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Brasilien

Stefan Zweig: Brasilien - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorStefan Zweig
titleBrasilien
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume984
printrunErste Auflage
year1984
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correctorreuters@abc.de
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Das alte Rio

Um eine Stadt, um ein Kunstwerk, um einen Menschen wirklich zu verstehen, muß man ihre Vergangenheit, ihre Lebensgeschichte, ihre Entwicklung kennen. So geht mein erster Weg in jeder neuen Stadt zunächst zu den Fundamenten, auf denen sie sich erbaut hat, um ihr Heute aus dem Gestern zu begreifen. Nichts natürlicher, als daß ich in Rio zunächst den Morro do Castelo, den historischen Hügel suchte, wo sich vor vierhundert Jahren die Franzosen verschanzt hatten, und auf dem die siegreich stürmenden Portugiesen dann den eigentlichen Grundstein ihrer Stadt gelegt. Aber vergebens die Suche. Der historische Hügel ist abgeräumt. Kein Stein, keine Scholle Erde ist mehr davon zu finden. Das Terrain ist längst nivelliert, und breite Straßen erheben sich auf dem abgeflachten Boden. Merkwürdiges Phänomen. Das alte Rio ist verschwunden und das neue steht auf einem völlig anderen Grund als die Stadt des sechzehnten und des siebzehnten Jahrhunderts. Wo heute die asphaltierten Straßen laufen, war ursprünglich nur Sumpf gewesen, von kleinen Flußläufen durchzogen, ungesund und unbewohnbar, und die ersten Ansiedler hatten sich auf die Hügel hinaufgerettet. Erst allmählich konnte Terrain dem Sumpf und dem Meer abgewonnen werden, indem man das Land zwischen den Hügeln austrocknete, die Flußläufe zuschüttete oder kanalisierte und gleichzeitig durch Aufschüttung die Ufer immer weiter in die Bucht hineinschob. Dann wiederum fielen die Hügel, die den Verkehr hemmten. So hat sich in dreihundert Jahren die Stadt eigentlich völlig umgestülpt, und alles oder fast alles Historische ist dieser ungeduldigen Verwandlung zum Opfer gefallen.

Es ist kein großer Verlust, denn im sechzehnten, im siebzehnten und weit bis ins achtzehnte Jahrhundert war Bahia die Hauptstadt Brasiliens und Rio zu arm, zu gering für Kunstbauten und prunkvolle Paläste. Selbst als zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der portugiesische Hof hier seine Residenz aufschlug, fanden die unfreiwilligen Gäste keine würdige Unterkunft. So reicht alles Historische bestenfalls in die Kolonialzeit zurück, und ein Haus von hundertfünfzig Jahren genießt hier schon im Gegensatz zu Bahia die Reverenz der Ehrwürdigkeit. Von dieser kolonialen Zeit, ihrem Stil und ihren Lebensformen bekommt man am besten ein Bild in den wenigen in ihrer Echtheit noch unveränderten Gassen um die Alfândega in Rio. Sie sind noch typisch portugiesisch und wirken angenehm in ihrer anspruchslosen Bescheidenheit. Einstöckig und zweistöckig, einstmals wohl bunt getüncht, haben sie keine andere Zier als das schön gehämmerte eiserne Spitzenwerk der Balkone; zurückgesunken nach einstiger Vornehmheit dienen sie ausschließlich mehr den kleinen Geschäften. Zu ebener Erde stehen die Läden, die Armazéns mit ihren Warenlagern offen, man blickt frei auf die aufgestapelte Ware, und meist riecht man sie schon zuvor, denn diese engen Gassen um den Hafen, die letzten unveränderten aus der Kolonialzeit, schwelen von einem fettig warmen Dunst von Fischen, Obst und Gemüsen. Es bedürfte nicht der ausgezeichneten Schilderungen Luís Edmundos in seinem Buch über Rio zur Zeit der Vizekönige, um zu ahnen, wie schauerlich verpestet und stickig diese engen Durchlässe gewesen sein müssen in einer Zeit, da Menschen und Vieh gemeinsam die Gasse bevölkerten und die primitivsten Gesetze der Hygiene noch nicht beachtet wurden. Auch die wenigen öffentlichen Gebäude aus den Zeiten der Kolonie, die Palais und Kasernen, sind hastig und billig ohne Plan und Ambition gebaut und stellen bestenfalls wohlfeile Kopien der portugiesischen dar. Jedes sentimentale Klagen um das »alte Rio« ist also eigentlich nur Angelegenheit von ein paar alten Leuten, die unbewußt ihre eigene Jugend beklagen. In Wirklichkeit hat Rio mit allem, was es wegräumte, wenig oder nichts verdorben. Von der Kolonialzeit verdienen einzig ein paar Kirchen, vor allem die wunderbar gelegene der Glória und São Francisco sowie der Aquädukt mit seinen nobel geschwungenen Linien geschützt zu werden und allenfalls als Wahrzeichen die eine oder die andere dieser kleinen farbigen Gassen. Denn ein großes Denkmal seiner Vergangenheit ist als Wahrzeichen unvergänglich: die Kirche und das Kloster von São Bento.

Diese Kirche von São Bento hat sich vom Wandel der Jahrhunderte gerettet, indem sie sich tapfer und einsam vom ersten Tage an auf einem Hügel verschanzte; so blieb dieses Bauwerk, 1589 begonnen, das einzige imposante Denkmal des sechzehnten Jahrhunderts, und vergessen wir nicht: ein Kunstwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert ist für die neue Welt so alt wie für uns der Parthenon und die Pyramiden. Allein auf seiner Höhe, den Blick noch nicht verstellt von den Hochhäusern zu seiner Tiefe, frei nach allen Seiten schauend, bedeutet es ein wundervolles Stück Schönheit und Stille in dieser unruhig vordrängenden, mit Farbe und Lärm dröhnenden Stadt. Hier allein ist die Zeit in Rio stillgestanden, hier allein hat sein ungeduldiger Erneuerungswille nichts zu ändern vermocht. Noch ist die alte holprige Straße, die den Berg hinaufführt, dieselbe, die vor dreihundert Jahren die Pilger emporwanderten, und von derselben Terrasse, von der man früher die Galeonen Portugals und die schmalen Segelschiffe landen sah, blickt man jetzt auf die großen Ozeanriesen, die langsam und majestätisch ihre Bahn ziehen.

Von außen wirkt São Bento mit seinem angrenzenden Kloster zunächst weder sonderlich imposant noch eigenartig. Es ist ein solider breiter Bau mit schweren runden Türmen, das Kloster in seiner viereckigen Form eher einer Festung ähnlich, und tatsächlich hat es in Kriegszeiten als solche gedient. Ohne große Erwartung tritt man durch die schweren, kunstvoll geschnitzten Holztüren. Aber kaum man den Innenraum betritt, ist man geblendet. Eben stand man noch im scharfen südlichen Sonnenlicht von Rio, jetzt ist es nur ein honigfarbener Schimmer, der einen umhüllt, ein sonderbar weiches, gedämpftes Licht wie das eines nebligen Sonnenuntergangs. Man unterscheidet keine Formen, keine Konturen, Raum und Form zerfließen in diesem leuchtenden Nebel. Dann nimmt man erst wahr, daß dieser Schimmer von Gold ausgeht, das all die Wände einheitlich umleuchtet. Aber es ist nicht der laute, dröhnende, gellende Farbton von vergoldetem Metall, sondern ein ganz dünner, ein – möchte man sagen – leiser Glanz, der wie eine Lasur die Pfeiler und das Getäfel umspielt. Jede Linie, jede Fläche fließt dadurch zart und weich ineinander über und ergibt, gemengt mit dem Tageslicht, das von den Dachfenstern einströmt, diesen schwebenden Glanz, der wie ein feiner Rauch das weite und geräumige Kirchenschiff durchzieht.

Allmählich gewöhnt sich das Auge und vermag Einzelheiten zu erfassen. Und nun erkennt man, was in unseren Kirchen aus Stein und Metall und Marmor geformt ist, die geschnitzten Balustraden, die Täfelung, die Verzierungen, ist hier aus dem heimischen Holz, nur daß dies Holz mit einer ganz dünnen Schicht von Gold – man weiß nicht zu sagen: übermalt oder überzogen ist, einer so dünnen und so kunstvoll aufgetragenen Schicht, daß sie zart und unauffällig jede Schwingung und Biegung wiedergibt und das Krause des Barocks auf wunderbare Weise entlastet. Ohne an Originalität oder an Pracht den großen Kathedralen Europas vergleichbar zu sein, ist mit São Bento seinen Künstlern doch etwas Einmaliges gelungen: eine glückliche und neuartige Bewältigung der Materie, eine vollkommene Harmonie in dieser goldenen Dämmerung, die man nicht mehr vergißt. Und dieses wohltuend Maßvolle waltet dann auch im Kloster vor, in seinen weiten, steingepflasterten Gängen, den schweren schwarzen Holztüren, der schön proportionierten Bibliothek, dem abgeschiedenen Klosterhof, und man geht durch diese kühlen, von dicken Wänden gegen Lärm und Laut geschützten Gänge wie durch eine andere Zeit. Man hat vergessen, daß man in einer südlichen Welt ist jenseits des Äquators und unter anderen Sternen. Man könnte glauben in einem schweizer oder deutschen Benediktinerkloster, diesen uralten Refugien der Bücherfreunde, vor sich hin zu träumen. Da plötzlich an einem Fenster erinnert einen der Blick auf herrlichste Weise, wo man sich befindet: mit seinen Wolkenkratzern und Palais, mit seinen überfüllten Straßen dehnt sich in weitem Umkreis das Häusergewirr einer modernen Metropole unter der grünen Wacht seiner Berge. In der Tiefe dehnt sich die Bucht mit ihren Schiffen und Inseln und funkelt das tropische Meer; wie überall erlebt man in Rio an allen Stellen und auch den abgesondertsten und einsamsten diese unvergleichliche Zwiefalt von Stadt und Landschaft, von Zeitlichem und Zeitlosigkeit.

Dieses eine Kloster und noch das zweite auf dem andern Hügel von Santo Antônio hat sich Rio gerettet von seiner Vergangenheit. Es ist sein Adelsbrief, bezeugend das Alter und die Vornehmheit seiner Kultur. Mag alles Kleinliche und Ärmliche der Kolonialzeit auch weiter verfallen und verschwinden, mag die Stadt in ihrer Ungeduld sich von Jahr zu Jahr verändern, dieser goldene Schimmer durchleuchtet die Zeit.

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