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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 108
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titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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An Charlotte v. Lengefeld

Weimar 30. Januar 1786.

Ich möchte Sie gern mit dem, was Goethe über Lavater's Magnetisieren denkt, befriedigen, aber er ist der immer Schweigende; so viel sagt er mir, daß ihm der Zustand von Lavater's Frau nicht so wunderbar vorkäme als es schien, indem sie nur Dinge erkennt, wozu sie einen Theil ihrer Sinne nicht gebrauchte, die aber doch in den Kreis ihrer Ideen gehörten, und wäre nun ein Beweis, daß der Mensch zu den allerfeinsten Aperceptionen kann gestimmt werden, welches lang bekannt ist.

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An Knebel

Weimar 29. März 86.

Goethe ist wohl und vergnügt hier wieder angekommen und pinselt immerfort an seinen Prometheusschen Menschen, die er sich schafft und gut und bös seine Lieblinge sind.

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An Knebel

Weimar 10. Mai 86.

Goethe lebt in seinen Betrachtungen, aber er teilt sich nicht mit, Dies ist eine Tugend, die Sie nur besitzen! Aber ich bedauere den armen Goethe: Wem wohl ist, Der spricht! Mir versagt leider manchmal die Sprache aus doppelten Ursachen, weil ich Nichts weiß und weil ich leide.

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An Knebel

Weimar 30. August 86.

Ich habe unseres Freundes Geburtstag mit der Imhoff in seinem Garten zugebracht und ihm eine kleine Gabe in seinen Schreibtisch gelegt; ich will Ihres Herzens Andenken noch dazu legen.

Den 23. hab ich einen Brief vom Goethe, wo er mir schreibt, er werde noch acht Tage in Karlsbad bleiben, alsdann dunkel und unbekannt eine Weile in Wäldern und Bergen herumziehen, so daß er unter sechs Wochen nicht hier sein wird.

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An Charlotte v. Lengefeld

25. December 1786.

Aus Rom habe ich viele hübsche Briefe vom Goethe, die ich Ihnen, wenn Sie zu uns kommen, will zu lesen geben. Daß er wieder zu uns zurück will, ist gewiß sein Vorsatz, aber der Himmel beschließt manchmal anders, als wir gebundene Sterbliche wollen. Ein bischen unartig hat er seine Freunde verlassen.

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An Knebel

Weimar 26. März 87.

Goethe ist nun wahrscheinlich nach Sizilien; er hat in Neapel nur 4 Wochen bleiben wollen, zu Ende Mai will er von Sizilien zurück.

Es ist mir ein unangenehmer Gedanke für ihn, wenn er im Winter hier eintreffen sollte, und doch mag ich auch nicht denken, daß er noch ein ganzes Jahr wegbleibt.

Ein Stückchen von meinem Briefe, aus dem Vesuv angeraucht, hat er mir zurückgeschickt.

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An Knebel

Weimar 4. April 87.

Goethe schreibt mir recht fleißig und ist sehr wohl. Bald glaube ich, er geht nicht nach Sizilien, denn in seinem letzten Briefe schrieb er gar nichts davon. Aber desto schlimmer: so wird er wieder ein zweites Mal von uns gehen, und Sie wohl gar mit, um Ihre lieben feuerspeienden Berge zu sehen!

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An Charlotte v. Lengefeld

1. Juni 87.

Stellen Sie sich vor, daß ich durch Goethe vom Prof. Statella ein Compliment bekommen habe; er hat ihn bei dem Gouverneur von Sicilien gesehen. Goethe hat des Cagliostro Mutter und Schwester kennen lernen, eine ehrbare arme Familie. Sagen Sie doch dem Beulwitz, daß er eine gewisse Schrift zu bekommen suche, welche ein sicilianischer Rechtsgelehrter geschrieben hat, und die zum Titel den Stammbaum des Josephs Balsamo hat. Goethe hat mir's empfohlen, und es hat vermuthlich Beziehung auf Cagliostro und soll interessant sein. In Paris ist's gedruckt worden.

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An Herder

31. August 1787.

Wie ich eben von Rudolstadt komme, wo ich ein paar Tage war, find ich Ihren lieben Brief und die Einschlüsse; Im ersten Augenblick als ich Ihren Brief lese verstehe ich, Sie schicken mir Goethens Brief an Sie zum lesen, und ich hatte die Verwechselung nicht begrifen, genug ohne indiscret seyn zu wollen lese ich den ganzen Brief, zum Glück, daß kein Geheimniß drinn war; Ich schicke Ihnen den meinigen auch wieder mit und ist mir lieb, daß die Bahn gebrochen ist und mir künftig das brüderliche Du, daß mich freut mit Ihnen gemein zu haben, kein Hinderniß mehr ist sie Ihnen mitzutheilen. Unser Freund war einmahl tief von mir beleidiget, als ich diese lateinische Sitte unter uns ablehnte, und von der Zeit an habe ich es so begriffen als es aus seiner treuen Seele kam, könte ich nur die Empfindung von einem Niewiedersehen vergessen, die mir mit ihm geblieben ist und die sich mir heute schrecklich erneuert.

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An Sophie v. Schardt

Kochberg 4. Sept. 87.

Glücklicher bin ich jetzt, weil ich die Trennung meines Freundes, die mir vor dem Jahr so bitter war, verschmerzt habe.... Ihr habt des Abwesenden Geburtstag gar artig gefeiert. Es ist mir lieb, daß ich nicht dabei war; ich konnte den Tag nicht fröhlich sein.... Goethe wird bis Ostern in Rom bleiben. Die Nacht träumte ich sonderbar von ihm; ich fürchte es wird ihm ein Unfall begegnen, und das in der Zeit, wenn er zu uns zurück gedenkt. So muß ich meinen Traum deuten; wenn ich Dich sehe, will ich Dir ihn erzählen.

30

An Charlotte v. Lengefeld

28. Dezember 1787.

Goethe schreibt mir alle Sonntage und ist glücklich, fröhlich und ganz selig. Im letzten Brief schickte er mir aus seiner umgeschmolzenen Claudine einen Vers; hier ist er:

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Treue wohnt für sich allein;
Liebe kommt euch rasch entgegen,
Aufgesucht will Treue sein.

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An Sophie v. Schardt

Weimar 27. Juni 88.

Prinz August ist noch immer hier. Gestern gab er mir einen Vers zur Kontinuation des Verses, welchen Klaudine singt. Du besinnst dir ihn doch?

Liebe schwärmt auf allen Wegen
Treue wohnt für sich allein u. s. w.

Nun die Fortsetzung von Prinz August:

Treue weinet oft im Stillen,
Wenn die Liebe scherzt und lacht;
Liebe schläft, fängt keine Grillen,
Wenn vor Schmerz die Treue wacht.

Wie wahr! – Knebel ist noch nicht angekommen. Wenn er alle seine Endzwecke so verfehlt wie den, Goethen entgegenzugehn, wirds ihm weh, doch attisch weh werden!

Den 30. Vorgestern war ich mit der Herzogin Louise und Herders bei Goethen, der uns einige Kupferstiche von Claude Lorrain, und geschnittene Antiken wies. Wir waren nicht lange bei ihm, als Knebel auch hereintrat, und so war denn unser altes Häufchen zusammen; mit dem alten Geist, glaub' ich schwerlich..... Ich war acht Tage so kraftlos, daß ich nichts gethan als schlafen; nun brauch ich das königliche Mittel leontodon taraxacon, und ich weiß nicht, machts der Glaube, es ist mir heute besser, nachdem ich es erst zwei Tage genommen habe.

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An Sophie v. Schardt

Kochberg 15. August 88.

Die Ahnung, daß der Kreis der Lieben zerrissen wird und das Häuflein zerstreut, schwebt auch mir im Herzen. Goethe hat auf seinem Gewissen, den ersten Schritt dazu gemacht zu haben, doch hoff' ich, wir bleiben uns..... Die Gores, über die der Herzog brütet und doch nichts herausbringen wird, haben mir, so gute Wesen sie auch sind, Langeweile gemacht. Ich habe sehr Unrecht gehabt, ihret- und Goethens wegen meine schöne Zeit in Kochberg zu versäumen; denn um beide schob ich meine Abreise auf: aber erstere und letzterer haben mich auf völlig fremdem Fuß entlassen, und ist nichts als Langeweile zwischen uns ausgewechselt worden.

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An Charlotte v. Lengefeld

29. März 1789.

Ich war den Winter immer nicht wohl, und da wird man geneigter zum Nachdenken, das einen im Leben nicht glücklicher macht; der andere mir mühsame Begriff von meinem ehemaligen vierzehn Jahre lang gewesenen Freund liegt mir auch manchesmal wie eine Krankheit auf, und ist mir nun wie ein schöner Stern, der mir vom Himmel gefallen; wenn ich Sie sehen werde, will ich Ihnen mancherlei darüber erzählen, das ich nicht schreiben mag.

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An Fritz v. Stein

Wiesbaden, Mai 1789.

Das Bild vom Goethe häng' nicht wieder in meine Stube; es ist zu tief in mein Herz gegraben, als daß ich's auf der Tapete brauchte; die Grießbachen wird es ohnedies nicht so bald wieder schicken. Den Herzog häng' in die Mitte.

35

An Knebel

Kochberg 8. Juli 89.

Meine Freundinnen haben mich alle sehr liebreich empfangen; auch sogar von einem ehemaligen alten Freund fand ich ein freundliches Zettelchen in meinem Kabinettchen an der Wand.

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