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Caroline Schelling: Briefe - Kapitel 9
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typeletter
authorCaroline Schelling
booktitleDie Kunst zu leben
titleBriefe
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1921
editorSigrid Damm
year1997
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120522
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VIII. Briefe aus der Zeit der Gemeinsamkeit Carolines mit Schelling

1803-1809

»Es liegt ein Druck auf der Welt, unter dem man nicht mehr frei zu atmen vermag.«

*

112. An Luise Wiedemann

Prälatur Murhardt d. 5ten Jun. [18]03

Ich begrüße Dich aus dieser fernen und friedlichen Gegend, liebe Luise, wo ich glücklich, ohne den kleinsten Zufall, angekommen und über alle Beschreibung wohl und herrlich empfangen worden bin. Ich bin nur 9 Tage unterwegs gewesen, ob ich gleich in Bamberg zwey volle Tage und einen in Würzburg blieb. Vom letzten Ort ist es nur zwey Tagreisen bis hieher. Der Ort liegt am Fuß der nicht wilden Gebirge, welche Franken und Schwaben trennen, ungleich lieblicher, als wir es uns dachten, und nicht allein lieblicher, sondern schlechtweg sehr anmuthig in einem weiten Thal zwischen mannichfachen Hügeln und Bächen. Das Städtchen ist neu aufgebaut nach einem Brande, die Prälatur ist außerhalb der Stadt, das Haus ist wohl gebaut, hat einen großen freundlichen Vorhof, und Gärten, Seeen und Wald hinter sich; auf einem kleinen Hügel liegt jenseit des Sees eine Wallfahrtskirche aus alten Zeiten. Nimm nun zu diesen leblosen, obschon sehr lebendigen Ansichten die guten Bewohner, Schellings ehrwürdigen Vater und seine herzlich gute Mutter, die Schwester, die beyden Brüder Carl und August, in welchen allen doch Schellingischer Geist in verschiednen Nuancen sich regt und jeder sein ganz bestimmtes Wesen und Charakter an sich hat. Beate würde sehr hübsch seyn, wenn sie nicht zu stark wäre, was aber bey dieser Fülle von allen Gaben Gottes und der gleichmäßigen gesunden Thätigkeit nicht zu vermeiden gewesen seyn mag. Ich bin nun schon 8 Tage hier und völlig eingewöhnt. Noch kann ich mich nicht recht über die Lage der Dinge außerhalb dieses geweiheten Bezirkes besinnen. Der entschiedne Ausbruch des Kriegs vereitelt höchst wahrscheinlich die Reise nach Italien, und damit geht freylich viel verlohren, da ich sie nicht allein als einen irdischen Gewinn betrachtet habe, sondern besonders für Schelling diese Maaßregel für ganz unschäzbar hielt. Aber ergeben bin ich natürlich in alles, was sich zutragen mag. Auch ist doch wohl nicht alle Hoffnung irgend einer baldigen Endigung vergeblich. Ihr werdet aber in Euren Gegenden mit erneuten Kriegsgerüchten heimgesucht werden, und die Hannoveraner vielleicht mit mehr als Gerüchten, obwohl ich auch an diesem noch zweifle. Schreibe mir ja darüber, was Du weißt; ich sehne mich überhaupt sehr nach Nachricht von Euch. Du adressirst, wie ich Dir schrieb, an Hrn. Prof. Schelling zu Murrhardt, über Studtgardt, dem Murrhardter Boten mitzugeben. Ich werde diese Woche nach Studtgard fahren, die Unzelmann ist dort und spielt, ich muß die Kleine sehn und sprechen. Was mögt ihr treiben? Ich habe die Geschichte mit dem Baron schon aus dem Gedächtniß verlohren, jedoch noch glücklich 2 Bouteillen Tokeyer für den Prälaten mit anhero gebracht.

Bamberg ist mir der liebste Ort, der Lage nach, den ich kenne, dort möchte ich wohnen, wo auch Auguste noch so unbeschreiblich froh gewesen ist. Marcus ist ganz Thätigkeit und voll Ernst etwas rechtes für die Medicin im Lande zu gründen. Kilian ist als zweiter Arzt des Krankenhauses in Bamberg berufen, und als Beisitzer des Medicinalkollegiums. Für Würzburg scheint aber das Bedeutendste geschehn zu sollen, wegen der dortigen großen fonds. Die Lage ist eingeschränkter wie die von Bamberg, aber immer, zwischen Weinbergen und am Mayn, noch schön genug. Übrigens sind diese Länder alle im Umgestalten begriffen unter der neuen Regierung, und Zufriedenheit wie Unzufriedenheit reiht sich dichter auf einander. Grüße die Mutter. Der alte Schelling hat mir schon mehrere Briefe von unserm Vater gezeigt, der viel auf ihn gehalten haben muß. Ich küsse die Kinder. Emmas Puppe habe ich hier mit her gebracht.

Mit Carl haben wir unendlich viel Spaß. Die Buben (wie sie hier sagen) kamen uns Meilen weit entgegen zu Pferd, das ganze Städtchen lief zu Thür und Fenster, wie wir auf die Prälatur fuhren.

*

113. An Luise Wiedemann

[München, 8.?-17. September 1803]

[Auszug. Anfang fehlt.]

... ist von Seiten Loders besonders recht unartig, da er doch 25 Jahr lang von Weimar gehegt und gepflegt worden ist. Merkwürdig ist es auch, wie sie vermeiden Schelling unter denen zu nennen, welche die Bayersche Regierung von Jena abruft. – Den Umstand weißt Du vielleicht auch nicht, daß Hufeland mit Schütz zu Würzburg in gleichen Absichten zusammentraf, er hat sich dem Grafen Thürheim von allen Seiten angetragen, zugleich aber im Voraus schon gethan, als habe er Anträge erhalten, was durchaus nicht der Fall ist, indem man ihn wirklich auch schon wieder aufgegeben hat, und dadurch vors erste bewirkt, daß man ihm das Versprechen einer Zulage von 200 rh. nachgesandt hat. Übrigens ist Martens nach Jena gerufen; Sömmering hat nicht angenommen, aber einen gewissen Ebel vorgeschlagen, der über die Schweizergebirgs-Völker geschrieben. Man wird in Jena nun vermuthlich abwarten, bis sich die ganze gährende Masse gesetzt hat, und dann sehn, was übrig bleibt.

Mittlerweile hat der Geheimerath Zentner, der hier das Universitäts-Wesen dirigirt, an Schelling geschrieben und ihn veranlaßt, auf jeden Fall seinen Weg über München zu nehmen, weil er gern ihn kennen lernen und mündlich mit ihm reden will.

Wir sind erst seit gestern Abend spät hier, also kann ich Dir noch nichts sagen, indem ich eben die Stunde benutze Dir zu schreiben, wo Schelling bey Zentner ist.

Mir war es höchst interessant München auch noch zu sehn, wo es eine Menge vortrefflicher Kunstsachen giebt, was mir als die Hauptstadt von Bayern merkwürdig war, und überhaupt war die Jahrszeit für die Schweiz fast schon zu weit vorgerückt, wir reisen nun weit bequemer. Es führte uns ein Kutscher von Augsburg hieher, der schon oft in Italien bis nach Venedig gewesen ist, und uns gar gern dahin bringen möchte. Auch ist das Reisen hier zu Land nicht so enorm theuer wie in der Schweiz.

Von Studtgard gingen wir zuerst nach Tübingen, wo Schelling sich noch nicht präsentirt hatte vor den alten Karikaturen, die sich dort Professoren nennen. Ich habe da alles gesehn, wo er gelebt und gelitten, im Stipendium gewohnt, gegessen, wie er als Magister gekleidet gewesen, wie der Neckar unter seinen Fenstern vorbeygeflossen und die Flotzen darauf, und alle alte Geschichten, die er so hübsch erzählt, ich habe auch Bebenhausen besucht, wo er seine erste Kindheit zugebracht; sein Vater war Professor der dortigen Klosterschule; es liegt mitten im Walde, die Hirsche kommen und fressen einem aus der Hand, Du weißts ja.

Von Tübingen gingen wir über die sogenannte Würtembergische Alp nach Ulm, wo schon die Donau zwar nicht breit, aber tief und reißend strömt, von da nach dem prächtigen Augsburg, das in einer schönen Ebne liegt, und was ich möchte gekannt haben, ehe seine Kaufleute Grafen wurden – von dort nach München, alles auf Chausséen, über welche die Wagen wie mit Flügeln rollen.

Hier ist nun eine ganz andre Welt, dergleichen ich noch nicht gesehn, nicht von Seiten der Natur, denn auch München liegt in einer unabsehlichen Ebne, und die Tyroler Gebirge zeigen sich nur von einer Seite wie leichte blaue Schatten am Horizont, aber der Menschen, der Trachten usw. Das ist ein Blut und ein Fleisch und Bein! Die Mädchen wunderschön, goldne Mützen, vortreflichen Haarwuchs und dazu lange seidne Kleider für die eleganten, für die Philisterinnen Röcke mit hunderttausend Falten, lange Taillen, Kamisöler mit steifen Schößen, mit silbernen Ketten, das Brusttuch geschnürt, offne Busen und welche! Die Bauerweiber in Pelzkappen und steifen bunten Corsetten wie ein Panzer, in dem sie nur so drin stecken. Ich habe schon alles Volk durcheinander gesehn, denn heut ist eben ein Feyertag, und es gab eine Procession, der fast die ganze Bürgerschaft folgte. Solche dicke Andacht ist mir denn doch noch nicht vorgekommen, die Leute scheinen in ihrer derben Leiblichkeit doch gar nichts mehr von ihrem Leibe zu wissen, wenn sich der hochwürdige Leib naht. Ihre Rosenkränze nehmen kein Ende, die Kügle daran so dick wie welsche Nüsse und silberne Krucifixe von ¼ Elle. Dafür nehmen sie es in Franken etwas leichter.

d. 16 September

Es ist nun entschieden, liebe Luise, Schelling ist in Würzburg auf seine selbst gewählten Bedingungen angesetzt, eine nur darunter, die ich nicht gewählt haben würde, ist die, daß die Reise nach Italien aufgeschoben bleibt, die Erlaubniß dazu ihm indeß schon im voraus gegeben ist, sobald er sie begehrt. In Absicht der zweideutigen Lage des Landes, und daß wir, so wie die Sachen jetzt stehn, doch nicht wohl bis nach Neapel hätten gelangen können, hat er vorgezogen bey dem ersten Beginn in Würzburg gegenwärtig zu seyn.

In Kurzem werde ich also so ziemlich wieder in Deiner Nachbarschaft seyn. Wir gehn von hier nach Würzburg, um dort eine vorläufige Einrichtung zu treffen, und von dort wieder nach Schwaben, um bey den Eltern zu bleiben bis zu Eröffnung der Universität, etwa am Ende des November, wo wir dann Beate mit uns zu nehmen gedenken.

Ich kann Dir nicht sagen, mit welcher Achtung und entschiedner Zuneigung der Freund hier aufgenommen wird, ob es schon das Land ist, wo sie zugleich am heftigsten gegen ihn geschmiert und pasquilliert haben. Es sind zum Theil sehr auserlesene Menschen, die am Ruder stehn. Den Geh. R. Zentner habe ich selbst kennen gelernt, er hat zweimal 3-4 Stunden des Abends in unserm Zimmer zugebracht und auch mit mir gute Freundschaft gemacht. Da er hier einzeln lebt, so bin ich nicht in seinem Hause gewesen. Vorgestern war es, wo Schelling bey dem ersten Minister Hrn. v. Montgelas zum Diner geladen war, und nun nach der Tafel ihm erklärt wurde, wie sehr man sich freue, daß er nicht abgeneigt sey in Bayerische Dienste zu treten usw. Darauf begleitete ihn Hr. von Zentner zu mir zurück, um es mir ebenfalls anzukündigen. –

Kannst Du Dir aber vorstellen, daß eben in diesen Tagen nochmals neue Vorschläge von der Literatur Zeitung ankommen, ungeachtet sie schon ihre Erhebung in den Preußenstand so verkündiget hat. Sie müssen ein starkes Bewustseyn davon haben, was es für sie ist, nach Halle verpflanzt zu werden. Hier haben sie einestheils nicht die Summe gefordert, die ihnen der König von Preußen bewilligt haben soll, anderntheils aber die absurde Proposition gemacht, daß ihnen die Regierung jedes Exemplar, das sie künftig weniger absetzten (und sie haben den jetzigen Absatz so hoch angegeben, daß es alle Wahrscheinlichkeit, wie vielmehr die Wirklichkeit übersteigt), mit 6 rh. vergüten solle. Da dieß nun die hiesige Regierung auf ungemessne Zeiten hinaus mit einer artigen Summe belasten würde, und die Zeitung dadurch ihre Schwäche so vollständig verrieth, so hätte es nicht einmal der persönlichen Verachtung, die auf dem Schützen ruht, bedurft, um ihn fehlschießen zu machen. – Vielleicht bietet er sich selbst in Jena wieder an, wo man aber schon sehr beschäftigt ist eine neue LZ. einzurichten. – Den Gedanken an Hufeland hatte man hier aufgegeben, indem er sehr starke Forderungen gemacht haben mag, aber Schelling hat sie sehr dazu ermuntert ihn zu rufen ... Ebel hat auch abgeschlagen, wie man aus Jena schreibt. Nun denkt man auf Rosenmüller in Leipzig. Ich weiß nicht, was den Ruf an Wiedemann etwa zurückhalten mag, da er doch sehr nahe läge. In Würzburg wird man mit der Besetzung der Stellen nicht eilen – Schelling ist nur vorläufig so früh ernannt. Es wäre sehr erwünscht für uns, wenn ihr dorthin kämt. Würzburg wird unstreitig ein unendlich viel mannichfaltigerer Aufenthalt seyn wie Jena. Da sind die großen medicinischen Anstalten. Eine Sammlung von Gemählden und Abgüssen kommt hin, die Verschiedenheit der Religionen, ein Sitz für die Regierung, ein Theater, das zwischen Bamberg und Würzburg abwechselt, der Handel, der Mayn, die Weinberge, und also auch die Weinlese, und was nicht alles! Und mir ist es überdem ein heiliger Boden, den ich nur mit Schmerz in anderm Besitz gesehn, eine halbe Tagereise von Würzburg ruht Auguste. – Wie es kommt, daß Du die Büste noch nicht erhalten, weiß ich so wenig, als warum Tiek sie mir selbst noch nicht schickte. Ich habe keine Zeile von ihm gesehn, es wird sich aber nun alles fügen. Ludw. Tiek, sagt man, bringt den Winter in Jena zu. Steffens ist in Giebichenstein und holt seine Frau.

Ich bin zwey Tage nicht wohl gewesen, sonst würden wir von hier aus noch das Salzburgische Gebiet, das wegen seiner ausgezeichneten Natur so berühmt ist, bereiset haben, es war schon alles bestellt. Vielleicht geschieht es dennoch am Ende unsres hiesigen Aufenthalts, der noch einige Tage dauern wird.

Theile der Mutter vorläufig alles mit, was ich schreibe. Sobald ich mehr Ruhe habe, schreibe ich ihr selbst, und ich hoffe, sie wird sich mit meiner Lage gewiß aussöhnen.

Schreibe mir etwas von der unsres armen Vaterlandes, wenn Du etwas weißt, das die Zeitungen nicht enthalten. Adressire einen Brief nach Bamberg bei Hofr. Marcus abzugeben, denn wir kommen vermuthlich jetzt über Bamberg.

Schellings gute liebe Eltern werden ganz entzückt seyn über diese Wendung der Dinge. Die Mutter konnte sich über Italien nicht zufrieden geben, da sie dort einen Sohn verlohren hat, sie schrieb noch zulezt: Gott geleite euch, aber nur bis München. – Jetzt sind wir nur anderthalb Tagreisen von ihnen. Von euch nur 3 – und ich umarme meine kleinen Nichten nicht mehr aus so weiter Ferne, und möchte sie gar zu gerne ganz bey mir haben. Schelling grüßt euch herzlich – er ist hier sehr beschäftigt. München kann einen außerdem wohl unterhalten, es sind vortrefliche Dinge zu sehn. Lebe recht wohl.

Geschlossen am 17ten Sept.

*

114. An Meta Liebeskind

[Würzburg, März 1805]

[Anfang fehlt.]

Sie werden wahrscheinlich weit früher wie ich die Blätter gesehn haben, von denen ich Ihnen lezthin sprach: Huber betreffend, in der eleganten Zeitung und dem Freimüthigen. Jenes war eigentlich nur Copie eines Briefes von ihr, aber wohin rechnen Sie das lezte? Ich weiß nicht, ob Sie im Ganzen dasselbe Gefühl haben wie ich – mir ist es schon an und für sich abscheulich, so das Heiligste und Heimlichste durch den Schlamm der Tagesblätter zu ziehn. Und was will Therese mit allen diesen Veranstaltungen? doch nur sich rechtfertigen.

Obgleich einiges dagegen ist, so scheint mir auch das lezte nicht ohne ihre Mitwirkung geschehn zu seyn. Es sind die Xenien darinn erwähnt, von denen sie nichts wissen sollte – indessen, wie ich glaube, doch gewußt hat. Ich gestehe, daß Schiller für diese höchst unmänliche That noch viel mehr verdient hätte; man hat sein nahes Verhältniß mit dem sel. Huber nicht erwähnt, was sie noch weit stärker aggravirte. Auch misbillige ich eine solche Rüge in diesem Augenblick nicht, es ist vielmehr eben der rechte. Allein die Ruhe dieser Todten jetzt durch Rechtfertigungen zu stören, wo ja niemand mehr Rechenschaft fordert und sie doch so manche noch nahe berühren und mannichfaltig affiziren müßen, wo eben deswegen die Sache doch nicht in ihrer vor Gott bestehenden Wahrheit, sondern nach lügenhaften Selbsttäuschungen und in unreinen Beziehungen dargestellt wird – sehn Sie, das wendet mir das Herz um. Schreiben Sie mir etwas darüber. Schelling mag gar nicht einmal mit mir davon sprechen, weil es ihn mehr indignirt wie interressirt. Wir beide wissen die Begebenheit gewiß am allergenauesten. Wird Therese auch uns belügen wollen? Denn es finden sich allerlei Andeutungen, daß sie gewillt ist ihre Ansicht vollständig dem Publikum zu geben. Können Sie es, so sollten Sie sie warnen. Es ist seltsam, daß sich ihr Schmerz so nach außen kehrt, und wieder ein Zeichen von dem Mangel an Frieden im Innern. Sagen Sie, wie kann man das Bedürfniß haben seinen Mund gegen die Welt zu öffnen, sich der, immer schmälichen, Gegenwart gegen über zu stellen? Ist es blos der theatralische Charakter oder böses Gewissen?

Ich könnte begreifen, wie man die Dokumente eigner verworrner Begebenheiten seinen Kindern und auch der nach uns lebenden Welt als eine die Menschheit überhaupt interressirende Erfahrung hinterlassen kann. Erst wenn Namen und Personen nichts mehr zur Sache thun, tritt sie in ein wahres Licht.

Aufrichtige Konfessionen zu schreiben wie R[ousseau] deutet nach meinem Gefühl immer auf eine mehr oder weniger kranke und häßliche Natur – geschmückte Darstellungen werden, ohne von ihrer innern Unwürdigkeit und weibischen Ursprung zu sprechen, am Ende doch entlarvt – dann ists ja noch schlimmer.

Mein fester Glaube ist, daß alle Lüge ans Licht kommt und daß Lüge das einzige Laster ist und der Teufel ihr Vater. Wie unerhört ...

[Bogenende.]

*

115. An Julie Gotter

Würzburg d. 1.Dec. [18]05

Ehe das Jahr vergeht, in welchem Du mir, so viel ich weiß, nicht eine Zeile von Dir hast zukommen lassen, will ich Dir hiezu noch Veranlassung und Frist zur Buße geben, indem ich Dir gegenwärtiges schreibe und zu gehöriger Zeit eine Antwort erwarte. Wo bist Du und was treibst Du? Pauline ist ein wackres Kind, und gegen sie darf ich mir nichts herausnehmen, sondern bin länger wie billig ihre Schuldnerin gewesen, allein ihr Verdienst kann Dir nicht zu gut gerechnet werden, und ich halte Dich bis auf weiteres für ein faules und gottesvergessenes Julchen. Schreibe mir sogleich, ob Du nicht meiner Meynung bist, und außerdem auch, wie ihr euch sämtlich befindet, gesinnt seyd und euch sonsten in der Welt anstellt. Von mir wirst Du ohne Zweifel denken, daß mich die Kriegsdrangsale bereits genug geängstigt haben, welches eines Theils wahr ist, indessen sind wir hier sehr leidlich davon gekommen bis jetzt, wir befinden uns sogar in der tiefsten Ruhe nach einigen Monaten, in denen es etwas stürmisch zuging. Wir haben unsern Hof, unsre Minister und Geheimeräthe wieder nach Haus geschickt, unsre Truppen ins Feld, und unsre studierende Jugend wohin sie wollte. Was unsre eigne vortreffliche Personen betrifft, so haben wir unsre Wohnung ganz still behauptet, Eine Woche über die Lebensmittel theuer bezahlt, 3 Wochen lang 2 Mann im Quartier gehabt, und haben 100 Mann weniger im Auditorium wie in den vorigen halben Jahren. In der That hat Schelling nur 40-50 Zuhörer. Jeder Tag bringt neue Siege, zu denen wir nun so kommen, wir wissen nicht wie. Die Aussichten sind glänzend, aber vielleicht langes und großes Elend im Hinterhalt. Denn irgend ein Volk und irgend ein Fürst wird sich doch zum Widerstand gegen den allesverschlingenden ermannen, und wir können einen neuen 30jährigen Krieg bekommen. Einen armen friedlichen Gelehrten ist natürlich bey einem Zustand am schlimmsten zu Muth, wo nichts mehr gilt wie Sengen und Brennen. Indessen ist das Interresse an dem, was vorgeht, so groß, daß man sich doch nicht zur Melancholie stimmen läßt durch das, was einem begegnen könte. – Während dem Hierseyn des Hofes war es zwar nicht sehr frölich und rauschend – denn die Parthie, die er nehmen mußte, hat er wohl nicht ohne große Überwindung ergriffen – aber man hat denn doch viele Leute gesehn, mit denen es wenigstens für die äußre Lage nicht gleichgültig war beysammen zu seyn. Unsre Hrn. Geheimenräthe haben uns auch fleißig besucht, der jüngere Prinz mit seinen Lehrern usw. Wir haben es ihnen nichts desto weniger gern gegönnt, daß sie wieder zurückkehren konnten.

Ihr werdet wohl auch mit Durchmärschen heimgesucht werden, denn Preußen rückt unsern Gränzen zu, von der andern Seite kommt Augereau um uns auf jeden Fall zu schützen. – Nach allen Nachrichten aber seh ich, daß es in Ober und Niedersachsen viel theurer seyn muß wie hier, wo ZE. die Butter nur in den schlimmsten Tagen auf 6 ggr. stieg, gewöhnlich nur 4 ggr. kostet und das Rindfleisch den Preis von 2 ggr. noch nicht überschritten hat. Es kann uns aber auch noch so gut werden. Übrigens ist es bey solchen Umständen recht maliziös, wie Iffland zu sagen pflegt, daß ich mich dennoch an euch um Würste werde wenden müssen ... Du wirst denken, ich wäre wie die Lilie auf dem Felde und wollte auch gar nichts mehr thun. Es bleibt doch noch genug, glaube mir. Was soll ich aber bey unsrer Cäcilie bestellen? Ein Gedicht, eine Zeichnung oder ein Küchenrecept? Alles wäre mir von ihrer Hand willkommen. Der lieben Mutter trage ich auf, daß sie mich nicht vergessen und nicht nur das, sondern lieb behalten soll.

Weißt Du, wo meine Schwester Luise ist? – Ich habe einen Brief aus Montpellier von ihr. Wiedemann, der eine schwere Krankheit noch nicht überwunden hatte, wie er nach Kiel mußte, konnte die Luft dort nicht ertragen und entschloß sich plözlich den Winter im südlichen Frankreich zuzubringen. Luise ging mit, aber was ihr die Reise verbittert, ist die Trennung von den Kindern, wovon sie Emma bey Freunden in Kiel und die kleine Minna in Braunschweig bey der Grosmutter zurück ließ. Die Ungewißheit über meine Lage in der Zeit, wo dieser schnelle Entschluß ausgeführt wurde, indem eben die Franzosen in Franken einrückten, hat sie verhindert Emma mir zu bringen, was ich täglich bedaure.

In Rom ist eine Colonie von Deutschen, die drei Geschwister Tiek, unter ihnen nämlich auch die Bernhardi mit 2 Kindern, übrigens noch allerley bewunderndes Gefolge.

Ich bitte, gieb mir bald Nachricht von allem; der gute Grosvater lebt noch, danach habe ich mich noch kürzlich erkundigt. Was macht die Tante, was Minchen, was der Hof, die Stadt, die Theegesellschaften? Schelling grüßt Dich, er ist sehr lustig und doch ungemein gesetzt, streng, ernst und sanft, unerschütterlich und würdiger, als ich aussprechen kann. Dies ist wahrlich kein Spaß, liebes Julchen, und Spaß bey seit ist es doch wahrlich wahr, daß von allen Fremden niemand hier mehr Achtung und Liebe sich erworben hat als unser herrlicher Freund. Lebe wohl.

*

116. An Julie Gotter

W[ürzburg] d. 12 März [1806]

Indem ich Dir schreiben will, liebes Julchen, fällt es mir fast schwer mich zu besinnen, wo denn die Welt stand, wie ich Dir das leztemal schrieb. Du wirst beynah noch weniger wißen, wo ich jetzt stehe, oder wie es überhaupt mit uns steht. Wer hätte sich auch so verruchtes Zeug träumen lassen! Es ist ein Spott des Zufalls, daß wir am Ende noch kaiserlich werden müßen. Am Ende freylich werden wirs nicht bleiben. Schelling hat sich bereits aus der Schlinge gezogen, indem er sie zerriß. Er hat von Anfang den Weg genommen lieber alles aufzugeben als sich einer zweideutigen Lage hinzugeben, hat daher an nichts Theil genommen, weshalb man ihn als übergegangen ansehn konnte, keine Kollegia angekündigt, schließlich am 6ten März den neuen Diensteid nicht geleistet, und wir gehen gleich nach Ostern von hier weg, zu meiner großen Freude. Schelling geht nach München und wartet dort seine anderweitige Anstellung ab, ich werde indeß seine Eltern besuchen.

Was sagt man denn zu diesem wunderlichen Schicksal der nach Würzburg berufenen Gelehrten? Wenigstens für den Moment muß es wunderlich aussehn, indessen ist keine Frage, daß Bayern sie nicht abandonniren wird – die höchst seltsamen Conjuncturen und Ungewißheit aller Dinge halten die Entschließungen nur zurück; und man möchte derweil diese Männer gern noch von hier aus bezahlen lassen, da man es sonst dort thun müßte. Schellings Gradheit hat sich indessen den politischen Maaßregeln nicht hingeben können. Niemand hat sich mehr gekrümmt und gewunden als der niederträchtige Paulus, und niemand möchten beyde Theile lieber los seyn. – Schelling, der bey der allgemeinen Präsentation bey dem kaiserl. Komissar, Hrn. von Hügel, nicht gegenwärtig war, hat ihn doch nachher besucht, und ist mit der grösten Auszeichnung und recht markirt guter Gesinnung aufgenommen worden; man sagte dann auch gleich, er würde hier bleiben, woran er nie dachte.

Was nun das Schlimmste ist, so bekommen wir jetzt noch französische Truppen ins Land, und die Kaiserlichen werden wieder weichen, denn dieser Napoleon weidet mit scharfen Zähnen ein Land nach dem andren ab, und wirft sie dann erst den beschüzten Regenten zu, er, der König der Könige, dem der Herr aller Herren doch gnädiglich bald den Hals brechen möge.

[Besorgung.] Mit Schmerz habe ich aus Deinem Brief erfahren, daß Deine Mutter eingebüßt hat. Meine arme Mutter, ja auch die Eltern Schellings (der Vater war in der aufgehobenen Landschaft) sind im nehmlichen Fall – und welcher Deutsche nicht?

*

117. An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

[Würzburg] 21 Aprill [1806]

Muß ich Dir denn nun wirklich schreiben? Ich will es nur bald thun, damit ich in die Gewohnheit komme. So lange ich Dich noch unterwegens weiß, noch dieser scharfen Luft ausgesetzt, habe ich keine Ruhe für meinen Freund, den billig kein Lüftchen anwehn sollte. Morgen kann ich höchstens Dich mir an Ort und Stelle denken. Der Zeitpunkt scheint in so fern nicht ungünstig, als Du dort alles in guter Laune über die Befestigung des Friedens finden wirst, über die Räumung von Cattaro, die Räumung von Deutschland usw. So sagen uns wenigstens die Zeitungen. – Köhler hat mir wenig Gescheutes von Dir gesagt, ich wolte nämlich entsetzlich viel wissen, nachdem aus Morgen und Abend schon ein entsezlich langer Tag in meiner – nicht Schöpfungs- sondern Vernichtungsgeschichte geworden war, während dem er bey Dir war, ich aber nicht. Ich hätte gewiß mehr zu erzählen gewußt an seiner Stelle. Er war aber ganz wild geworden, denn wie er nach Haus kam, fand er den Freimüthigen mit seinen eingesendeten Inserat über die Vorlesung, und diese kleine Wirkung in die Ferne hin hatte ihn ganz begeistert. Schon war der gute Sturmfeder bey Schott gewesen und hatte ihm mitleidig mitgetheilt, daß der arme Köhler gar übel wäre mitgenommen worden. Klein hingegen fand ihn geschont – diesem ist es nun eröffnet worden, allein er kann sich nicht darein finden. Köhler will nun durchaus die Vorlesung drucken lassen, doch laß ich hierin nichts geschehn ohne Dich. Über Würzburg stand noch verschiednes im Freimüthigen, was Du am besten selbst nachliesest – offenbar von Fischer – daß Du und Paulus sich nicht hätten verpflichten lassen, wäre höchsten Orts übel vermerkt worden, es sey juristisch nicht recht usw., übrigens nichts gegen oder über Dich, aber bereits Zetermordgeschrei über die Galische Recension, die burschikos genannt wird, und über die Hallische LZ., die bis zum Drollichen zuweilen sänke, ZB. Schlegels Elegie. Wirklich ist der Kleine bis zum Drollichen wüthig. »Wann doch endlich eine wirkliche Akademie der Wissenschaften eine LZ. entrepreniren würde!« Bereite ihm doch dort diesen Spaß.

Beyliegendes von Walter ist gekommen und lange unterwegs gewesen, denn er hat es über Fuld gehn lassen. Ich schicke es mit, weil Du ihm wohl darüber Nachricht geben mußt. Die Abhandlung behalte ich hier, es scheint ein precieuses Stück zu seyn.

In der Leipziger Zeitung steht: Hr. Prof. Schelling habe Würzburg verlassen, nachdem ihm die Studierenden am 24 März noch eine sehr feyerliche Nachtmusik gebracht hätten. Sonst nichts. Auch hier scheint man nicht zu wissen, was Du willst. [Geschäfte.] Sturz kann sich auch keine größre délice als Würzburg bayerisch denken. Er ist krank geworden, vielleicht vor Ärger, denn es ist wahr, die Bürger sind ganz toll, und ziehn ihm immer vor seinen logis vorbey zum exerciren. Gestern hat die Stadt den ganzen Tag von Kriegstrommeln wiederhallet, sie sind aus und ein gezogen, und bis gegen Morgen haben sie Musiken mit Fackeln gebracht. Hütten und Groß haben ihre Söhne auch in kleine Generalsuniformen gestekt, das sieht aus wie Seebach und sein Junge als großer und kleiner Capellmeister. Die ganze Mannschaft zog gestern die Neubaugasse hinunter und salutirte bey dem Nachbar Präsidenten. Die Dame hat sich vor Entzücken gewiß nicht zu lassen gewußt.

Ich hatte einen schlimmen Tag gestern, einen meiner heftigsten Kopfwehtage, wodurch denn alle schöne Plane auszugehn und mich in der Welt umzuthun verwickelt wurden, jedoch mein contemplativer Geist nicht ganz gebeugt. Die beyden ersten Tage Deiner Abwesenheit über hatte ich mich verkältet, theils weil mir die liebe Wärme der Gegenwart entzogen war, theils weil ich mir viel im Hause zu schaffen machte. Das Mädchen benimmt sich sehr gut; sie hat mir gestern Abend von Eichstädt erzählt, wo ich Dich eben vermuthete. Heut habe ich auch wieder einen Brief aus Hieres, es muß denn doch wahrhaftig so schön da seyn, als man sich wohl träumt. Bringe nur eine Reise zu Stande und bleibe gesund.

Von Marcus noch nichts. Aus einem angelangten Briefchen von Fritz seh ich, daß der Mehmel bei Liebeskinds eingeladen war.

Wie ich eigentlich lebe, frage mich nicht, aber habe auch keine Sorge darum. Wenn ich den ganzen Tag ungefähr so viel wie gewöhnlich gesprochen habe, so kommt es mir am Abend doch vor, als wäre ich ganz stumm gewesen. – Morgen geh ich aus, zu Martinis, die ich am Sonnabend besuchen wollte, sie war aber versagt, und gestern ließ sie mich bitten. Um die Sicherheit hat es wohl keine Noth – oben ist alles verschlossen, wir existiren in meiner Etage, und Blank hat mir auch seinen ritterlichen Schuz angeboten. Lebe wohl, mein Herz, meine Seele, mein Geist, ja auch mein Wille. Ich habe Dein Bild zu mir genommen und spreche mit ihm.

*

118. An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

[Würzburg] 25. [-26.] Aprill [1806]

Du bist am Sontag früh um 4 Uhr von Ansbach weggefahren, warst also schon am Montag Abend in guter Herberge, aber allein und bey so rauhem Wetter, das noch immer nicht milder werden will, das auch mich seine ganze Härte fühlen läßt, denn woher käme es sonst, daß ich gar nicht gesund werden kann? Ich betrübe mich nicht, ich habe keine Langeweile, kann aber weder essen noch schlafen und das eintägige Kopfweh hat sich in ein vieltägiges verwandelt – so daß der Klein gestern schon mit tausend Besorgnissen umher ging, weil er dem Köhler als Artzt nicht traut. Heute ist es viel besser jedoch, heute begrüsse ich meinen Schelling mit klaren Augen. Wenn ich nur wüßte, wie es ihm geht! Aber kann es Dir übel gehn? Ich verbiete mir alles Vorstellen darüber, des ersten Briefes harrend. Hier wird es nun Ernst, wir sind in voller Arbeit, ich höre eben die präsidirende Stimme der Frau Präsidentin, die vor ihrem Hause steht und das Gerüst zur Illumination höchst ingeniös anordnet. Die Narrheit ist nun völlig ausgebrochen und traut sich bey hellen Tag auf offner Gasse zu erscheinen, denn man glaubt endlich vor einem Rückfall sicher zu seyn. Den Zeitungen nach ist der Fürst schon am 20ten durch Regensburg, er ist aber noch immer weder hier noch zu Mergentheim, und könnte wohl unterwegs noch abhanden gekommen seyn. Doch ist Prinz Taxis, der Commendant der Garde, da, und sonst andre Vorläufer und man hat keinen ruhigen Augenblick mehr vor Bürgeraufzügen, exerciren, paradiren, Musik die ganze Nacht hindurch, wobey sie ein paar furchtbare Pauken, die irgendwo noch gesteckt haben mögen, in schmetternde Bewegung setzen, daß ich zittre, wenn ich sie von weiten inne werde. Die Kokarde steckt auf allen Hüten, die kleinen Seufferts haben sie bis aufs Neugebohrne in der Wiege. Ich war vor 3 Tagen ausgegangen, da zog eben die Bürgercavallerie zum Rennweger Thor herein und der Taxis kam über den Platz gefahren, hielt an, sie machten fronte, er legte sich ganz aus den Wagen heraus um ihnen zu danken – diese kleinen Begegnisse machen den Bürger ganz trunken, und die Erwartung wird durch das Zögern so gespannt, daß die lezte Explosion gewaltsam werden muß, wenn nicht etwa eben da sie versagt. Mir ist auch schon Illumination angesagt und meine Befehle verlangt, wie viel Lichter und Leute ich dazu haben will. Habe nur keine Sorge für den Abend, ich will alles sehr gescheut einrichten. Nur gesund muß ich seyn, ich nehme mich auch sehr in acht, jener Ausgang war mir schlecht bekommen. Die Landrichterliche Exellenz hat alle Unterstüzung wegen des logis zugesagt und sie, die kleine Frau, hat mir vertraut, nicht den Anfang, aber das Ende – daß sie wieder guter Hoffnung ist. Darüber ist nun nichts weiter zu sagen. – Bey Martinis war ich, die aus der Ferne gehört hatten, sie sollten nach Landshut, und ganz desolirt darüber sind, so daß sie besonders lieber hier bleiben möchte. Sie hatten indeß nicht den geringsten näheren Wink erhalten; Hoven hat, auf einen Brief von Sicherer hin, seinen Abschied genommen, dieser hat ihm aus Zentners Munde zugesichert, daß er in Ansbach angestellt würde, der Graf Thürheim ihm aber so eben noch geschrieben, er wüste so wenig, ob Ansbach in 8 Tagen oder ob es in 8 Monaten übergeben würde. Wie ich höre, behauptet Döllinger, daß Marcus um die hiesige Stelle nachsucht, was aber wohl eine Vision von ihm ist. Paulus hat das logis doch nur auf [1/4] Jahr gemiethet.

Der Herzog Birkenfeld ist hier durch nach Bamberg, ein Theil der dortigen Landesdirection soll nach Ansbach – was nur aus Stengel werden wird?

Das einzige Merkwürdige, was zu mir gelangt ist seitdem, ist in Nr. 91 der Jenaischen LZ. die Recension von Fichtens neuem Buch – das Buch selbst ist noch nicht hier. Ich rechne darauf, daß Du dieser Blätter gleich habhaft werden kanst; den Beschluß habe ich selbst noch nicht, die Sendung geht eben bis zu jener Nr. So viel nur, das Buch wird die Welt nicht in Erstaunen setzen, es scheint gerade so zu seyn, wie es zu erwarten stand; sehr wortreich muß es seyn und seltsam muß sich die Natur ausnehmen, die er sich allerdings anzueignen gesucht hat. Ich bin zweifelhaft, ob Schleiermacher Verfasser der Recension ist, doch wüste ich nicht, wer sonst, obschon die Schreibart nicht markirt ist. Fichte ist aber sehr derbe empfangen. Wie stark er sich die Naturphilosophie abgewehrt hat, kann ich nicht ganz aus der Anzeige ersehn, die sich der Naturphilosophie zwar nicht annimt (was doch Schleiermacher gleicht), aber Fichten darthut, daß er ganz irrig von ihr spricht. Gern stöhle ich das Blatt für Dich, damit Du es auf der Stelle zum desert hättest, doch will mir solches nicht schicklich dünken. Recensent spricht curios und fast persönlich von der Naturphilosophie, deren Sache er nicht für die beste hält, »vielmehr für einen Vorgriff in eine höhere Sphäre des Lebens« – Was soll das nun seyn, wer darf sagen, daß es einen Vorgriff der Art giebt?

Jacobi hat sich auch mit vieler Vehemenz in einem Blatt gegen das publiciren von Briefen, was Gleims Erben treiben, erklärt.

Vielleicht bin ich von allen Dingen am begierigsten auf Deine Bekantschaft mit Jacobi. Ich glaube, Du kannst sie nach Wunsch lenken.

Die Mlle Wagner erhielt bey mir einen Brief ihres Bruders – er weiß von den Tieks, der Dichter und die Schwester leben sehr isolirt, so viel er wisse, man sähe sie nirgends. Er arbeite an einem Trauerspiel. Der Bildhauer wäre bey ihm gewesen, habe sich aber seinen Gegenbesuch verbeten, bis er mit einem basrelief fertig sey, das er eben in Arbeit habe. Dieser käme oft zu Humbold, der Dichter weniger. Übrigens wären Künstler und Fremde zu Rom in vielfache Partheyen getheilt, erstlich nationenweis und die Deutschen wieder in ältere und jüngere Zucht. Man könne aber ganz für sich leben – er wohnte in einem italiänischen Haus, ohne Ofen, hätte den ganzen Winter hindurch keine Kohle gebraucht. Vermittelst eines blechernen Ofens könne man sich ganz deutsch dort einrichten. – Frage doch nun selbst nach der Zeichnung des Wagner.

Dem Klein liegt die nahe Ankunft wie Blei auf der Seele, er muß auch einen Aufzug mit den Buben bilden – unser Sturz geht darüber zu Grunde. Er liegt ernstlich krank, so daß ich ihn nicht gesehn habe seit Deiner Abreise, außer am ersten Morgen – dabei sieht sein Zimmer und seine Umgebung so gräßlich aus, daß die Bekannten nur um Gotteswillen hingehn, und mit seiner Bedienung ist er so wüthig, daß auch der Adam ihn verlassen hat; die Frau hat kranke Kinder und kann deswegen nicht herein kommen. Die Bürger ziehn dabey immer vor seinen Fenstern vorüber, und gewiß, wenn dem Manne nicht bald geholfen wird, so ist es aus mit ihm er hat schon delirirt. Döllinger besorgt ihn jetzt.... Köhler besucht mich mit zarter Assiduität und anständige Zeiten haltend – er kommt Abends oft, aber nur bis halb 10 Uhr, Klein mehreremale des Tags – auch Spix trat neulich herein um 8 Uhr auf die Art wie Freund Oken, er sagte: ich komme, damit Sie sehen, daß Sie nicht in Vergessenheit bey mir gerathen sind – Dieser Mensch hat doch sehr verworrne Begriffe wenn nicht sein edler Fleiß, seine Emsigkeit im handanlegen wäre, so würde ich ihm doch nicht recht trauen, denn er hat auch schon schrecklich viel Verse gemacht. Behr war sogar bey mir, und zwar in einem Augenblick, wo es hier eben wieder bayerisch werden sollte und er fest daran glaubte.

Du vergißt doch Wiebekings nicht? Ich sehe aus der Münchner Zeitung, daß bey Strobel zu sehn sind viele Blätter der Gebrüder Riepenhausen, die Geschichte der heil. Genoveva enthaltend – das muß doch interessant seyn. Ach und wie viel hübsche logis stehn im Münchner Blättchen!

Da ist in Jena der junge medic. Privatdocent Keßler gestorben. – Eins fürchte ich, daß der Legemeyer Dir einen unbändigen Schrecken gemacht haben wird, denn am Ende ist der liebe Mann gar nicht todt, weil man weiter nichts davon hört, und hat sich einmal plötzlich an der table d'hote Dir vis à vis gesetzt.

(NB. Du hast nur 11 Manschettenhemden bey Dir, eins blieb zurück, was ich nur melde, damit Deine Genauigkeit nicht fürchtet es verlohren zu haben.)

Du liebster Freund – wenn ich nur erst weiß, daß es Dir gut geht, so will ich, auch einsam, frölich essen, trinken und schlafen. Das allein essen ist das schlimmste für mich – il vaut encore mieux d'être seule à minuit qu'à midi. Es wäre thöricht, wenn ich Dir erzählen wollte, wie ich Dich in Gedanken liebkose. Du weißt es wohl. Sonnabend 26. Apr.

Es war gestern zu spät dieses wegzuschicken und nun habe ich eben Gottlob Deinen Brief erhalten. Mein theuerster Freund, wenn Du nur wohl bist, so frage ich nichts nach Himmel und Erden, denn wenn Du gesund bist, so bist Du Du und dann ist alles gut. Auch mir ist heut viel besser, aber die Luft ist dunkel von Schnee, die Dächer weiß, bis die Sonne dann und wann glühend und strahlend kommt und alles verwandelt. O wie froh bin ich, daß ich Deinen Brief habe, mit oder ohne Sicherheit, die liegt mir nicht schwer auf dem Herzen. – Nur denke nicht, mein Herz, daß ich von dem Moment an, wo Du mir schreibst: komm! nicht noch mehr wie 3 Tage etwa brauchte, um zu verkaufen, zu packen und abzureisen, ich werde dann möglichst eilen, aber der bessern Ordnung der Angelegenheiten zu lieb, und meiner Gesundheit wegen nichts übereilen. Welche Herrlichkeiten in München! Freue Dich daran, bis ich es mit Dir kann.

Hier gute Nachricht von Perthes, sonst ist kein Brief gekommen, nicht einmal von Marcus.

Denke, daß Sturz gefährlich krank ist – die Masern sind bey ihm ausgebrochen...

Es ist wieder still von der allerhöchsten Ankunft, denn was Regensburg passirte waren nur Maulthiere – doch soll sie in künftiger Woche erfolgen.

Wenn wegen Erlangen noch eine Hoffnung ist, so schreib mir das doch, nicht unser, sondern andrer Leute wegen. In Landshut soll Theurung, Mangel sogar und Krankheiten herrschen. Der alberne Domvicar hat einen Artikel, worinn gemeldet wird, daß Röschlaub Dir den Krieg erklärt hat so gut wie die Italiäner. Röschlaub wird auch als ein wichtiges Haupt angenommen. Die Neugier der Freunde werde ich kaum zu beschwichtigen wissen.

Schlecht werd ich vielleicht die Deine in Ansehung von Fichtens Vorlesungen befriedigt haben, aber ich rechne darauf, daß es Dir nur einen Gang kostet, doch setze ich noch vollständig die Dich betreffenden Zeilen hieher.

»– Das kann der Gegner verlangen, daß man ihm in seinem Sinne widerspricht. Wir halten die Sache der Naturphilosophie nicht für die beste; vielmehr halten wir diese für einen Vorgriff in eine höhere Sphäre des Lebens, welchen künstlerischer Sinn und jugendliche Liebe, im Streite mit den eigenen und des Zeitalters philosophischen Einsichten, zum Bedürfniße machte, der aber nothwendig mislingen mußte, weil das Daseyende innerhalb dieser Weise des Daseyns die Genesis desselben unmöglich wiederholen und nachconstruiren kann: aber auch die beste Sache ist leicht zu wiederlegen, wenn man den Worten des Gegners einen Sinn unterschiebt, den sie nicht haben sollten«.

In einer bessern Welt wie diese wünscht man sich also mehr von Deinem werthen Umgang.

*

119. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling an Caroline

[München] Den 1. Mai 1806

Ich hoffte heute eine decisive Antwort zu erhalten; allein der Minister ist so beschäftigt, daß nicht allein ich, sondern daß selbst die Geschäftsmänner ihn kaum sprechen können. Morgen wird nun wohl die Antwort mir gewiß sein; aber ich erhalte sie nicht so bald, als dieser Brief abgeht; denn meine Briefe müssen immer früh Morgens auf die Post, dafür hast Du sie aber auch am 3. Tag Abends, wenn ich richtig gerechnet habe. – Ich bin in so weit meiner Sache gewiß (ob ich gleich das Detail nicht in Briefen angeben kann), daß ich noch entschiedner als im gestrigen Brief Dich auffordre, ja, wenn Du willst, Dir hiermit Ordre zuschicke, nun aufzupacken und baldmöglichst zu kommen. – Was ich Dir neulich von Paulus schrieb, daß dieser nämlich mit mir in Eine Kategorie geworfen worden, bezieht sich hauptsächlich nur auf den Genuß des Gehaltes (NB. er hat sich zu einem Nachlaß erboten; und Du kannst dies als bestimmtes Factum in Würzburg aussagen); ob er aber irgend eine Anstellung erhält, daran zweifle ich; denn er ist allgemein übel angeschrieben und Niemand will ihm wohl. – Meine Sache hat sich aber darum verzögert, weil ich erklärt habe, einen Wirkungskreis zu wollen. Warum? wirst Du leicht begreifen. – Schreibe mir also nun mit der ersten Gelegenheit, wann und wie Du kommst? Ich selbst will Dir darüber morgen noch ausführlicher schreiben, wenn ich Zeit habe; wo nicht, doch gewiß übermorgen. Auch muß ich noch verschiedne andre Briefschaften und Sachen mitschicken. Du siehst aus allem, daß ich mir nicht einfallen lasse, Du könnest krank sein und dadurch verhindert werden, so bald zu kommen. Die Probe wäre zu hart; ich glaub' es daher nicht, ob mir gleich oft augenblicklich bang ist.

Jacobi ist in der That ein liebenswürdiger Mann, für die erste Bekanntschaft wenigstens. Er ist doch anders, als ich mir ihn vorgestellt; weniger ernst und abgezogen, mehr heiter und gegenwärtig; im Übrigen, wie man ihn aus seinen Schriften kennen lernt, viel mit Briefschaften umgeben und Excerpten aus Büchern, Recensionen u.s.w. Wir sprachen hauptsächlich von seiner Gleimschen Angelegenheit. In der Sammlung steht ein Brief an Heinse, worin unter andern ein Wort Lessings über Goethe: »wenn dieser erst gescheut werde oder zu Verstande komme, werde er ein ganz gemeiner Mensch werden.« Ferner, ein gewaltiges Verdammungsurtheil über Wieland und seinen Oberon. Diese literarischen horreurs sind es hauptsächlich, wegen deren Jacobi allarmirt scheint, sowie dazu auch der Gedanke beiträgt, daß viel Briefe von ihm noch in der Welt sein mögen. Er ist darüber auch mit Therese in eine große Contestation gerathen, die seine Briefe an Forster als ein Eigenthum ansah und herausgeben wollte. Er hat ihr darüber einen derben und in Bezug auf Forsters Schicksal, daran sie Mitursache war, herzdurchschneidenden Brief geschrieben. Therese antwortete in einem Brief, der anfängt: »Lieber, wunderlicher Mann!« ... Huber dagegen schrieb einen andern, wehmüthigen, in dem er sein und Theresens Leben als Buße für sie angiebt, Forsters Tod als Buße für diesen. – Das alles hat Jacobi mir erzählt und seinen Brief an Therese mir vorgelesen. (Kommst Du nach Ansbach, so laß Dir von der Liebeskind eine Probe ihrer jetzigen Verrücktheit mittheilen).

Nach Dir hat sich Jacobi sehr freundlich erkundigt, ob Du nicht bald kämest. Tiefer in ein wissenschaftliches Gespräch mich einzulassen war nicht Zeit noch Ort. Die alten Jungfern sitzen dabei, wie zwei alte Katzen, die sich Gelehrte oft halten, und die nicht vom Sopha zu bringen sind, wenn man ihnen gleich eins versetzt, der alten Gewohnheit wegen. Sie sind insbesondre darum fatal, weil sie ein Personificat seines ganzen vergangenen Lebens sind, während er noch wohl gegenwärtig ist. Sie sollen sonst nicht so dabei sitzen, bei mir aber machte es die Neugierde. Die älteste ist besonders vom Argen, sie schielt auf eine horrible Weise... [Schluß zerrissen.]

*

120. An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

[Würzburg] 15. May [1806]

[Auszug.]

O Du lieber Freund, es ist hohe Zeit für mich zu enden, denn ich weiß mir gar nicht mehr zu helfen. Die verruchten Geschäfte sind noch ein Glück – doch was sag ich, sie sind ja mein Unglück, denn was hielte mich sonst ab, mich Morgen in den Wagen zu werfen. Sehr ernsthafte Gesichter mache ich, das Weinen ist mir näher wie das Lachen, und die Freunde klagen über mich, die am meisten, die es sich einfallen lassen die Abreise zu bedauern, denn da werde ich ganz trocken oder gar unartig.

Ich schreibe Dir, aber wirklich kann ich Dir gleichfalls nichts definitives melden, außer daß ich wohl hoffe und gewiß darauf rechne am 20sten zu reisen – am 24 in München einzutreffen.

Was mich jezt beunruhigt, ist, daß ich noch keinen Bescheid wegen des Ersatzes hab, daß ich diesen doch nicht im Stich lassen kann, desgleichen die andern 100 fl. –

Eben habe ich Deinen lieben Brief mit den Einlagen erhalten – er hat mich so glücklich gemacht, so die gespannten Kräfte beruhigt wie ein Kuß von Dir – ach könnte ich nur meinen kleinen Kopf dabey an Deine Brust lehnen.

Ich will von Geschäften sprechen, damit ich nicht weinen muß ...

[...]

Es heißt, daß Franzosen hier heut oder Morgen durchpassiren um Bareuth zu besetzen. Wie läßt sich denn das verstehn?

Danke dem guten Zentner vorläufig, daß er mich will aus meinen Exil frey lassen. Adieu, Du angebeteter Gemahl.

*

121. An Luise Gotter

München d. 28. Nov. [1806]

Mehr wie ich ausdrücken kann und wiederholen mag hat mich in dieser letzten Zeit das Schicksal jener friedlichen Gegenden bekümmert, wo auch Du, liebe Freundinn, mit den Deinigen lebst, wo ich selber so lange gelebt habe und alle Wege und Stege kenne, die jetzt mit Leiden und vergeblich vergoßnen Blut bezeichnet sind. Mitten in der scheinbarlichen Ruhe, die wir hier genießen, hat uns jenes Loos der Welt wirklich keinen Augenblick Ruhe gelassen. Es war so und mußte so seyn, und was nicht mehr bestehn kann, muß untergehn – aber die vielen unglücklichen zerrütteten Menschen, die zum Theil nie wieder erlangen, was sie hierbey einbüßen! – Im Allgemeinen weiß ich wohl, wie es in Gotha steht und daß solche Auftritte wie zu Jena und Weimar an euch vorübergegangen sind, doch bitte ich Dich und ersuche Dich bey unsrer alten Freundschaft mir bald nähere Auskunft über Deine eigne Lage und solcher, die Dir lieb sind, zu geben. – Alles, was mir näher angehört, ist mehr oder weniger in diesem Umsturz begriffen. Auch meinen ältesten Bruder betrifft er auf eine Art, die mich besorgt macht; weißt Du etwas von ihm, so theile es mir mit, weißt Du noch nichts, so suche es doch bald zu erfahren. – Der jüngste ist auch im eroberten Land – meine Mutter und Schwester schienen dem tragischen Ende von Braunschweig aus dem Wege gegangen, denn kurz zuvor waren sie nach Kiel abgereißt, allein auch hier, an diesem äußersten Ende, sind sie kaum noch vor dem Andrang des Kampfes geschützt worden; Blücher schlug sich zwischen Kiel und Lübeck; Kiel ist mit Flüchtlingen angefüllt.

Unser Geschick hat uns allen kriegerischen Scenen bis jetzt entzogen – wir haben weder den Sieger noch Besiegte zu sehn bekommen. Besiegte sind wir zwar sämmtlich. – Ich lebe hier in der Hauptstadt, als wenn ich auf dem Lande lebte, nach meiner gewöhnlichen stillen Weise. Wir haben ein logis, wo die Face der Häuser auf einen freyen Platz vor der Stadt hinausgeht, und ich sehe die Tyrolergebirge aus dem Fenster. Mein Mann ist sehr heiter, sehr gesund und so placirt, wie er es nur wünschen konnte. Er hat als Mitglied der Akademie der Wissenschaften seine ganze Zeit für sich und ein Gehalt, das ihn vor Sorge schützt. Eingerichtet habe ich mich nur ganz nothdürftig, mich dünkt, ich möchte mich nirgends mehr ansiedeln, und es ganz buchstäblich nehmen, daß wir nur Pilger sind.

Iffland hat sich unserm König angetragen; ich weiß noch nicht mit Gewißheit, ob er angenommen worden ist.

Was machen Deine Töchter? Pflegen sie auch Kranke und Verwundete? Eure Stadt hat sich immer als die hülfreiche ausgezeichnet und wird auch diesesmal deshalb gerühmt. Am meisten fürchte ich bey euch die Theurung, die zuweilen Mangel geworden seyn mag. Gieb mir bald Nachricht und gedenke meiner als derjenigen, die nicht aufhört euch in ihrem Herzen zu tragen.

C. S.

*

122. An Luise Wiedemann

[München] am 30. Nov. [1806]

Eure Briefe sind nur 10 Tage unterwegs gewesen, und ich habe sie unversehrt erhalten zu einer Zeit, wo sie mir recht vom Himmel gesendet kamen. So viel wußte ich wohl, daß der Würgengel euch eben noch vorübergegangen hatte, aber die Zahl der Flüchtigen und die allgemeine Noth, fürchtete ich, werde euch sehr bedrängen. Gott wende wie bisher das Schlimmste von euch ab! Ich hatte gehofft, ihr solltet fast so sicher wie wir seyn, aber wer ist sicher? Nun sind in Deiner Nähe eben die entsetzlichsten Auftritte vorgefallen, zugleich freilich die ruhmwürdigsten in diesem schmachvollen Kriege. Fast alles, was Du mir meldest, hatte mir Schelling aus den tausend Zeitungen erzählt, die er auf dem Museum ließt, zu mir kommt fast keine. Du kannst Dir denken, mit welchem tiefen Gefühl der Zeit, in der wir uns befinden, er mir das vorträgt. Aus Jena und Weimar haben wir Briefe gehabt – Goethe schrieb an meinen Mann wie derjenige, der fest und unerschütterlich auch in solchen Stürmen geblieben – 72 Stunden brachten sie in der Todesangst gleichsam zu; Geld und Geldeswerth verschmerzt man, sagt er, wenn man nur das Theuerste und liebste durchbringt. Öffentliche Blätter sagen, daß er sich am Tage der Schlacht mit der Vulpius trauen ließ – als wenn er Bande noch hätte knüpfen und fester anziehen wollen in einem Augenblick, wo alle Bande gelöst scheinen! – Sein Haus entging der Plünderung, weil sich gleich Marschälle da einquartirten. So sind auch Frommans ohne Plünderung durchgekommen, haben aber fast 8 Tage lang 130 Menschen zu bewirthen gehabt. Ich habe einen Brief von ihrem Bruder Wesselhöft gelesen, der in dem ehmaligen Schützeschen Haus wohnt, dem ging es desto übler; er war 3 Tage lang den Anfällen der Marodeurs ausgesetzt, wurde mit Frau und Hausgenossen bis aufs Hemde ausgezogen, gemißhandelt, mehr wie einmal hatten sie die Bajonette auf der Brust – am Morgen der Schlacht brach Feuer aus in der Johannisgasse, niemand konnte löschen, die Straßen waren versperrt durch nachrückende Truppen, ja niemand wollte löschen, es war, als wünsche man nur, daß alles untergehn möchte. – Der Brief gab ein recht treues und detaillirtes Bild der Tage, wo die Verheerung so plötzlich über die friedliche Gegend hereinbrach. Nach der Schlacht pflegte er denn noch viele Verwundete in dem geplünderten Hause, und mitten in dem Elend, in dem entsetzlichen Drange, wo der Mensch nur noch wie ein Thier zu würken scheint, gab es denn auch wieder Züge von Edelmuth, von Besonnenheit, oder aufheiternde Zufälle. So lief, wie sie gar nichts mehr zu essen hatten, ein Ochs in der Irre hinter ihrem Garten, den sie einfingen und Kriegsrecht an ihm übten und sich wieder erquickten. – Hegel ist geplündert, einem sehr guten Bekannten von uns, Schelver im botanischen Garten, ist es sehr arg ergangen. – Der alte Stark behauptet um 12000 rh. werth beraubt zu seyn, vermuthlich an Pretiosen. Unsre Bekannten in Halle sind auch schlimm daran, Steffens, höre ich, will nach Hamburg gehn. Mir ist für seinen Schwiegervater besonders bang gewesen, doch hab ich nichts deshalb gehört (er ist mit dem Minister, bey dem Luise Schr. ist, fortgegangen). Giebichenstein wird in den Berichten nicht genannt. In Jena und Weimar, wo sie nie den Muth verlieren und wie die Ameisen gleich wieder bauen, was eingerissen ist, denken sie nur sich auch hier wieder zu helfen, und alles zusammenzuhalten, in dem Sinn schreibt auch Goethe. Ihre größte Sorge mag seyn, ob sie unter der jetzigen Herrschaft bleiben. Gegen den Herzog ist doch noch keine harte Erklärung gefallen, und er hat vorläufig den Geschichtschreiber (Johannes Müller) an den Helden abgeschickt. – Das ist es eben, daß die schuldloseste und ruhigste Existenz jetzt nicht gesichert ist, und nicht bloß, wo sich der Strom des Kriegs hinwälzt, ist die Verheerung, ein jeder, der einem Staat angehört, wird erschüttert, oft mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen. – Seit Du schriebst, ist unser Vaterland wieder in Besitz genommen, gebe Gott auf solche Bedingungen, daß die Mutter nicht leidet. Doch sollte sie nicht mehr ausgezahlt werden, so müssen wir alles thun, um dieses bey den französischen Behörden zu erhalten, und ich zweifle auch nicht daran, da der Name Michaelis in Frankreich noch nicht vergessen ist. – Was Philipp betrifft, so scheint es mir nun eben so gut, daß Hufelands Wunsch für ihn nicht durching. Den künftigen Herrn von Hannover ahndet man wohl noch nicht? Hierüber zerbrech ich mir auch nicht den Kopf, wie die Beute der Welt ausgetheilt wird. Was liegt auch daran, denn wahrlich um keinen von den Regenten ist es Schade, die jetzt zu Grund gehn, dergleichen bekommt jedes Land leicht wieder. Den tragischen Untergang des Braunen [Braunschweigers] nehme ich hievon aus, obwohl für das Land seine Nachfolger auch gleichgültig sind. Vielleicht hilft dem Bestimmten seine Verbindung mit dem Hause Baden noch zu einer andern Versorgung. Unser ältester Bruder aber – wie wird er die Katastrophe nehmen? Habt ihr Nachricht, so theilt sie mir mit. Schelling erzählt mir, daß der alte Herzog in die Gruft nach Braunschweig gebracht wird, daß sie dort anständig verfahren, das Theater geschlossen und Trauer angelegt wurde. Der Tag, wo der Leichnam ankommt, da bleibt gewiß kein Auge trocken. Wohl einem jeden Lande, das noch ein solches Gefühl hat und haben darf, das nicht ganz stumpf wurde und die, welche es in den Ruin brachten, auch noch verachten muß. – Alle Nachrichten stimmen dahin überein, daß die Verblendung und Dummheit auf der Seite der Preußen ins Unglaubliche gegangen ist, daß alles den Kopf verlor oder keinen hatte, Fehler auf Fehler gehäuft wurden, und noch jetzt! Die Übergabe aller der Vestungen! – Wir lesen jetzt die Geschichte des 7jährigen Kriegs, das war ein andrer Kampf wie dieser siebentägige. Oft alles verloren, aber dann durch den Geist wieder alles gerettet, der nicht unterging, der letzte Funken aus der Asche wieder angefacht und in helle Flammen verwandelt.

Du wirst mir eine große Liebe erzeigen, wenn Du nicht versäumst mir zu schreiben. Wohl möchte ich euch auch sprechen – so ein Brief kommt leicht einmal in den Moniteur, bisher aber ist mir noch keiner verloren gegangen. Worüber ich mich innig freue, ist, daß Wiedemanns Gehör hergestellt ist. – Ich muß Dir gestehn wegen Lottens Mann, wie Du ihn nennst, trug ich große Sorge aus mehreren Gründen – Du kannst mir nur kurz sagen, ob er über alle Gefahr weg ist. – Was machen Campens! Diesen muß Napoleon begünstigen. Campe kann ihm sagen, siehe, die Generation, die Du überwunden, die habe ich Dir dazu erzogen. – Ist die gute Meyer endlich von so vielem Leid und einer so kränklichen Hülle befreit worden? Die andre M. hat wohl nicht von mir gesprochen, denn was könnte sie sagen? Bald wird auch Hamburg besetzt seyn oder ist es schon. Dein Wunsch wegen Altona möchte wohl nicht erfüllt werden, das möchte wohl mit Hamburg gehn. – Iffland hat sich unserm König angetragen man unterhandelt mit ihm. Überhaupt wird sich jetzt wohl wieder Mancher nach Bayern drängen. –

 

30. Nov.

Jacobi hat lange an Kopfgicht gelitten, Schelling hat ihn gestern zum erstenmal wieder seit vielen Wochen besuchen können. Die Katastrophe im Norden hat ihm gar nicht klar und begreiflich werden wollen. – Ich rathe Dir auch R[einholds] Bekanntschaft zu kultiviren – ist es nicht das rechte, so ist es doch eine Anregung. Schelling ist Willens ein kleines Stück zu schreiben: Franzosenhaß und Reue in einem Aufzuge. Ist das nicht ein pikanter Gedanke? Meinau und Eulalia dazu erräthst Du leicht. Das nächstemal schreib ich der Mutter.

Die Huber hat jetzt die Biographie ihres Mannes verfertigt, ein absonderliches Kunstwerk im Auslassen und Verschleiern, das mir übel und wehe gemacht hat.

Grüße die Kinder – o daß sie bey mir seyn könnten. Wenn die Welt jetzt ruhig war, so würde ich es noch härter empfinden, daß ich so weit von euch bin – und das, was ich einst besaß, so weit von mir. Aber das allgemeine Weh verweißt alle meine Schmerzen zur Ruhe.

*

123. An Familie Gotter

München den 4ten Jan. 1807

An die Mutter und ihre drei Töchter.

Möget ihr euch so sehr erfreut haben wie ich, da ihr gewahr wurdet, daß unsre Gesinnungen wie unsre Briefe sich auf halbem Wege begegnet sind. Anfangs hielt ich euren Brief nur für eine sehr schnelle Antwort; es war aber noch besser, eine Antwort, welche die Frage divinirt hatte. Ein solches Vorherwissen geht nun mit sogenannter natürlicher Magie zu. Übrigens halt ich euch sämtlich für übernatürlich Begabte –

Denn Du ZB., liebe Pauline, die Du im Thüringer Walde auf einmal italiänisch wie eine Römerin sprichst, derweil ich hier in der Nachbarschaft der Zitronen und Olivenwälder noch nicht sechs Worte Wälsch, das nicht sehr kauderwälsch wäre, zusammenbringen kann, wie soll man das deuten? Wie gern möchte ich Dich selber so in fremden Zungen sprechen hören, wenn es nur nicht so weit weg wäre. Seht doch zu, ob ihr nicht in eurer Kunst ein Mittel findet um ohne Pferde und Wagen, eine nach der andern, zu mir zu kommen und mir in der Einsamkeit der Hauptstadt holde und lehrreiche Gesellschaft zu leisten. Dem kleinen Gries jedoch wäre es zu gönnen, daß niemand wie er selber den Tasso und noch mehr den Messer Ludovico Ariosto in der Ursprache lesen könnte, denn daß er taub ist und auch sonst nicht recht lebendig, zeigt sich bei der Vergleichung mehr, wie ihm gut ist. Dieser Kleine war bei mir, kurz ehe ich Würzburg verließ, er reißte nach Heidelberg und ging von Jena weg, in der Ahndung unstreitig, daß dessen Ruin nahe wäre, wie man wohl Störche und andre häusliche Vögel vorempfindend die Städte verlassen sieht, deren Mauern und Thürme nächstens in Schutt zusammenfallen sollen. Wie hat mir selbst schon das Herz um Jena und alle die friedlichen Hügel geblutet. Wenn Du so leichtsinnig der Schmach gedenkest, und wie der alte Kraus daran gestorben, so möcht ich wohl sagen:

Ihr sprecht ja fast wie ein Franzos –

Ich hab es anfänglich nur für einen Spaß gehalten, da Kraus aber wirklich todt ist, so hat er auch wohl wirklich Gänse gerupft. Dem Augusti kann das Stiefelputzen freylich nicht schaden. Bei solchen Umwälzungen kommt manches Ding und mancher Mensch eben wieder an die rechte Stelle, aber so ein junges Frauenzimmer sollte doch ein empfindsamer Gemüth haben!

Tiek wird eben noch nach Haus gekommen seyn, ehe ihm die Monarchie über dem Kopf eingestürzt ist; niemand hat Nachricht von ihm. Baron Knorring ist eben hier durchgereißt von Rom kommend, nach Sachsen gehend – er hat Mad. Bernhardi und Friedrich Tiek noch dort zurückgelassen, wird auch selbst zurückkehren, sich eine kleine Villa bey Rom kaufen und Madame wird dann wohl Baronesse werden. – O wie sind die einst zu Jena in einem kleinen Kreis Versammelten nun über alle Welt zerstreut, und lehren alle Heiden. Mein Kummer ist nur, daß sie alle miteinander nichts mehr dichten – wenigstens hören wir von den Gesängen nichts.

Andre stehen dagegen auf, liebe Cäcilie, und der ungläubigste Thomas müßte ja an Inspiration glauben, wenn er den kleinen Thomas Werke der Begeisterung vollbringen sieht. So lange hat er den schönen Geistern Briefe getragen, bis er selber einer geworden ist. Das recht Charakteristische hiebei ist die Huldigung gegen die Frauen, und besonders die eigne Frau – das ist Zeitsitte. – Glückliches Land aber, wo der Fürst und der Briefträger Idyllen und Ideale liefern. Nicht wahr, außerdem habt ihr auch gar keine Schriftsteller? Euer Ast ist in unser Landeshut verpflanzt, und treibt zwar Ästlein, seit er seine Lucinde geheirathet, will aber nicht zum Stamm werden. – Wenn Du nun noch Künstlerinn wärest, heilige Cäcilie, was könnt ich Dir nicht von unserm hiesigen Gemähldeschaz sagen, der durch die Düsseldorfer Gallerie wenigstens zu der 2ten Sammlung in Deutschland angewachsen ist. (Gebe Gott, daß Dresden die erste bleibe!) Nun könnt ich freilich Dir dennoch davon sagen, denn Liebhaberinn bist Du gewiß noch geblieben, es ist nur schwer anzufangen. Unter den Vorzügen unser jezigen Lage ist es mir der liebste, eine solche Sammlung täglich sehn zu können. So viele und entschiedne Ruhepunkte habe ich zwar noch nicht darin gewinnen können, wie in der Dresdner, doch wünsche ich allen, denen ich Gutes gönne, den öftern Anblick der Himmelfahrt der Jungfrau von Guido Reni und des Johannes in der Wüste. – Es wird sich nun hier eine Akademie für Mahler und Zeichner bilden unter Direction der Langer von Düsseldorf. –

Und wer weiß, bestes Julchen, ob ein gewisser Hummel von Kassel nicht hergerufen wird. Denn dort scheinen mir auch die Künste und Musen auseinander gesprengt zu werden, und alle erhabnen Flüchtlinge finden bey uns eine Zuflucht. – Ifflanden zwar hat man zurückgewiesen, das ganze Theaterpersonal und die Politik hat sich dagegen gesetzt, indem Iffland sich zu Berlin auf dem Theater mit Äußerung politischer, nämlich nicht-politischer, antifranzösischer Gesinnungen befleckt hat. Ich gehe hier fast gar nicht ins Theater und nur bey Opern. Das Haus ist zu klein, man findet keinen Platz, und die ganze Anstalt im kleinlichsten Styl. Im Achilles habe ich diesen Sommer den Brizzi singen hören und in den Horatiern den Brizzi, die Bertinotti und Schmalz. Das war der Mühe werth. – Was treibt denn Julchen eigentlich – die nützlichen oder die schönen Künste?

Nunmehr wende ich mich zur lieben Mutter. Du siehst, liebe Freundin, daß es mir am Herzen lag zu wissen, was Du mir schriebst, wie Dir, was ich Dir geschrieben, denn wenn ich nicht sehr irre, so habe ich Dich nach meinem Bruder gefragt wie Du mich nach meiner Mutter und Schwester. An den lezten ist das Kriegsungewitter nur eben vorbei gegangen, die Wetterscheide war fast vor den Thoren von Kiel nach Lübek zu, aber daß sie ganz unbesucht bleiben sollten, glaub ich kaum; wenns am besten abgeht, so bekommen sie eine gelinde französische Einquartirung. Mutter ist gesunder in Kiel wie zuvor, ungeachtet des feuchten und strengen Klimas. Wiedemann befindet sich wohl; die beyden kleinen Mädchen leben und sind der Trost ihrer Mutter.

Aber wie zerrissen sieht es in der Welt aus – welche Unsumme von Elend, vernichteten Wohlstand, Schlechtigkeit welcher gänzlicher Mangel an der gemeinsten Sicherheit. Man hört nichts anders in der Nähe und Ferne. Wie mag den Menschen zu Muth seyn, die nun wirklich drinnen stecken mit ihren Geist und Gemüth, und nicht eine Atmosphäre um sich her ziehn können, in welche das alles nur scheinbar dringt. Wie viel lieber wollte ich in einem Dorf auf der Schlachtlinie von Jena gewohnt haben und in Staub mit getreten seyn, als mir die Seele anstecken lassen durch diese abscheuliche Verwirrung aller moralischen Dinge. Ich bin aber auch sehr glücklich, daß ich die Aegide neben mir habe, denn geht von einer Seite die ganze Convenienz Welt mit allen ihren alten Formen unter, so geht mir an einem schönern Horizont eine umwandelbare Welt auf. Der, in dem ich sie finde, ist ein unerschöpflicher Brunquell alles Herrlichen und Tröstlichen.

Vielleicht schreibt Dir der Bruder jetzt nicht oder doch mit solcher Vorsicht, daß wenig daraus zu nehmen ist für die Lage der Sachen. Es soll Unruhen dort geben. – Hier ist alles sehr stille, die Bürger besetzen die Wachen der Hauptstadt, so rein haben wir das Militair weggeschickt. Ich weiß oft nicht anders, als daß ich in einem ansehnlichen Landstädtchen wohne. Der Kreis meines Umgangs ist eng gezogen, wir wollen es selbst nicht anders. Zu denen, die ich viel sehe, gehört die Nièce von Weißhaupt und seine Schwester, die eine prächtige alte Frau ist. Sie korrespondirt viel mit ihrem Bruder und möchte auch gern immer durch die dritte Hand von ihm hören, aber Du siehst ihn wohl nicht. Er hat an Prinz August wieder viel verloren – sag mir, ob Ihr nicht auch dabei eingebüßt habt. Er hätte wohl Deinen Töchtern etwas vermachen können.

Deiner guten verstorbenen Schwägrin wird wohl seyn. Wie bringt sich aber die Tante Lenchen noch durch und Dein lieber Vater? – Grüße Minchen und melde mir immer, was in eurem Leben sich verändert zum bessern oder auch nicht bessern – ich muß wenigstens wissen, wie es euch geht.

Die Wiebeking hat ein paar sehr liebenswürdige Töchter. Das kanst Du nur der Siegfried sagen. An Fanny werde ich noch ein wenig von der Education von ma chère Mère gewahr – Wir haben einmal Kupferstiche nach Raphael in großer Gesellschaft besehn, wo Fanny und ich allein wußten, was das für Leute waren, Platon, Diogène, Epicure etc. in der Schule von Athen. Hier wissen sie nur von Jes Mari Josep!

Lebt recht wohl, ich begrüße euch auch in so fern als Bundesgenossen, daß ihr mit zum Rheinischen Bund getreten seyd. –

CS.

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124. An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

[1807]

Endesunterzeichnete hat versprochen für 100 fl. (hundert Gulden) nicht nur alles abgeschrieben zu haben, was sie abgeschrieben hat bis zum heutigen Datum, sondern dafür auch abzuschreiben, was sie abschreiben wird [ihr abzuschreiben aufgetragen wird Schelling], bis zum 31 Mai 1807, von solcherlei Manuscript, welches ihr Gemahl [selbst verfaßt und gestrichen Sch.] in den Druck giebt oder zu eigenen Gebrauch aufbewahrt [oder – aufb. Sch.].

Habe hierauf erhalten 50 fl.

Caroline.

Unter obigen eingefügten Clauseln

Ratifié par Moi Souverain de ma Femme

Frederic.

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125. An Luise Gotter

München d. 15 Jan. [18]08

[Besorgungen.] – Wir haben hier kurz vor Weinachten Frau von Stael nebst ihrer Familie und Schlegel gesehn. Diese Anwesenheit, welche etwa 8 Tage dauerte, hat uns viel angenehmes gewährt. Schlegel war sehr gesund und heiter, die Verhältnisse die freundlichsten und ohne alle Spannung. Er und Schelling waren unzertrennlich. Frau von St. hat über allen Geist hinaus, den sie besitzt, auch noch den Geist und das Herz gehabt Schelling sehr lieb zu gewinnen. Sie ist ein Phänomen von Lebenskraft, Egoismus und unaufhörlich geistiger Regsamkeit. Ihr Äußres wird durch ihr Innres verklärt und bedarf es wohl; es giebt Momente oder Kleidung vielmehr, wo sie wie eine Marketenderin aussieht und man sich doch zugleich denken kann, daß sie die Phädre im höchsten tragischen Sinne darzustellen fähig ist. Die Gesellschaft war hier auf der Durchreise nach Wien.

Gegen das Frühjahr haben sich hier angemeldet Rumohr und Ludwig Tiek. Daß Werner nicht gekommen, zeugt von seinem polnischen Leichtsinn; er hätte die Nahmen schon halten können. – Da dieß noch auf die Post muß, so verspare ich alles andre auf ein andresmal. Möge es euch wohl gehn in diesem Jahr!

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126. An Johann Diederich Gries

München 18. Apr. 1808

... Was sagen Sie denn zu Goethes Fragment Elpenor? Liegt nicht alle seine Anmuth und Ergebenheit darinn, und lebendiger noch wie in Iphigenien? Der schöne Knabe ist frisch wie Morgenthau. Wenn er das noch vollendete...

C S.

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127. An Luise Gotter

[München] am 6. Jun. [18]08

[Auszug]

Da nun schon Pfingsten, das liebliche Fest, ins Land gekommen ist, so muß ich endlich wohl danken für die Briefe, die ich um Ostern empfangen, für die Bemühungen, die Du Dir gegeben, liebe Freundinn, ja ich habe noch eine Schuld von Weinachten her auf mir, indem ich Minchen noch nicht geantwortet habe. Aber der weite Raum zwischen uns zieht auch immer eine lange Zeit nach sich. Indessen werden die andern Gothaner wohl fleißiger gewesen seyn, so daß ich Dir, Du Liebe, über einen Punkt, der Dich übrigens gewiß interressirt, kaum etwas Neues zu melden haben werde – daß nemlich meines Mannes hiesige Lage um ein Ansehnliches dadurch verbessert worden ist, daß ihn der König neben seiner Stelle als Mitglied der Akademie der Wissenschaften zum Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste, welche so eben eingesetzt worden, ernannt hat, mit dem Charakter und Rang eines Kollegiendirektors in einer Gehaltszulage, durch die er sich nun auf 2700 bis 3000 fl. (15–1600 rh.) fixum steht. Es ist hiedurch in der That nichts Außerordentliches geschehn, indem Schelling, der nur seinen Würzburger Gehalt hier beibehalten hatte, gegen andre höchst unbedeutende Menschen bisher zurückstehn mußte und wirklich auch nicht dabei zu bestehn war; in Würzburg wurde jener Gehalt durch die Kollegiengelder um das doppelte vermehrt. Auch war ihm gleich anfangs eine Verbesserung zugesagt; angenehmer indessen hätte er sie durchaus nicht bekommen können, als sie ihm nun, und zwar durch die allgemeine Zustimmung aller obern Behörden, vom König und Minister an, geworden ist. Denn die Stelle ist leicht zu versehn, das ganze Geschäft höchst interressant, seine Lage dabei sehr unabhängig, und sie bietet noch sonst eine Menge erfreulicher Aussichten dar. Niemand hat von dem Plan etwas gewußt außer die, welche sich ihn unmittelbar ins Werk zu setzen hatten; sie hatten ordentlich das Wort gegeben, besonders über Schellings Anstellung dabei, das vollkommenste Geheimniß zu beobachten, so daß es keine kleine Überraschung gegeben hat, wie die Sache an den Tag kam. Was Schelling außerdem noch freut, ist, daß die Baiern hier ganz ungemein damit zufrieden sind, und ihm die Stelle gönnen, da sie den meisten andern Fremden ihre errungnen Vortheile weder gönnen noch sie deswegen achten.

Die Rede, welche er am Namenstag des Königs hielt und die von bildender Kunst handelte, ohne daß er damals etwas besonders damit meynte, hat denn doch die Veranlassung gegeben, daß man ihn eben auf diese Art in mehrere Thätigkeit gesetzt hat. Ich werde versuchen die Konstitution der neuen Akademie diesem Blatt beizulegen, damit ihr daraus sein ganzes Verhältniß erkennt. Es wird freilich sehr verschieden von dem des andern Generalsekretairs seyn, der sich ganz in die Bedientenrolle begeben hat, die Uniform will ihm nicht vornehmer anstehn wie eine Livrée, ja selbst der Orden hilft ihm nicht auf. Denn daß wir nun auch eine Legion d'honneur haben, wißt Ihr doch? Gotha hat dazu 2 kleine Ritter geliefert, die gar nicht recht wissen, wie sie dazu kommen. Auch Schelling hat den Orden erhalten, er schickt sich gut darein und ist eben, als hätte er ihn schon immer gehabt. Mir macht es indeß einiges Vergnügen, daß mein Mann es so weit wie mein Vater gebracht hat. Es ist eine festliche Zeit hier; erst hatten wir die neue Konstitution des ganzen Reichs zu besprechen, dann die von der Akademie der Künste, dann den Orden, dann eine Fete, welche der Minister dem ganzen Orden gab, sammt seinen Frauen, jetzt die Vermählung der Prinzessin mit dem Kronprinzen von Würtemberg, eine Luftfarth des Garnerin, unterirdische Illumination und italiänische Oper, wo Brizzi und die Bertinotti singen. Möge uns der Himmel bei Freuden erhalten! Wahrlich, wir sind so ziemlich das einzige Land, wo nicht Verwirrung und Noth an der Tagesordnung ist, wo Regent und Volk noch Eins sind, und ich war in diesem Betracht allein schon gern hier, so wie mein Mann, auch da wir uns noch keines besondern Wohlseyns zu rühmen hatten. [...]

*

128. An Luise Wiedemann

[München, Ende Februar 1809]

[Anfang fehlt.]

... Die Frage wird nun seyn, ob Knorring sie [Frau Bernhardi] zur Baronesse macht und machen kann, da sein Vater noch lebt; er – ist Kurländischer Abkunft und leibeigen genug dazu, der böse Geist dieser Frau hat seinen schwachen überwältigt, denn von andern Anlockungen kann wahrlich die Rede nicht seyn; man muß vielmehr die Sinnlichkeit so abgestumpft haben, wie es Knorring hat, um dem bösen Geist so viel Raum zu lassen. Ich möchte nur wissen, warum sie eben hierher gekommen sind. Der Bildhauer wird sich auch noch einfinden von Coppet kommend, dann wollen sie wieder nach Italien gehn, Ludwig ausgenommen. Der Bildhauer wird Schellings Büste machen, welche der Kronprinz zu haben wünscht für seine marmorne Gesellschaft großer deutscher Männer, von der Du wohl in öffentlichen Blättern gelesen hast, in der freilich auch schon kleine große Männer sind, für München und von der Akademie hat er sich aber Schelling allein ausersehn, mit Übergehung des Präsidenten, was, wie er selbst sagt, wohl einigen Neid erwecken wird.

Du hast den Winter gefürchtet, ich habe es mit dem Sommer zu thun und werde nicht zufrieden seyn, wenn wir hier bleiben und nicht etwas Ordentliches endlich ausgeführt wird – denn die Zeit vergeht, und wer weiß, wie nahe mir mein Ende. [Geldsache.] Bei euch ists, glaub ich, in so weit ruhig, daß sich niemand viel regen kann; wir sehen wieder einem Krieg entgegen. Aber nicht wahr, Pferdefleisch ißt man doch in Kiel nicht? Wenn ich nur einmal einen Austerschmauß mit euch halten könnte. Schelling grüßt vielmals und würde sich auch nicht spröde erweisen. Ich umarme die Nichten.

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129. An Pauline Gotter

[München] am 1sten März [18]09

[Auszug]

Sehr habe ich geschmält, liebe Pauline, wie ich den großen Pack Wolle und nicht Ein kleines Wörtchen dazu erhielt, ich hatte freilich Unrecht, denn jene Sendung war so lange unterwegs gewesen, daß in der gothaischen Gemeinde bereits Buß und Bettage ausgeschrieben und, wie Jakobs von seiner Frau behauptet, angestellt waren um eine glückliche Überkunft, und also müste ein Briefchen von Dir viel Langeweile ausgestanden haben. Daß Du keine gehabt hast, habe ich aus demjenigen ersehn, was ich endlich von Dir bekam. Ey Du glückselige Jungfrau! Wahrscheinlich bist Du auch wieder bey dem Fest des 28 Jan. gegenwärtig gewesen um ein Element der Elemente abzugeben. Der liebe alte Herr, er hat schon lange von seinen silbernen Locken gesprochen, die er gewiß immer noch nicht hat, aber Rosen genug windet er sich zum häuslichen Kranze, er umgiebt sich mit Jugend und hält sich so das Alter fern. Mögen alle Götter jetzt für ihn die heilige Sorgfalt verdoppeln. Du, liebe Rose, sey nicht stolz, lieber gerührt und erfreut. Das will ich Dir sagen, wir haben hier eine Nebenbuhlerin von Dir, mit der ich Dich schon ein wenig ärgern muß, wie sie mit dir. Da kürzlich in einem Allmanach eine Erzählung von Goethe unter der Benennung die pilgernde Thörin stand, glaubt ich, er könnte niemand anders damit gemeint haben als eben Deine Nebenbuhlerin, doch paßt die Geschichte gar nicht, aber jener Name paßt wie für Bettine Brentano erfunden. Hast Du noch nicht von ihr gehört? Es ist ein wunderliches kleines Wesen, eine wahre Bettine (aus den venetianischen Epigrammen) an körperlicher Schmieg- und Biegsamkeit, innerlich verständig, aber äußerlich ganz thöricht, anständig und doch über allen Anstand hinaus, alles aber, was sie ist und thut, ist nicht rein natürlich, und doch ist es ihr unmöglich anders zu seyn. Sie leidet an dem Brentanoischen Familienübel: einer zur Natur gewordenen Verschrobenheit, ist mir indessen lieber wie die andern. In Weimar war sie vor 1-2 Jahren, Goethe nahm sie auf wie die Tochter ihrer Mutter, der er sehr wohl wollte, und hat ihr tausend Freundlichkeiten und Liebe bewiesen, schreibt ihr auch noch zuweilen. Du kanst ihn schon einmal bei Gelegenheit nach ihr fragen. Hier kam sie mit ihrem Schwager Savigny her, welcher in Landshut angestellt ist, blieb aber ohne ihn, um singen zu lernen und Tiek zu pflegen, der seit Weinachten an der Gicht kläglich danieder liegt und viel zartes Mitleid erregt. Den Leuten, die ihn besuchten, hat sie viel Spektakel und Skandal gegeben, sie tändelt mit ihm in Worten und Werken, nennt ihn Du, küßt ihn, und sagt ihm dabei die ärgsten Wahrheiten, ist auch ganz im Klaren über ihn, also keineswegs etwa verliebt. Ganze Tage brachte sie allein bei ihm zu, da seine Schwester auch lange krank war und nicht bei ihm seyn konnte. Manche fürchteten sich ihrentwegen hin zu gehn, denn nicht immer geräth ihr der Witz, und kann sie wohl auch grob seyn oder lästig. Unter dem Tisch ist sie öftrer zu finden wie drauf, auf einen Stuhl niemals. Du wirst neugierig seyn zu wissen, ob sie dabei hübsch und jung ist, und da ist wieder drollicht, daß sie weder jung noch alt, weder hübsch noch häßlich, weder wie ein Männlein noch wie ein Fräulein aussieht.

Mit den Tieks ist überhaupt eine närrische Wirtschaft hier eingezogen. Wir wußten wohl von sonst und hatten es nur vor der Hand wieder vergessen, daß unser Freund Tiek nichts ist als ein anmuthiger und würdiger Lump, von dem einer seiner Freunde ein Lied gedichtet, das anfängt:

Wie ein blinder Passagier
Fahr ich auf des Lebens Posten,
Einer Freundschaft ohne Kosten
Rühmt sich keiner je mit mir.

Aber ich meyne, wir haben hier nach der Hand wieder erfahren, was es mit dieser Familie für eine Bewandniß hat, und wie sehr die Gaunerei mit zu ihrer Poesie und Religion gehört. Sie kamen von Wien her, weiß der Himmel warum und was sie für Anschläge dabei gefaßt haben mochten, leben 8 Wochen lang auf's splendideste im Wirtshaus, beziehen dann ein Privatquartier für 100 fl. monatlich, haben einen Bedienten und sonst noch 3 Domestiquen, einen Hofmeister für die Kinder der Bernhardi usw., zu dem allen aber keinen Heller eignes Geld. Es ist bekannt, daß Tiek nie welches hatte, daß er stets auf Kosten seines Nächsten lebte, jetzt unterhielt ihn seine Schwester und sie wird vom Baron Knorring unterhalten, der aber nicht hier ist, weil er von Wien, theils seiner dortigen Verwandten, theils Schulden wegen, nicht weg kann, indem ihm sein Vater nicht Geld genug zu den außerordentlichen Depensen für die Tieks schickt. Eben deswegen kann er auch nur spärlich Geld schicken und nun ist hier alle Augenblicke die Noth; aber die Erfindung und Unverschämtheit, die Ausgelerntheit, hat ihnen bislang noch durchgeholfen; Savigny hat eine große Summe hergegeben unter andern. Indessen sind sie dabei völlig preisgegeben und es möchten bald alle Quellen verstopft seyn, wenn nicht Knorring bald kommt. Die Lage der Dinge ist stadtkundig, aber ihre noble Fassung dabei unerschütterlich. Der arme Tiek erscheint in seiner doppelten Qualität als Kranker und Armer in seiner ganzen Unfähigkeit sich selbst zu helfen, weichlich, ohnmächtig, aber immer noch aimable – wenn Leute dabei sind. Bettine sagte ihm einmal, da von Göthe die Rede war, den Tiek gar gern nicht so groß lassen möchte, wie er ist: Sieh, wie Du da so liegst, gegen Goethe kommst Du mir wie ein Däumerling vor – was für mich eine recht anschauliche Wahrheit hatte. [...]

Du hast Werner in Weimar gesehn. Es ist ein redlicher Geselle, und wenn Du mit ihm von uns gesprochen hättest, würdest Du, denk ich, gefunden haben, daß er auch ein redlicher Freund ist. Seine Schauspiele haben viel barbarisches an sich, und darinn sind sie am barbarischten, worinn sie am gebildetesten und moderngesinntesten sind, indessen ist sein Talent der Darstellung groß, wovon auch der Attila wieder zeugt. Er war lange in Coppet, und Fr. v. Stael goutirte sein originelles Wesen, wie Schlegel uns schrieb. Von dorther erwartet man noch den Bildhauer Tiek, den ich sonst für den leichtfüßigsten von den Geschwistern gehalten, mir aber nun als der solideste vorkommt, denn er lebt doch von dem, was er erwirbt, und borgte nur für seine Schwester. Seine erste Arbeit wird Schillings Büste seyn, die er schon lange auf seine eigne Hand hat machen wollen – nun wünschte sie aber der Kronprinz für seine Sammlung, es sollte sie ein hiesiger Bildhauer machen, worauf Schelling es beim Prinzen dahin vermittelte, daß Tiek die Arbeit bekömmt. Sie wird in Marmor ausgeführt, und er kann seine Kunst schon daran beweisen.

Weißt Du nicht, ob die pilgernde Thörin vielleicht ein Fragment aus der Fortsezung des Wilhelm Meister ist? Damit sie etwas wird, scheint sie noch etwas hinter sich und vor sich haben zu müssen.

Wenn Du einmal wieder nach Jena kommst, so fasse ins Auge einen kleinen jungen Mann und alten Gelehrten, der Prof. Oken heißt; Du triffst ihn auch wohl in Weimar, wenigstens für d. 28 Jan. war er dorthin beschieden, wohl gar um Licht und Wärme vorzustellen, worüber er neulich geschrieben. Er war schon in Würzburg sehr viel bei uns, und ich habe mich oft an der Naivetät erfreut, mit der sich und eine Menge wunderlicher, jedoch guter Gedanken an das Licht zu stellen pflegte.

Ich hörte, daß Goethe schon im Mai nach Karlsbad geht, und Du? – Was wird es künftigen Sommer mit uns hier seyn? Wir stehen wieder am Vorabend eines Krieges. Jakobs sagt mir, daß er um Michaelis nach Gotha reißt und Dich dann vielleicht mitbringen könnte. Das ist noch lange hin. [...]

*

130. An Luise Wiedemann

[München, Mitte März 1809]

[Auszug]

Unsre Briefe sind sich begegnet, liebe Luise, und es kann wiederum der Fall seyn, aber ich mag jetzt mit dem Schreiben nicht säumen, da man nicht wissen kann, wie bald die Wege versperrt werden. Vielleicht geht es auch ohne dergleichen ab; wir sind darüber noch in einer solchen Ungewißheit in der Nähe, wie man in der Ferne sichs schwerlich vorstellt. Alle äußersten Anzeichen des Krieges sind da; der französische Gesandte hat Wien verlassen, der hiesige österreichische Gesandte, Graf Stadion, der in Göttingen einst studirte, ist von hier abgereiset, die Truppen sammeln sich; es heißt daß am 20sten Franzosen hier einrücken werden. Anfangs glaubte man, die aus eurer Gegend unter Pontecorvo, es scheint aber, es werden die unter Davoust seyn. Bei Hof ist von einer Abreise nach Mannheim die Rede, auch wird die Gemälde-Gallerie wieder eingepackt. Bei unsrer Nachbarschaft mit Oesterreich muß man sich freilich wohl auf die Möglichkeit gefaßt halten, daß der Feind einmal vordringt, so ruhig man über den Ausgang überhaupt seyn kann. Übrigens gestehe ich gern, daß mir nicht wohl zu Muthe ist bei dem nächsten Detail, ich bin zu unbekannt mit dieser Kriegesnoth, denn seltsamer weise waren wir so situirt, daß ich im langen Laufe dieses Krieges nur in Würzburg einmal zwei ehrliche Baiern zu bewirthen gehabt habe und ein paar Böhmen, die so unschuldig waren beim Abschiede zu fragen, was sie schuldig wären. Hier kann die Last ernstlicher werden, die Ausgaben beträchtlich; wir können dazu in den Fall kommen eine Zeit lang nicht bezahlt zu werden. Ich habe auch Philipp geschrieben, daß er mir ja für Geld sorgt, welches ich in diesem Augenblick am nöthigsten unter euch brauche. Daß bei diesen Umständen wieder nicht an die südliche Reise zu denken ist, siehst Du wohl; ich habe große Sorge, mir wird es wie Moses gehn. [...]

Bey Tieks ist noch alles krank. Ich meine Dir letzthin schon über sie das Gehörige geschrieben zu haben. Ob sie katholisch geworden oder nicht, kann ich nicht bestimmt beantworten, ist aber auch nicht nöthig, was den förmlichen Übertritt betrifft. So viel ist gewiß, daß sie ein förmliches Commerce damit getrieben haben, indem dem päbstlichen General Vicar der Antrag von ihnen geschah, sie wollten für eine Pension alle deutschen Künstler in Rom zum Übertritt bewegen; die Pension sey nehmlich deswegen nöthig, damit sie ein Haus damit machen und die Leute an sich locken könnten. Der Pabst hatte aber andre Sorgen. Tiek ist sehr miserabel, indeß es ist unmöglich reines Mitleid zu hegen, sein Gesicht, das nun alles Wohlseyns und geselligen Freundlichkeit entkleidet ist, bringt selbst geheime Tücke und Wuth an den Tag. Der Bildhauer bleibt noch aus, auch Knorring. Der Krieg kann diese Menschen hier noch sehr bedrängen, indem sie von allen Geldressourcen abgeschnitten werden. Freilich wenn die Oesterreicher herkämen, so würden die gloriiren; sie haben sich gänzlich dem Hause Habsburg ergeben und hoffen, Deutschlands Heil werde sich von daher entwickeln. Übrigens sind alle diese Hoffnungen und Glauben und Lieben nur poetisch bei ihnen zu nehmen, sie machen sich wenig aus Gott und Welt, wenn sie sich nur recht in die Höhe schwingen können und das Geld nicht mangelt. Ich habe nie unfrömmere, in Gottes Hand weniger ergebne Menschen gesehn als diese Gläubigen; besonders ist in der Schwester ein durchaus rebellischer Sinn, so daß man sich dadurch geneigt fühlt, auch das, was sie nicht unmittelbar selbst verschuldet, sondern durch Krankheit und dergleichen über sie verhängt wird, für ein Gericht des Himmels zu nehmen. Die drei Geschwister, jedes mit großem Talent ausgerüstet, in der Hütte eines Handwerkers geboren und im Sande der Mark Brandenburg, könnten eine schöne Erscheinung seyn, wenn nicht diese Seelen und Leib verderbliche Immoralität und tiefe Irreligiosität in ihnen wäre. Die Bernhardi hat einen Knaben von 6 Jahren; dem ist das Beste, was sie haben, eingeboren, so weit sich das jetzt beurtheilen läßt; ein herrliches Kind, das mir oft noch das Herz für sie beweget und das Schelling über alle Maße lieb hat. Da sich so ein Kind mehr durch Rede wie durch Handlungen rühren läßt, indem es die letzten nicht übersieht und einsieht, so hat er auch nur allen Honig der Rede in sich gesogen; ist durchaus edel in Gesinnung, heroisch und tapfer, spricht und drückt sich aus über seine Jahre, dabei hat er das mimische Talent seines Onkels, und eine unglaubliche Gewandtheit und Anstand des Körpers. Es ist etwas von einem Komödianten in ihm, doch gewiß auch ein tieferes und sehr gutes Prinzip, möge es der Himmel behüten! Es thut ihm freilich jetzt schon Schaden, daß er so oft die bittern und heftigen Ausfälle gegen andere Menschen, welche gegen seine Mutter gefehlt haben, in ihren Sinn, anhören muß und vielleicht obendrein angewiesen wird, sich nichts davon merken zu lassen. – Neben allen seinen Planen, die sich auf die Wirklichkeit beziehen, hat er auch den Kopf voll von Poesien, die er für wirklich hält, er ist fest überzeugt, daß sein Oheim in der König Rother viele Riesen zusammen todtgeschlagen haben und Rothkäppchen vom Wolfe gefressen worden, der sich als ihre Großmutter anstellte. Ein Dichter will er nicht werden, sondern ein Feldmarschall, und da ihm Schelling das Dichterleben anpries, sagte er – wie? Du wolltest nicht lieber Deine Finger mit Blut als mit Dinte gefärbt sehn? – und das war eine Combination, die ganz aus ihm selbst kam. Auch dieser arme Knabe ist sehr krank gewesen. Er heißt Felix und hat braune Augen und blondes Haar, wie die Mutter, vom Vater keinen Zug, so daß er eigentlich keinen Vater zu haben scheint, auch weiß er nicht, daß er einen hat. Bernhardi ist nur der dicke Herr für ihn. Den ältesten, den dieser mitgenommen, scheint sie schon vergessen zu haben. Von Tieks Frau ist nie die Rede, die Bernhardi haßt sie so, daß sie, wie sie mir sagte, ihren Bruder nicht nach ihr gefragt hat. Mir sagte er zu Anfang, sie wäre bei ihrer Mutter in Schlesien und er hätte noch eine kleine Tochter bekommen. Nach der Bernhardi ihren Insinuationen hat die Tiek während ihres Mannes früherer Abwesenheit mit Burgsdorf gelebt, auf dessen Gute (Ziebingen) Tiek auch nachher sich ernähren ließ. Sie behauptet, daß dort überhaupt eine Art von Gemeinschaft der Weiber eingeführt war. Drei Gräfinnen Finkenstein wohnen in der Nähe, aber unverheirathet. Friedrich Schlegel nannte daher T. den Hausfinken. Wie es damit steht, weiß ich nicht, habe auch nicht Ursache von der Ungeschmeidigkeit der Tiek ähnliches zu vermuthen, bei alle dem sollen sie so gut wie getrennt seyn. Wo T. von hier hin gehn wird, sehe ich auch nicht ab, da Burgsdorf heirathet, was solchem guten Leben ein Ende macht. Es ist wohl möglich, daß sie mit Ansiedelungsplänen hergekommen sind, aber sie haben sich bald um die Möglichkeit des Gelingens gebracht. Wunderbarerweise hat T. da einen Beschützer gesucht und gefunden, wo man es am wenigsten erwarten konnte, in Jakobi nämlich. – [...] Friedr. Schlegel ist auch in Wien, er ist wie zum katholischen Glauben zum Hause Oestreich übergetreten. Wilhelm scheint doch unter seiner Aegide, das heißt unter der Aegide seiner Pallas, protestantisch zu bleiben, so gläubig er sonst gegen seine Freunde gesinnt ist, aber hier geht eben Glauben gegen Glauben und Einfluß gegen Einfluß auf. Dennoch ist er der reinste von allen diesen – denn ach wie sind jene von der Bahn abgewichen, wie haben sie sich sämtlich durch Bitterkeit gegen die Schicksale bestimmen lassen, die sie sich doch selber zugezogen! Friedrich hat die Anlage ein Ketzerverfolger zu werden – fast soll er schon fett, bequem und schwelgerisch wie ein Mönch seyn. Ich habe sie alle in ihrer Unschuld, in ihrer besten Zeit gekannt. Dann kam die Zwietracht und die Sünde, man kann sich über Menschen täuschen, die man nicht mehr sieht, noch Verkehr mit ihnen hat, aber ich fürchte sehr, ich würde mich auch über Friedrich entsetzen. Wie fest, wie gegründet in sich, wie gut, kindlich, empfänglich und durchaus würdig ist dagegen der Freund geblieben, den ich Dir nicht zu nennen brauche.

[...]

*

131. An Meta Liebeskind

[Maulbronn] 28. Aug. [1809]

Aus klösterlichen Mauern schreibe ich Ihnen – wir sind kaum 10 Tage abwesend von der Hauptstadt und schon in selige Unwissenheit begraben. Der Frieden, hofften wir, würde hinter uns drein kommen, dagegen fanden wir den Krieg auf unsern Wege, besonders zwischen Augsburg und Ulm, wo den ganzen Tag über bald Kürassiere aus Spanien, bald Depots von Infanterie und vor allem furchtbare Pulvervorräth uns entgegen kamen, Wägen mit Fässern so stark beladen, daß immer 10–12 Pferde vorgespannt waren. In Zusmarshausen kamen wir in ein gewaltiges Gedränge, ein Zug von Blessirten war mit uns angelangt, ein Infanterie Bataillon rückte von der andern Seite ein und eben trieb der Hirt die zahlreiche Hornviehheerde durch den Ort. Gutes Wetter hatten wir übrigens, außer daß wir in Ulm mit einem heftigen Ungewitter eintrafen – und leider, seit wir hier in Maulbronn sind, regnet es viel, was uns um so hinderlicher fällt, da Maulbronn mehr ein Platz ist, von dem man leichter an eine Menge von reizenden Orten, Aussichten und Gegenden gelangen kann, als daß er selbst eben schön wäre. Wir werden das Land rings umher zu Fuß und zu Roß durchstreifen, sobald sich das Wetter heitrer zeigt. Einstweilen schreiben Sie mir sogleich, meine Liebe, wie es bey Ihnen steht. – Beinah müssen wir fürchten den großen Kaiser wieder versäumt zu haben. Bei unserer Durchreise durch Stuttgard erwartete man ihn dort für die nächsten Tage, die Kanonen waren aufgeführt, die ihn begrüßen sollten. Hier erfährt man nur, was die Zeitung bringt, welches nicht immer das rechte und neueste ist. War er in München, so melden Sie mir davon alles, was Sie wissen, im historischen Styl – ich sehe eben, daß General Beaumont durch München vorrückt – wer weis, ob wir da nicht Einquartirung bekamen. [Besorgungen.]

Das Werk: Materialien zur Geschichte des Osterreichischen Revolutionskrieges ist unstreitig von der nehmlichen Hand wie die Plane? Wie geht es mit Tyrol, davon las ich noch nichts weiter in den Zeitungen, als was wir vor 14 Tagen wußten. Ich hoffe, Sie haben Nachricht von Adalbert. Grüßen Sie sich und Ihren Mann von uns beyden, auch Flads. –

Wir fuhren noch vor Ihren Fenstern vorbei. Günzburg liegt allerliebst, es würde mir keine Überwindung kosten dort zu wohnen. In Ulm bestiegen wir den Münster, drinnen predigte eben Martin Miller; im Durchgehen hörten wir ihn viel von den Unannehmlichkeiten und Beschwerden des Lebens hererzählen, und die Ausführung schien mir so wenig neu wie der Text. Sturz ist wohl angelangt?

Sie vergessen nicht die Adresse: An Hrn. Direktor Schelling zu Maulbronn über Stuttgard.

Leben Sie wohl und lesen Sie dieses Blatt nicht so flüchtig, daß Sie etwa ganz andere Dinge lesen, als darinn stehn. [Besorgung.]

*

132. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling an Luise Gotter

Stuttgart, den 24. Sept. 1809

Sie wissen es nun bereits, verehrteste Freundin der ewig theuren Caroline, daß die beste, geliebteste Frau für dieses Leben nicht mehr ist. Ihnen als ihrer treuesten Freundin hätte diese betrübte Nachricht billig nicht zuerst durch Fremde zukommen sollen; aber der unsägliche Schmerz erlaubte mir kaum den Einen nöthigsten Brief an den Bruder in Haarburg zu schreiben: noch immer fehlt mir die nöthige Fassung, und ich weiß nicht, wie ich im Stande sein werde, Ihnen auch nur die Hauptumstände zu melden. Doch ist der Gedanke, an Sie zu schreiben, tröstend für mich. Ich weiß, auch Ihre Thränen fließen bei dem schmerzlich-süßen Andenken, wie die Ihrer lieben Töchter. Auch Sie alle haben eine Freundin an ihr verloren, wie es keine oder wenige giebt – und Sie begreifen meinen Schmerz, Sie können ahnden, wie viel ich verloren habe. –

Caroline wünschte mit wahrer Sehnsucht die Reise nach dem Würtembergischen; sie bedurfte der Erholung: zwei Monate hatte sie meiner gewartet, da ich fast seit dem Frühling krank war. Die sonstige Ordnung hatte sich verkehrt: immer besorgt für ihre Gesundheit wurde ich nun der Gegenstand ihrer Sorgen – ach die viele Mühe, die ihr meine Wartung verursachte, hat ohne Zweifel die Schwäche vorbereitet, die der Krankheit nachher so schnelle Wirkung verstattete. Wir verließen München am 18. August, sie fröhlich, heiter, wie immer auf der Reise, ohne Anstoß in ihrer Gesundheit; wir eilten über hier nach Maulbronn, einem würtembergischen Kloster, dem Aufenthaltsort meiner guten Eltern, bei denen ich vor 6 Jahren mit Caroline fast den ganzen Sommer gelebt hatte und denen sie äußerst lieb und ergeben war.

Mich hat auf der ganzen Reise ein drückend schmerzliches Gefühl begleitet, das ich mir nicht zu erklären wußte, wie ich den ganzen Sommer mehr gemüths- als körperlich krank war: ihr Tod hat eine schreckliche Klarheit auf dieses wunderbare Gefühl geworfen. Sie schien wenigstens keine bewußte Ahndung zu haben: das Einzige, was alle meine Verwandte bemerkten, war, daß sie diesmal so ganz besonders liebevoll und zärtlich gegen alle war, recht als ob sie noch mit ihnen abletzen wollte: allen schien sie wie verklärt zu sein und schwebt ihnen jetzt nach ihrem Tode wie ein göttliches Wesen vor. Auf einer kleinen Nebenreise von Maulbronn aus – in eine der schönsten Gegenden dieses Landes – die auch ihr Wunsch war, die aber – ach! ich bin es nur zu gewiß – mit zur Erschöpfung ihrer Kräfte beitrug, so sehr sie sonst durch Bewegung und Reisen gestärkt wurde – auf dieser ganzen Reise war sie auf eine wunderbare Art still und in sich gekehrt, wenn gleich bei dem äußeren Ausdruck der völligsten inneren Heiterkeit. Hundertmal trieb es mich, sie zu fragen, warum sie so still sei, und immer wurde ich durch die Gesellschaft daran verhindert. Ich sehnte mich innig, mit ihr wieder allein und zu Hause zu sein: aber wenige Stunden nach der Rückkehr zeigten sich auch die ersten Anfälle der Krankheit.

In der Gegend von Maulbronn hatte schon seit einem Monat eine epidemische Ruhr mit Nervenfieber grassirt: nur Maulbronn war bis zu unserer Ankunft noch immer verschont geblieben. Erst am zweiten Tag unsres Daseins wurde die Frau eines dortigen Professors Pauli davon ergriffen. Noch vor 3 Jahren hätte ich bei der ersten Nachricht davon den Unglücksort verlassen und Caroline gerettet. Damals wachte ich beständig über sie und beobachtete jeden Schritt, der ihr gefährlich werden konnte. Seitdem sie in der gesunden Luft Münchens neu aufgeblüht ist und so stark und gesund geworden war, daß sich alle meine Verwandte beim Wiedersehen darüber verwunderten, seit dieser Zeit war ich sicherer geworden und überließ sie in Allem ihrer natürlichen Freiheit. Bei der Rückkehr von jener Reise war ihre erste Frage: was die gute Professorin Pauli machte, (die sie übrigens nie gesehen hatte, an der sie aber vielen Theil nahm). Die Antwort war: sie sei gestern gestorben! – Einige Stunden nachher kamen die ersten Anfälle mit einigen schnell auf einander folgenden Ausleerungen: Caroline scherzte noch selbst darüber und fürchtete nichts; auch wurden durch die Anwendung der gewöhnlichen Hausmittel die Anfälle vor der Hand zurückgehalten; aber spät am Abend stellten sich Schmerzen und Fieber ein und schon am andern Morgen, da ich frühe vor ihr Bette trat, sagte sie zu mir die Worte: »Ich fühle die Destruction solche schnelle Fortschritte machen, daß ich glaube, ich könnte diesmal – sterben!« Ach, sie hatte nur zu wahr geredet! – Schon der erste Anblick, die auffallende Veränderung ihres Gesichts zeigte die Heftigkeit der Krankheit: ihr Puls setzte mich in den äußersten Schrecken.

Ich redete ihr den Gedanken aus, ob ich gleich meine Bestürzung nicht ganz verbergen konnte. Alles zeigte, daß sie von der unseligen Krankheit ergriffen sei. Von diesem Augenblick an wurde alles aufgeboten sie zu retten. Ich übergab sie dem Maulbronner Arzt, einem allgemein für geschickt gehaltenen Mann, der eine Menge Kranker in der ganzen Gegend an der nämlichen Epidemie behandelt hatte. Ein Expresser ging nach Stuttgart, meinen Bruder zu rufen, der hier als praktischer Arzt in besondrem Ansehen steht und zu dem auch Caroline das größte Zutrauen hatte. Aber leider kam er zu spät, da keine Hülfe mehr war. – Lassen Sie mich diese Tage des Schmerzes und der schrecklichsten Furcht übergehen! Die einzige wenn gleich schwache Beruhigung ist, daß Caroline jede Art von Hülfe und Wartung genossen hat, die sie bedurfte. Bei dem höchst schmerzlichen Gedanken, daß sie auf der Reise, nicht im eignen Hause hinscheiden mußte, ist dies das einzig Tröstende, daß sie wenigstens in den Armen zärtlicher Eltern gestorben ist. Die großen Schmerzen, die mit dieser Krankheit verbunden sind, hat sie fast nur Einen Tag und mit der edelsten Standhaftigkeit und wahrer Geistesgröße getragen. Ihre letzten Tage waren ruhig: sie hatte kein Gefühl von der Gewalt der Krankheit noch der Annäherung des Todes. Sie ist gestorben, wie sie sich immer gewünscht hatte. Am letzten Abend fühlte sie sich leicht und froh; die ganze Schönheit ihrer liebevollen Seele that sich noch einmal auf; die immer schönen Töne ihrer Sprache wurden zur Musik; der Geist schien gleichsam schon frei noch dem Körper und schwebte nur noch über der Hülle, die er bald ganz verlassen sollte. Sie entschlief am Morgen des 7. Septembers sanft und ohne Kampf: auch im Tode verließ sie die Anmuth nicht; als sie todt war, lag sie mit der lieblichsten Wendung des Hauptes, mit dem Ausdrucke der Heiterkeit und des herrlichsten Friedens auf dem Gesicht. – Ach so lange sie noch dalag, so lange ich noch die letzten Reste von ihr mit meinen Thränen benetzen konnte, war ich nicht ganz unglücklich; nie kehrte ich von dem Anblick zurück ohne gestärkt und getröstet zu sein, so heiter war ihr Ausdruck. Ach, endlich mußte ich mich auch von dem Letzten trennen, ich begleitete sie zu ihrem Grab, wohin sie mit jeder Feierlichkeit gebracht wurde, die zur Ehre der edeln Verstorbenen gereichte, der ich leider! im Leben nicht alle die Ehre hatte erzeigen können, die ich gern wünschte. Nun ruht sie in dem stillen Thale, an dessen romantischem Anblick ihr Auge oft mit stiller Schwermuth gehangen hatte, an einer Stätte, wo einst auch meine guten Eltern ruhen werden.

Dies war das Ende Ihrer – meiner Caroline. Ich stehe da erstaunt, bis ins Innerste niedergeschlagen und noch unfähig meinen ganzen Jammer zu fassen. Meine Verwandte haben mich jetzt hierher geführt; aber mein Herz und alle meine Gedanken sind dort, wo ich sie leiden und sterben sah und wo ihre Hülle schlummert. – Welch ein schrecklicher Kreis von Verhängnissen wird durch diesen Tod geschlossen! Vor 9 Jahren raffte die nämliche Krankheit auf der Reise die liebliche Tochter dahin; jetzt ebenfalls auf der Reise unterliegt ihr das theure Leben der Mutter. Ihr ist jetzt wohl; der größte Theil ihres Herzens war schon längst jenseits dieses Lebens. Mir bleibt der ewige durch nichts als durch den Tod zu lösende Schmerz einzig versüßt durch das Andenken des schönen Geistes, des herrlichen Gemüths, des redlichsten Herzens, das ich einst in vollem Sinne mein nennen durfte. Mein ewiger Dank folgt der herrlichen Frau in das frühe Grab. Gott hatte sie mir gegeben, der Tod kann sie mir nicht rauben. Sie wird wieder mein werden, oder vielmehr sie ist mein auch in dieser kurzen Trennung. –

Sie, verehrte Frau, sind eine von den Wenigen, mit denen ich ganz nach meinem Herzen von Caroline reden darf. Sie haben nie aufgehört sie zu lieben, und auch ihr Herz gehörte Ihnen. Lassen Sie einen Theil der Freundschaft, die Sie zu der Lieben getragen, auf mich übergehen. Ich werde einen Trost darin finden, von denen, welche sie im Leben geliebt, mit Freundschaft angesehen zu werden. Lassen Sie mich ein theilnehmendes Wort von Ihnen und Ihren lieben Töchtern hören!

Könnte ich die letzten Briefe, die Ihnen Caroline geschrieben, erhalten, so würde mich dies erquicken. Ich sammle jede Relique der Theuren. Die Briefe sollen Ihnen nicht verloren sein. Erhalte ich bald ein Wort von Ihnen, so trifft es mich noch hier. Den harten einsamen Rückweg nach München muß ich antreten. Ich habe noch die heilige Pflicht auf mir, die Verlassenschaft der Seligen in Ordnung zu bringen. Dieser Gedanke wird mir Kraft geben, in das öde Haus zurückzukehren, wo zugleich das süße Andenken an sie durch jeden Gegenstand erneuert wird.

Leben Sie wohl, edle Frau, mit allen den Ihrigen; möge nie ein ähnliches Ereignis Ihre weiteren Tage trüben! Ich empfehle mich Ihnen allen und bin und bleibe mit der innigsten Hochachtung

Ihr ergebenster Schelling.

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