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Henrik Ibsen: Brand - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleVolksausgabe in fünf Bänden, Band 2
authorHenrik Ibsen
translatorChristian Morgenstern
year1907
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleBrand
pages245-419
senderahipler@mainz-online.de
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Erster Akt

(Oben auf den Schneefeldern des Hochgebirgs. Der Nebel liegt dicht und schwer; es herrscht Regenwetter und Halbdunkel.)

(Brand, schwarz gekleidet, mit Stock und Ranzen, arbeitet sich in westlicher Richtung vorwärts. Ein Bauer und dessen halbwüchsiger Sohn, die ihn begleiten, folgen ein Stück dahinter.)

Der Bauer (nach Brand rufend.)
He, fremder Mann, so wart' mir doch!
Wo bist Du?

Brand.             Hier!

Der Bauer.             Verlaufst Dich noch!
Das nebelt heut, kann einer knapp
Den Stecken im Gesicht behalten –

Der Sohn.
Halt! Hier sind Sprünge!

Der Bauer.                       Hier sind Spalten!

Brand.
Und jede Wegspur kam uns ab.

Der Bauer (schreit.)
Steh still! Gotts Donner, Mann! Hier bricht
Der Firn wie Borke! Rühr' Dich nicht!

Brand (lauschend.)
Ich hör' das Tosen eines Falls.

Der Bauer.
Da hat ein Bach sich durchgefressen;
Hier geht's hinunter, nicht zu messen; –
Das kostet Dir und uns den Hals!

Brand.
Ich muß hinüber, hörst Du, – muß!

Der Bauer.
Ein unausführbarer Entschluß!
Kehr' um! Der Grund ist spröd' und hohl; –
's gilt Tod und Leben, merk' Dir's wohl!

Brand.
Mein Herr macht Deine Furcht zu Spott.

Der Bauer.
Wie heißt Dein Herr?

Brand.                           Mein Herr heißt Gott.

Der Bauer.
Und Du, – was bist Du?

Brand.                               Pfarrer.

Der Bauer.                                   Gut,
Sei, was Du sagst; doch das ist wahr,
Daß, wärst Du Propst und Bischof gar,
Du büßtest dennoch Deinen Mut,
Eh's Tag wird, gingst Du weiter noch
Des Ferners untergrabnes Joch.
(Nähert sich vorsichtig und überredend.)
Hör, Pfarr; so klug auch einer wär',
Das, was zu schwer ist, ist zu schwer.
Kehr' um; verstock', versteif' Dich nicht!
Du hast doch nur ein Lebenslicht; –
Und geht das aus, was bleibt Dein Teil?
Zum nächsten Hof ist noch 'ne Meil'; –
Dazu ein Nebel, daß ein Beil
Drin stecken bleibt, – so dick und dicht.

Brand.
Ist er so dicht, verlangt dafür
Kein Irrlicht seine Weggebühr.

Der Bauer.
Doch sind hier Eisseen rings herum,
Die machen einen balde stumm.

Brand.
Da gehn wir drüber.

Der Bauer.                 Gehn? Das hieß'
Dem Eis Unmöglich's zuzumuten!

Brand.
Und doch war einer, der bewies:
Wer glaubt, geht trocken auch auf Fluten.

Der Bauer.
Ja, eh'dem; doch mach's heute wahr,
Du gehst zugrund' mit Haut und Haar. –

Brand.
Leb' wohl!
Will gehen.

Der Bauer.   Du wagst das Leben dran!

Brand.
Bestimmt mir's Gott zu meiner Zucht, –
Willkommen Sturzbach, See und Schlucht!

Der Bauer (leise.)
Er ist ja toll und voll, der Mann!

Der Sohn (weinerlich.)
So komm doch, Vater! Zeichen sind
Auf noch mehr Regen, noch mehr Wind!

Brand (bleibt stehen und nähert sich wieder.)
Verstand ich recht, so hattest Du
Hier eine Tochter in der Nähe; –
Die schickte – nicht? – Dir Nachricht zu,
Sie fänd' im Grabe keine Ruh',
Wenn sie Dich nicht noch einmal sähe?

Der Bauer.
So wahr als Gott mir helfen mag!

Brand.
Und heute war der letzte Tag?

Der Bauer.
Ja.

Brand.
    Keiner mehr?

Der Bauer.           Nein.

Brand.                           Komm denn mit!

Der Bauer.
Umsonst. Unmöglich. Keinen Schritt.

Brand (blickt ihm fest ins Auge.)
Sag', wollt'st Du hundert Taler leiden,
Dafern sie selig stürbe, – wie?

Der Bauer.
Ja, Pfarr!

Brand.         Zweihundert?

Der Bauer.                       Mehr als die!
Ich wollt' von Haus und Hof mich scheiden,
Wär's meiner Tochter zum Gewinn!

Brand.
Doch gäbst Du auch Dein Leben hin?

Der Bauer.
Mein Leben? Liebster, Bester –!

Brand.                                           Nicht?

Der Bauer (kraut sich hinterm Ohr.)
Das ging' wohl über meine Pflicht –!
In Jesu Namen, denk, mir sind
Doch noch zu Hause Weib und Kind.

Brand.
Er ließ die Mutter selbst allein.

Der Bauer.
Ja, dazumal, das mocht' wohl sein; –
Da war manch Wunderwerk im Schwange;
Doch solcherlei vergaß sich lange.

Brand.
Dein Weg ist Tod! Was hältst Du mich?
Du kennst nicht Gott, Gott kennt nicht Dich.

Der Bauer.
Hu, Du bist hart!

Der Sohn (zerrt an ihm.)
                        Komm, laß ihn stehn!

Der Bauer.
Nein, nein, der Mann muß mit uns gehn.

Brand.
Ich muß?

Der Bauer. Jawohl; denn bleibst Du mir
In diesem Herrgottswetter hier,
Und wird man's dann im Dorf erfahren,
Daß wir mit Dir hier oben waren,
So holt mich eines Tags die Wache, –
Und liegst Du hier im Eise tot,
Komm' ich ins Loch zu Wasser und Brot –

Brand.
So leidest Du für Gottes Sache.

Der Bauer.
Mich schiert jetzt weder sein' noch Deine,
Mich drückt schon ganz genug die meine, –
Drum komm!

Brand.             Leb' wohl!

(Von fern vernimmt man dumpfes Getöse.)

Der Sohn (schreiend.)     Hört die Lawin'!

Brand (zu dem Bauern, der ihn am Kragen gepackt hat.)
Laß –!

Der Bauer.
          Nein!

Brand.             Laß los!

Der Sohn.                     Wir müssen fliehn!

Der Bauer (ringt mit Brand.)
Da hol mich doch –!

Brand (reißt sich los und wirft ihn in den Schnee.)
                              Der holt Dich schon!
Du wirst gewiß nicht eher ruhn!
(Geht ab.)

Der Bauer (setzt sich auf und reibt sich den Arm.)
Au, au; daß ihm's der Teufel lohn'!
Das heißt er Gottes Werke tun.
(Ruft, während er aufsteht:)
He, Pfarr!

Der Sohn.     Er ist den Kamm gegangen.

Der Bauer.
Ja, ja, ich mein', ich seh' ihn noch.
(Ruft wieder.)
Wenn Du's noch weißt, so sag' mir doch,
Wo unser Irrgehn angefangen?

Brand (aus dem Nebel.)
Du brauchst von keinem Wegkreuz Rat, –
Du bist schon auf dem breiten Pfad.

Der Bauer.
Wollt's Gott, daß er's getroffen hätt',
So läg' ich abends warm im Bett.
(Er und sein Sohn gehen in östlicher Richtung zurück.)

Brand (wird ein Stück weiter oben wieder sichtbar und lauscht nach der Richtung hin, wo der Bauer verschwunden ist.)
Sie trotten heim. – Du schlaffer Wicht,
Schwieg nur in Dir der Wille nicht,
Schwieg nur die Kraft, die ungestählte,
Ich hätt' gemildert, was Dich quälte,
Ich hätt' Dich heiter, ohne Klagen,
Fußwund, todmüd' zum Ziel getragen.
Doch Hilfe frommt nicht einem Mann,
Der auch nicht will, was er nicht kann.
(Tritt weiter vor.)
Das Leben; hm; wenn man ermißt,
Wie lieb's den guten Leutchen ist!
Wie jeder Tropf es herzt und hegt,
Als wär' der Welt Glück und Bestehn,
Der ganzen Menschheit Wohlergehn
Just ihm aufs lahme Kreuz gelegt.
Mein Gott, sie woll'n ja alles geben –
Nur nie das Leben, nie das Leben.
(Lächelt wie von einer Erinnerung ergriffen.)
An Zweies dacht' ich oft als Knab',
Das schuf mir böses Zwerchfellgrimmen –
Und Schwielen, die noch böser, gab
Die alte Schulmuhm' sich im Schlimmen.
An einen Fisch, der's Wasser scheute,
Und eine Eul', die's Dunkel floh.
Los brach ich, tollen Lachens Beute,
Ich mocht' es drehn so oder so.
Und des der Grund? Weil ich halbklar
Schon damals jenen Riß empfand
Zwischen dem Ding, so wie es war –
Und so wie Gott es sehen wollte,
Dazwischen, daß es tragen sollte –
Und doch sein Pack untragbar fand.

Fast jeder hier, siech oder frisch,
Ist solch 'ne Eule, solch ein Fisch.
Gemacht, in Tiefen hinzusterben,
Bestimmt, des Lebens Nacht zu leben,
Ist er gerade davor bang.
Er zappelt feig den Strand entlang,
Ihm graut vor seiner Sternenzelle,
Er schreit nach Luft und Tageshelle!
(Hält einen Augenblick inne, stutzt und lauscht.)
Was ist das? Stimmenklang vom Tal?
Wie sich Gesang und Lachen streiten!
Horch, – nun ein Hurra, – nun zum zweiten –
Zum dritten – vierten – fünften Mal!
Die Sonne flammt, den Dunst zu brechen;
Schon klären sich die weiten Flächen ...
Ei sieh, die frohen Leutchen dort
Auf frühlichtüberstrahlten Matten!
Nach Westen fallen lang die Schatten;
Man wechselt Handschlag, Kuß und Wort.
Nun scheiden sie. Die einen wenden
Zu Tal, doch zwei nach hier den Fuß.
Da winken sie, als letzten Gruß,
Ade mit Schleier, Hut und Händen.
(Die Sonne bricht mehr und mehr durch den Nebel. Brand steht unbeweglich und sieht auf die Kommenden nieder.)
Das glänzt und glitzert um mein Pärchen!
Der Nebel flieht, wohin es tritt,
Und Heide bettet seinen Schritt,
Und Sonne lacht dem holden Märchen!
Ob's wohl Geschwister sind? Da streicht
Es Hand in Hand durch weiche Heide.
Sie rührt sie kaum mit flinkem Kleide,
Und er ist schlank und federleicht.
Da springt sie weg! Wohl fehlt nicht viel,
Daß er den Flüchtling wieder fange – –
Doch sieh! Da wird der Lauf zum Spiel –!
Und horch! – ihr Lachen zum Gesange!

(Ejnar und Agnes in leichter Reisekleidung, beide warm und glühend, kommen in ihrem Spiel über das Hochplateau nach vorn. Der Nebel ist fort; ein klarer Sommermorgen liegt über dem Gebirge.)

Ejnar.
Agnes, mein reizender Schmetterling,
Bald fang' ich spielend Dich wieder!
Ein Fanggarn knüpf' ich mit Maschen dicht,
Und die Maschen, das sind meine Lieder!

Agnes (tanzt rückwärtsgehend vor ihm her und entschlüpft ihm beständig.)
Bin ich ein Schmetterling, zierlich und bunt,
So laß mich vom Heidekraut naschen;
Und bist Du ein Bursch, dem ein Spiel gefällt,
So darfst mich nur jagen, nicht haschen!

Ejnar.
Agnes, mein reizender Schmetterling,
Nun sieh, wie die Maschen sich schlangen!
Nun hilft Dir wohl nimmer Dein Flattern und Fliehn, –
Bald sitzt Du im Netze gefangen!

Agnes.
Bin ich ein Schmetterling, jung und fein,
Mag lustig der Wind mich entführen;
Doch fängst Du mich ein in Dein Netzgespinst,
So darfst mir die Flügel nicht rühren!

Ejnar.
Nein, nein, ich nehm' Dich so zart auf die Hand
Und schließe Dich ein in mein Herze;
Da magst Du treiben Dein Lebelang
Die fröhlichsten Spiele und Scherze.
(Unvermerkt haben sie sich einem schroffen Abhang genähert; sie stehen nun hart am Rande.)

Brand.
Halt! Halt! Dort ist ein Abgrund!

Ejnar.                                             He!
Wer da!

Agnes (zeigt nach oben.)
            Sieh, dort!

Brand.                     Bergt Euch beizeiten!
Ein Schritt noch, – und der lockre Schnee
Wird jäh mit Euch zur Tiefe gleiten!

Ejnar (schlingt den Arm um sie und lacht hinauf.)
Uns hat das Glück sein Wort verpfändet –!

Agnes.
Ein Leben uns zum Spiel beschert!

Ejnar.
Uns einen Sonnenschein gewährt,
Der erst in hundert Jahren endet.

Brand.
Erst dann gedenkt Ihr –?

Agnes (den Schleier schwingend.)
                                    Nicht dies Wort! –
Dann spielen wir im Blauen fort.

Ejnar.
Erst hundert Jahr' im Weltgewimmel,
In Wonnen ohne Maß und Ziel, –
Ein hundertjährig Liebesspiel –

Brand.
Und dann?

Ejnar.             Dann wieder heim – zum Himmel.

Brand.
So kommt Ihr wohl von dort gereist?

Ejnar.
Natürlich; woher sonst?

Agnes.                               Das heißt,
Zu allerletzt, da kamen wir
Vom Tal dort –:

Brand.                 Ja, ich sah Euch beide
Vor kurzem schon; da standet Ihr
Noch drunten an der Wasserscheide.

Ejnar.
Ja, dort verließen wir die Stund'
Ein frohes Häuflein uns Getreuer
Und siegelten mit Hand und Mund
Erinnerungen, allen teuer.
Ach, kommen Sie zu uns hernieder
Und hören Sie den holden Text,
Den Urtext aller unsrer Lieder! –
Was stehn Sie wie zu Stein verhext!
Der reine Gletschermann! So gehn Sie
Doch auf! So, recht! Ich also, sehn Sie,
Bin erstlich Maler. Schon welch Glück,
So Welt und Leben Stück um Stück
Zu bannen, – gleich dem Allgestalter
Aus Larven zaubernd bunte Falter!
Doch 's Schönste, was mir Gott vertraut,
Ist Agnes, meine holde Braut!
Ich kam von langen Südlandreisen,
Allein mein Malzeug als Gepäck –

Agnes (eifrig.)
So königsfroh, so siegeskeck –
Und wußte wohl die tausend Weisen!

Ejnar.
Just als ich hier durchs Dorftal strich,
War sie hier zu Besuch, um sich
Zu trinken rot an Bergesluft
Und Sonn' und Tau und Tannenduft.
Mich trieb's wie Schickung nach hier oben;
Das sang in mir, wie ein Geloben,
Im Bach, im Wald, im Wolkenwehn
Der Schönheit Urquell nachzugehn.
Da malt' ich denn mein Meisterstücke:
Ein rosig Licht auf ihre Wang',
Ein Augenpaar, entflammt von Glücke,
Ein Lächeln, das ins Herze sang –

Agnes.
Doch was Du maltest, sahst Du kaum,
Trankst blinden Zugs des Lebens Schaum, –
Bis eines Tags ein Morgen kam,
Wo er sein Malzeug wieder nahm –

Ejnar.
Da fiel mir ein – du liebe Zeit!
Ich hatte ja noch nicht gefreit!
Juchhei! So ward gefreit, gewährt,
Und alles so gelöst, geklärt.
Wie froh da unser Doktor ward,
Das hatte nur so seine Art.
Drei Tage ließ er uns zu Ehren,
Der Alte, Tanz und Jubel währen,
Honoratioren, Klerisei,
Die ganze Jugend war dabei.
Heut nacht denn zogen wir vom Gut, –
Doch hörte drum das Fest nicht auf, –
Mit Schärpen, Fahnen, Laub am Hut,
Den Wald hinein, den Berg hinauf,
Mit uns der ganze heitre Hauf.

Agnes.
Und unsre Bergfahrt ward ein Tanz
Zu zwei'n bald, bald im Reigenkranz.

Ejnar.
Wir führten süßen Wein als Fracht.

Agnes.
Von Singen scholl die Sommernacht.

Ejnar.
Und selbst der Nebel schwerer Flug, –
Gehorsam wich er unserm Zug.

Brand.
Und nun wohin des Wegs?

Ejnar.                                   Gradaus.
Zur Stadt –

Agnes.           – der Stadt, wo ich zuhaus.

Ejnar.
Erst noch ein westlich Stück hier oben,
Dann nach dem Fjord des Weges Rest;
Auf Egirs Brauthengst, dampfumschnoben,
Heimreiten wir zum Hochzeitsfest, –
Und dann hinab gen Süd zusammen,
Wie Schwäne auf der ersten Fahrt –!

Brand.
Und dort –?

Ejnar.             Ein einzig Liebesflammen,
Wie Träume groß, wie Märchen zart!
Denn, traun! an jenem Sonntagsmorgen,
War auch kein Priester weit und breit,
Ward unser Leben licht von Sorgen,
Ward es zum Freudenfest geweiht!

Brand.
Von wem?

Ejnar.             Von all dem frohen Volke.
Da ward der Becherspruch getan,
Nie dürfe finstre Wetterwolke
Dem Laubdach unsrer Hütte nahn, –
Da jedes Warnwort vor Gefahren
Hinweggeküßt, verbannt, verpönt, –
Da wurden wir mit Laub in Haaren
Zu Lieblingen des Glücks gekrönt.

Brand. Lebt wohl, Ihr zwei!
(Wendet sich zum Gehen.)

Ejnar (stutzt und betrachtet ihn genauer.)
                                      Nein, halt; nein, halt!
Wes ist dies Antlitz und Gestalt?

Brand (kalt.)
Wir sind uns fremd.

Ejnar.                         Mir ist, als wär'
Von Haus mir oder Schulbank her
Ihr Wesen wundersam bekannt –

Brand.
Ja, ja; wir war'n uns freund als Knaben, –
Bis ich den Weg zum Manne fand.

Ejnar.
Ich sollt' mich nicht besinnen –?
(Mit einem Aufschrei.)
                                              Brand!
Du bist's! Dich nicht erkannt zu haben!

Brand.
Ich wußte gleich, wer vor mir stand.

Ejnar.
Willkommen denn, mit Herz und Hand!
Ja, Du bist immer noch der alte,
Der, allezeit sich selbst genug,
Sich, lärmscheu, mit der Grüblerfalte,
Von unsern Spielen seitab schlug.

Brand.
Ich stand Euch ja, als Fremdling, fern.
Dich, – glaub' ich doch, – Dich hatt' ich gern,
War gleich ein jeder Südlandsjunge
Aus anderm Erz, als ich es war,
Den flutumbrauste Felsenzunge
Im Schatten nackten Bergs gebar.

Ejnar.
Dein Dorf muß hier wo liegen, nicht?

Brand.
Durch dies just führt mich heut die Pflicht.

Ejnar.
Hin durch? Dann wieder in die Welt?

Brand.
Was dort zu tun, ist bald bestellt.

Ejnar.
Du bist doch Geistlicher?

Brand (lächelnd.)               Vikar.
So nimmt ein Has' im Walde jetzt
Und jetzt im Korn sein Lager wahr.

Ejnar.
Und wohin geht die Fahrt zuletzt?

Brand (schnell und hart.)
Frag' nicht danach!

Ejnar.                         Warum?

Brand (verändert den Ton.)     Nun gut!
Das Schiff, drauf Ihr die Reise tut,
Bringt auch wohl mich nach meinem Ziel.

Ejnar.
Mein Brautschaftsrößlein? Glücks zuviel!
Hei, Schatz, nun fahren wir zu drei'n!

Brand.
Doch mich ruft ein Begräbnis.

Agnes.                                       Ein
Begräbnis?

Ejnar.             Dich? Wer soll zur Erde?

Brand.
Der Gott, den Du den Deinen nennst.

Agnes (weicht zurück.)
Komm, Ejnar!

Ejnar.                 Brand!

Brand.                           Das Knechtsgespenst,
Der Sklavengott der Sklavenherde,
Er soll in seinen Sarkophag,
Und das am hellerlichten Tag.
's ist höchste Zeit; Ihr wißt, es riecht,
Wer so ein tausend Jahre siecht.

Ejnar.
Brand, Du bist krank!

Brand.                           Jawohl, so krank
Wie dort die Kiefer rank und schlank; –
Nicht ich bin's; rings um uns die Zeit, –
Sie ist's, die, krank, nach Heilung schreit.
Ihr wollt nur Spiel und Spaß verstehn,
Vielleicht halb glauben, doch nicht sehn, –
Ihr werft all Eure Last auf den,
Der, wie man Euch gelehrt, einst kam
Und das Gericht still auf sich nahm.
Er ließ für Euch sich dornenkrönen,
Nun könnt Ihr Spiel und Tänzen frönen.
Ja, tanz' nur, Bester! Doch am Ziel –
Da reu'n vielleicht Dich Tanz und Spiel!

Ejnar.
Ich kenn' das Lied! In Dorf und Stadt,
Da hört sich's heut das Volk nicht satt.
Du bist von diesem neuen Geist,
Der 's Leben Tand und Flitter heißt
Und uns mit Höllenstrafen-Drill
In Sack und Asche jagen will.

Brand.
Nein, Freund, ich bin kein "Kanzelhengst".
Die Kirchensprach' vergaß ich längst;
Kaum weiß ich, ob ich noch ein Christ, –
Doch das gewiß, daß ich ein Mann,
Und einer, der erkennen kann,
Was für ein Wurm am Lande frißt.

Ejnar.
Das hab' ich doch noch nie gehört,
Daß Übermaß von Lebenslust
In unsrer Heimat einen stört.

Brand.
Nein, Jubel sprengt hier keine Brust; –
Ha, würd' man's nur einmal gewahr!
Sei Knecht der Lust, doch ganz und gar,
Rückhaltlos, jetzt und immerdar!
Sei nicht heut der und morgen der
Und übers Jahr ein weiß Gott wer.
Das, was Du bist, sei durch und durch,
Nicht halb ein Vogel, halb ein Lurch!
Ein klares Bild ist der Bacchant,
Der Trunkenbold sein Spottrabant;
Silen ist eine Prachtfigur,
Der Säufer seine Karikatur.
Geh bloß herum in diesem Land
Und leg Dein Ohr an Wand um Wand,
Und merk', wie jeder Bruder Christ
Von allem nichts und etwas ist.
Ein wenig ernst an Feiertagen,
Ein wenig fromm nach Väterbrauch,
Ein wenig lüstern nach Gelagen, –
Denn dieses war'n die Väter auch, –
Ein wenig warm beim allgemeinen
Festchorus auf den, ob auch kleinen,
Doch felsenfesten Felsenstaat, –
Den nie ein fremder Fuß betrat, –
Ein wenig kopflos als Versprecher,
Ein wenig pfiffig, soll der Zecher,
Ernüchtert, hinkt der Zahltag nach,
Einlösen, was die Nacht versprach.
Doch all das voll Bescheidenheit;
Sein Fehl, sein Vorzug reicht nicht weit;
Er ist ein Bruch in Bös' und Gut,
Ein Bruch in allem, was er tut; –
Doch 's Schlimmste –: Jeder Bruchteil bricht
Des Bruches ganzen Rest zunicht'.

Ejnar.
Wer höhnt, ihm pflegt kein Dank zu lohnen,
Weit schöner wär's, Dein Volk zu schonen –

Brand.
Vielleicht, – doch weniger gesund.

Ejnar.
Nun wohl; gesetzt, ich wollt' im Bund
Mit Dir das sünd'ge Volk verdammen, –
Wie hängt das mit dem Gott zusammen,
Den einzusargen Du gewillt,
Dem Gott, der mir noch alles gilt?

Brand.
Mein Freund, Du hast ihn doch gemalt; –
Und wenn man mir nicht vorgeprahlt,
So, daß er jeden, der ihn schaute,
Im innersten Gemüt erbaute.
Merk' auf, ich schildr' ihn Dir genau:
Dein Gott ist alt –

Ejnar.                     Nun ja –?

Brand.                                 Und grau?
Sparsam gelockt nach Greisenart,
Wie Silber oder Eis den Bart, –
Harmlos, wiewohl noch so respekt-
einflößend, daß er Kinder schreckt?
Ob Du ihn noch mit filznen Schuhn
Versehn hast, mag auf sich beruhn;
Doch willst Du, daß er ganz echt sei,
So füg noch Brill' und Schlafmütz' bei!

Ejnar (zornig.)
Was soll dies, Brand, –

Brand.                           Dies ist nicht Spott,
Dies ist das treue Konterfei
Von unsres Volks Familiengott.
Wie den Papisten der Messias
Als Wickelkind erscheint, so gilt
Euch hier der Herr als Jeremias,
Der just noch kindisch lallt und schilt.
Und wird der Papst auf Petri Stuhl
Bald nur mehr seine Schlüssel haben,
So habt Ihr bald im Kirchenpfuhl
Auf immer Gottes Reich begraben.
Ihr trennt das Leben von der Lehre;
Zu üben sie, – wem gilt's als Ehre?
Ihr strebt, Euch geistlich zu erheben,
Doch nicht, aus ganzer Kraft zu leben.
Euch frommt, daß Eure Art bestehn kann,
Ein Gott, der durch die Finger sehn kann,
Der, daß ein Bild er Eurer Welt wird,
Mit Glatz' und Schlafmütz' dargestellt wird.
Doch diesem Gotte bin ich blind!
Mein Gott ist Sturm, wo Deiner Wind,
Unbeugsam, wo der Deine flau,
All-liebend, wo der Deine lau.
Und jung wie Herkules ist er,
Kein alter Vater Sechziger!
Sein Wort, das traf wie Blitzesschlag,
Da er als Flamm' im Dornenhag
Vor Moses auf dem Horeb stand,
Wie vor dem Zwerglein der Gigant.
Er hielt die Sonn' in Gibeons Tal
Und tat der Wunder ohne Zahl
Und tät' sie heut noch immerzu,
Wär' dies Geschlecht nicht schlaff wie Du!

Ejnar (mit unsicherem Lächeln.)
Und nun soll's umgeschaffen werden?

Brand.
Das soll's, noch eh' mein Leben hin,
So wahr ich weiß, daß ich auf Erden
Als Arzt für sein Gebrechen bin.

Ejnar (schüttelt den Kopf.)
Lösch' nicht das Hölzchen, mag's auch rauchen,
Eh' Du die Leuchte nicht gespeist;
Streich nicht die Worte, die wir brauchen,
Bevor Du nicht die neuen weißt.

Brand.
Nichts Neues soll durch mich geschehn;
Aufs Recht des Ewigen will ich sehn.
Nicht Dogmen oder Kirche sollen
Mir Dank für neue Formen zollen;
Denn wie einmal ihr Sein begann,
So ist wohl auch der Tag bestimmt,
An dem ihr Sein ein Ende nimmt.
Erschaffnem hängt sein finis an;
Es liegt in der Verwesung Bann
Und eilt, nach unverrückter Norm,
Von Form zu immer neuer Form.
Doch was in all dem ewig kreist,
Das ist der unerschaffne Geist,
Dem, nach dem Fall im Paradies,
Der Heiland neue Bahnen wies:
Da schlug er glaubensstark die Brück'
Vom Fleisch zum Urquell Gott zurück.
Heut weist er sich verblaßt, verflacht, –
Ganz nach dem Gott, den Ihr Euch macht; –
Doch soll aus diesen Seelenstümpfen,
Aus diesen Geistestorsorümpfen,
Aus diesen Köpfen sich und Händen
Ein Ganzes wiederum vollenden,
Daß sich, wie einst am Schöpfungstag,
Gott seines Adam freuen mag!

Ejnar, (Brand unterbrechend.)
Leb' wohl! Ich glaub', es ist am besten,
Wir trennen uns.

Brand.                   Geht Ihr nach Westen,
So ich nach Norden. Hier wie dort
Erreicht man gleich geschwind den Ort.
Lebt wohl!

Ejnar.             Leb' wohl!

Brand (dreht sich im Abstieg noch einmal um.)
                                  Scheid Licht und Dunst!
Das Leben, Freund, – ist eine Kunst.

Ejnar (winkt abwehrend.)
Mach' Du nur alle Dinge neu;
Ich halt' dem alten Gott die Treu'!

Brand.
Gut, mal' ihn Du am Krückenstab; –
Ich geh' und leg' ihn in sein Grab!
(Steigt den Felspfad hinab.)

Ejnar (schickt sich schweigend an zu gehen und blickt dem sich Entfernenden nach.)

Agnes (steht einen Augenblick wie geistesabwesend; dann fährt sie auf, sieht sich unruhig um und fragt:)
Verlosch die Sonne?

Ejnar.                           Nur ein Flor
Verhüllt sie. Da! Schon kommt sie vor.

Agnes.
Wie kalt der Wind hier bläst!

Ejnar.                                       Er weht
Dort durch den Sattel. Komm, hier geht
Der Weg hinab.

Agnes, (nach Süden weisend.)
                        So schwarz und nah
Stand doch vorhin der Berg nicht da.

Ejnar.
Des hattest Du vor Glück nicht acht,
Eh' nicht sein Schrei Dich irr gemacht.
Doch mach' er sich den Weg nur schwer,
Wir spielen weiter wie bisher.

Agnes.
Nein, nein, nicht jetzt, – ich bin's nun satt.

Ejnar.
Das gilt im Kern wohl auch von mir.
Auch geht's bergabwärts nicht so glatt
Als auf dem flachen Rücken hier.
Doch sind wir drunten erst im Tal,
So tanzen wir just zehenmal
So wild und lustig durch die Welt,
Als eh' er uns den Weg verstellt. –
Sieh, Agnes, was dort außen blaut,
Von Sonnenflimmern überbraut,
Sieh, wie es nun wie Silber blinkt
Und nun wie Bernstein, goldig schwer, –
Das ist das große, frische Meer,
Das von dort außen grüßt und winkt!
Und siehst Du dort im klaren Hauch
Den langen Streifen dunklen Rauch?
Und siehst Du dort das schwarze Ding,
Das just ums Vorgebirge ging?
Den Dampfer, Du, der Dein und mein?
Nun steuert er den Fjord herein.
Heut abend dampft er wieder fort,
In See, mit Dir und mir an Bord! –
Da deckt der Nebel alles zu. –
Sag', Agnes, schickst Du denn kein Wort
Dem wunderbaren Schauspiel nach?

Agnes (blickt verloren gerade aus und sagt:)
O ja. Doch sag' mir, sahst auch Du –?

Ejnar.
Was?

Agnes (ohne ihn anzusehen und die Stimme dämpfend, als ob sie in einer Kirche wäre.)
        Wie er wuchs, indes er sprach!
(Sie geht den Berg hinab. Ejnar folgt ihr.)

Brand (wird oben auf dem Steig sichtbar, kommt ihn herab, bleibt aber mitten auf dem Wege an einem vorspringenden Felsstück stehen und blickt in die Tiefe nieder.)
Ja, ich kenn' mich wieder aus!
Boots- um Bootsplatz, Haus um Haus,
Bergrutschhügel, Birkenstände,
Alter Kirche braun Gewände,
Erlgebüsch zu Baches Seiten. –
Alles wie vor alten Zeiten!
Aber, glaub' ich, grauer doch,
Enger jede Mauer noch;
Und des Berges Schneedach hängt noch
Tiefer auf den kleinen Ort,
Schnitt dem armen Volk der Täler
Seinen Himmelsteil noch schmäler,
Drohet, lastet, schattet, – drängt noch,
Stiehlt noch mehr der Sonne fort.
(Setzt sich und sieht in die Ferne.)
War der Fjord auch dazumal
Schon so häßlich, eng und kahl?
Wie der Regen fegt! Da fliegt
Ein Raasegel breit zum Lande!
Dort ans Grau der Felswand liegt –
Hinter Boot und Steg im Sande –
Rotbraun ein Gehöft geschmiegt;
's ist der Witwe Hof am Strande.
Alter Hof! Du sahst mich jung!
Fülle der Erinnerung!
Dort, am Strand voll nackter Steine,
War mein Kinderherz alleine. –
Über mir liegt's dumpf und klamm,
Liegt's wie Last, in einem Stamm
Heim zu sein, des Geist die Erde
Suchte, statt, was aus uns werde.
Was ich Herrliches gewollt,
Nun wie ferner Donner rollt.
Mut und Macht war nur Gebärde,
Herz und Faust verzagt dem Stoß.
Hab' ich mich mir selbst verloren,
Zu viel Heimat aufbeschworen? –
So erwacht gezähmt, geschoren,
Simson in der Metze Schoß.
(Blickt wieder hinab in die Tiefe.)
Sieh, welch Leben und Begeben?
Überall aus Tür und Tor
Strömen Weiber, Männer vor.
Zwischen Erd- und Felsenhängen
Sieht man sich die Reihen drängen,
Bald bergab und bald empor; –
Und die Kirche scheint ihr Streben.
(Steht auf.)
O, wie Euch mein Blick durchdringt,
Schlaffe Seelen, schlaffe Sinne!
Eurem Vaterunser wohnt
Ja nur so viel Willen inne,
Ja nur so viel Ernst und Wahrheit,
Daß zu dem, der droben thront,
Mit des Klanges voller Klarheit
Nur die vierte Bitte klingt.
Die ist Eure Losung ja
Nun geworden und geblieben.
Als die einzige der sieben
Allen Herzen eingeschrieben,
Liegt sie nun, ein sturmvertrieben
Wrack des ganzen Glaubens da.
Fort! Es brütet wie der Fluch
Dumpfer Grabluft auf Euch allen!
Hier kann keiner Fahne Tuch
Frei vor frischen Winden wallen.
(Wendet sich zum Gehen; ein Stein fliegt von oben her und rollt den Steig herab, bis dicht vor seine Füße.)

Brand (ruft hinauf:)
Heda! Wer wirft da Steine?

(Gerd, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, läuft oben auf dem Kamm, die Schürze voller Steine.)

Gerd.                                       Ha!
Ich traf! Er schrie!
(Wirft abermals.)

Brand.                       Was machst Du da!

Gerd.
Dort wippt er sich in sichrer Rast
Auf einem windgebrochnen Ast!
(Wirft zum dritten Mal und schreit:)
Da kommt er wieder! Böses Tier!
Zu Hilfe! Hu! Er hackt nach mir!

Brand.
In Gottes –

Gerd.               Pst! Wer bist Du dort?
Steh still, steh still; jetzt fliegt er fort.

Brand.
Wer?

Gerd.       Sahst du nicht den Fürchterlichen!

Brand.
Nein, nichts.

Gerd.               Den Habicht voller Wut,
Den Schopf flach in die Stirn gestrichen,
Die Augenränder rot wie Blut!

Brand.
Wo geht Dein Weg?

Gerd.                             Zur Kirche.

Brand.                                           Nun,
Den können wir zusammentun.

Gerd.
Wir? Nein, ich muß hier aufwärts.

Brand (weist nach unten.)               Ja, –
Die Kirche liegt doch da!

Gerd (sieht ihn höhnisch lächelnd an und weist hinab.)
                                      Wo? Da?

Brand.
Nun freilich; komm nur!

Gerd.                                 Nein, mir graut!

Brand.
Dir graut? Wovor?

Gerd.                         Die ist zu klein.

Brand.
Sahst Du schon größere gebaut?

Gerd.
Schon größere? Das muß wohl sein.
Leb' wohl!
(Steigt aufwärts.)

Brand.           Geht dort Dein Kirchenpfad?
Der führt ja nach dem wilden Grat.

Gerd.
Die Kirche, Mann, zu der ich geh',
Ist auferbaut aus Eis und Schnee.

Brand.
Aus Eis und Schnee! Jetzt komm' ich drauf!
Vernahm ich doch von Kindheit auf,
Da drinnen bärg' der Gipfel Flucht
Die Wunder einer Gletscherschlucht,
Eiskirche, glaub' ich, zubenannt.
Davon erzählt man viel im Land.
Der Grund sei ein gefrorner See,
Das Dach erstarrter Firnenschnee,
Der seine Wucht von Wand zu Wand
Wie eine weite Wölbung spannt.

Gerd.
Ja, nennt's nur Fels- und Gletscherloch;
Das macht nichts; Kirche bleibt es doch.

Brand.
Geh nicht dorthin; ein Wind erwacht, –
Die Kruste bricht, die Decke kracht, –
Ein Schrei, ein Schuß schon ist genug –

Gerd (ohne auf ihn zu hören.)
Komm mit; dort liegt ein Renntierzug,
Der, abgestürzt, erst wenn es taut,
Im Lenz, die Freiheit wiederschaut.

Brand.
Geh nicht dahin, wo Tod Dir droht!

Gerd (nach unten weisend.)
Geh nicht dahin; denn dort ist Tod!

Brand.
Gott sei mit Dir.

Gerd.                     So komm doch, komm!
Dort singt Lawin' und Fall Dich fromm,
Dort predigt Dir der Gletscherwind,
Daß es Dich heiß und kalt durchrinnt.
Und fürchte nicht des Habichts Zorn;
Der setzt sich auf das schwarze Horn; –
Da hält der grause, finstre Gast
Als Hahn auf meinem Kirchturm Rast.

Brand.
Wild ist Dein Weg, Dein Geist ist wild,
Zersprungner Laute traurig Bild.
Gar leicht wird bös in gut verkehrt,
Nur Schlechtes ändert nie den Wert.

Gerd.
Da rauscht sein Flügelschlag heran!
Jetzt heißt es heimwärts, fremder Mann!
Die Kirche ist mein sichres Haus, –
Hu, wie er ankommt, arg und graus!
(Schreit.)
Komm mir nicht nah! Laß mich in Ruh!
Hackst Du nach mir, so schlag' ich zu!
(Flüchtet den Berg hinauf.)

Brand (nach einer Pause.)
Bist auch ein Kirchgast. Der im Eis –
Und der im Tal –! Wem ziemt der Preis?
Wer tollt am wildesten hinaus,
Wer flieht am weitsten Heim und Haus, –
Der Leichtsinn, der mit Laub im Haar
Dahintanzt, allen Ernstes bar, –
Der Stumpfsinn, der des Weges trollt,
Weil's schon die Väter so gewollt, –
Der Wahnsinn, der so grausam irrt,
Daß ihm schier gut aus böse wird?
Wohlan denn! Auf zum grimmen Tanz
Mit dieser Tripelallianz!
Hell grüßt mich mein Beruf –: So bricht
Durch aufgestoßne Fenster Licht!
Kein Rasten, bis dem Weh der Welt
Zur Sühne dieser Trollbund fällt!
Erst wenn das Grab die drei empfahn,
Dann ist die Pest von uns getan.
Auf, Seele! Schwert heraus! Es gilt
Den Kampf für Gottes Ebenbild!
(Er steigt nach dem Dorf hinab.)

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