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Brasilien

Stefan Zweig: Brasilien - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorStefan Zweig
titleBrasilien
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume984
printrunErste Auflage
year1984
firstpub1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die kleinen Straßen

Diese großen Boulevards sind das Neue, das Grandiose an Rio; weniges der Welt kann ihnen an Großartigkeit der Anlage und an landschaftlicher Schönheit verglichen werden. Aber sie sind Fahrstraßen, Paradestraßen, moderne, internationale Straßen, und ich liebe noch mehr als ihre blendende Pracht die kleinen Straßen, die namenlosen, die ungeachteten, die einen wandern lassen, ohne daß man weiß wohin, die einen ununterbrochen mit kleinem, natürlichem, südlichem Charme entzücken und um so romantischer wirken, je ärmer, je urtümlicher, je anspruchsloser sie sind. Auch die ärmsten – und gerade diese – sind voll von Farbe und Leben und wechselndem Bild. Man kann sich nicht satt sehen an ihnen. Nichts in ihnen ist hergerichtet, appretiert für den Fremden, nichts fotografierbar, und ihr Zauber ist nicht die Architektur, die Struktur, sondern gerade das Gegenteil, das lebendige Durcheinander, das Zufällige, das jede einzelne Gasse attraktiv macht und jede in einem anderen Sinne. Spazierengehen, eine alte Lust von mir, ist für mich in Rio geradezu zum Laster geworden; wie oft bin ich für eine Viertelstunde in Rio ausgegangen und, von einer Gasse zur andern verführt, nach vier Stunden zurückgekommen, ohne mich des Wegs zu erinnern oder eines einzigen Namens in dieser Stadt der ewigen Entdeckungen und Entzückungen. Und doch, nie hatte ich das Gefühl, ich hätte Zeit verloren oder vertan.

In den kleinen, engen Straßen von Rio herumzustreichen heißt zurückwandern in der Zeit. Man ist in einer kolonialen Welt, wo alles noch nahe, noch handlich, noch offen war, wo noch nicht die Autos sausten und die Verkehrslichter blitzten, wo man noch gemächlich ging, nicht viel mehr suchend als den Schatten, der das Schlendern angenehmer machte. Selbst die vornehmsten Gassen waren schmal; man sieht es noch heute an der Rua do Ouvidor, der alten Straße der noblen Geschäfte. Kein Wagen darf sie durchfahren – wie die Florida in Buenos Aires – und er käme auch gar nicht vorwärts, denn tagsüber drängt dort ein bunter Schwarm; jeder richtige Carioca kommt ein paarmal des Tags durch, es ist die große Promenade, der Treffpunkt, Kopf an Kopf, so dicht und belebt, daß man kaum einen Zoll des Pflasters sieht, wandert, plaudert, eilt hier ein unaufhörliches Getriebe, das durch die Abwesenheit des sonst infernalischen Autolärms diesen Korso zu einem unerschöpflichen Vergnügen macht. Aber dann links oder rechts weiter durch Gassen und Gäßchen; es hat keinen Sinn, nach dem Namen zu fragen, man kann sich ihn ja doch nicht merken. Lang und schmal kreuzen und überschneiden sie sich ständig, und zwischendurch führt dann eine breite mit rasselnden Trambahnen – jede überfüllt – oder hupenden Automobilen; keine ist architektonisch hervorragend, meist sind es nur einstöckige Häuser ohne Schmuck, in denen unten der Laden offensteht. Aber dieses Offenstehen der Läden, die nicht durch Tür oder Glas den Blick auf das Innere verwehren, macht jedes dieser Geschäfte zu einem Genrebild. Da sitzt in einem Winkel mit drei Gesellen der Schuster und nagelt die Schuhe, da ist ein Gemüseladen, ein Kranz von Bananen wölbt sich als Stillleben um die ganze Tür, Zwiebeln schaukeln sich in langen Kränzen, Melonen zeigen farbig ihre aufgeschnittenen Flächen, Tomaten häufen sich zu roten Bergen. Nebenan eine Apotheke, eine Drogerie, hundert Flaschen blitzen, ein Weinkeller tut sich auf, ein schwarzer Raseur schäumt seine Kunden ein, ein Korbflechter flickt Sessel. Dort arbeitet der Schreiner, hier schlachtet der Metzger, im Hofe waschen und wringen die Frauen, hier lockt, mit tausend Losen beklebt, ein Laden zur Lotterie, der Notar schreibt in seinem offenen Kontor halb auf der Straße – alles kann man hier in Arbeit sehen, und wo man ein Volk bei der Arbeit sieht, blickt man in sein wirkliches Leben hinein. Man sieht, wie die Menschen wohnen, das schlichte Eisenbett hinter der Werkstatt, nur durch einen Vorhang getrennt, man sieht, wie sie essen, wie sie jede Stunde verbringen. Nichts ist verborgen, verdeckt und nichts maschinisiert, standardisiert. Und wieviel gibt es hier zu sehen, wie vielerlei, denn in Brasilien wirkt noch das alte Handwerk, das in Europa und Amerika allmählich ausstirbt, unerschütterlich weiter. Auf einem Spaziergang kann man alle Metiers durch Zuschauen lernen – alles ist hier so herrlich geheimnislos und alles zugleich wunderbar farbig; da der Neger, dort der Weiße, dort der Mestize und alle in ihren hellen Leinenkleidern und die Frauen in bunten Farben und all dies noch zehnfach funkelnd in diesem einzigen strahlenden Sonnenglast. Und dann die Cafés – wie viele Cafés? Wer kann sie zählen, an jeder Ecke ist eines, und es ist ein ewiges Aus und Ein bis spät in die Nacht. Dann funkeln und leuchten, gegen die große Dunkelheit der Häuser gestellt, diese schattigen Gelasse wie schimmernde Höhlen, belebt bis tief in die Nacht; denn in dieser vitalsten Stadt geht das Leben immer weiter, die Straßenbahnen fahren ununterbrochen, und um fünf Uhr morgens sieht man schon die ersten Badenden am Strand. Wieviel Leben in diesen tausend Gassen und wieviel kommendes, werdendes Leben – überall Kinder, Kinder in allen Farben und Mischungen, und all dieser Tumult von Farbe und Bewegung – dies das typisch Brasilianische – gleichzeitig gedämpft durch eine stille Freundlichkeit, ein gutes Miteinandersein; wo immer man wandert und bis in die verlassensten und ärmsten Bezirke, überall begegnet man der gleichen Courtoisie. Auch wo die Häuser schon zu Hütten werden und die Gassen sich zwischen Felsen und Grün verlieren, hat man das Gefühl, daß diese Menschen dank einer eingeborenen Genügsamkeit auch mit diesem Wenigsten zufrieden sind.

Und zwischendurch immer Entdeckungen. Da plötzlich ein Platz aus der Kolonialzeit mit vornehmen Palais und großen verschlossenen Parks, da wieder ein Markt, der in seiner Üppigkeit an holländische Bilder und in seiner Farbengrelle an van Gogh und Cézanne erinnert, da plötzlich, ganz unvermutet, ein Stück Hafen mit schlafenden Fischerbarken und einem scharfen Geruch von Algen und Tang, da ein Park, den man nicht kennt, da im Schatten eines Hochhauses ein paar verfallene Hütten oder plötzlich eine alte Kirche. Man wandert in Gassen, und sie enden unvermutet, und man muß über Felsen weiterklettern. Man will zu einem vorstädtischen Fest und ist statt dessen – zwei Straßen früher – in einem Luxusrevier. Man will zum Bahnhof und ist statt dessen im kaiserlichen Park. Nichts paßt zusammen und doch alles ineinander; immer wieder ist man überrascht, und nie hat man genug. Schlendern, wandern und entdecken, diese Lust, die von allen Städten Europas Paris als letzte uns bot, hier habe ich sie in der verlockendsten Form wiedergefunden.

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