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Gottfried Keller: Briefe - Kapitel 2
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authorGottfried Keller
titleBriefe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
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München 1840-1842

An die Mutter

München, den 18. Mai 1840.

Liebe Mutter!

Endlich bin ich angekommen in dem gelobten Lande. Nachdem ich den Paß erhalten hatte, führte mich Müller in einer Chaise nach Konstanz, wo ich aber wegen neuer Unannehmlichkeiten mit dem Gepäck vier Tage warten mußte. Sonntags vor acht Tagen fuhren wir endlich, Steffen und ich, mit dem Dampfschiff nach Lindau oder wollten vielmehr nur; denn in Rorschach zerbrach die Maschine, und wir mußten dort wieder übernachten; indessen lud uns ein katholischer Kaplan zum Essen ein. Von Lindau aus fuhren wir mit einer Retourkutsche für neun Gulden bis nach München, mußten aber mehr übernachten als mit der Post, so dass es am Ende beinahe gleich herauskam, nur dass ich für die Effekten nichts zahlen mußte. So bin ich denn hier angekommen und, nachdem ich drei Tage im Gasthof logierte, im nämlichen Zimmer, welches Müller bewohnte, einquartiert.

Es ist mitten in der Stadt und ganz bequem mit Sofa, gutem Bett, Kommode und zwei Tischen; die Stühle sind gepolstert; dennoch kostet es nur vier Gulden Zürichgeld, wobei mir noch die Stiefel und Kleider geputzt werden. Steffen hat ein kleines Dachstübchen in einer abgelegenen Gegend für den gleichen Preis, die meisten Zimmer kosten sonst sechs, sieben bis acht Gulden monatlich ... Ich befinde mich sehr wohl hier. Man kann über die Straße gehen, ohne dass man von allen Seiten begafft und für stolz ausgeschrieen wird. Kein Mensch achtet auf den andern; alles geht bunt durcheinander. Kommt man aber mit den Leuten in Berührung, so sind sie höflich und gefällig, nur die Weibsbilder von der bürgerlichen Klasse sind ungemein roh. Sie fluchen und schimpfen wie bei uns die Stallknechte und sitzen alle Abend in der Kneipe und saufen Bier. Sogar die nobelsten Damen gehen ins Kaffeehaus und trinken da - nicht Kaffee, sondern so zum Spaß eine Maß Bier bis zwei ...

Die Reise und alle Ausgaben (ich mußte Staffelei, Leinwand, Farben usf. kaufen) haben mich mehr gekostet, als ich glaubte, z. B. mußte ich für die Aufenthaltskarte einen halben Gulden bezahlen, einen Gulden ins Krankenhaus für ein halbes Jahr, und so noch vieles; die Reisenden werden fürchterlich ausgesogen allenthalben. Jetzt habe ich mich aber eingerichtet und werde von nun an Hausen. Ich nehme gar nichts zu mir bis zum Mittagessen, obgleich ich im Anfang manchmal noch Hunger bekomme. Dann gehe ich ins Speisehaus und bekomme für sieben Kreuzer (etwa 4½ Schillinge) Suppe, Fleisch und Gemüse, nach Verlangen zugerichtet; mit Bier kostet es zehn Kreuzer. Manchmal esse ich zu Nacht und manchmal nicht. Ich bin schon mit vielen Künstlern bekannt geworden und habe gesehen, daß selbst die mittelmäßigen sich gut durchbringen ... - Ich grüße Regula tausendmal und verbleibe Euer Sohn und Bruder

Gottfried Keller.

Gott sei mit Euch! - Laß doch meine Briefe nicht so herumliegen, wie gewöhnlich! Was das Geld betrifft, so mache, daß Du es bald schickst, oder sonst einrichtest, denn in zwei Wochen gehe ich aufs Land, und da möchte ich es vorher gesichert wissen. Es tut mir leid, daß Du so viel Mühe hast.

An die Mutter

München, den 19. Oktober 1840.

Liebe Mutter!

Daß Ihr zu Hause mich für fähig gehalten habt, eine Krankheit zu erlügen, um Geld zu erhalten, war mir eben keine große Erquickung, da ich eben damals, als ich den Brief erhielt, kaum noch auf den Beinen stehen konnte. Ich lag vier ganze Wochen im Bett und bekam nichts als Fleischbrühe und Wasser zu saufen, so daß Dein Traum ziemlich erfüllt war; denn ich war so abgemagert und schwach, als ich wieder ausgehen konnte, daß ich vor mir selbst erschrak, als ich in den Spiegel schaute. - Doch werde ich in Zukunft nichts mehr von dergleichen Sachen schreiben, es mag mir gehen, wie es will, da man zu allem Elend noch glaubt, ich lüge. Was das viele Geldbrauchen betrifft, so weiß ich am besten, für was ich es ausgebe; auf jeden Fall nicht fürs Lumpen. Auch gehe ich nicht mit Lumpen, sondern einzig und allein mit Hegi von Zürich, welcher mein bester Freund hier ist, und wir sitzen meistens ganz allein beieinander. Du wirst Dich wahrscheinlich wundern, daß die letzten vier Louisdor bereits wieder gebraucht sind, wenn Du nicht bedenkst, daß ich dem Doktor 16 Gulden, dem Apotheker 8 Gulden, der Magd, welche alle Nächte bei mir gewacht und mich sonst gut gepflegt hat, einen Taler und obendrein den Mietzins bezahlen mußte. Dazu mußte ich, als ich wieder essen und ausgehen durfte, feinere und kräftigere Speisen nehmen und eine Zeit lang Rheinwein trinken, um wieder zu Kräften zu kommen. Auch schaffte ich mir ein Flanellleibchen, Unterhosen und Überschuhe an, weil das Wetter hier immer naß und kalt ist und ich mich vorzüglich auf den Winter warm halten muß. Du wirst mir vielleicht indessen auch wieder nicht glauben, daß der Doktor an meinem Aufkommen gezweifelt hat. Du wirst aus allem also einsehen, daß ich das übrige Geld noch brauche; weil ich wenigstens zwei Monat Zeit haben muß, um etwas zu machen, das ich verkaufen kann. Nachher trage keine Sorge mehr für mich! Was Deine Meinung im vorletzten Briefe betrifft, daß ich nämlich wieder nach Haus kommen sollte, so traust Du mir da nicht viel Charakter zu. Die Leute würden ein schönes Gelächter haben. Ich habe einmal meine Bahn angetreten und werde sie auch vollenden, und müßte ich Katzen fressen in München. Fischer ist schon über zwei Wochen hier. Wir müssen nächstens Holz kaufen, denn es ist abscheulich kalt; und was mich betrifft, so muß ich den ganzen Tag essen, so ausgehungert bin ich durch die Krankheit worden.

Grüße alle!

Dein Sohn
Gottfried Keller.

An die Mutter

München, den 9. September 1841.

Liebe Mutter!

Ich melde Dir hiermit den Empfang des Geldes sowohl, als Deines werten Briefes, und muß Dir gestehn, daß ich das Paket nur mit Angst eröffnete, weil ich wußte, daß nur durch liebevolle Aufopferung und Entbehrung von Deiner Seite die Sendung dieses Geldes möglich geworden war. Desto unerwarteter und befremdender mußten mich Deine Berichte von Herrn Vogel und Frau Schinz berühren, und wirklich sind solche Aussprüche von Leuten, die sonst mehr Kenntnis besitzen, hart zu verdauen. Daß Hr. Vogel ungern in die Sache einging, sie sogar ablehnte, mag daher kommen, daß Du zu ihm gegangen bist, ohne daß er etwas von mir gesehen hat. Er urteilte halt nur nach Steiger etc. und vermutet wahrscheinlich in mir einen der gewöhnlichen Koloristenlehrjungen, welche derselbe sonst zu halten pflegt. Daß er sich meiner nicht erinnerte, ist merkwürdig, indem er mich doch durch Kaspar Rordorf in seinem letzten Briefe grüßen ließ. Die Gründe und Ansichten des Herrn Vogel, das schwere Auskommen, die nötigen Talente usw. betreffend sind mir ebenso oft schon von Anfang an von allen Leuten vorgeleiert worden und werden jedem jungen Menschen gesagt, daß es eigentlich gar keine Künstler mehr gäbe, wenn jeder darauf horchen wollte. Es ist nur die Frage, welche auch Du mir stellst und welche ich deswegen jetzt frisch wieder reiflich überdenke, ob ich wirklich zum Maler geschaffen sei und die nötigen Talente habe oder nicht. Hier muß ich nun bemerken, daß mir von allen Leuten, Kennern und Nichtkennern, weder in Zürich noch hier gesagt worden ist, ich tauge nichts dazu. Frau Dekan Schinz selbst hat mich nur immer aufgemuntert und gelobt, wenn ich zu ihr kam; und worauf sie nun ihren jetzigen Ausspruch gründet, ist mir nicht recht klar. Wenn man in Zürich nun sagt, ich werde nichts, so kann ich wiederum die Stimme meiner jetzigen Umgebung, die eben nicht aus Mistfinken besteht, auch nicht verachten, und welche mich nur aufmuntert. Wenn ich nun meinen Eifer und die einzige Neigung zur Landschaftsmalerei dazu rechne, welche ich immer gehegt, und daß ich mir gar keinen Beruf denken kann, bei dem ich mich besser finden würde, so denke ich, die Frage ist nicht schwer zu entscheiden. Daß Herr Vogel sagt, er könnte mit seinem Verdienst seine Familie nicht ernähren, benimmt mir eben das Zutrauen an seine anderen Aussagen; denn, wenn er wollte, so konnte er sechs Familien, wie seine, ernähren. Daß er sich nicht nach anderen Leuten zu richten braucht und seine Gemälde selbst zu behalten vermag, ist kein Grund zu seinen Ansichten.

Dem sei nun, wie es will, ich werd in den nächsten Wochen zwei entworfene und leicht gemalte Landschaften heimschicken und dem Ausspruche unterwerfen; Herrn Vogel werde ich natürlich seinem Wunsche gemäß nicht schreiben; wenn Du meinst, er werde einige Augenblicke zum Ansehen der Bilder verwenden, so kannst Du ihn ja dazu noch bitten. Hingegen werde ich einen Brief an Herrn Ulrich mitschicken und ihn bitten, die Sachen anzusehen.

Indessen würde ich mich, selbst in dem Falle, daß man mir Talent nicht abspräche, nicht besinnen, etwas anderes zu ergreifen, wenn sich Gelegenheit zu einer schicklichen Stelle finden würde. Daß ich kein eigentliches Handwerk mehr erlernen könnte, oder etwa in einer Handlung als Postbub einstehen würde, wirst Du selbst begreifen; und es möchte daher schwer sein, irgend einen ordentlichen Platz zu kriegen, wo ich nicht zu lang umsonst schaffen müßte. Hätte ich Vermögen oder Unterstützung, so würde ich vielleicht nicht ungern die Rechte studieren; aber so wird es am besten sein, ich bleibe bei meinem Leisten, und werde in diesem Entschluß durch das Beispiel von tausend andern bestärkt, die nur durch Not und Erfahrungen aller Art auf einen grünen Zweig gekommen sind. Diese Beispiele sind etwa nicht aus alten Zeiten und Geschichten, sondern sie bewähren sich noch täglich. Daß ich einstweilen nicht zu kolorieren vermag, habe ich folgende Gründe: erstens will ich es so lange vermeiden, solange noch irgend ein anderer Ausweg ist; denn es ist doch gewiß besser, wenn man sich durch ein momentanes Opfer in kürzerer Zeit eine gute Existenz verschaffen kann, als durch solche langweilige Hülfsmittel sich Jahre lang durchzuschleppen. Denn während ich koloriere, lerne ich nicht nur nichts, sondern vergesse noch das Gelernte. Zweitens gibt es hier nicht so hübsche Kolorierarbeit, wie in der Schweiz, sondern nur Sachen, die jede Jungfer machen kann, und werden meistens auch nur von Jungfern gemacht. Fischer hat nun genug zu kolorieren, aber er denkt nicht weiter. Er hat auch Spinner und Kündig hieher zitiert, welche auch zu tun haben werden. Allein ich mag nun einmal nicht, denn ich bin zu gewiß, daß ich in weniger Zeit der Entsagung mehr verdienen kann, als diese Schmierhänse. Ich kenne hier zu Dutzenden junge Künstler von drei-, vier- bis fünfundzwanzig Jahren, welche alle im Anfang die gleiche Geschichte und Not hatten, wie ich, und die nun sehr gut stehen. Wir wollen es also einstweilen getrost darauf ankommen lassen; denn, wenn mir etwas anderes bestimmt wäre, so wären gewiß meine Gedanken etwa schon darauf gefallen, und ich habe bis jetzt keine Ursache, an der Vorsehung zu zweifeln.

Der Frau Dekan Schinz wirst Du schon das Nötige für mich sagen zur Danksagung; es ist mir nicht sehr lieb, etwas von Leuten annehmen zu müssen, welche doch glauben, es sei schlecht angewendet. Was meinen neuen Rock betrifft, so war derselbe schon notwendig; denn der andere war nur ein ganz geringer grüner Rock und wurde nun fast ein Jahr lang alle Tage, Sonn- und Werktag, getragen. Jedoch ist er noch gut, nur konnte ich ihn nicht mehr brauchen am Sonntag oder bei sonstigen Anlässen, denn ich gehe mit ordentlichen und gut gekleideten Leuten und kann einmal nicht den Kniffer spielen ... Herr Vogel mag wohl sechs Jahre lang in einem abgeschabten Rock umhergegangen sein. Es war wahrscheinlich unter den damaligen Künstlern so Mode. Hier geht es einmal nicht; denn München ist noch ziemlich kleinstädtisch, wo man auf dergleichen Sachen so gut sieht, wie in Zürich ...

Einstweilen kann ich nur in wenigen Worten für Deine Güte danken; jedoch versteht sich's, daß Du, im Falle Du meinem Plane entsprechen wirst, die vier Louisdor sogleich an dem Gelde, so Du für mich borgst, abziehen wirst, damit Du in Deiner häuslichen Rechnung nicht zu kurz kömmst; denn meine Sache muß getrennt sein von Euren Angelegenheiten, damit ich später alles richtig wieder in Ordnung bringen kann. - Bis dahin muß ich Dich nur wieder bitten, die Sache nicht so schwer aufzunehmen: die Not ist gar nicht so groß, und wenn ich denken muß, daß Du meinetwegen immer in Sorgen seist, so verbittert und verleidet mir dies alle Arbeit. Tausend Grüße an alle.

Dein Sohn.

An die Mutter

München, den 10. Juni 1842.

Liebe Mutter!

Am 11. Mai habe ich mein Bild, welches ich für die Zürcher Ausstellung bestimmt habe, der Fuhre übergeben; der Fuhrmann sagte mir, daß es in zwölf oder dreizehn Tagen nach Zürich kommen werde; ich glaubte also, das Bild sei schon längst dort, und wunderte mich, daß ich noch keine Nachricht von niemandem darüber erhielt. Heute bekommen Hegi und ich einen Brief von einem Freunde, namens Tschudi, welcher in Zürich studiert und mir schreibt, daß er mein Bild vergebens auf der Ausstellung gesucht habe, und daß es gar nicht dort sei. Ich weiß also gar nicht, warum es nicht angekommen oder auf der Reise stecken geblieben sei, oder was sonst damit passiert ist; ich bin daher sehr besorgt, indem nicht nur die Arbeit von zwei Monaten, sondern auch ein Rahmen, der mich 22 Gulden kostet, damit verloren ginge, wenn es zum Teufel wäre. Auf jeden Fall ist es mein Nachteil; denn wenn es auch endlich noch ankommt, so wird es zu spät zum Verkaufe sein; es würde mit den andern Sachen nach Bern kommen, wo mich niemand kennt und wahrscheinlich niemand empfehlen könnte. Sei so gut und schreibe mir doch sogleich, ob es noch nicht da ist, wenn mein Brief ankommt, und frage bei der Künstlergesellschaft nach, denn es ist auch in dieser Hinsicht ärgerlich, weil die Herren meinen könnten, ich wolle sie zum besten haben, wenn ich schreibe, daß ich etwas schicken wolle, sie es in den Katalog setzen, und dann nichts kommt. Meine Schuld ist es nicht ...

Ich grüße Euch alle tausendmal.

Dein treuer Sohn
G. Keller.

An die Mutter

Frauenfeld,
den 21. November 1842.

Liebe Mutter!

Endlich bin ich bis Frauenfeld gelangt, wo ich mich schon einen Tag aufhalte. Die 30 Gulden hatte ich in München richtig erhalten mit dem gehörigsten Danke; da ich aber damals noch nicht ganz zur Reise bereit war, so verzögerte sich dieselbe noch um acht Tage, wo denn ein Teil des Geldes wieder darauf ging, besonders, da ich allerlei kleine Schulden zahlte. Hegi half mir noch mit zwei Louisdor aus, und ich schob endlich ab; ich machte aber einen schlechten Reiseplan, indem ich, um wohlfeiler zu fahren, eine Retourgelegenheit nahm, die mich bis Kempten führte; dort aber fand sich keine weitere Gelegenheit, ich mußte einen Tag liegen bleiben und endlich einen Kutscher teuer bezahlen, um nur fortzukommen. So kam es, daß ich, als ich nach Konstanz kam, wieder auf dem Hund war. Ich schrieb Müller in Frauenfeld; er holte mich sogleich samt meiner Bagage mit einer Chaise ab und hat mich nun bei sich einquartiert. Obgleich ich mich sehr nach Euch sehne, da ich einmal so nahe bin, so will er mich doch nicht fortlassen, und ich muß schon noch ein paar Tage bleiben.

Du wirst wahrscheinlich von meinen Hausleuten in München einen Brief empfangen haben wegen 47 Gulden, die ich ihnen noch schuldig bin. Du mußt Dich das nicht anfechten lassen, denn es geht nur mich an, und die Leute werden bezahlt, wenn es mir besser geht, bis dahin müssen sie warten, wie andere Sterbliche auch. Ich werde überhaupt mündlich mit Dir über diese Sache sprechen. Nur schreibe ich dies, damit Du Dich etwa durch solche Sturmbriefe nicht erschrecken lassest; besonders schicke durchaus etwa kein Geld hin!

Mein Bild habe ich den letzten Tag vor meiner Abreise noch erhalten, aber in welchem Zustande! Der Rahmen ganz ruiniert. Es war lumpenmäßig eingepackt; es nimmt mich nur Wunder, daß sich die hochmütigen und vornehmen Herrn Kunstgönner in der Schweiz nicht schämen, einen jungen Kerl und armen Teufel so um seine Sache zu bringen. Doch mag ich mich jetzt nicht länger bei diesen Lumpereien aufhalten. - Nur noch etwas.

Es hat mir in Lindau, als ich ins Dampfschiff ging und fand, daß ich nicht mehr genug Geld hatte, ein Handlungsreisender, der mich näher gar nicht kannte, Geld angeboten, soviel ich wollte; ich nahm aber nur 3 Gulden, soviel ich bis Konstanz brauchte. Er sagte, er werde etwa in acht Tagen auch über Zürich kommen, wo er mir's vom ›Storchen‹ aus, wo er immer logiert, sagen lassen wolle. Wenn ich also in dieser Zeit etwa noch nicht dort bin, so sei doch so gut und schreibe ihm ein Billett, daß ich noch nicht angekommen sei, und wenn's möglich ist, so schick ihm die 3 Gulden! Er heißt Herr Altendorf aus Solingen. Doch muß ich enden, denn die Chaise steht vor dem Hause; Müller will mit mir ausfahren in Geschäften. Er ist sehr gut eingerichtet und führt ein beschauliches Leben. Ich lasse einstweilen alle meine Bekannten, Spinner besonders, grüßen ...

Unterdessen grüßt Euch tausendmal Euer Sohn und Bruder, sowie auch alle im Hause.

G. Keller.

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