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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1

Johann Wolfgang von Goethe: Briefe an Charlotte Stein, Bd. 1 - Kapitel 10
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleBriefe an Charlotte Stein, Bd. 1
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80

Zwischen Felsen wuchsen hier
Diese Blumen die wir treu dir reichen
Verwelckliche Zeichen
Der ewigen Liebe zu dir.

Ilmenau d. 21. Jul. 76.

81

[Ilmenau, Montag 22. und Mittwoch 24. Juli]

Ich hab auf der andern Seite angefangen was zu zeichnen es geht aber nicht drum will ich lieber schreiben in der Höhle unter dem Hermannstein meinem geliebten Aufenthalt wo ich möcht wohnen und bleiben. Liebste ich habe viel gezeichnet sehe nur aber zu wohl dass ich nie Künstler werde. Die Liebe giebt mir alles und wo die nicht ist, dresch ich Stroh. Das mahlerischte Fleck geräth mir nicht, und ein ganz gemeines wird freundlich und lieblich. Es regnet scharf im tiefen Wald. Wenn du nur einmal hier seyn könntest es ist über alle Beschreibung und Zeichnung. Ich hab viel gekrizzelt seit ich hier bin, alles leider nur von Auge zur Hand, ohne durchs Herz zu gehen, da ist nun wenig draus worden. Es bleibt ewig wahr: Sich zu beschräncken, Einen Gegenstand, wenige Gegenstände, recht bedürfen, so auch recht lieben, an ihnen hängen, sie auf alle Seiten wenden, mit ihnen vereinigt werden das macht den Dichter den Künstler – den Menschen – Addio ich will mich an den Felsenwänden und Fichten umsehen. – Es regnet fort. – Hoch auf einem weit rings sehenden Berge. Im Regen sizz ich hinter einem Schirm von Tannenreisen Warte auf den Herz[og] der auch für mich eine Büchse mit bringen wird.

Die Thäler dampfen alle an den Fichtenwänden herauf. |: NB. Das hab ich dir gezeichnet :|

den 24

Ich muss das schicken. vorgestern schrieb ich das Addio. dachtest du an mich wie ich an dich dencke! Nein ich wills nicht! – Will mich in der Melankolie meines alten Schicksaals weiden nicht geliebt zu werden wenn ich liebe.

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[Montag 22. Juli?]

Ach so drückt mein Schicksal mich
Dass ich nach dem unmöglichen strebe.
Lieber Engel für den ich nicht lebe
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich.

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[Freitag 2. August]

Ich habe mit Zittern deinen Zettel aufgemacht, in Freude dass du nur wieder nah bist. Ich dachte du wärst in Weimar. Liebste Frau wir sind wohl noch in Ilmenau komm nur. Hunderttausendmal bist du um mich gewesen ich hab nur für dich gezeichnet. Zwar wenig, aber mein Herz drinne. Adieu Engel. Ich geh nach Stüzerbach um für dich eine Zeichnung zu endigen. Liebe du giebst mir ein neues leben dass du wieder kommst. Ich kann dir nichts sagen den Herzog freuts Addio. d. 2. Aug. 1776.

G.

84

[Donnerstag 8. August]

Deine Gegenwart hat auf mein Herz eine wunberbaare Würkkung gehabt, ich kann nicht sagen wie mir ist! mir ist wohl und doch so träumig. Zeichnen konnt ich gestern nicht. Ich sass auf Wizlebens Felsen, die herrlich sind und konnt nichts hervorbringen da schrieb ich dir:

Ach wie bist du mir,
Wie bin ich dir geblieben!
Nein an der Wahrheit
Verzweifl ich nicht mehr.
Ach wenn du da bist
fühl ich, ich soll dich nicht lieben
Ach wenn du fern bist
Fühl ich, ich lieb dich so sehr.

Heut will ich auf den Hermanstein, und womöglich die Höhle zeichnen hab auch Meisel und Hammer die Inschrifft zu machen die sehr mystisch werden wird. Ihr Zettelgen hab ich kriegt, hab mich viel gefreut – Ich schwöre dir ich weis nicht wie mir ist. Wenn ich so dencke dass Sie mit in meiner Höhle war, daß ich ihre Hand hielt indess sie sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb!!! Es ist wie in der Geisterwelt, ist mir auch wie in der Geisterwelt. Ein Gefühl ohne Gefühl. Lieber Engel!

Ich hab an meinem Falcken geschrieben, meine Giovanna wird viel von Lili haben, du erlaubst mir aber doch dass ich einige Tropfen deines Wesen's drein giesse, nur so viel es braucht um zu tingiren. dein Verhältniss zu mir ist so heilig sonderbaar, dass ich erst recht bey dieser Gelegenheit fühlte: es kann nicht mit Worten ausgedrückt werden, Menschen könnens nicht sehen. Vielleicht macht mir's einige Augenblicke wohl, meine Verklungenen Leiden wieder als Drama zu verkehren. Adieu liebe.

d. 8. Aug. 76. Ilmenau.

Auf dem Gabelbach. Es ist bald 3 der Herzog ist noch nicht von der Jagd er wird hier essen. Von meinem Morgen auf dem Hermannstein sollst du was sehen, vielleicht auch was lesen. Addio. du bist immer bey mir.

Stüzzerbach Nachts bey Tisch. Ich hab heute den ganzen Tag für dich gezeichnet, nicht immer glücklich, aber immer warm. Heut aber sass ich wieder hier auf dem Schlossberg und hatte einen guten Augenblick. Wie erwünscht lag eben der Sonnenblick den Moment da ich aufstieg im Thal wie ich ihn aufs Papier fesseln mögt. – Ich muss nur für dich zeichnen, du thust das dazu was ich nicht machen kann. –

Von heute früh, von heut den ganzen Tag! kann ich nichts sagen! Engel – Geh nur in die Schweiz – Gute Nacht, gute Nacht.

G.

85

[Sonnabend 10. August]

Liebste Frau. Ich schick Ihnen die Stüzzerbacher Zeichnung unvollendet, denn ich fürcht ich verderb sie. Gestern versuchte mich ein böser Geist, dass ich in liebeleerem Augenblick drüber kam, und um ein Haar war sie verpudelt, und ich wäre rasend geworden. Auch haben Sie da noch ein ander Stück das ich nur in Ihrer Gegenwart auszeichnen kan. Legen Sie beydes in eine leere Comod Schublade, dass es sich linde von selbst aufrollt, dass es nur keine Brüche kriegt. Adieu Engel ich mag dir nichts weiter sagen, du hast alles was ich gethan habe von dir loszukommen, wieder zu Grunde gerichtet. – Die Rolle schick mir wieder. Addio.

d. 10. Aug. 76.

G.

86

[Montag 12. August]

vergebens hab ich auf ein Paar Worte von dir gewartet! Hier hast du die Aussicht aus dem Pachthofe zu Unter Pörliz wo wir zusammen standen als Krause zeichnete. Ich hab am Falcken geschrieben und hoffe was zusammen zu bringen.

d. 12. Aug. 76.

G.

87

[Weimar, Dienstag 13. August]

Lieber Engel wir kommen. Der Herz[og] will seinen Fus in des Pr[inzen] Const[antin] leeren Zimmern warten. Ich werde dich wiedersehn, und geh alles wie's kann!

d. 13. Aug. 76.

G.

88

Hier einige Knospen und Blüten die der Frühling 1769 trieb. Schicken Sie mir die Phisiognomick wieder, Ich will sie binden lassen.

Gestern Nacht wurd ich von Ihnen ausgehend von Vagabunden attakirt. Adieu. Liebste Frau, mein Herz sagt mir nicht ob ich Sie heute sehn werde, es ist einmal wieder in Bewegung und weis nicht warum. Wie aber geschrieben steht so ihr stille wärt würde euch geholfen, so will ich still seyn.

G.

89

[Freitag 23. August]

Ich hoffte ihr Herz sollte ihnen sagen über die Oberweimarer Wiesen zu gehn. Es hats nicht und ich bin umsonst bey schönem Sonnen Untergang in meinen Garten gangen, hier die Silhouette. Viel Grüse Ihrer Hohenlohe. Morgen bin ich bey Ihnen.

d. 23. Aug. 76.

G.

Beym Monde dencken Sie mein.

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