ihnen die vorhergehende Seite zu schicken, doch Sie mögen sehn wie mirs im Herzen manchmal aussieht, wie ich auch ungerecht gegen Sie werden kann. Ich danck ihnen fürs erste Andencken von Ihrem Schreibtisch, den ich damals wohl nicht wieder zu sehen hoffte, aber nicht so. Gestern war ich in Belveder. Louise ist eben ein unendlicher Engel, ich habe meine Augen bewahren müssen nicht über Tisch nach ihr zu sehn – die Götter werden uns allen beystehn – die Waldnern ist recht lieb, ich war früh bey ihr, wir haben uns herumgeschäckert. Abends alle Durchl[auchten] in Tiefurt. Ihr Mann war guter Humor, machte possierliche Streiche mit der Oberhofmeistern. Ich hab die Hofleute bedauert, mich wundert, dass nicht die meisten gar Kröten und Basilisken werden.

Addio, mein Herz ist doch bei Ihnen, liebe einzige die mich glücklich macht ohne mir weh zu thun. doch – freylich auch nicht immer ohne Schmerz.

Ade. beste. d. 12. Sept. 76

G.

Eben krieg ich noch der W[artensleben] Brief, dancke herzl. es ist eine werthe Frau und thut recht wohl so dran. Sie hat ihre eigne feste Vorstellungs Art, und wer der nachhandelt, ist mir werth, wenn sie zugleich so liebevoll und so rein ist wie die ihrige. Grüsen Sie sie in meinem Nahmen und sagen ihr ich würde künftig um ihrentwillen mehr auf die Philantropins aufmercken, dafür bät ich aber auch um die Nachricht die sie von Dessau erwartete. Leben Sie wohl, dencken Sie mein. Ich sizze offt unter meinem himmel in Gedancken an Sie, Sie helfen mir abwesend zeichnen, und einen Augenblick wo ich Sie recht lieb habe seh ich die Natur auch schöner, vermag sie besser auszusprechen. Adieu. Wieland sagt meiner Zeichnung die ich iezt mache sah man recht an wen ich lieb hätte.

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[Montag 16. September]

Dancke tausendmal beste Frau. Die Zeichnungen sind herrlich, tuschen Sie nur mehr, es ist ein erstaunend Gefühl in dem Getuschten. Lohns Gott was Sie für Lenzen thun. Ich bin in einem unendlich reinen Mittelzustand ohne Freud und Schmerz, zusammengepackt von Tausenderley Umständen ohne gedrängt zu seyn. Der Herzog wird kommen und wird ihm wohl bey Ihnen werden und ich werde nicht kommen, er wird etwa Einsiedeln mitbringen denn iemand muss er bey sich haben. Drey holde Stunden hab ich für Sie gezeichnet, und noch nichts fertig gebracht. Die Imhof hab ich auf der Redoute gesprochen, auch war sie in meinem Garten einen Abend, mit d[er] Ilten. Das holde Geschöpf ist gedrückt – Lieber Gott – ich mag über die Menschen gar nichts mehr sagen.

Lavater schreibt mir heute »Die Gräfin v. W[artensleben] wird in Dessau die Religion nicht finden, die sie sich für ihren Sohn wünscht und die unser Häfelin in Marschlinz ihn lehren würde«. Schreiben Sie ihr das, ich mag gern dass sie alles höre.

Adieu Hängen Sie dem Unglauben nicht so nach! Mein Herz ist nicht so unzuverlässig als Sie dencken.

Ich habe noch so viel zu sagen – Aber Adieu.

d. 16. Sept. 76.

G.

99

[Montag 16. September]

Soll der Herzog ohne ein Wort von mir zu Ihnen gehn! Gestern war ich bey der Imhoff einen stillen Abend, es war doch Ihrer Schwester Hand die ich küsste. Der Vicar of Wakefield ist heute von Leipzig ankommen ich will ihn geschwind hefften lassen und dann sollen Sie ihn haben. Adieu liebe. Ich bin ganz still und stum.

d. 16. S. 76.

G.

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