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Brasilien

Stefan Zweig: Brasilien - Kapitel 11
Quellenangabe
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typereport
authorStefan Zweig
titleBrasilien
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume984
printrunErste Auflage
year1984
firstpub1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kunst der Kontraste

Um spannend zu wirken, muß eine Stadt starke gegensätzliche Spannungen in sich haben. Eine bloß moderne Stadt wirkt monoton, eine rückständige wird auf die Dauer unbequem. Eine proletarische bedrückt, und von einem Luxusplatz wieder strömt nach kurzer Zeit eine mißmutige Langeweile aus. Je mehr Schichten eine Stadt besitzt, und in je farbigerer Skala ihre Gegensätze sich abstufen, desto anziehender wird sie wirken: so Rio de Janeiro. Hier spannen sich die Enden weitestens auseinander und gehen doch mit einer besonderen Harmonie ineinander über. Der Reichtum wirkt hier nicht provokant; die feudalen Häuser, die mit einem erstaunlichen Geschmack eingerichtet sind, zeigen an sich keine auffälligen Fassaden. Sie liegen verstreut irgendwo im Grünen mit schönen Gärten und Teichen und einem gewählten, meist altbrasilianischen Mobiliar; dadurch, daß sie nicht städtisch-prunkvoll sind, sondern ganz der Natur verbunden, wirken sie als etwas organisch Gewachsenes und nicht hochmütig vor das Auge Gestelltes; man muß sie eigentlich suchen, um sie zu finden, aber wenn man die Freude hat, in einem dieser Häuser zu Gaste zu sein, wird man des Bewunderns nicht müde; denn von jedem Innenraum geht hier durch die offenen Türen der Blick in die Landschaft hinaus. In dem Garten spiegeln künstliche Teiche chinesische Pavillons, offene Veranden mit kühlen Fliesen und alten portugiesischen Azulejos geben gleichzeitig Gelegenheit, den weichen Atem der Blumen und Bäume zu fühlen, und schützen doch vor dem heftigen Andrang des Lichts. Nichts ist hier überladen und provokant, denn der Reichtum liegt hier meist in den Händen der alten Familien, die in Kultur und Tradition erzogen sind; was sie sammeln, sind meist die alten kolonialen Kunstwerke, die Bilder und Bücher ihrer eigenen Heimat. So fehlt der sonst oft mißliche Eindruck des Zusammengeräumten und wahllos Zusammengehäuften. Gerade in diesen feudalen Häusern versteht man erst die alte Herkunft der brasilianischen Kultur. Aber nur zwei Schritte von der wohlgekiesten Ausfahrt, und man kann in einem Negerdorf sein oder in einem Armenviertel und – vom gleichen dunklen Grün umhegt, vom gleichen strahlenden Licht gebadet – stört nicht eines das andere; in gewissem Sinne ist hier durch die bindende Kraft der Natur der Gegensatz zwar nicht aufgehoben aber doch gelöster gemacht, und dieses ständige weiche Ineinanderspielen der Kontraste will mir als das Charakteristische an Rio de Janeiro erscheinen. Das Hochhaus und die Hütte, die schimmernden Boulevards und die schmalen niederen Straßen, der flache Strand und die trotzig ihre Häupter aufreckenden Gebirge, alles scheint sich eher zu ergänzen als zu befeinden. So hat das Leben hier freieres Spiel für alle Formen; man kann in einer luftgekühlten Konditorei, die in den Preisen an New York erinnert, sein Eis nehmen, und um die Ecke, oft noch im selben Haus um einen halben Cent, man kann im selben weißen Leinenanzug im Luxusauto fahren oder in der Trambahn mit den Arbeitern; nichts befeindet sich, und man findet da und dort, bei dem Stiefelputzer und dem Aristokraten die gleiche Courtoisie, die hier alle Schichten einverständlich verbindet. Was sonst sich feindselig oder mißtrauisch abtrennt, spielt hier alles frei durcheinander. Wie viele Rassen allein schon auf der Straße, der schwarze Senegalneger im zerrissenen Rock und der Europäer in seinem schnittigen Anzug, die Indios mit ihrem schweren Blick und schwarzglatten Haar und dazwischen in hundert und tausend Schattierungen die Mischungen aller Völker und Nationen; aber all dies nicht wie in New York und anderen Städten in Viertel abgeteilt, hie schwarz, hie weiß, hie gemischt, hie Italiener, dort Brasilianer, dort Japaner. Sondern all dies wogt heiter durcheinander, und die Straße wird durch die Fülle der Physiognomien zu einem ständig wechselnden Bild. Welche Kunst hier, die Spannungen zu lösen, ohne sie darum zu zerstören! Die Vielfalt zu bewahren, ohne sie ordnen zu wollen und gewaltsam zu organisieren! Möge sie dieser Stadt bewahrt bleiben! Möge sich nicht dem geometrischen Wahn der schnurgeraden Avenuen, der klaren Überschneidungen, diesem gräßlichen Schachbrettideal der modernen Geschwindigkeitstädte verfallen, die dem Ebenmaß der Linie, der Monotonisierung der Formen gerade das aufopfern, was immer das Unvergleichliche jeder Stadt ist: ihre Überraschungen, ihre Eigenwilligkeiten und Winkligkeiten und vor allem ihre Kontraste – die Kontraste von alt und neu, von Stadt und Natur, von reich und arm, von Arbeit und Schlenderei, die man hier in ihrer einzigartigen harmonischen Gelöstheit genießt.

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