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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 107
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An Knebel

Weimar 7. Juli 83.

Goethe, mein treuer Abendgast, zu dem sich, seit Sie fort sind, kein zweiter gesellt, unterhält mich oft von Ihnen..... Der Herzog ist recht gut, verständig und liebenswürdig, Goethe weise; Erfahrung und Gesundheit können ihn noch zum Meister machen. Ich halte mich glücklich, daß mir beschieden ist, seine goldnen Sprüche zu hören.

Er hat Fritzen zu sich genommen und hat eine vortreffliche Art, mit ihm umzugehen. Sie können sich vorstellen, wie mich Das beruhigt.

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An Fritz v. Stein

Kochberg, September 1783.

Es freut mich sehr, daß Du in der schönen weiten Welt meiner gedenkst, und mir dieses, obzwar nicht mit sehr wohlgestalten, doch mit leidlichen Buchstaben zu erkennen giebst. Da Du so viel länger weg bist, als ich glaubte, fürchte ich, es wird mit Deiner Garderobe schlimm aussehen. Wenn Deine Kleider nichts taugen und Du vielleicht dazu, so sage nur dem Geheimderate Goethe, daß er mein liebes Fritzchen ins Wasser werfe. Dein Briefchen habe ich bestellt, auch an alle Pagen Dein Kompliment gemacht. Die jungen Zwiebeln zu legen, will ich besorgen. Die jungen Kätzchen machen Dir eine Empfehlung und springen und balgen sich, wie ehemals die jungen Herren von Stein. Murz ist aber so ernsthaft worden, wie Deine alte Mutter, Lebe wohl, erkenne Dein Glück und bemühe Dich durch Deine Aufführung dem Geheimderat wohlgefällig zu werden. Dein Vater läßt Dich grüßen. Dem Ernst will ich Deinen Glückwunsch zum Geburtstag ausrichten, sobald er kömmt.

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An Knebel

2. März 84.

Ich gehe zu Ende Mai nach Kochberg und werde den Sommer in der größten Einsamkeit zubringen, denn der regierende Hof mit Allem, was daran hängt, selbst die fürstlichen Kinder, gehen zu Anfang Juni auf vier Monate nach Eisenach. Unser Freund Goethe muß wegen dem Landtag auch dahin und wird alsdann eine Reise auf den Fichtelberg machen; und so versprech' ich mir selbst von den mir Ergebensten wenig Besuch.

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An Knebel

Weimar 1. Mai 84.

Herders neue Schrift macht wahrscheinlich, daß wir erst Pflanzen und Tiere waren. Was nun die Natur weiter aus uns stampfen wird, wird uns wohl unbekannt bleiben.

Goethe grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen, und Jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äußerst interessant. So sind mir's durch ihn die gehässigen Knochen geworden und das öde Steinreich.

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An Knebel

Kochberg 26. August 84.

Haben Sie den Anfang des neuen Gedichts vom Goethe in Stanzen gelesen? Vielleicht hat's Ihnen Herder gegeben, ehe er mir's schickte. Wo nicht, so heb' ich's Ihnen auf, wenn Sie mich besuchen, denn Das hoffe ich noch. Goethe schreibt mir, Sie und Herder seien sein Publikum.

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An Knebel

Kochberg 30. August 84.

Dies alles schreibe ich in ein Journal, das ich unserm Freund in seiner Abwesenheit zu halten versprochen habe, und Ihre Feier seines Tages wird ihm gewiß wohl tun.

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An Sophie v. Schardt

Kochberg 7. Oct. 84.

... Ich habe Dich um die anziehenden Personen beneidet, die einige Zeit bei Dir waren, und ich hätte gewünscht, Du wärest ein wenig ausführlicher über sie gewesen. Es scheint, Claudius hat Dich mehr angezogen als Jacobi. Unser Freund Goethe, der einige Tage hier war, hat mir davon nicht das Geringste gesagt. Du kennst seine Art; er denkt viel, ohne etwas zu sagen, und man könnte unter sein Bild setzen: El penseroso. Meine Kinder sind fort; diese drei Brüder scheinen geborene Freunde zu sein; ihre Einigkeit und ihre unveränderliche Fröhlichkeit haben mir Freude gemacht. Ach, wenn ich wie mein Vater dächte, was hätte ich für Ärger gehabt über ihre Eulenspiegeleien und ihre Einfälle in die Milch- und Obstkammer! Goethe hat mir gesagt, daß Du traurig seiest. Ich hoffe, dieses wird uns einander näher bringen, und wir werden veranlaßt werden, unsere Traurigkeit auf die großen Erscheinungen der ernsten Natur zu wenden. Ich lese jetzt in einer Physik; das Kapitel über den Magnet ist so anziehend als möglich, und ich habe lange nichts gefunden, was meine Wißbegierde mehr gereizt hätte.

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An Knebel

Weimar 24. Januar 85.

Goethe grüßt Sie. Der Stein war ihm lieb: so schön ausgewaschen hatte er ihn noch nicht in seiner Sammlung. Gestern abend bin ich mit Herders bei ihm gewesen, wären Sie doch auch in unserer Mitte!

Ich glaube, Goethe hat viele Freuden, ernste Freuden, welche die Welt nicht begreift, so wie letzt ein Fremder nicht begreifen konnte, was wohl für ein anderes Interesse, da ich nicht spielte, mir dafür genügen könnte.

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An Knebel

Weimar 15. Februar 1785.

Vorerst danke ich Ihnen für's Mikroskop, das Sie heute werden zurückerhalten haben; aber ich muß Sie noch einmal damit plagen. Eigentlich will die Herzogin Luise dem Goethe ein recht extra gutes Mikroskop schenken, weil sie einmal von ihm gehört hat, daß er sich's wünschte. Ein Sonnen-Mikroskop hat er schon; demohngeachtet strebt er nach einem, wovon ihm Loder erzählt hat. Und so wünschte ich, wenn es Loder noch weiß, mir die Adresse davon zu verschaffen.

Ich habe das berühmte Stück »Le mariagee de Figaro« gelesen, nämlich, wie man es bei der Vorstellung nachgeschrieben hat. Goethe sagt, es komme ihm wie ein Feuerwerk vor. Daß die ganze Intrige auf Nichts als Rendezvous hinausläuft und doch man vom Stück nicht gut wegkommen kann, wenn einmal angefangen ist, mag wohl für die Geschicklichkeit des Autors sprechen. Goethe muß es gleich dem Geheimrat Frankenberg nach Gotha zurückschicken, sonst hätten Sie's auch haben sollen.

Ich habe von der Imhoff sonderbar geträumt: ich wäre in England bei ihr, und es war etwas Trauriges in unserm Wiedersehen. Lachen Sie mich nicht aus wie Goethe, wenn die Herdern und ich uns etwas in Träumen zu Gute tun und die Verbindung mit höheren Wesen oder eigene Kräfte der Seele uns manchmal im Schlaf zueignen, welche die Männer freilich immer wachend besitzen!

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An Knebel

Weimar 20. April 85.

Es ist sonderbar, daß eben, da ich Ihren Brief erhalte, ich stilltraurig über denselben Gegenstand nachdachte, davon Sie mir schreiben. Aber leider ist's da auf der einen Seite, wo unser Freund die Hoffnung aufgegeben, Nichts zu ändern, weil Nichts zu hoffen ist und moralisch-unrichtiger Takt und Töne in unserm System herrschen. Aber als ein weiser Mann wird er sich's wohl mit der Zeit zurechtlegen.

Überdies geht unser Freund seinen ihm gehörigen Weg. Sie andere Philosophen wissen ja, daß gewisse notwendige Gesetze in der moralischen Natur so gut als in der physischen mit denen Dingen verknüpft sind. So kann ein Verständiger, Edler, Großmütiger, Wohltätiger, Uneigennütziger keinen vergnüglichen Teil mit dieser Welt haben; oder wenn er ihn genießen will, so muß er seinen Himmel verlassen.

Diese Menschen bleiben nun einmal Die, welche man wie den einigen Gott im Geist und in der Wahrheit verehrt. Keine irdischen Altäre werden ihnen nicht gebaut.

Nur ist es notwendig, daß, wenn einmal diese himmlischen Seelen durch Ämter mit den Menschenkindern gebunden sind, sie sich Dieses recht deutlich machen und immer in ihrem Herzen wiederholen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Auf diesem Weg müssen wir unserm Freund beistehen. –

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