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Bozener Märchen und Mären

Hans Hoffmann: Bozener Märchen und Mären - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBozener Märchen und Mären
authorHans Hoffmann
year1896
firstpub1896
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleBozener Märchen und Mären
pages224
created20141214
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Leides des jungen Plattners.

Novellette.

Verwunderlich nahe liegen im Bozener Etschlande allerlei Gegensätze neben einander; nordische und südliche Natur, deutsches und italienisches Volksthum berühren sich auf's engste und treten in einander über; an üppige Wein- und Fruchtgelände grenzen schauerliche Felsschluchten, ewig unfruchtbar und einsam; leichtlich mag man im Rahmen einer Stunde die Alpenrose pflücken und die flammende Granatblüthe, und nicht weit von dem Lorbeer für Helden und Opernsänger gedeiht das Birkenreis für unartige Kinder. Kühle, leichte Höhenluft und 196 lastende Schwüle kann man bei einiger Beweglichkeit im Sommer, eisige Winde und mollige Sonnenwärme im Winter schnell nacheinander geniessen.

So mag es denn kommen, dass auch in den Gemüthern der einheimischen Bürger zuweilen gewisse Gegensätze einander drängen oder hurtig mit einander wechseln, dass insbesondere eine ausbündige Frömmigkeit ihren Erbwohnsitz hat neben einer üppigen Weltlust und einem nicht minder weltlichen, höchst kraftvollen Erwerbssinne: daher denn seit tausend Jahren die Geistlichkeit und die Kaufmannschaft zu Bozen allezeit gleich gute Tage gehabt haben.

Vor hundert Jahren und noch etwas darüber kam wieder einmal eine Zeit, in der die Frömmigkeit Oberwasser kriegte, obgleich die Leute es damals eigentlich gar nicht nöthig hatten, denn es war weder Krieg in Sicht noch Pestilenz noch sonst etwas sehr Schlimmes. Die Frömmigkeit kam so gleichsam aus heiler Haut. Möglich allenfalls, dass ein paar nur mittlere Weinernten oder sonst ein pekuniärer Ausfall ihre Seelen zerknirscht und vorbereitet hatten.

197 Ein sehr absonderliches Beispiel solcher ernsten Gemüthslage gab Demoiselle Filomena Freithofer, eines Weinhändlers Tochter, obgleich sie hübsch und umworben und auch selbst nicht unempfänglich war: vielmehr hatte sie ihre Gunst sehr ernstlich einem jungen Manne Namens Peter Plattner zugewandt, der heftig in sie verliebt war; aber das gerade ward der Punkt, wo die Frommheit bei ihr zum Ausbruche kam.

Sie erklärte plötzlich, als die Sache zum Klappen kommen wollte, ihre Liebe zu diesem Jünglinge sei leider so gross, dass sie die zu ihrem Specialheiligen, Sanct Heinrich von Bozen, bereits übertreffe: und solche Zurücksetzung eines himmlischen vor einem irdischen Manne sei eine offenbare und schreckliche Sünde, die ihr Seelenheil bedrohe; darum ziehe sie es vor, auf diesen Mann und alles weltliche Glück zu verzichten und ihr fürderes Leben allein der büssenden Verehrung des Heiligen zu widmen.

Vergebens beschwor sie der arme allzu glückliche Liebhaber, Vernunft anzunehmen und den heiligen Heinrich nicht für so eifersüchtig zu halten; vergebens auch stellten 198 die Eltern ihr vor, dass es kein zuverlässigeres Mittel gegen die weltliche Liebe gebe als eben die Ehe: sie blieb starr und steif auf ihrer Weigerung bestehen, und der Unglückliche musste zuletzt diesen wunderlichsten aller Körbe trostlos nach Hause schleppen.

Das schlug ihn gewaltig darnieder; und er war doch kein Schwächling: allein wie so oft Krankheiten bei kräftigen Kindern am gewaltsamsten ausbrechen, so ward auch Peter Plattner's starke Natur von dieser letzten der Kinderkrankheiten besonders heftig geschüttelt.

Einige Wochen lang quälte er sich in einem dumpfsinnigen Hinbrüten herum; dann begehrte er doch nach einem Heilmittel und verfiel auf die Bücher; natürlich auf die geistlichen, die für so verzweifelte Fälle immer am meisten empfohlen werden. Bei ihm blieben sie fruchtlos, weil die gar zu fremdartige Blüthe, die der fromme Wahn in der Seele seiner Geliebten getrieben hatte, ihm die freudige Hingebung nahm.

So gerieth er langsam und erst nur scheu tastend in das weltliche Schriftthum; und da fiel ihm unter anderen ein Buch in die 199 Hände, das, vor mehr als zehn Jahren in Leipzig herausgegeben, jetzt sogar nach Bozen in einem Exemplare seinen Weg gefunden hatte, während es doch sonst schon damals zu den vielen Segnungen dieses glücklichen Städtchens gehörte, dass daselbst mit Büchern nicht viel Unfug getrieben wurde. Das beste aller Bücher, so sagten sie sich klüglich, bleibt doch immer die Bibel, und da wir die auch nicht lesen dürfen, warum erst die anderen?

Jenes besagte Buch aber drang doch herein und fand diesen einen empfänglichen Leser; es war geschrieben von einem Johann Wolfgang Goethe und trug den Titel: Die Leiden des jungen Werthers.

Der junge Plattner fand hier in der That all sein Leiden voll ausgedrückt und das in einer Sprache, deren Leidenschaft und Frische ihm als etwas ganz Neues und ganz Ueberwältigendes entgegensprang. Was Wunder, wenn er hülflos in diesem Meere des Wohllautes versank und mit eben dem Fieber behaftet wieder herauskam, das zahllose andere Jünglinge Deutschlands vor ihm durchrüttelt hatte; die heisse südliche Sonne des Etschthales machte es nicht milder. 200 Getreulich nach dem Beispiel jener andern zwar ihm unbekannten Jünglinge kaufte er sich zunächst einen blauen Frack nebst gelben Hosen und legte damit den sichern Grund zur weiteren Vertiefung in sein Gemüthsleben. Wie selbstverständlich, hätte auch er am liebsten seinem Leben ein Ende gemacht; dass er sich vor dem Tode nicht fürchtete, bewies er zehn Jahre später am Brenner mit den tapfern Bozener Schützenkompagnien gegen die Franzosen. Hier stand jedoch der Uebelstand im Wege, dass die Kirche den Selbstmord verbietet; nur von Handwerkern getragen, von keinem Geistlichen begleitet zu werden, das ging ihm gegen den Strich. Er konnte also weder von seinem guten Stutzen Gebrauch machen noch von allen schönen Cypressen und Pinien des Landes noch auch von den prachtvollen Strudeln des Eisack und der Talfer.

So blieb ihm denn nichts übrig als leben zu bleiben, bis etwa der Kummer ihn von selbst hinraffte; und diesem Kummer gedachte er denn wenigstens mit allem Nachdruck sich zu widmen. Das Vorbild Werther's konnte ihn so immer noch leiten, wenn 201 auch nicht bis zum allerletzten Ende. Die Einsamkeit suchen und die Freuden fliehen, das war vorläufig die Hauptsache. Möglich, dass ihm solcherart schliesslich ein Loos wie dem heiligen Heinrich bescheert ward, der durch Kasteien und Fasten seine Leibeskräfte dermassen verzehrt hat, dass er, wie bekannt, frühzeitig ins Grab sank. Bei dessen Tode fingen die Glocken selber zu läuten an; sechsundsechzig Jahre nach dem Tode fand man den Leichnam noch unversehrt, und während dieser Jahre haben nach einer genauen Aufschreibung viertausendfünfhundert Personen auf wunderbare Weise ihre Gesundheit an seinem Grabe erhalten. Ob sie vorher krank gewesen waren, wird nicht gesagt, doch ist es wahrscheinlich die Meinung. Nachher muss leider der Leichnam dennoch verwest sein, denn man findet in der Bozener Pfarrkirche zwei seiner Rippen verwahrt, diese aber anständig in Gold und Silber gefasst.

Es ist wohl denkbar, dass Peter Plattner eine geheime Hoffnung hegte, diesen heiligen Mann, dem er all sein Unglück verdankte, bei seiner Geliebten doch noch wieder auszustechen, indem er mit dessen eigenen 202 Mitteln arbeitete. Jedenfalls ging er schnell und thatkräftig an die Ausführung seiner Entschlüsse.

Er nahm einen Sack Maismehl und einen kleinen Tiegel über die Schultern, verliess so die Stadt und stieg auf den Berg, um ungestörter klausnerisch zu leben, indem er die Fortführung seines blühenden Früchtegeschäftes einem Bruder überliess. Da es gerade Hochsommer war, bot das Unternehmen vorläufig keine besonderen Schwierigkeiten.

Die Stätte, die er sich erwählte, war wohl dazu angethan, einer wertherischen Gemüthsstimmung die passende Nahrung zu bieten. Die Trümmer der Burg Greifenstein liegen, von düsterm Schattenwalde umkleidet, auf einer schroffen, weit abgesprengten Felsnadel über einer Schlucht von so schauerlicher Wildheit und Melancholie, dass eine Reihe von Ossianen sich hier zu den allerschwermüthigsten Sturmgesängen neue Motive hätten holen können. Wohl hat man nach der andern Seite auch einen Blick von leuchtender Weite über das fröhlich grüne Etschthal und die schimmernde Rebenmulde von Eppan und 204 Kaltern; aber da braucht man ja nicht hinzusehen, wenn es einem zu lieblich ist.

Hier nahm Peter Plattner seinen Wohnsitz in einer Laubhütte, die irgend ein Hirt sich in eines der verfallenen Gemächer hineingebaut hatte, und begann sein neues Kummerleben und führte es durch mit dem ganzen Eigensinn seiner handfesten Natur. Er that tagsüber nichts als in die Felsschlucht blicken, im Werther lesen, um seine Liebe weinen und Polenta kochen. Das befriedigte ihn so ziemlich, wie alles befriedigt, was man mit Ernst treibt. Nur eines bedauerte er: dass er nicht manchmal den unglücklichen Dichter des Werther als Genossen seiner Klagen bei sich haben konnte; denn er fühlte sehr gut, dass dieses Buch nur aus eigenem Erlebnisse konnte geschrieben sein, und er verehrte den grossen Herzenskündiger von ganzer Seele.

Das ging so einige Wochen. Da überspann ihn allmählich eine neue Plage, an die er nicht gedacht hatte: das war die Langeweile, die mit gespenstischem Flügel diese Bergöde umwitterte. Der war er nicht gewachsen; sich tot zu langweilen, das bringt nur ein ganz ausgepichter Heiliger zu Stande.

205 Da half er sich damit, dass er über sein Gebiet hinausschweifte und die Nachbarschaft absuchte, wobei er sich gut auf Werther's Beispiel berufen konnte.

Nun lag ihm am nächsten das Dörfchen Glaning, wo er denn öfters einkehrte und mit dem Priester Bekanntschaft machte, der in dem winzigen Kirchlein seines Amtes waltete. Das war ein alter, recht verständiger Herr, mit dem sich's gut plaudern liess und der doch bescheiden war und den Fremden nicht ausfragte. Mit dem verbrachte er häufig etliche geruhige Stunden in ernsthaften Gesprächen.

Es fügte sich jedoch, wie es gewöhnlich geschieht, dass die Welt mit ihren Freuden, wenn man ihr den kleinen Finger giebt, gleich die ganze Hand nimmt.

Im schönen Spätsommer bekam dieser Geistliche Besuch von einem Bündelchen Nichten, deren älteste ein unbefangener Betrachter ohne jeden Zweifel für ein ausgewachsenes Jungfräulein nehmen musste. Die sollten ein paar Wochen da oben in der herrlichen Luft verweilen, den Oheim erheitern und sich selbst erfrischen. Eine 206 Erholung hatten sie zwar von Rechts wegen nicht nöthig, denn sie sahen allesammt aus wie das blühende Leben, am meisten die älteste, die Moidl, die sich überdem trotz ihres würdigen Alters und obschon sie für alle andern zu sorgen hatte, vor Uebermuth nicht zu lassen wusste.

Nun ist aber der Ort Glaning ganz und gar nicht geeignet, eine angeborne Heiterkeit zu mindern oder gar ersterben zu lassen. Denn es giebt in der Welt nicht leicht etwas so Heiteres und Herrliches als die Lage dieses stillen Dörfchens auf einer vorspringenden Hochfläche, die mit den saftigsten Wiesen aus den Wäldern heraustritt und reich von den schönsten Kastanienbäumen des Landes überschattet ist. Tritt man aber an den Rand, so gewinnt man einen Ausblick über volkreiche Thalweiten und einsame Eisgipfel als eine wahre Offenbarung der holdesten Schönheit dieser reichen Welt, also dass man nicht gern hier dem Versucher begegnen möchte, der zu einem spräche: Dies Alles will ich dir geben.

Es wäre eine Stelle gewesen für die freudigen Augen des jungen Werther, so lange der für seinen Homer schwärmte.

207 Dergestalt wurde denn hier der Uebermuth jener jungen Bälger ins Ausserordentliche gesteigert, sie wälzten sich wohlig auf dem tiefen Rasen und waren zuweilen nicht sehr weit entfernt davon, ihren geistlichen Oheim an den weissen Haaren oder gar am Messgewande zu zupfen.

In diese wilde Gesellschaft hinein platzte nun eines Tages Herr Peter Plattner: das war, als wenn ein Uhu bei blitzendem Tageslicht in einen Schwarm Lerchen geriethe. Die Lerchen zwar liessen sich's nicht anfechten, sondern zwitscherten erst recht weiter; hingegen der arme Eulenvogel war peinlich betroffen und suchte in sein einsames Baumloch zu entweichen.

Der alte Herr aber, der selbst aufgekratzt war bis ins Ungeistliche hinein, wollte ihn nicht auslassen, sondern zwang ihn, zum Mittagessen zu bleiben. So weit musste er nachgeben und sich mit an den Tisch setzen; kein Bitten aber konnte ihn bewegen, von den aufgesetzten Speisen etwas anderes zu geniessen als keusches Wasser und ein dürftiges Brödchen, obgleich die Mädchen ihre jungen Kochkünste recht nett hatten spielen 208 lassen und ein geistlicher Keller in der Bozener Gegend niemals aller Reize bar ist. Er aber hielt ein Zulangen für Verrath an seiner Liebsten und an seinem eigenen Kummer.

Ueber diesem Gethue ward Fräulein Moidele oder Maria, wie man vornehmer sagt, auf ihn aufmerksam, da sie ihn erst kaum beachtet hatte, vergrämt und leicht angehungert und etwas verkommen, wie er eben aussah, und auch in der Kleidung schon ziemlich schlumpig. Jetzt aber, da sie sich in ihrer Kochehre gekränkt fühlte, übersah sie ihn nicht mehr.

Sie zog ihren Oheim bei Seite: doch der wusste nichts anzugeben, als dass nach seiner Ansicht jenen am ehesten ein frommes Gelübde zur Enthaltsamkeit zwinge. Das wollte sie nicht verstehen. Der liebe Gott, meinte sie, müsse sich doch durch solches Verschmähen seiner Gaben gerade so gekränkt fühlen, wie eine ernsthafte Köchin und Wirthin, die sich bewusst ist, dass sie etwas Gutes zu bieten hat.

Moidele war eine Bozenerin, jedoch eine Zeit lang in Wien erzogen, wo damals noch 209 Kaiser Joseph II. regierte. So erklären sich solche Ansichten.

Auch ahnte wohl ihr weiblicher Spürsinn, es stecke noch etwas Geheimnissvolleres dahinter. Das stachelte ihre Neugier und bald auch ihr Mitleid: denn dem Manne stand wirklich ein grosses Leid in den Augen geschrieben, und sie selbst empfand mit dem Herzen, wieviel man entbehrt, wenn man nichts Gediegenes zu sich nimmt.

Sie legte es nun darauf an, den Aermsten zum Essen zu bringen. Doch sagte ihr ein Feingefühl, dass verständiges Zureden am wenigsten fruchten werde; darum suchte sie ihn zumeist ohne viel Worte durch Vorhalten und stilles Empfehlen der trefflichsten Speisen zur Begierde zu reizen. Ganz besonders führte sie zum Nachtisch grossmächtige Körbe voll saftiger Früchte ins Treffen, die sie selbst aus der Stadt mit heraufgebracht hatten, Birnen, Pfirsiche, Feigen und schwellende Trauben von allerlei feinsten Sorten. Das hielt sie ihm Alles recht geflissentlich dicht unter die Augen, um nicht zu sagen, unter die Nase – was auch nicht ganz gelogen wäre – und brachte ihn solcherart in 210 die grausamste Versuchung und quälte ihn erbärmlich.

Am schrecklichsten anzusehen war es für ihn, wenn sie selbst ihre schimmernden Zähne in das Obstfleisch tauchte und den süssen Saft mit den Lippen wonniglich einsog. Das that sie aber recht bedeutsam mit nichtsnutziger Absicht, um seine halsstarrige Seele an einem langen Zipfel zu fassen. Allein es half ihr doch nicht; er widerstand wie ein Felsen im Wassersturz und genoss nichts als einen Seufzer, den er tief aus der Brust heraufholte und wieder hinabschluckte.

Bei all' diesem kecken Treiben gab sie sich gegen ihn ganz unbefangen und leichtherzig, nicht wie ein junges Mädchen mit einem Jüngling umgeht, sondern mit einem guten alten Onkel: denn er hatte von der langen Entsagung schon etwas an sich, das an keine feurige Jugend mehr denken liess. So konnte sie ihre süsse Koketterie in aller Harmlosigkeit betreiben.

Zur guten Letzt aber gab sie ihm das Schauspiel, dass sie einen zahmen Stieglitz mit Trauben fütterte, indem sie diese zwischen die kirschrothen Lippen nahm und ihn so 211 dreinhacken liess. Ein gleiches Erbieten machte sie dem Gaste freilich nicht: doch er hatte auch so schon genug daran. Er erhob sich vom Tische, entschuldigte sich mühsam und enteilte fast im Laufschritt. Doch bemerkte er bei einem scheuen Umsehen, dass die reizende Moidl ihm einen tiefen Blick voll anmuthigen Mitleids nachgehen liess.

So kehrte er als Sieger in seine Klause und doch in schwerer Erschütterung. Denn er fühlte wohl, dass nur sein männlicher Wille, nicht sein Kummer gesiegt hatte: um dessen willen hätte er mit allen Schüsseln aufräumen können. Darüber schämte er sich bitter, zuerst vor der Geliebten, noch ein gut Stück mehr aber vor seinem Werther und dessen Dichter. Denn mit diesem hatte er sich gleichsam eingelebt wie mit einem achtsamen Freunde, dem er nichts vorflunkern könnte.

Am andern Tage machte er seinen Spaziergang nach einer andern Richtung, in die tiefe Waldwildniss. Als er davon zurückkam, fand er vor seiner Laubhütte einen Korb mit Früchten und auf einer Schüssel ein gebratenes Hühnchen. Da brach er in 212 Thränen aus, nicht so vor schmerzlicher Begierde, als weil er jenes holdseligen Mitleidsblickes gedachte. Denn es that ihm überaus wohl, dass sich jemand freundlich um ihn kümmerte, wenn es auch nur ein fremdes junges Mädchen war.

Er beging nicht die Untreue an seinem Grame, dass er etwas von den Speisen gekostet hätte, so schalkhaft sie auch lockten, sondern er schlückelte schwermüthig sein Häppschen Polenta. Nachher aber fiel es ihm ein, dass er die nahrhaften Sachen denn doch nicht dürfe verderben lassen; er nahm sie und trug sie dahin, woher sie zweifellos gekommen waren, und gab nun ausdrücklich ein frommes Gelübde vor.

Moidl suchte zu leugnen, dass sie die Geberin sei und schob's auf die kleinen Schwestern, die unbändig lachten. Doch versprach sie, ihn künftig nicht mehr so verführerisch zu quälen; das machte ihn etwas vertraulich, und er blieb nun ein Weilchen und scherzte mit den Kindern, den kleinen wie dem grossen. Als aber die Mahlzeit herannahte, ward ihm doch Angst, und er suchte das Weite.

213 Das ging nun so weiter, wie so etwas meistens weiter geht, wenn's einmal angefangen hat. Peter Plattner kam öfter, eine kleine Freundschaft entwickelte sich, und er kämpfte alltäglich einen emsigen Kampf zwischen dem sanften Verlangen, sich so theilnahmvoll behandelt zu sehen, und der still abmahnenden Stimme seines Werther-Dichters, der ihm immer mehr sein verkörpertes Gewissen ward. Zwar unterlag er alltäglich so weit, dass er wieder hinging, jedoch nicht weiter; ja, er glaubte mit Genugthuung zu bemerken, dass sein Gram wieder gross genug war, um vernichtend auf die Esslust zu drücken.

Das ging wieder so einige Wochen. Da geschah es eines Tages, dass die jüngste Kleine eine Feige zwischen die Zähne nahm und sie ihm neckend solcherart zum Anbeissen hinhielt, als wenn er ein zahmer Stieglitz wäre. Sie sah aber in dieser Haltung ihrer grossen Schwester bezaubernd ähnlich, oder auch erschreckend: ihn jedenfalls erschreckte es; die ernste Warngestalt seines geliebten Dichters erhob sich vor seiner Seele zu fast drohender Strenge und 214 wies stumm auf den Abgrund von Untreue, der hart schon vor seinen Füssen gähnte.

Er fasste den jähen Entschluss, diesen Umgang abzubrechen und sich irgendwo anders eine Siedelei zu begründen. Er begab sich deshalb zunächst nach der Stadt zurück, um von da in anderer Richtung wieder in die Höhe zu klettern.

Als er dicht vor der Stadt an dem Sankt Heinrichskirchlein vorbeiging, begegnete ihm Demoiselle Filomena Freithofer. Sie war ganz dunkel gekleidet, ihr schönes Antlitz sah tief verhimmelt und gleichsam entkörpert aus, ihre schwärmerischen Augen schienen auf eigene Faust schnurstracks in den Himmel fliegen zu wollen.

Die Beiden grüssten einander bleich und feierlich wie zwei abgeschiedene Geister, die im freien Weltall verschiedenen Sternen zu schweigend einander vorüberschweben. Peter Plattner empfand und dachte in diesem Augenblicke nur die ernsthafte Frage, wie sich seines Werthers befreite Seele wohl bei einer solchen Begegnung benommen haben würde und in welche Thränenfluthen sie ausbrechen müsste, wie er deren zu seiner 215 Beschämung durchaus nicht heraufzupumpen vermochte.

Er kam nun in die innere Stadt und betrat müde wandelnd den Obstplatz.

Dort fiel ihm spazierend ein Herr ins Auge, den er leichtlich für einen reisenden Fremden, aus dem Reich ohne Zweifel, erkannte, und der auch sonst etwas Besonderes an sich hatte, das den Blick still auf sich zog und mehr noch fesselte. Er mochte in der Mitte der Dreissiger stehen, trug Stiefel und anständige Reisekleider, war von mittlerer Grösse, wobei der Oberkörper stattlicher erschien, und hatte in Haltung und Benehmen etwas Vornehm-Gemessenes unbeschadet einer leichten Anmut der Bewegungen und grosser Lebhaftigkeit der frei umblickenden Augen.

Diese grossen braunen, glänzenden, weit aufgethanen Augen mit ihrem zugleich ruhigen und feurigen Blicke waren es insonderheit, die den Aufmerkenden anzogen und nicht mehr losliessen; sie schienen alles zu beobachten, alles zu sehen und alles still zu begreifen, was sich ringsumher darbot, Bewegliches und Ruhendes, und das mit einer Freudigkeit und hellen Frische, als ob sie in 216 dem Schauen allein schon eine tiefe Erquickung fänden. Der ganze schöne und würdige Mann sah aus wie Einer, der in der Welt so recht sich zu Hause fühlte; vielleicht auch wie Einer, der nach langer Irrfahrt durch traurige Länder soeben in seine Heimat zurückkehrt und mit Entzücken sie begrüsst: auf so etwas schienen die heiter beglückten Blicke zu deuten, die er bisweilen in die stille Klarheit des tiefblauen südlichen Himmels hinaufschickte.

Jetzt ging ein Priester an ihm vorüber, einer von den ganz ernsthaften, vor denen die Laien sich fürchten. Der Fremde liess die sonnigen Augen auf ihm ruhen mit einem menschenfreundlichen Behagen, aber doch zugleich mit einem lächelnden Kopfwiegen wie auf einem etwas verwunderlichen Gegenstande, der so recht wohl nicht hier herpasse unter diesen herrlichen Himmel. Der Priester zuckte leise mit den Wimpern unter diesem Blicke wie von der Sonne geblendet und machte ein Gesicht, wie nach glaubwürdigen Berichten der arme Teufel es zieht, wenn er eine Hostie verschlucken soll. Und er sputete sich, weiter zu kommen.

217 Nach dem kam ein junges Mädchen, recht hübsch und zierlich. Die sah der Fremdling auch an und zwar noch um sehr vieles menschenfreundlicher als jenen; und als sie aus seinem Blicke herauskam, stand auf ihrem rosenrothen Gesichtchen etwas geschrieben, das mit einem homerischen Verse sich ausdeuten liess, den einst die Jungfrau Nausikaa auf den Odysseus gesprochen:

Wäre mir doch ein solcher Gemahl erkoren vom Schicksal!

Jetzt trat der fremde Mann an einen der Obsttische, wo in breiten Körben die Fülle köstlicher Früchte zum Verkaufe stand. Er besah und wählte mit bedächtigem Wohlbehagen Pfirsiche und Feigen, zahlte ohne zu feilschen, vielmehr sichtlich erfreut über den wohlfeilen Preis, und begann unverzüglich zu schmausen. Die Art, wie er das that, die herzhafte Wohligkeit, mit der er ohne jähe Gier in den Genuss sich versenkte und die freilich von einer abgrundtiefen Weltlichkeit seiner Seele Kunde gab, ging dem abgehärmten und entsagungsvollen Zuschauer wir ein Stich ins Herz oder, wenn man will, in den Magen, und er brach in den Seufzer aus:

218 »Dieser Glückselige weiss nichts von verlorener Liebe noch von den Leiden eines Werthers.«

Gleich darauf machte jener einem niedlichem Kindchen, das vor einer Hausthür spielte, eine Feige zum Geschenk, und als es nach einigem verlegenen Zögern so freudevoll einbiss wie er selbst, hob er es in die Höhe und gab ihm einen Kuss.

»Das sähe freilich meinem Werther wieder ähnlich,« bemerkte Peter Plattner.

Er folgte ihm aber noch weiter, rätselhaft festgehalten, zuletzt bis zu einem Gasthause, wo eine Kutsche bereit stand, die der Fremde alsbald bestieg und heiter südwärts auf Trient zu davonrollte in die goldene Mittagssonne hinein.

Peter Plattner fragte nun an bei dem Wirthe, ob der Name des ansehnlichen Gastes bekannt sei.

»Ei wohl,« versetzte dieser, »ins Fremdenbuch hat er sich eingetragen.«

Er brachte das Buch, und da stand mit klaren festen Buchstaben geschrieben:

Den 10. September 1786. Johann Wolfgang von Goethe.

219 Nie hat ein Name auf einen Menschen verblüffender gewirkt als dieser auf den gewissenhaften Nachfolger des jungen Werthers. Jeder Halt war seiner armen Seele entrissen; wohl eine Viertelstunde lang starrte er dumpf vor sich hin und rang mit schwierigen Gedanken.

Darauf begab er sich zu einem Franziskanerpater, von dem die seltsame Rede ging, dass er sich auch mit weltlichem Schriftthum befasse, und fragte ihn, ob er etwas wisse von den Lebensumständen des Poeten Johann Wolfgang Goethe und von dessen unglücklicher Liebe, und ob er seine Schöne vielleicht am Ende doch noch bekommen habe.

Der Pater wusste wahrhaftig Bescheid; er stammte aus dem Reich und war erst vor nicht gar so langer Zeit von Mainz hierhergekommen. Auch war er von den vergnüglicheren einer und hatte selbst für Liebessachen ein schmunzelndes Verständniss.

»Nein,« sagte er, »diese Lotte hat er allerdings niemals bekommen, wie man am Rheine genau zu erzählen weiss, aber er hat sich's nicht anfechten lassen, sondern zunächst einen Hahnen aufgefressen und dann einige 220 Wochen danach sich in eine Andere verliebt und später noch in eine Andere, mit der es beinah etwas geworden wäre; als es aber doch wieder nichts wurde, frass er wahrscheinlich noch einen Hahnen, nämlich am Herzogshofe zu Weimar, wo sie gewiss so etwas haben, und ganz zweifellos hat er auch da wieder eine Liebste gefunden; näheres weiss ich nicht darüber.«

Nach dieser Aufklärung empfahl sich Peter Plattner in sehr nachdenklicher Stimmung. Als er aber auf den Obstplatz kam, kaufte er sich die Taschen voll Pfirsiche und Feigen und verzehrte die auf dem Fleck nicht mit der gelassenen Zierlichkeit wie sein grosses Vorbild, sondern mit der Gier langer Entbehrung.

So vorbereitet, bestellte er in eben jenem Gasthause gebratene Hühner mit sehr reichlichem Zubehör, trank auch tüchtig Wein, vom besten Magdalener.

Solcherart gestärkt, verfiel er nochmals in ein Nachdenken und dann in ein Mittagsschläfchen und dann wieder in ein Nachdenken, aber in kein sehr langes mehr. Sondern er machte sich auf, liess sich beim 221 besten Haarkünstler einen säuberlichen Zopf flechten, schaffte sich gute Kleider und sorgte auch sonst nach aller Gebühr für seine äussere Erscheinung.

Und als das vollbracht war, stieg er sehr rüstigen Schrittes wieder nach Glaning hinauf.

Die Kinder empfingen ihn mit Jubel, aber Demoiselle Moidele nicht so desgleichen, die vielmehr ziemlich verwirrt und fast erschrocken erschien, als sie das gewohnte mitleidswürdige Jammerhühnchen auf einmal in ein ansehnliches Mannsbild verwandelt sah, vor dessen jugendlichen Feuerblicken und geberdigen Sitten ihre jungfräuliche Vorsicht, wie sie schleunigst ahnte, Grund hatte auf der Hut zu sein. Ihr harmloser Uebermuth verschwand deshalb gänzlich in Verlegenheit und Beschämung, und sie that kaum noch den Mund auf.

Ihm gefiel sie so erst recht; aber mit der Zeit wurde es doch langweilig, und er lud sie zu einem Spaziergange ein, um eine Abwechselung zu haben. Zwar schlug sie ihm das ab, denn es war ihr unheimlich; doch er wandte sich an die Kinder, weil er wusste, die würden sie zum Mitgehen zwingen.

222 So geschah es denn auch, und die kleine Schar begab sich aufs Wandern. Demoiselle Moidl blieb jedoch schweigsam und wurde stark von Erröthen geplagt, und als die witzigen Schwestern ihr das aufmutzten, nur noch desto mehr.

Wie sie an den Bergesrand kamen und in die leuchtende Weite hinausblickten, stiess er einen Seufzer aus, indem er bedachte, dass er soviel Schönheit mehrere Wochen hindurch wohl manchmal mit den Augen des Leibes, aber niemals mit denen der Seele gesehen hatte. Und er rühmte mit freudigen Worten die Herrlichkeit des Ausblicks.

»Ja,« sagte sie leise, doch recht von Herzen, »es kann in der Welt nichts Schöneres geben.«

»Doch!« fiel er schnell ein, »ich kenne etwas Schöneres«. Und dabei sah er sie an mit so beredsamen Blicken, dass sie es mit aller Anstrengung nicht missverstehen konnte und hurtig die Blicke ins Wiesengras bohrte.

»Ich kenne ein Lied,« fügte er hinzu, »das singt: Wenn ich ein Vöglein wär'! Dies wünsche ich mir auch, nicht damit ich fortfliegen könnte, denn das würde ich 223 bleiben lassen, sondern um vielleicht eine Weinbeere zwischen zwei rothen Lippen herauspicken zu dürfen. Das, denke ich mir, muss in der Welt doch das Allerschönste sein. Es geht aber zur Not auch ohne die Beere.«

Da musste sie doch lachen trotz alles Erröthens. Er nahm sich's zu einem guten Zeichen und versuchte es mit der Massregel ohne die Beere. Sie hatte hiergegen viel Ernstliches einzuwenden, der Gewalt aber wich sie. Die Kinder sahen, was die Beiden begingen, wunderten sich aber nicht darüber, sondern fanden es eine höchst natürliche Sache, dass jemand ihrer fürsorglichen Schwester einen dankbaren Kuss gab.

So fanden die Leiden des jungen Plattners ein fröhliches Ende.

Als er seiner Moidl aber die frühere Leidenschaft beichtete und aus welchem Grunde ihn die Filomena verstossen habe, da sagte sie gelassen:

»Ihre Liebe zu dir ist nicht zu gross, sondern zu klein gewesen. Mir thut nur der arme heilige Heinrich dabei leid: denn mit einer wie winzigen Portion Liebe muss sich der nun erst begnügen!«

224 Die Bozener hatten in diesem Jahre eine glänzende Weinernte, wie auch Goethe aus der Gegend berichtet: »Sie haben lange kein so gutes Jahr gehabt; es geräth alles, das Ueble haben sie uns zugeschickt.« Infolgedessen dämpften sie vom Herbst ab ihre Frömmigkeit um ein sehr Merkliches und legten sie bei Seite für die kommende Kriegszeit.

 

 

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