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Bozener Märchen und Mären

Hans Hoffmann: Bozener Märchen und Mären - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBozener Märchen und Mären
authorHans Hoffmann
year1896
firstpub1896
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleBozener Märchen und Mären
pages224
created20141214
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Todtenhochzeit.

Novelle.

Nicht fern von Bozen liegt auf erhöhter Fläche, die einer Muschel gleich sich höhlt, die grosse Gemeinde Eppan, noch heute ansehnlich durch die Zahl der Bewohner, Behäbigkeit des Hausens und die glänzende Schönheit der Lage, hart am Fusse des steilen Mendelgebirges, da denn von jenseits des Etschthales hochgezackte Felsreihen wie ferne Riesen weitum hier in ein Bild voll lieblichen Reichthums hereinblicken, wo neben der Rebe und der Edelkastanie auch die Cypresse nicht so selten ihre feierliche Schönheit zur Wirkung bringt.

Vollgesegnet noch heute – denn selten trügt die Weinrebe – war dies Eppan 134 ehedem eine Stätte des üppigsten Reichthums und eines weitgepriesenen Lustlebens, davon auch heute im Verfall noch hochgemauerte Schlösser ein Zeugniss sind, die der Gegend noch immer ein herrenmässiges Ansehen geben.

Nicht weniger denn achtzig wohladelige Familien wohnten damals auf dem Raume eines mässigen Spazierganges eng bei einander, keinem anderen Zwecke sich hingebend als dem überschwenglichen Genusse eines sorgenlosen Daseins. Der Winter ist dort mild, Eis und Schnee zwar gewohnte, doch meist flüchtige Gäste; der Sommer ist heiss, doch gesänftigt durch Lufthauch aus den Wäldern und von den schimmernden Bergen herüber; erst recht aber im Herbst und im Frühling verging kein Tag, der nicht durch Feste des mannigfaltigsten Stils bei Wein und schönen Frauen mit heissen Freuden gefeiert worden wäre.

Es waren nicht bloss Herren der Tiroler einheimischen Ritterschaft, die so in Eppan sich drängten, sondern auch aus anderen habsburgischen Landen bis aus Ungarn, dem Breisgau und Niederland floss manches herbei, was entweder müde vom Lebensernst 135 eines behaglichen Abends geniessen wollte, oder auch was noch unerprobt mit dreister Jugendkraft einem stürmisch erhofften Glücke entgegenlangte. Genuss fanden sie Alle, so Liebe als Weinrausch, Tanz, Gesang und Farbenpracht, Lachen und lustiges Lärmen: ob Jeder das Glück fand, das er sich erträumt, und Jeder den Frieden, ist durch keine Frage mehr an das Licht zu bringen.

Wenn aber von den Gärten herüber der tosende Jubel weit über das Weinland hallte, dann lehnte wohl der Winzer sich auf seine Hacke und lauschte den Tönen, die aus einer vollkommeneren Welt in seine Mühsal herniederzuklingen schienen, mit beruhigtem Antheil; vielleicht, dass eine Ahnung ihm sagte: all' die jauchzende Herrlichkeit dort oben wird bald zerstieben in Schrecken oder Elend; wir aber und unseres Blutes Nachkommen bleiben stehen auf unserer Scholle, für uns bleibt ewig Alles beim Alten. – Und heutzutage begegnet man dort unter den Weinlauben nicht gar selten einem schwitzenden Bäuerlein, das einen altadeligen Prachtnamen als den seinen zu nennen aufs beste berechtigt ist: und daraus scheint auch 136 ein Stück nicht unbedeutsamer Weltgeschichte zu dem Frager zu reden.

Jene beglückten Geniesser aber kümmerten sich wenig um ihre Zukunft und noch weniger um die ihrer Enkel und Erben, sei es, dass sie nicht glaubten, es könne je anders werden in dieser Welt der Schönheit, sei es, dass sie ihr ahnungsvolleres Auge gewaltsam wegrissen von den Dingen, die sie nur mit Schaudern begreifen mochten. Und diese Letzten waren es gewisslich, die am kühnsten und rücksichtslosesten ins Meer des Genusses hinausstürmten.

Mitten hinein in diese Glanzwelt verwegener Heiterkeit kam eines Tages ein Fremdling zugezogen, noch jüngeren Alters, ritterbürtig und ledig, der doch von Hause aus viel stiller und ernster geartet schien als all' das Lebevölkchen, das sonst hier versammelt war. Er hiess Eberhart von Wildburg und kam die Brennerstrasse herabgeritten; woher er stammte, das wusste Niemand, weil von der Lage der Landschaft, die er auf Befragen bereitwillig nannte, kein Einziger eine Kenntniss besass. Man beruhigte sich bei dem Glauben, sie müsse wohl noch über die Donau hinaus nach Norden 137 gelegen sein, und das bedeutete hier: sehr nahe am Ende der Welt, soweit solche bewohnbar.

Dieser Eberhart ging vom Tage der Ankunft her seine eigenen Wege. Gleich die Wohnung nahm er abseits von den Schlössern, in einem sauberen Bauernhause an einer ziemlich einsamen Waldecke über die Muldentiefe hinweg, so dass er von da aus die drei Dörfer von Eppan mit aller Umgebung und dahinter den hohen Bergrücken vortrefflich überschauen konnte.

Das that er denn auch fleissig, und zwar wiederum auf eine ganz absonderliche Art: nämlich durch ein starkes Fernrohr, dem er auf einem kleinen Altane eine bequeme Aufstellung gegeben hatte, dergestalt, dass er das ganze Land gleichsam unter beständiger Aufsicht hielt. An diesem Glase sass er täglich viele Stunden lang und befliss sich der Studien, wenn man das so nennen will: denn sie bestanden zumeist in durchaus nichts besserem, als dass er die lustigen Herren und Weiblein in ihrem täglichen Treiben und Feiern sorgsam beobachtete, soweit sich dieses im Freien vollzog, was doch meist der Fall war, in den Gärten und in offenen Lauben und Hallen.

138 Mit diesen besonderen Manieren des fremden Herrn Wildburg und seiner wunderlichen Einsamkeit hatte es folgende Bewandtniss:

Er war als der Sohn eines gütergesegneten freiherrlichen Paares sehr frühe verwaist und war im Kloster erzogen worden, nicht zwar um später geistlich zu werden, aber doch mit einigem schärferen geistlichen Ernste als sonst zumeist seine Standesgenossen. Und dieser Ernst fand in seiner eigenen jungen Seele einen gut zubereiteten Nährboden vermöge des Schicksals und frühen Heimgangs seiner beiden Eltern.

Er trug von diesen in seinem Gedächtniss nur ein einziges Erinnerungsbild, aber das glänzte in desto lichteren Farben. Er sah das jungblühende Paar in einem rauschenden Reiterzuge unter Freudenrufen und Hörnerklang von einer Jagdfahrt zurückkehren und darauf durch geschmückte Festsäle sich in feurigem Reigen drehen, den herrlichen Mann und das holdselige Weib, beide gleich lachend von Glück und gleich strahlend von Liebe, umspielt von allen heissesten Wonnen des Lebens; und dann sah er zwei schwarze 139 Särge langsam zum Schlosshofe hinaustragen. Das war all' sein Erinnern. Doch das war sehr treu; es war wirklich so geschehen: wenige Tage nach einem jubelvollen Feste waren jene beide Glücklichen am gleichen Tage von einer ansteckenden Seuche jählings dahingerafft.

Und überall fand der Knabe die Wahrheit dieses Doppelbildes in seinem Gedächtnisse betont und bestätigt: wenn er durch die Dörfer der Ebene strich, die seinem Vater zu eigen gewesen waren, hörte er immer die Leute eifrig erzählen von dem wunderbaren Glücke, das seinen Eltern bei ihren Lebzeiten weit über das Mass des Gewöhnlichen hold gewesen, ihnen Reichthum und Ehre, Gesundheit und Lebenslust und sonst alle süssesten Güter der Welt in den Schoss geworfen, zuletzt aber das Alles durch den seligsten Liebesbund überboten und gekrönt hatte.

Und wenn er Winters von der Höhe des Klosterhügels hinabsah über die weiten beschneiten Flächen, stand Pater Damian neben ihm am Fenster und sprach ihm von dem jähen Zusammenbruch ihres Glückes und Lebens, wie der Tod sie dahingerafft auf der 140 Höhe ihres Glanzes gleich reifen Halmen auf sommerlichem Felde, und er sprach ihm weiter von der ungeheuren Vergänglichkeit alles irdischen Wesens überhaupt, am allermeisten aber alles irdischen Glückes.

Und wie dieser Pater Damian ein Mann war, der neben geistlicher Gelehrsamkeit auch der Naturwissenschaften, wie sie damals im Schwange waren, nicht wenig sich beflissen, zeigte er dem Knaben das ewige grosse Entstehen und Vergehen nach unbeugsamen Gesetzen überall in der Natur, von dem kleinsten Mooshälmchen oder Wurme herauf bis zu den Sternen und Sonnen selbst, die am Himmel wandeln mit dem Anschein der Ewigkeit und doch auch sich bilden und doch auch zerstieben.

Aus solchen tiefsinnigen Vorstellungen heraus erzog sich das Wesen dieses Jünglings zu scheuem Ernst und verweilender Betrachtung.

Es geschah wohl, als er reif wurde, dass in ihm das feurige Blut seiner Eltern sich regte und eine schweifende Sehnsucht ihn stürmisch hinausdrängte ins Leben, um rauschende Jugendlust und alles reiche Glück 141 der Erde mit Jubel zu umfassen: aber dennoch dämmte er so gewaltiges Verlangen immer wieder zurück, nicht um für ewig dem Genusse zu entsagen, sondern einzig um den Gipfel irdischer Freuden nicht zu frühe zu erklimmen und also zu früh wieder herabsteigen zu müssen. Denn er hatte die ernsthafte Ansicht gewonnen, dass jedes Sterblichen Glück wie ein Stern des Himmels zu seiner Höhe steige, dort einen Augenblick culminire und darnach mit unabänderlicher, schreckhafter Gewissheit tiefer und immer tiefer sich senken müsse bis zum letzten Erlöschen.

Dieser seltsame Gedanke, von dem er sich vollgesogen, gebar ihm eine still lähmende Furcht vor dem Glücke, und immer desto mehr, je süsser ihm solches aus irgend einer Nähe zu winken schien. Er ging ihm aus dem Wege, wie er nur konnte, und begnügte sich strenge, die Herrlichkeit der Welt aus sehnsüchtiger Ferne und sanft vorahnend scheu zu geniessen.

Es war aber ihm, wie jedem anderen Manne von Jugend und Feuer, die stille Ueberzeugung vom Hause aus fest in die 142 Seele geprägt, dass ein allerletztes und höchstes Lebensglück einzig zu erlangen sei von der Liebe und den Lippen eines schönen Weibes. Darum hielt er sich dieser Glückesgefahr vor allen anderen fern und vermochte das durchzuführen, weil sein freudiger Ausblick auf die Seligkeit der Zukunft ihn in aller Wahrheit selbst von der Versuchung wunderbar frei liess.

Gleichwohl wuchs in solcher Enthaltsamkeit sein heisses Verlangen nach dem höchsten Ziele mit jedem Jahr und wühlte sich immer tiefer in seine Seele, wie ein gestautes Stromwasser, das immer noch keinen Abfluss findet, immer höher zum Rande schwillt und zugleich sich strudelnd in den Grund einwirbelt.

Und gar zu guter Letzt gesellte sich dazu insgeheim eine neue und der Glücksfurcht entgegengesetzte wunderliche Bangniss, er könne an allem Ende sein erhofftes Lebensglück mit Harren und Verschieben gänzlich versäumen. Denn er war in der stillen, kühlen Heimath gut dreissig Jahre alt geworden und konnte sich nicht hehlen, dass von diesem Alter an der Stern der 143 Jugendkraft unmerklich, doch sicher seinen Abstieg zu beginnen pflege, wenn er das auch noch an sich selbst nicht fühlte.

So erwuchs ihm auf einmal eines Tages ein hastiger Entschluss; er verliess das frostige Land seiner Jugend, stieg über die Alpen ins fröhliche Etschland, wo deutsche Gefilde mit südlichem Sonnenschein begnadet sind, und kam jenseits ins Eppaner Gebiet, wovon das Gerücht unvergleichliche Lebensfreuden über weite Wegstrecken hin zu erzählen wusste.

Er langte dort an und ging bescheiden zur Miethe wohnen, um sich nicht gleich anzukaufen, sondern nach seiner Gewohnheit auch hier die Dinge und ihre Schönheit zuvörderst aus bedachtsamer Ferne zu geniessen. Solchem Zwecke diente trefflich sein Fernglas, das alle Herrlichkeit des Eppaner Lebens in erquickliche Augennähe brachte und doch ein vorzeitiges Dreintappen in das Füllhorn des Glückes nicht gleich verstattete.

So sass er und schaute Tag für Tag und lebte sich immer tiefer in die fremden Freuden hinein. Er sah das übermüthige Völkchen tanzen und spielen, spazieren und jagen, 144 fahren und reiten, und wieder sehr ausgiebig der Ruhe pflegen auf behaglichen Bänken und Lotterbetten oder auch ganz einfach im weichen Grase; er sah sie schwatzen und sich lebhaft gegen einander geberden, er sah sie zechen und sich zanken, singen und gähnen, tafeln und musiciren, alles unermüdlich: und er unterliess nicht zu bewundern, welche Kraft und Ausdauer sie in ihrem Vergnügen bewährten, weit mehr als die meisten Menschen der ernsten Arbeit zukommen zu lassen im Stande sind.

Auch konnte es nicht anders sein, als dass er die Gesichter und Personen alle einzeln allmählich aufs Genaueste kennen lernte, auch wie sie zu einander sich stellten, ob sie Freunde oder Feinde waren, welche Pärchen sich liebten oder zu lieben begannen, welche anderen eifersüchtig waren und welche schon wieder von einander sich trennen wollten. Ja er vermochte den meisten schier auf den Grund ihrer Seele zu blicken, obgleich er keinen Laut aus ihrem Munde jemals vernahm, oder auch gerade deshalb: denn es ist gewiss, dass der Menschen Mienen und Blicke immer noch um eine 145 Kleinigkeit wahrhaftiger sind als die redenden Lippen.

So erlebte er ihre kleinen Leiden und grossen Freuden still beobachtend mit und wusste ihre Lebensschicksale oder glaubte sie zu wissen, indem er sie aus tausend Kleinigkeiten, die sein Auge wahrnahm, herauslas und zusammenfügte.

Es war wohl natürlich, dass er am liebsten um die Frauen sich kümmerte, darunter es von Perlen und Musterbildern weiblichen Reizes in jeder Art wimmelte. Er gab ihnen allen Namen, die schönsten, die ihm einfielen, wie sie ihm jedesmal zur Erscheinung und Art der Person am besten zu passen schienen; oder er verglich sie mit Blumen und hatte eine Freude daran, sein Zimmer je nach wechselnder Vorliebe für diese oder die andere Holde mit Rosen, Kamelien, Granatblüthen, auch mit Alpenrosen und Duftorchideen sich auszuschmücken. – Und es ergoss sich, von so holdseligen Gestirnen herwirkend, eine allgemeine wonnigliche Stimmung über ihn, wie ein rosenfarbiger Lichtstrom, der ihn milde und nicht blendend, aber mit beständiger Wärme überfloss und beseligte.

146 Und er fühlte sich mehr und mehr wohnlich in diesem Kreise und hatte in aller schweigenden Einsamkeit nicht eine Stunde, wo er sich vereinsamt hätte nennen dürfen.

Immer aber noch scheute er sich, leibhaft hineinzutauchen in die lebendige Welt, in der das Glück zu Hause war, jenes unendliche, nach dem er glühte und vor dem er zitterte.

Also glitt das Leben, so wirklich es war, so dreist an Formen und so glänzend von Farben und holdem Licht, immer wie ein träumerisches Bild an ihm vorüber, und seine Gestalten waren bei aller frischen Leiblichkeit doch nur wie schwebende Schatten aus einer zarteren Welt, die kein Lärmen kennt und mit lieblichem Schweigen begnadet ist. Und ihm schien aus diesem Schweigen heraus eine reinere Musik zu ertönen, als er sie jemals auf Erden vernommen hatte.

Und wenn er Nachts durch sein Glas den Wandel und das Mass der Sterne belauschte, und wenn er die sich ihm riesig aufbreitende Mondscheibe übersah mit Gebirgen und Flächen, so ahnte er auf jenen Gestirnen ein schweigendes Glanzleben glückseliger 147 Gestalten, wie er es auf Erden alltäglich in Freuden hinwallen sah.

So spann sich sein Leben freundlich und friedevoll weiter in milder Sehnsucht und noch ohne heftigeres Begehren; und er fragte sich heimlich, ob er sich nicht solle genügen lassen an solchem Frieden, der seine Dauer hatte und gleichmässigen Ablauf ohne Steigen und ohne Stürzen, ohne Höhe und ohne Tiefe. Er gedachte des überseligen, jäh zerrissenen Glückes seiner Eltern, und er glaubte die Stimme des Pater Damian zu vernehmen, der still zu ihm sprach: »Verzichte auf das Glück, das jäh vergängliche, dass Du nicht unglücklich werdest nach seinem Absinken; verzichte auf das Glück, und Du wirst es immer besitzen. Schaue das Leben aus der Ferne, und es beglückt Dich mit bleibender Schöne; stürze Dich hinein, und es trägt Dich empor und reisst Dich viel schneller noch wieder hinab in das Elend des Verlierens. Und wenn Du das errungene Glück auch niemals verlörest, so verlierst Du es doch, denn es verzehrt sich in sich selbst, wie eine Flamme sich verzehrt, wie ein Rausch verdunstet und in sich 148 selbst zu Trübsal und Ueberdruss wird. Jenes Glück des Genusses hat nur eines Augenblicks Dauer; kaum hast Du's ergriffen, so beginnt es Dir in der Hand zu zerrinnen; Dein stilleres Glück des Betrachtens fliesst ohne Wandel unzerstörbar weiter.«

So wollte er sich besinnen; doch immer, wenn er sich leise entschlossen hatte zu solchem Verzicht, so flammte das Verlangen nur mächtiger wieder auf, und er fand keine Ruhe mehr, in seiner Stille zu verweilen.

Und endlich ward er einmal hinausgezogen halb ohne seinen Willen.

Ein Gewitter war niedergegangen, gewaltig und dröhnend, voll schöner Schrecken. Das war noch in Morgengrauen, und die Wolkenschwärze hielt die Nacht noch gefangen über ihre Zeit hinaus. Doch in stürmischer Eile fuhr das Wetter vorüber, und mit jäher Pracht stieg ein Sommermorgen herauf voll Glanz und Frische, dass jedes Laub und jeder Halm voll aufzujauchzen schien in überwältigter Freude.

Und die Lebensfrische ergriff auch plötzlich den einsamen Mann; er widerstand nicht länger und ging auf die Wanderschaft.

149 Mit glückseligen Augen schritt er sanft staunend unter den Weinlauben hin, die eben blühten in ihrem zärtlichen Duft, denn der Sommer begann zu seiner Höhe zu steigen. Und der Mann schritt weiter, und immer belebender umfing ihn die Thaukühle des süssen Morgens. Dem Orte ging er vorüber und strich seitwärts in den Wald, der am Berge sich emporhebt. Dort fand er eine Stelle, wo vor Zeiten ein Bergsturz niedergeprasselt war und wo aus dem ungeheuren Gewirr von grauen Felsblöcken und Steinen ein junger Wald von Bäumchen der Edelkastanie in dichtem Bestande emporwuchs.

Er kannte die Gegend aufs Beste, denn er hatte sein Auge oft auf ihr ruhen lassen und liebte ihre Seltsamkeit. Jetzt aber, da sein Fuss sie betrat, erschien sie ihm doch fremd und wunderlich verwandelt; er fühlte sich nicht traulich in ihr, sondern wie ein vordringlicher Gast, der sich rechtlos verirrt hätte. Denn er vernahm das Schweigen nicht, das sein Auge gewohnt war, sondern ein Rauschen und Raunen ging leise zischend durch all' das Laubwerk, und selbst aus den 150 Steinen herauf schien ein heimlich murrendes Summen zu zittern. Auch ein scharfes Duften von Kräutergewürz wollte sich betäubend über ihn legen; ein Schauer umwitterte ihn, und er fühlte sich verlassen.

Langsam und noch zaudernd schickte er sich an, aus dieser wirrtönigen Welt zu entweichen; da fiel sein Auge auf ein buntes Schlängchen, das zusammengerollt auf einer sonnigen Steinbreite lag. Es war eine Hornviper, deren Art er gar wohl kannte und von deren gefährlichem Gifte er wusste. Doch er fürchtete sich nicht; sie lag so lautlos und blickte ihn an aus den 151 schwarzglänzenden Augen. Und lautlos zitterte ihr gespaltenes Zünglein hin und her.

So stand er gebannt, und sein Herz ward wieder ruhiger. Doch als er sich bewegte, zischte die Schlange: das war ihm wie ein Stich und schreckte ihn auf, und er entwich aus dem Walde.

Am Rande steht Schloss Gandegg, damals noch neu und voll heiterer Pracht; vor dessen Hofthor schattet eine uralte Linde. Hier liess er sich nieder auf der Rundbank, denn er war müde von dem ungewohnten Wege und dem frühen Erwachen. Und er schlummerte ein wenig.

Von einem Traumschrecken erwachte er wieder, und als er aufblickte, sah er eine Gruppe feiner Mädchen vor sich stehen, die ihm schweigend anstaunten. Denn sie wunderten sich, wer der Fremdling sein könne, der, stattlich gekleidet, doch zu Fusse hierhergeweht war, indessen sein Siegelring ein anständiges, doch ihnen nicht bekanntes Wappen aufwies, wie sie eilig erforscht hatten. Und übrigens war er von Gestalt und Antlitz so, dass es sich lohnte, ihn näher in Augenschein zu nehmen.

152 Mit rechter Freude sah er, wen er vor sich hatte, und traumbefangen wie er noch war, begrüsste er sie sogleich mit herzlichem Anruf unbefangen und vertraulich wie alte Freundinnen und zwar mit den eigenen Namen, die er ihnen heimlich gegeben hatte.

Da kreischten sie erst ein wenig auf, dann wisperten und kicherten sie untereinander und zogen sich langsam gegen das Hofthor zurück, indem sie durch ängstlich fragende Blicke zu verstehen gaben, wie fremd er ihnen war und wie wenig sie sich sein Gebahren zu deuten vermochten.

Das griff ihm ans Herz mit einem tiefen Schauder. Und indem sie ihre Zungen durchaus nicht mehr ruhen liessen, sondern genugsam plauschten und plauderten, glaubte er sie vor seinen Augen sich verwandeln zu sehen zu fremdartigen Geschöpfen, die eine vertraute Gestalt sich nur listig geborgt hätten.

Er übermannte sein Grauen, entschuldigte sein Benehmen mit seiner Schlaftrunkenheit, nannte seinen Namen und sonst das Nöthige von seinem Dasein und wie er hierherkam. Denn ein gutes Betragen hatte er in seinem weltscheuen Leben doch nicht verlernt.

153 Da wurden die jungen Damen auch wieder verständig, lächelten ehrbar, thaten das Ihrige mit Vorstellen und Benennen und luden ihn endlich ein, im Schlosse mit einem Imbiss sich zu vergnügen.

Er fasste einen starken Entschluss, diesmal die Gelegenheit festzupacken und dem Glücke einen rüstigen Schritt entgegen zu thun. Zudem hatte er Hunger.

Er folgte ihnen also und liess sich's wohl sein, ass ein wackeres Frühstück und genoss dazu reichlich rothen Kalterer Seewein. Davon ward ihm immer menschlicher zu Muthe, und das letzte Grauen begann sich zu lösen.

Es dauerte nicht lange, so kam Hufschlag und Peitschenknall von mehreren Seiten, und Kutschen und Reiter trabten in den Hofraum. Männer und Frauen sprangen herab, und Eberhart ward schnell in die Begrüssung gezogen. Die Besucher mehrten sich, und eh' man sich's versah, war ein Fest im Gange, wie sich's Einer nur wünschen konnte, und der Ankömmling ward von dem feurigen Wirbel gleichfalls dahingetragen. Er tanzte und sang, machte ein Ballspiel mit, auch ein Reifenschlagen, dann ein Schiessen nach dem 154 Ziel und hundert andere lustige Dinge; dazwischen trank er viel Kalterer und blickte den Mädchen in die lachenden Augen.

Ihm war nun ganz wohl, und sein Herz schwoll auf in einem wonnigen Rausche. Aber doch war's ihm seltsam, als ob er auf einem schwankenden Boden wandelte und Gestalten sähe, die nicht greifbar wären, sondern nur wogten und glitten wie Wandelbilder einer Zauberlaterne oder wie die scheuen Gebilde eines Liebestraumes. Immer war es der Lärm und das Stimmengewirr, was ihn heimlich verstörte und sein Herz noch nicht festwachsen liess in dem lustigen Kreise.

Also kehrte er noch vor dem Abend ziemlich abgeschlagen und verworren in seine stille Wohnung zurück.

Erst als er zur Nacht die ruhigen Sterne zu seinen Häupten sah und die schweigende Stätigkeit ihres Wandels beschaute, ward seine Seele wieder still und kehrte in sich zurück wie in eine friedliche Behausung. Doch als er schlafen ging, dachte er in einem Gemisch von Beruhigung und leiser Trauer: Noch bin ich heute dem Glücke nicht näher gekommen.

155 Am andern Morgen empfand er eine Scheu, die gewohnte Wanderung durch das Fernrohr nach den Eppaner Schlössern zu thun, vielmehr ging er leibhaftig ausschreitend in seinen benachbarten Wald, der seinen Füssen vertraut war und dessen ruhiges Rauschen ihn nicht erschreckte.

So verbrachte er noch mehrere Tage in einer sonderbaren Unruhe, wie wenn einem Zecher nach zu feurigem Weine die Nerven noch tagelang schwingen und zucken und das Blut gewaltsamer durch die Adern rollt Es war aber viel Süssigkeit und weiche Sehnsucht in dieser Unruhe.

Endlich kam ein Tag, an dem er sein Fernrohr doch wieder zur Hand nahm. Wieder war es ein reiner und erquicklicher Morgen. Die Sonne glänzte voll und ruhig über das satte Grün des gewellten Meeres von Weinlaub hin. Etwas abseits dem Flecken und darüber erhöht lag ein einzelnes Schlösschen, ein zierlicher Säulenbau; freundlich hob sich sein helles Mauerwerk von dem schwärzlichen Tannengrün des jenseitigen Bergwaldes ab, an dessen Saum es gelegen war.

156 Dieser Gegenstand stach Eberhart heute ins Auge, da er seiner sonst weniger geachtet. Diesmal aber trug er noch eine Unlust, die ehedem gewohnte Besichtigung der grösseren Festschlösser vorzunehmen, deren Insassen er aus eigener Berührung kannte.

Dies neue Säulenhaus hatte etwas Stilles an sich, etwas vornehm Freundliches, das weder lockte und sich anpries noch den Verlangenden abschreckte. Ein Gärtchen grünte umher, mit vielen ganz jungen Cypressen geziert und von einigen uralten Edelkastanien weich überschattet; ein niederes Mäuerchen sonderte es ab, über das eine wuchernde Fülle von wilden Rosen ihre lieblichen Blüthenranken niederhängte.

An der Schmalwand des Hauses nach den Schauenden hin war ein einziges Fenster von zwei Säulchen umrahmt. Noch waren die grünen Läden geschlossen; die Sonne stand noch nicht hoch über den Bergzacken. Gerade auf der Mittelleiste klebte ein Ding, das Eberhart schnell durch sein Rohr als die Puppe eines grossen Schmetterlings erkannte; in dem kräftigen Frühsonnenschein schien sie sich zu rühren und tapfer zu ringen, dass 157 ihr glänzendes Flügelgewand sich zum Lichte erlöse.

Indem er gespannt hinlauerte und auf das Wunderchen hoffte, geschah etwas Plötzliches. Einen Augenblick sah er etwas Dunkles sich bewegen, wie einen einzigen starken Flügelschlag: dann waren die Fensterläden geöffnet, und in der schwarzen Leere erglänzte sonnig eine farbige Erscheinung wie der schönste Schmetterling, den er je gesehen.

Ein Perlmutterfalter! wollte er sagen, dachte es aber kaum, denn schon wusste er mit Befriedigung, dass er den reizendsten und jüngsten Mädchenkopf eingefangen hatte, den ein perlmutterfarbenes Morgenkleid mit rothen Flattern eng umhüllte. Nach ein paar witternden Athemzügen fiel diese Hülle, und ein wunderschöner Hals mit Schultern und blanken Armen ward sichtbar, dazu auch zwei feste goldblonde Zöpfe, die vorne darüberhingen. Das Gesichtchen aber strahlte voll eitel Entzücken in den Morgenglanz hinein: die zierliche Nase blähte sich leise in athmender Wonne, die Augen lachten frei in das strömende Sonnenlicht und blinzelten 158 nicht, und die süssen Lippen öffneten sich schwellend ein ganz klein wenig, als ob sie nach einem sänftlichen Morgenkusse in den Lüften herumsuchten.

Der Schauende empfand ein feines Erzittern durch alle Nerven, das ihn köstlicher dünkte als jedes Vergnügen, das er je genossen. Das dauerte eine Weile; dann überraschte ihn ein gewaltsamer Schreck: er sah höchst sicher, das herrliche Geschöpfchen blickte ganz gerade aus in seine Augen hinein, ja, ein zutraulich fröhliches Winken schien nur ihm gelten zu können und fiel wie ein prächtiger Pulverblitz wonniglich zündend tief in seine Seele. Und ob er sich gleich mit all seinem guten Verstande eindringlich sagte, die schönen Augen könnten seine ganze Leiblichkeit unmöglich anders als allerhöchstens in der Gestalt eines schwärzlichen Klümpchens erblicken, wie eine krabbelnde Fliege oder solch' eine Unart, wahrscheinlich aber gar nicht, so half ihm das doch wenig gegen das lebendige Zeugniss seiner erschrockenen Fernblicke.

Eine grausame Verschämtheit jagte das Blut gar hitzig in seine Wangen, und doch 159 war er unvermögend, die Blicke von jenem süssen Schreckniss zu lösen, wozu doch ein leichter Ruck seines Rohres genügt hätte: doch das zitterte wohl leise, wich aber nicht abseits. So musste er sich sättigen mit aller Angst und aller Entzückung, bis nach einigen goldenen Minuten der holdselige Falter ins Dunkel zurücktauchte, so jäh, wie er gekommen war.

Der getroffene Mann aber blieb nun viele Stunden lang an seinem Platze fast regungslos sitzen, nur dass er sich nach Möglichkeit hinter einem Holzpfeiler versteckte, und forschte weiter die Gegend im Umkreise des Schlösschens ab. Es geschah auch wirklich, dass sein liebes Wunder etliche Male wieder ans Licht kam, nämlich zuerst im Garten mit einer Giesskanne bewaffnet, einen Strohhut auf dem Kopfe, dann in allerhand andern flotten Hantierungen. Immer war ihr Antlitz von leuchtender Heiterkeit und all ihr Gebaren von einer leichten Anmuth übergossen, deren Gleichen er noch nicht gesehen hatte.

Die Stunden dieses einen Tages genügten, ihn alle stillen Freuden, die er sonst genoss, 160 vergessen zu machen; selbst die nächtlichen Sterne suchte er nicht mehr. Er wusste mit seligem Bangen, dass die Zeit gekommen sei, da das Glück ihm nahe.

Es kam nun kein Morgen, der ihn nicht auf seiner Warte gefunden hätte, und kein Abend ohne die Ruhe reicher Befriedigung eines langen Tages. Es währte nicht lange, so kannte er alles Wirken und Wesen dieses Mädchens so genau wie nie eines andern sterblichen Menschenkindes. Er kannte die Blumen, die sie mit besonderer Liebe pflegte, er kannte ihre Kleider, jedes Band und jeden Handschuh, er wusste, wann sie aufstand und wann sie schlafen ging, er wusste, was sie gern ass: er liebte das Kätzchen, das ihre feinen Knöchel umschnurrte, und das junge Böckchen, mit dem sie sich manchmal neckte und hetzte. Er kannte ihre Spiele und ihre Arbeit, deren freilich nicht viel war, und zu jedem einzelnen ihrer zehn zartgeschickten Finger hatte er ein besonderes Freundschaftsverhältniss. Am allerfeinsten aber war er in den Mienen ihres lieben Gesichtes zu Hause, und jede leise Regung von Freude oder Unmuth empfand er mitzuckend in der eigenen Seele.

161 Er kannte auch ihre Mutter, eine schon rundliche Frau von munterer Herzensgüte, und ihren Vater, einen stattlichen Reiter von herzhafter Schalkheit, auch ihre Freundinnen, die viel kamen und gingen, oft traurig kamen und immer fröhlich gingen; er wusste auch, dass sie keine Feindinnen hatte: denn sonst musste er die kennen. Auch ihre Verehrer kannte er gar wohl; doch seltsamer Weise empfand er nicht den Schatten einer eifersüchtigen Laune, so freundlich und lustig sich auch die Schöne mit ihnen geberden mochte. Nur Einen mochte er nicht leiden, obwohl er, der ihr Herz kannte, ganz sicher wusste, dass der ihm als Nebenbuhler am wenigsten gefährlich sein würde. Er hiess Graf Wurm von Haslach, wie er früher erfahren hatte, und stammte aus dem Breisgau in Vorderösterreich; er war etwas dumm vom Hause aus und trachtete diesen Mangel, wie sehr Viele thun, unter einem Anschein von Ernst und Würde klüglich zu verbergen. Das schöne Fräulein behandelte ihn mit etwas Mitleid und doch zugleich mit einem unmerklichen Schelmenübermuth, der ihr allemal ganz besonders reizend stand, wo sie ihn 162 sehen liess. Er aber mochte den Menschen dennoch nicht leiden.

Also beobachtete Eberhart sein neu erstrahltes Gestirn alle Tage in Freuden; doch täglich bangte ihm stärker davor, sich noch etwas mehr zu begehren, und doch vermochte er solche Sehnsucht nicht zu bezwingen. Sein Verlangen wurde heftiger, und was anfangs eine Seligkeit gewesen, die ferne Betrachtung, ward jetzt zu einem zehrenden Schmerze. Die Ruhe verliess ihn, er begann irrsam wandernd Kreise um das Schlösschen zu ziehen, die immer enger wurden und enger.

Endlich eines Tages stand er dicht vor der Gartenpforte und gedachte einzutreten und seine Hand auszustrecken nach dem letzten Glücke. Doch indem er einmal noch zögerte, fiel ihm ein, wie seltsam es sei, dass er Alles kannte von ihrem innersten Leben und Wesen, nur zweierlei Dinge nicht: ihren Namen und ihre Stimme. Und mit stillem Schauder gedachte er jenes Tages, da alle seine früheren Bekannten ihm jählings fremd und untraulich geworden waren durch den Ton ihrer Stimme und die fremden Namen.

Und er trat nicht ein, sondern wich 163 schrittweise zurück. Die Sonne stand hinter Morgenwolken dicht verschleiert, und es lag eine Stille über dem Lande wie ein trübes Bangen.

Da brach die Sonne hervor und goss Licht aus über alle Weiten. Und mit dem Lichte zugleich kam ein leichtes Rauschen eines fröhlichen Morgenwindes, und das schwoll ein wenig an und ward immer klingender. Und einige Vögel fingen an leise zu zwitschern und einige Grillen im Weinlaube zu zirpen. Und dann wurden ihrer mehr und immer mehr, und bald klang ein mächtiges Schrillen von allen Feldern gleichmässig, und das Singen der Vögel ward zu einem herrlichen Chore des Jubels und hoffenden Lebensmuthes.

Da wagte er es jählings und trat hinein. Der Garten war noch einsam, und er wandelte ein wenig unter den jungen Cypresschen und er freute sich des zierlichen Wuchses dieser schlanken Baumkinder. Und dann kam eine Menschenstimme an sein Ohr getragen als ein fröhliches Plaudern; und er wusste sogleich beim ersten Ton, dass es die Stimme des namenlosen Mädchens war, 164 das er so liebte. Und diese Stimme klang ihm nicht fremd wie einst alle jenen anderen, sondern vertraut und lieb wie ein Lerchensingen, und es war ihm, als hätte er sie auch aus seiner Ferne von jeher so freundlich vernommen.

Er ging nun in das Haus und fragte einen Diener nach dem Hausherrn: der war schon ausgeritten auf die Jagd, und nach der Hausfrau: die war noch nicht aufgestanden, denn sie schlief gern lange, weil sie so rundlich war. Aber das Fräulein kam, und er begrüsste es, gab seinen Namen und bat um einen Trunk Wasser oder Wein: er sei auf einer Wanderschaft und ihn plage der Durst.

Die Namenlose bediente ihn freundlich und unbefangen, wie man einem Standesgenossen thut, den man auch nicht kennt, setzte ihm Wein vor und Wasser und allerlei feines und kräftiges Gebäck, je nachdem er begehren mochte.

Er ass und trank und empfand ihre Nähe, als wäre er niemals ihr fern gewesen. In solchem seltsamen Behagen fing er auch zu reden an von ihren Dingen, wie sie lebte und sich gebarte, was sie trieb und wirkte in 165 ihren Stunden. Und es gab sich von selbst, ohne sein Wollen und Merken, dass er seine ganze Kenntniss ihres Wesens und Schaffens im Kleinen wie im Grossen verrieth, was mit rechten Dingen kein Mensch von ihr wissen konnte, wohl nicht einmal ihre Mutter, geschweige denn ein Unbekannter, der frisch von der Landstrasse kam.

Darüber beschlich sie ein verworrenes Grauen, je länger, desto mehr, das doch kein zu schmerzliches war, weil sie ein gutes Gewissen hatte, dass auch der liebe Gott, der vielleicht doch mehr wisse, ihr nichts ganz Beschämliches nachsagen könne. Auch mochte sie fühlen, dass solche vielwissende Theilnahme an ihr, wie sehr auch befremdend, doch sicherlich keine gleichgiltige Gesinnung verrathe. So gewöhnte sie sich langsam ein wenig an das Wunder, wagte auch nicht zu fragen, weil sie sich nicht dumm machen wollte, nahm Alles hin, und ihr Grausen versüsste sich immer nur mehr in eine dumpfe und ehrfurchtsvolle Bewunderung seiner unbegriffenen Wissenskräfte. Schien doch dieser Fremdling von jeher geheimnissvoll herrschend über ihrem stillen Leben zu walten.

166 So drangen ihre Herzen schon leise ineinander, wie zwei junge Bäumchen bei ruhigem Windhauch mit den äussersten Zweigspitzen und Blättern sich sanft berühren und vermischen. Als die Mutter dazukam, wichen sie still wieder auseinander, das Gespräch wurde vernünftig, weltläufig und gutnachbarmässig ohne Geheimnisse und Offenbarungen, jedoch immer sehr freundlich. Als Eberhard dankend sich zum Heimgang anschickte, geschah es mit der Erlaubniss und der Hoffnung, nicht zu lange sich fernzuhalten.

Sein Weg war voller Seligkeit; er hatte noch niemals etwas Gleiches empfunden. Doch weil er nun wusste, dass sein höchstes Glück wie mit grossen Geisterschritten allmächtig heranzog, erklang es zugleich in seiner Seele wie ein gedämpftes Klagen, dass sein Leben auch bald seine Höhe werde überstiegen haben. Was ihn still wunderte, war, dass er noch immer ihren Namen nicht kannte, sei es, dass er ihn überhört, oder dass die Mutter ihn gar nicht gebraucht hatte. Doch das war ihm nur eine liebe Unkenntniss: er meinte, sie sei zu liebreizend 167 für einen irdischen Namen; einen Engel solle man nicht anrufen und benennen. So nannte er sie weiter in seinem Herzen die liebe Namenlose.

Als er daheim sein Fernrohr ergriff und richtete, that er es umsonst: er sah nichts mehr von ihr, die er suchte, ob er gleich eine Stunde um die andere nach ihr spähte und darnach einen Tag um dem andern. Sie hielt sich verborgen. Er merkte aber zugleich, dass ihn das nicht grämte; denn ihr Glanzbild wohnte in ihm so nahe und so fest, dass er keiner wissenschaftlichen Hexenkünste mehr bedurfte, ihrer Erscheinung froh zu werden.

Bald aber nahm doch wieder die Sehnsucht ihren stillen Wuchs, und als sie gross genug war, ging er wieder aufs Wandern, bis er durstig war und der Einkehr bedurfte.

Diesmal fand er die Geliebte allein; und es war wie das erste Mal: das Geheimniss wurde zu einer Brücke, auf der ihre Herzen mit süsser Ahnung gegen einander strebten, ohne sich doch jetzt schon völlig zu ergreifen.

Von da an sahen sie sich oft, doch 168 zumeist und schon das nächste Mal in der grossen Gesellschaft des Feiervölkchens bei einem Tanzfest. Denn Eberhard liess sich's nun angelegen sein, das wieder zu suchen, was er vordem vermieden hatte.

Hier war's auch, wieder auf Schloss Gandegg, dass er doch den Namen seiner Freundin erfuhr; denn er konnte seine Ohren dem Anruf der Leute nicht verschliessen. Das ergriff ihn zuerst mit einem Schreck, als sei ein zartes Gespinst zwischen ihnen beiden zerrissen; bald aber fand er sich fast freudig darein: nur schlug ihm nun plötzlich das Begehren, ihre süssen Reize ganz zu besitzen, gewaltsam in die Seele wie eine schwere Kralle, und er fühlte die Qual der verlangenden Leidenschaft.

Trotzdem trug er eine Scheu, ihr unter den Leuten heisser zu nahen; er vermied ihre Begegnung, und auch sie hielt sich zurück; beide tanzten und lachten erst recht mit allen andern, die sie wenig kümmerten. Aber ihre Augen fanden sich immer; wie zwei Schmetterlinge neckisch einander umflattern, sich niemals ergreifen und niemals lassen, so gaukelten ihre Herzen selig umeinander.

169 Die Namenlose, die nun doch einen Namen hatte, tanzte sichtlich am öftesten mit dem Wurm von Haslach, der sie hart bedrängte; doch warf sie dann häufig einen still schalkhaften Blick zu Eberhard hinüber, als wollte sie sagen: Du glaubst doch nicht etwa –? Gott, der arme Dummrian! Und ihm lachte das Herz bei solchem Blicke, und er dachte an kein Eifern und Neiden, sondern scherzte selbst tapfer mit den anderen Schönen, wie ihm jede gerade in den Arm kam.

Das ward noch eine Weile lang ein glückseliges Taumeln von Fest zu Fest, und blieb alles zwischen den Beiden im gleichen Stande. Sie schwebten sich heiter entgegen wie auf einem Regenbogen der Freude und gelangten der Höhe näher und näher.

So kam der Tag, da die Herzen endlich entweder ineinander überströmen oder einzeln zerbrechen mussten. Bei einem Feste auf Schloss Korb geschah es, dass die Beiden nach etlichen Tänzen schweigend zusammen seitab gingen und aufwärts steigend bis in den Wald sich verloren. Sie hatten nichts vereinbart und auch in sich selbst hatte keines von Beiden etwas Klares beschlossen; 170 es geschah so von selbst, wie eine Blume sich aufthut beim ersten Sonnenstrahl nach einem warmen Regen. Keines führte das andere und Keines zauderte. Sie wussten Beide, sie gingen den Weg zur irdischen Glückseligkeit.

Sie gingen weiter und schritten durch eine Waldschlucht, die war erfüllt von dem dröhnenden Rauschen eines verborgenen Wasserfalles. Sie beschleunigten ihren Gang, denn es wehte ein kühl unheimliches Wesen aus dem Grunde herauf. Der Wald ward dichter, und der Pfad ward schmal. Das Mädchen trat vorauf, der Mann kam folgend und genoss mit den Blicken die Anmuth ihres Ganges. In jedem ihrer Tritte und in dem Tragen des Kopfes lag freudenvolle Sicherheit und kein Hauch eines Zweifels, was heute noch kommen müsse. Sie war gesättigt von Glück und in sich voll Klarheit. Der Mann aber war berauscht, ein brausender Wildstrom jäher Entzückung wühlte durch seine Adern. In seinen Ohren klang es noch immerfort wie ein dröhnendes Rauschen aus verborgenem Grunde.

Doch hatten sie nun eine stille Anhöhe 171 gewonnen. Dort oben lag ein uraltes Burgschloss, das wohl schon seit Jahrhunderten in Trümmern lag. Schöne gothische Fensterbogen in den mächtigen Mauern sprachen von alter Pracht und festlichen Freuden aus jener Zeit; jetzt wucherte verworrenes Buschwerk wüst und dicht in dem weiten leeren Raum, dessen Wände noch standen, und von oben her lag der öde Himmel darüber.

Ein wilder Feigenbaum wuchs nach aussen hin aus einer Mauerspalte heraus; unter dem lagerten sie sich ins Gras und blickten still in die leuchtende Ferne. Sie redeten ruhig von kleinen Dingen und wussten doch genau, wie Grosses sie meinten. Dem Manne aber ward plötzlich das Herz erschüttert von dem grossen Anblick der Vergänglichkeit über ihm, und je tiefer ihn das feurige Wesen des werdenden Glückes durchglühte, desto grausamer erschien ihm die Gewissheit, dass mit der nächsten Stunde der Gipfel seines Lebens erreicht sein solle und es dann abwärts gehe und immer nur abwärts. Und er zauderte und zauderte.

Seine Hand ruhte der ihren so nahe, dass er den Hauch ihrer Blutwärme mit Wonne 172 verspürte, und eines Fingers Ruck hätte genügt die Hände zu vereinigen und dem Ansturm der Seligkeit die Pforte zu öffnen. Doch er regte den Finger nicht und fuhr fort zu schweigen und im Kleinen zu plaudern. Ihr stillglühendes Antlitz aber wagte er nicht mit einem Blicke zu streifen.

Und er fasste insgeheim den seltsamen Beschluss: Das Glück schon dieser Stunde ist so überschwenglich gross, dass ich die Stunde verlängern will, ehe denn ich an das letzte Allerheiligste irdischer Seligkeit rühre; ich will diese Nacht noch geniessen im Schwelgen des Vorgefühls: und morgen in der Frühe will ich den Zauber lösen, und dann mag es aufwärts gehen und wieder abwärts.

Das Mädchen sass neben ihm und hatte keinen Gedanken als nur den einen: Jetzt werden wir glücklich. Und sie wartete selig und ohne Sorge des lösenden Augenblickes und war es zufrieden, dass der sie nicht überdrängte. Doch als er immer nicht kam und immer noch nicht, da war es ihr plötzlich, als sähe sie in einer Ferne ein bleiches Blitzen aus einem winzigen Wölkchen zucken, 173 und ein angstvolles Ahnen kroch über sie hin wie eine huschende Spinne.

Doch das war nur ein Augenblick, und der ging vorüber, und sie harrte wie zuvor in ruhiger Freude.

Doch dann kam es wieder. Und die Wolke war grösser geworden, und die Blitze schossen greller aus dem dunkeln Schosse. Und wieder ging es, und wieder kam es, und es ward wie ein dumpfes Rollen aus den Tiefen der Erde; und dann schlug es auf wie eine schreckliche Lohe; das war der einzige Gedanke: Er spielt mit mir! – Und dann wurde die Welt vor ihren Augen dunkel.

Doch sie rang sich hindurch und dachte wieder: Es ist nicht möglich. So schwerer Frevel eines solchen Mannes kann gar nicht möglich sein. Auch der Argwohn war ein Frevel: ich will ihn bereuen!

Und sie glaubte wieder und harrte. Allein der Glaube war nicht mehr wie ein klares Glas, sondern wie ein Wasser, das in leisen Wirbeln geht und unmerklich Schlamm aus dem Grunde heraufwühlt.

Und endlich im Warten härtete sich ihr Muth; sie fügte ihre Hand still gegen die 174 seine, dass die Wärme hinüberdrang. Er zuckte leise, doch regte er sich nicht, sondern ruhte weiter in träumender Glückseligkeit. Sie riss die Hand wieder zurück, als habe sie den Biss einer Schlange empfunden, stand ruhig auf und sagte in bleicher Gelassenheit: »Ich gehe zu den Andern.«

Da packte ihn doch die Gewalt der Leidenschaft wie ein heisser Südsturm; er that einen Ruck, die holdselige Gestalt in seine Arme zu fassen und für ewig zu halten; er meinte dem Glücke nun nicht mehr widerstreben zu können. Doch da sah er die Blässe des Argwohns heimlich in ihren Augen glimmen ; und der stille Schrecken lähmte auf eines Herzschlags Dauer die Wucht seines Begehrens. Und als der flüchtige Schreck sich löste in eine feine Schalkheit: »O du süsse Närrin, wie ist das möglich? Wie darfst du so dumm sein?« da war auch die Glut seiner verlangenden Sinne schon ein wenig geklärt und in ihrer Wildheit gebändigt; und ein Trotz stieg auf, der doch auch noch Schalkheit war: »Das sollst du mir büssen! Du sollst warten und büssen bis morgen – bis zum überseligen Morgen!«

175 Und in hochschwebender Heiterkeit schritt er neben ihr hin und bald hinter ihr, da sie hastig hinabdrängte. Er liess sie eilen und ging nicht schneller. Er sah nur mit Entzücken ihrer leichten Gestalt nach, wie sie auf dem engen Pfade manchmal zwischen den Büschen seinen Augen entschwand und nun wieder auftauchte wie ein Stern aus Wolken. Er erquickte sich lange an dem süssen Spiel und merkte es nicht, wie sie sich weiter und weiter von ihm entfernte.

Und schon drangen wieder flatternde Töne von dem Lärm des Festes zu seinen Ohren. Das gab ihm einen Schauer wie das allererste Mal, da er das Tönen jener Wesen vernommen, und er blieb jählings stehen. Noch einmal drang er weiter, die Entschwindende einzuholen; doch der Lärm ward misstöniger und rauher, und ihn fasste ein Abscheu vor dem Treiben dieser Menge. Er stand von Neuem und schaute ihr nach, wie sie dem Schlosse sich näherte, wie der bunte Schwarm ihr lachend und tosend entgegenstob, und wie sie eintauchte in den Schwarm und sich mit ihm verwirrte, einem fallenden Sterne gleich, der in den 176 glanzübersäeten Nachthimmel sich plötzlich verliert.

Er blieb völlig getröstet und sicher seiner Hoffnung. Er vermochte es nicht über sich, dem trüben Strudel der tobenden Lust sich wieder zu vermengen; er ging seines Weges in vollkommener Heiterkeit.

So kam er zu seinem Hause, da eben der Abend in Herrlichkeit erglühte; er staunte in das Wunder, das der Himmel wie eine grosse Freudenfackel seinem Glücke entzündet zu haben schien. Und dann sah er die Sterne aus dem tiefen Luftmeer heraustreten, einen um den andern, und ihren Glanz sich mehren; und reine Entzückung durchwärmte seine Seele mit unendlichem Genusse.

Er ging nicht aufs Lager in dieser Nacht, sondern wachte auf seinem Altane unter den Sternen. Von Stunde zu Stunde wuchs seine schwärmende Seligkeit, wie der Wandel der Sphären ihn der letzten Erfüllung näher und näher brachte. Und er dachte beruhigt: Mag es darnach versinken und ermattend verhauchen, ich hab' es doch genossen, es ist doch einmal eine Wahrheit geworden. 177 Auch die Sonnen altern, und ihre Gestalt muss in Staub sich lösen nicht anders als des Menschen armseliges Gebein. Freue Dich und geniesse! Und dann magst Du sterben.

So schwärmte seine gluthvoll vorahnende Wonne. Und als der Morgen heraufzog, nahm er noch einmal sein Fernglas zur Hand und schaute nach dem Schlösschen hinüber, das ihm seine Liebe verwahren sollte. Und er sah es wie sonst in seiner lieblichen Stille, dem Auge ganz nahe und doch in dem heiligen Schweigen einer ruhenden Ferne. Und ob auch das Fenster sich immer nicht aufthat, meinte er doch die geliebte Gestalt hinwallen zu sehen unter den Rosen und jungen Cypressen, und der lachende Blick ihres Auges brannte süss beschämend herüber in seine Seele.

Doch da alles verschlossen blieb und gar nichts sich regte, weder im Hause noch im Garten, huschte auf einmal eine Angst durch seinen Busen wie eine zischende Schlange; und hundert verworrene Misstöne der Sorge wimmerten in seinem Ohre traurig durcheinander.

Dumpf erschrocken sprang er empor, so 178 hastig und unachtsam, dass sein schweres Rohr von der Höhe des Altanes auf den Steinboden stürzte und die zarten Gläser mit schaurigem Klirren kläglich zersplitterten.

Da war's ihm, als sei ihm ein Glück zertrümmert, das nie mehr zu finden sei.

In angstvoller Hast eilte er durch das Weinland dem Schlösschen zu; da fand er alles stumm und verschlossen. Auch die Gartenpforte war nicht geöffnet wie sonst; jedoch vermochte er leicht über das Mäuerchen zu dringen, das nicht zur Abwehr gefügt war, sondern nur als ein Zeichen: Hier ist ein Bezirk, der geweiht ist zu ruhiger Freude.

Jetzt aber war es ein verlassener Bezirk. Es lag eine dunkle Schwüle in der Luft, darum regte sich kein Leben, auch nicht eines Vogels Zirpen oder eines Schmetterlings Flügelschlag. Das harte Schweigen schien an den Blättern zu hängen wie ein unsichtbarer Nebel. Nur wie ein Seufzer der Sehnsucht nach einem befreienden Lebensklange hauchte es manchmal durch die müde Luft. Die jungen Cypressen standen so fremdartig feierlich, als umwachten sie ein Grabgewölbe. 179 Alles schweigsam und leer und wie in ein Brüten verloren. Das war, als sei ein stilles Sterben über diese ganze kleine Blumenwelt hinweggeschritten. Der Mann schritt öde suchend umher und doch nicht mehr suchend, denn er wusste, dass er nichts finden würde. Er sehnte sich qualvoll nach einem einzigen Ton, nur nach dem Zirpen einer Grille. Von den lockeren Ranken der wilden Rosen löste sich manchmal ein Blatt unter der Schwere der Luft und zitterte zur Erde; er hoffte bänglich, es sollte einen Laut geben, wenn es den Boden berührte. Doch es fiel stumm wie ein Stern.

Gleich einer Lähmung floss es über seine Glieder; es kam ihm vor, als sähe er sich selbst und dies Stückchen Welt um sich her durch sein Fernglas aus unermesslicher Weite, wohin auch der Einsturz aller ragender Berge keinen Ton mehr tragen würde, nur den Schrecken des Schauens. Und er schauderte vor sich selbst wie vor einem Gespenste.

Nun sah er eine Schlange quer über den Weg gleiten, zwischen den Beeten hindurch, ganz lautlos, ganz schwebend, als ob sie den Boden nicht berührte; sie schien verwundert 180 umherzuwittern in der neuen Oede. Er wollte sie gern für seine alte Bekannte vom Kastanienwalde nehmen; doch fremd und geisterhaft schlich sie an ihm vorüber und verschwand unter den Blumen. Und dann regte sich nichts mehr, auch nicht für das Auge. Nur die wachsende Sonnenglut wob leise ihren zitternden Luftschleier über den stummen Raum, als sollte der langsam versinken in ein durchsichtiges Meer.

Der Einsame blickte wach träumend hinunter auf den endlos tiefen Grund dieses Meeres; und da sah er die Geliebte todt dahingestreckt unter welkenden Blumen, und hundert reizende Schlangen krochen mit lautlosem Schillern um ihren Leib und in verwundertem Spähen darüber hin, her und hin in immer schnelleren Windungen und überstrickten sie ganz wie mit einem zauberhaft glitzernden Silbergewande. Und zuletzt verschwand auch ihr süsses Gesicht unter der lebendigen lautlosen Decke.

Da trübte sich sein Auge von heissen Thränen, und er verliess den Garten, wie man das Grab einer Todten verlässt, die alles Glück mit sich hinabnahm.

181 Doch als er ins offene Feld kam, fiel der Bann von ihm ab, und er athmete wieder freier. Es wehte ein Lüftchen, und ein freundliches Rauschen zog durch die Zweige. Und er sprach zu sich selbst: »Was sollte geschehen sein, das nicht gut zu machen wäre? Ist ihr ein Argwohn ins Herz gestiegen, so wird sie mit lachender Beschämung erkennen, dass der so falsch war wie thöricht. Und ich werde ihr verzeihen, und das Glück wird uns aufflammen wie Morgenglanz nach kurzem Gewitter.«

Und er ging mit gelassener Eile auf Schloss Gandegg zu, das ihm das nächste war, und meinte dort sicher zu erfahren, wohin sie mit ihren Eltern gegangen sei,

Als er nun nahe kam, schmetterte ihm ein Festjubel entgegen, der lärmender noch war als der vom gestrigen Tage. Unter der grossen Linde fand er einige Diener, die auf eigene Hand dort zechten und fröhlich waren; und er fragte so herum, ob etwa die anwesend sei, die er suchte. Und er erfuhr, dass der junge Graf Wurm von Haslach heute das Freudenfest seiner Verlobung begehe, die gestern Abend noch in später 182 Stunde beschlossen sei. Und sie nannten den Namen der Braut: das war sie, die er bisher seine Namenlose geheissen.

Stumm ging er von dannen und kam nach Hause. Er wusste, dass er nicht mehr leben könnte, nachdem er seines Lebens Glücksziel verfehlt und verloren hatte. Er beschloss zu sterben. Doch als es ihm feststand und er es in sich selbst nicht mehr ändern konnte, ergriff ihn noch einmal ein ungeheures Verlangen nach den Freuden des Lebens wie ein zehrender Durst. Immer brauste es in seinen Ohren wie eine jauchzende Tanzmusik und wie Gläserklingen und wie ein süsses Wirbeln von Geschwätz und Gelächter hellstimmiger Frauenkehlen. Und seine Augen flimmerten von hundert Farben, die sprühten und tanzten wie Sonnenstrahlen in geschliffenem Glase, und blühende Gestalten wogten vor ihm hin in endlosem Zuge, eine leuchtende Heerschar von Glücklichen.

Da durchzuckte ihn wie ein Krampf ein sehnsüchtiger Uebermuth, und schmerzliche Schauer gebaren ihm ein wild ausgelassenes Beginnen.

Er setzte sich nieder, seinen letzten 183 Willen zur Kenntniss zu bringen, und schrieb die ganze Nacht, und immer tollere Gedanken durchsprühten sein Hirn.

Er schrieb und verordnete, dass er all seine Habe, die nicht gering war, der Kirche vermache; nur müsse diese einwilligen, dass sein Begräbniss auf sehr besondere Weise begangen werde. Verweigere sie das, so gehöre sein Vermögen den forschenden Wissenschaften und deren Anstalten und Dienern. – Er wusste aber genau, dass die Kirche in eine solche Verwendung noch viel weniger willigen könne, als in den eigenen Verzicht.

Also schrieb er und verordnete: Es soll meine Leichenfeier begangen werden als ein Glanzfest der Freude, nicht anders wie sonst eine Hochzeit oder eine Faschingslustbarkeit. Jede Trauerkleidung ist allerstrengstens verboten. Vielmehr soll sich das Gefolge durchaus in bunte Gewänder hüllen, je nach Vermögen mit Gold oder Silber behängt, und obendrein soll jeder Mann einen grünen Laubkranz auf dem Kopf und ein lustiges Zweiglein in den Händen tragen, die Frauen aber sollen sich über und über mit Rosen schmücken oder sonst welche Blumen ihnen 184 etwa die liebsten sind, nur dass sie bunt von Farbe und anmuthig seien. Vor und hinter dem Sarge sollen Spielleute, Pfeifer, Trommler und Sänger gehen, und allzumal die fröhlichsten Weisen spielen, die sie irgend kennen; und das ganze Gefolge soll einstimmen nach allen Kräften. Glockenläuten allein soll ganz unterlassen werden, auch Orgelspiel oder ein anderes trübseliges und kirchliches Musikwerk. Wenn arme Leute mit im Zuge gehen wollen, soll man Jeden mit einem bunten Gewande beschenken und ihm drei Mass Wein zu einer redlichen Trunkenheit geben.

Dieser frohe Zug aber soll keineswegs schnurstracks zum Grabe wallen, sondern soll zuvörderst einen muntern Umgang halten durch das Gebiet von ganz Eppan bis hinter Sanct Pauls, soll auch fleissig vor jedem Wirthshause stillhalten und dem Wirthe einen guten Tag machen; darnach soll der mitziehen und auch fröhlich sein.

Der Sarg aber soll offen bleiben, dass der Tote den Himmel schauen könne und die lichten Farben.

Und zuletzt soll man einkehren in Schloss Korb. Im grossen Festsaale soll man den 185 Sarg in der Mitte niederstellen und den Todten genugsam aufrichten, dass er alles sehen könne, was in dem Saale sich schicke. Der Saal soll sehr prächtig an allen Wänden geschmückt sein mit Teppichen und Fahnen, über grünes Gezweig soll viel Goldflitter hängen, und der Fussboden soll ganz übersäet sein mit Laubwerk und Blumen.

Und sollen Tische hergerichtet werden rings an den Wänden hin mit den besten Gerichten, die ein Koch würzen kann, und mit den erlesensten Weinen von Kaltern, Meran und Bozen. Und soll keinem Gaste ein Ziel gesetzt werden seines Begehrens.

In der Mitte um den Sarg her sollen die Paare tanzen, und sollen Preise vertheilt werden, Schmucksächelchen und Seidenstücke denen, die am fleissigsten tanzen und am fröhlichsten sind. Und die Musiker sollen besonders reichlich getränkt werden, dass sie Lust behalten, immer gewaltiger aufzuspielen; und sollen ihrer genug sein, dass sie unter sich wechseln können und keiner zu müde werde.

Und der Todte soll all diese Herrlichkeit hören und sehen und soll sich freuen.

Und das alles soll dauern, bis die 186 Mitternacht schlägt; dann soll man den Todten beiseite thun, ihm noch einmal die Sterne zeigen und dann ihn ehrlich begraben, wenn die Geistlichkeit will.

So aber irgend eine von diesen Satzungen wissentlich verletzt oder sonst nicht erfüllt wird, fällt alles Vermögen der Wissenschaft anheim.

Folgten noch einige kleinere Bestimmungen und Klauseln. –

Als der seltsame Mann diese Arbeit vollbracht hatte, brach er in die schrecklichsten Thränen aus und rang auf das Grausamste mit seinem widerstrebenden Herzen.

Doch zuletzt ward er Herr über sich selbst, trug das Schriftstück sogleich am Morgen zum Notar der Gemeinde und liess alles festmachen.

Darauf machte er noch einen letzten Weg durch das Land und verweilte lange in der steinigen Gegend, wo die jungen Kastanien wuchsen.

Am andern Morgen ward er todt am Rande jenes Waldes gefunden. Man sah keine Wunde und keine Spur von Gewalt; nur als man ernstlich suchte, fand man 187 mehrere kleine Löchlein wie von feinen Zähnchen an seinen Händen. Und ward darnach festgestellt, dass er an giftigen Schlangenbissen verstorben sei.

Die Geistlichkeit aber beschloss nach kurzer Berathung, er sei einem Unglück zum Opfer gefallen und dürfe ein ehrlich Begräbniss ihm nicht verweigert werden. Auch habe er das Vermächtniss ersichtlich bei gutem Verstande geschrieben, sei daher die Rechtsgültigkeit anzuerkennen und alles getreulich nach seinen Satzungen auszuführen.

Nur habe sich um des Schicklichen willen die Geistlichkeit selbst etwas mehr seitab zu halten, so etliche hundert Schritt vor und hinter dem Sarge, um den allzu heftigen Spottunfug mit Augen nicht sehen zu müssen. Glockenläuten und Orgelspiel dürfe nicht völlig unterlassen werden, jedoch sollten es die Küster so leise thun und gleichsam nur andeutungsweise, dass es der Todte nicht hören könne und auch niemand sonst. Ingleichen sollen die Geistlichen selbst ihre Gebete und Gesänge so leise thun, dass sie von der weltlichen Musik so ziemlich übertäubt werden.

188 Nach diesen Vorschriften ward alles vollbracht. In fröhlichstem Pompe wurde der offene Sarg durch das Land geführt; eine ungeheure Fülle von Festtheilnehmern begleitete ihn. Denn es hatte sich das Gerücht von der Seltsamkeit schnell bis nach Bozen hin, ja, über das ganze deutschredende Etschland verbreitet, so dass Neugierige und Genussfrohe von allen Seiten kamen; und kam ein Jeder in seinem Festkleide, auch die Bauern alle in ihrem Sonntagsstaat, je nach der besonderen Tracht ihres Thales.

Und jeglicher Mann trug einen Kranz von Weinlaub um die Stirn und über der Brust, dazu mächtige Zweige oder schier junge Bäume in den Händen, so dass von ferne der Zug aussah, wie ein lang hinwandelnder Wald oder Weinberg. Ueberschwenglich war die Pracht der Gewänder bei den Herren selbst, denn es hatte jeder sein bestes gethan, den Todten zu ehren. Das ganze fröhliche Land hallte wider von unerschöpflichem Gelächter und Freudenklang. Die Berge warfen das Schmettern der Musik vieltönig zurück und nahmen also Theil an der Heiterkeit des Tages.

189 Zuletzt ward im Saale von Schloss Korb das Tanzfest gerichtet und der grosse Schmaus. Es war aber die Zahl der Gäste so gross, dass der Saal sie bei weitem nicht fassen konnte und nicht einmal alle Räume des Hauses; man musste auch den Garten noch zu Hilfe nehmen mit seinen Lauben und schattigen Plätzen. Deshalb schob man den Sarg an eine Stelle am Fenster, wo der Todte die Fröhlichkeit zugleich im Saale und im Garten übersehen könnte. Es war aber manchem auch lieber, dass er solcherart nicht mehr die Mitte des Saales hielt, denn es schien doch seltsam, so um einen offenen Sarg hin immer den Reigen zu schlingen.

So aber, wie er bei Seite stand, störte er bald keinen mehr. Und es geschah auch, dass einer und der andere seine Weinranke darüber legte, um ihn zu ehren, und Blumen und Kränze in überreicher Fülle: und so ward er allmählich ganz überdeckt, als sei er versunken in einem Meere von Blumen. Und zu guterletzt pflanzten sich wie von selbst die jungen Bäume und hohen Zweige um ihn her; und so lag er verborgen wie in der Tiefe eines einsamen Waldes.

190 Um den vergessenen Leichnam her aber hallte und schmetterte die ungeheure Freude des tobenden Lebens. Es war wie ein Rasen, das die Leute gefasst hatte; sie tanzten und lachten und zechten und küssten mit so übermächtigem Eifer, als ob sie alle fürchteten, es sei auch ihnen heute der letzte Tag des Geniessens gekommen. Und war auch kein Unterschied mehr zwischen hoch und niedrig, zwischen Bauer und Städter und Edelmann noch selbst zwischen weltlichen und geistlichen Männern. Ein Jubel ohnegleichen vereinte alles Volk wie niemals früher.

Und als der Abend kam, wurden Schüsse abgefeuert auf allen Hügeln umher, und der Widerhall wachgerufen von allen Felsen und Bergen. Und als es ganz dunkel war, ging Feuerwerk auf mit Prasseln und Sprühen. Raketen stiegen zu hunderten empor gegen den Himmel und verstreuten hoch oben ihre blitzenden Sterne, die leise in die Nacht versanken, als ob die ruhigen Himmelslichter diese lockeren Fünkchen freundlich aufnähmen in ihre Zahl.

Und als die Mitternacht kam, vergass man des Todten; es war auch nicht einer, 191 der dessen gedacht hätte. Sie tanzten weiter in allem Glanze und küssten und lachten bis an den Morgen.

Doch als endlich das bleiche Frühlicht voller sich breitete und die Flämmchen der Kerzen und Fackeln langsam erdrückte, da legte sich langsam ein schleichender Schreck über alle Herzen. Die Musik vertönte und die Freude starb hin.

Und jäh einfallend liess sich ein geistlicher Gesang vernehmen, der scholl dumpf und schaurig in all die schillernde, verstummte Pracht; und ferne Glocken läuteten mit leisem Wimmern den Morgen ein.

Da mischte sich ein weites Schluchzen in das dunkle Getön und ein brünstiges Klagen aus tausend Kehlen. Die wildesten Tänzer knieten und beteten, und war kaum einer, der sich nicht zerknirscht hätte in Beben und Busse.

Jetzt gedachte man auch des Todten und that das Laubwerk beiseite, um ihn endlich zu bestatten. Und eben, als man die arme Gestalt von dem letzten Grün entblösste, war die Sonne hinaufgestiegen in ihrer Herrlichkeit.

192 Und plötzlich erhallte ein neuer Wehruf aus der weiten Menge. Denn alle sahen, dass der Todte nicht mehr allein war: neben ihm ruhte, die Arme fest um seinen Hals geschlungen, die bleiche Gestalt eines jungen Weibes in schneeweissem Leichenkleide; mit den Rosen mischte sich rothes Blut auf ihrem Gewande. Sie war todt wie er; es war sie, die man vor einigen Tagen als Braut gefeiert hatte. Niemand hatte sie zuvor auf diesem Feste gesehen, niemand wusste, wann sie gekommen war.

So beging sie hier eine andere Hochzeit mit einem anderen Bräutigam. Und die Morgensonne goss ihren Schein auf die stillen Gesichter, die bleich in der Fülle der Blumen ruhten. 193

 

 

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