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Bozener Märchen und Mären

Hans Hoffmann: Bozener Märchen und Mären - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBozener Märchen und Mären
authorHans Hoffmann
year1896
firstpub1896
publisherA. G. Liebeskind
addressLeipzig
titleBozener Märchen und Mären
pages224
created20141214
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wasser!

Ein Weinmärchen.

Ein deutscher Mann studierteren Standes, Namens Walther Vogel, machte mit der jungen Gattin Marianne seine Hochzeitsreise nach Tirol, und da es schon gegen den Herbst ging, fuhr er gleich über den Brenner und ein Stück den Eisack hinab, bis er Weinberge sah und daraus den Schluss zog, dass hier eine warme Sonne scheine und auch ein guter Tropfen um ein Billiges werde zu haben sein. Denn er war von Natur ein Feind jedes Umsturzes und gedachte die Sitten seiner Junggesellentage in der Ehe wohl zu reformiren, aber nicht zu 4 revolutioniren; so betrachtete er die Reise als die schickliche Gelegenheit für einen vorsichtigen Uebergang zu mehrerer Enthaltsamkeit. Marianne aber freute sich auf die süssen Trauben.

Als man sich Bozen, dem Mittelpunkte des tirolischen Weinbaues und Weinhandels, schon näherte, trieb doch die Gewissenhaftigkeit, einen Umweg über die Berge zu nehmen und der echten Höhenluft mit Fernsicht die gebührende Ehre zu erweisen. Man stieg von Waidbruck auf den Schlern, bewunderte die weit aufgethane Gebirgswelt und Nachts den gewaltigen Sternenhimmel und wanderte dann weiter auf dieser grossen Kammhöhe in die ungeheuren Felszackenwildnisse des Rosengartengebirges hinein; denn die junge Frau war eine handfeste kleine Person und hatte tüchtige Bergschuhe. Von diesen kahlen Höhen sah man das Bozener Weingelände schon lockend heraufschimmern, und man machte denn endlich, dass man da hinunterkam.

Als man Abends da war und im »Stiegl« sich einquartirt hatte, war die Frau sehr müde und der Mann sehr durstig; das ist 5 beides zu begreifen. Jedes ehrte duldsam das Bedürfniss des Andern und folgte dem eigenen; Marianne ging zu Bett, und Walther erklärte, seinen Kraftüberschuss noch zu einem Spaziergang im Mondschein verwerthen zu wollen. Es stand in der That der lieblichste Vollmond am wolkenlosen Himmel.

Er ging auch in den »Mondschein« ebenso in die »Löwengrube«, in den »Zallinger Buschen«, in das »Torggelhaus« am Obstplatz, in die »blaue Taube«, in die Schwemme der »Kaiserkrone« und zuletzt ins »Batzenhäusl« , überall probeweise je ein Viertelchen geniessend. Hier waren wie gewöhnlich trinkbare Reisende aus dem Reich versammelt, und es gingen viele lehrsame Gespräche über Land und Leute, Geschichte und Sage, Gesteine und Weine über den Tisch hin und her.

Am Ende aber wurden diese starken Männer doch auch müde und suchten ihre Lagerstätten. – Walther Vogel aber empfand nun erst recht noch eine Sehnsucht, die Klarheit des Mondlichts mit fühlender Brust zu geniessen. Doch geschah es ihm wie 6 manchen Leuten, wenn sie etwas reichlich getrunken haben, dass sie von der dunklen Sorge gefoltert werden, sie möchten beim Nachhausegehen vor Durst verschmachten; er liess sich deshalb die leichte, doch geräumige Kürbisflasche, die er umgeschnallt trug, noch mit gutem Magdalener füllen und wagte sich so ausgerüstet in die offene Leere des Mondscheins hinaus.

Er war der letzte Mensch in den Gassen; nicht einmal ein Nachtwächter verunzierte die schöne Einsamkeit. Die alterthümlichen Häuser mit ihren Erkern und den seltsamen Dachhauben schienen selbst zu schlafen, eine träumerische Ruhe überlagerte die Plätze, die am Tage so heiter voll Lärm und voll Leben sind. Auch die Luft war ganz unbewegt und lautlos; der einzige Ton, der immer gleichmässig vernehmbar blieb, war das unterirdische Rauschen der verdeckten Kanäle, die das hurtige Wasser des Talferflusses durch die Stadt leiten. Dieses Rauschen hatte etwas wunderlich Geheimnissvolles wie ein dunkles Gemurmel; und auch aus den finstern Hallen hinter den hellbeglänzten Pfeilern der Laubengasse schienen allerlei stumme 7 Geheimnisse zu hauchen. Hoch hinein in die Gasse aber leuchtete aus silberner Ferne das grosse Wunder der Rosengartenkette mit ihrem phantastischen Zackengewirre und dem doch in herrlicher Klarheit gegliederten Aufbau.

Der empfindende Nachtschwärmer trat nun hinaus auf den breiten Johannsplatz, der recht einem freundlichen Festraume gleicht. Er fühlte sich gleichsam eingeladen, setzte sich an einen der Tische vor Kräutner's Gasthof, die man draussen hatte stehen lassen, stellte seine Kürbisflasche und seinen Reisebecher darauf und hub leise wieder an zu zechen. Denn der Mondschein kam hier wirklich zu wundervoller Geltung, und in der warmen Nachtluft war's überaus lieblich zu weilen.

In der Mitte des Platzes steht über einem plätschernden Brunnen das hohe Bild Walther's von der Vogelweide. Die Mondesstrahlen flossen an dem weissen Marmor hernieder mit leisem Spiel und blinkten an den Wassersäulchen kräftiger auf; fast schien ein still athmendes Leben in der Gestalt zu erwachen. Ja, so stark wurde für Augenblicke diese Täuschung, dass dem einsamen 8 Beschauer etwas wie ein gelindes Grauen den Rücken hinablief.

Solchen Unfug darf man natürlich nicht aufkommen lassen.

»Prosit, alter Bursche!« rief er, seinen Becher erhebend, mit lauter Stimme dem steinernen Manne entgegen. »Uebrigens finde ich es nicht hübsch von dir, dass du mir so andauernd den Rücken zukehrst. Dass du tagsüber gerne nach dem Bahnhof hinsiehst und die ankommenden Fremden deiner Kritik unterwirfst, finde ich ganz begreiflich; jetzt aber, wo wir hübsch unter uns sind, könntest du das anständiger Weise doch anders einrichten.«

Kaum hatte er dies gesprochen und dazu ein kräftiges Schlückchen genommen, als er schaudernd bemerkte, wie die weisse Gestalt sich plötzlich verdoppelte und ganz unzweifelhaft zwei Marmorbilder neben einander den Brunnen zierten. Anfangs schienen die beiden sich vollkommen zu gleichen, bald aber ward ihm ersichtlich, dass vielmehr das eine wie zuvor ihm den Rücken, das andere aber das Gesicht und die ganze Vorderseite zugekehrt hielt.

9 Mit dumpfem Entsetzen starrte er auf die unerhörte optische Erscheinung. Doch in der That verging diese unter seinem schärfer gespannten Blicke, indem er versuchsweise ein Auge zukniff, und die Figur war wieder einfach; aber trotzdem konnte sein Schauder nicht weichen, denn er sah mit zweifelloser Deutlichkeit: sie kehrte ihm das Gesicht zu. Sie hatte sich also umgedreht.

Eiskalt lief es ihm über alle Glieder. Doch, ehe er sich erholt hatte, verspürte er eine neue seltsame Naturerscheinung an seinem eigenen Leibe. Er hatte ein leises, schwindelartiges, nicht ganz unangenehmes Gefühl, als ob er, von einem unsichtbaren weichen Netze umstrickt, langsam vorwärts und weiter auf den offenen Platz hinaus gezerrt würde.

Aufschreckend griff er nach der Lehne seiner Bank, allein vergebens, denn auch diese und zugleich der Tisch war mit ihm so in sanft schwebender Bewegung nach vorwärts. Es blieb gar kein Zweifel, er kam dem marmornen Walther von der Vogelweide immer näher und näher und konnte seine schönen, ernsten Gesichtszüge immer klarer unterscheiden.

10 Jetzt ergriff ihn eine Angst, jener Krankheit ähnlich, die man die Platzscheu nennt; er fühlte sich grenzenlos unsicher und haltlos auf dem weiten Raume, und eine tiefe Sehnsucht quälte ihn nach den festen Mauern der umgebenden Häuser. Allein er war unfähig, sich zu erheben und dorthin zu entfliehen; seine Füsse klebten trotz jenes Schwebens an dem Fussboden fest. So blieb ihm nichts übrig, als sich scharf an die Bank zu klammern und sein Schicksal zu erwarten.

11 Jetzt war er dem gespenstischen Marmorbilde endlich so nahe, dass er ihm hätte die Hand reichen können. In gesteigerter Angst griff er nach seinem Glas und versuchte einen Schluck zu thun. Doch siehe, der Becher entglitt ihm sänftlich aus den Fingern und schwebte langsam, wie von den Mondstrahlen getragen, dem marmornen Antlitz entgegen, bis er die Mundhöhe erreicht hatte. Dann plötzlich hielt der verwirrte Zecher ihn wieder zwischen den Fingern, jedoch leer bis auf die Nagelprobe.

Jetzt aber kam wirklich Leben in das Bild. Eine leichte Röthe überzog die weissen Wangen und Lippen, die Wimpern zwinkerten leise, und den Mund schien ein stilles Verlangen zu schwellen. Da fasste der Zecher einen ungeheueren Entschluss; er goss das Glas wieder voll und hob es hoch dem Bilde entgegen. Die marmornen Finger zuckten und arbeiteten, vermochten aber noch nicht sich zu lösen und zu heben. Der Becher schwebte noch einmal von selbst an die Lippen. Allein sobald er geleert war, kam Bewegung in den steinernen Arm; der ergriff das Gefäss und reichte es dem Geber zurück, sogar 12 schon mit einer zarten Gebärde, die verständlich einen höflichen Dank ausdrückte. Ja, die Marmorhand griff zu, schenkte ein, hob auf und trank zum dritten Mal.

Nunmehr war die völlige Belebung erzielt; die Gestalt machte einige kräftige Reckbewegungen mit den Armen, knickste und schlenkerte ein wenig mit den Beinen, und dann that sie einen Ruck und stand nicht mehr, sondern sass auf ihrem Sockel, nur nicht in jener Stellung, wie sie beschrieben ist:

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange –

sondern ganz einfach mit den Beinen baumelnd und die Daumen um einander drehend. Seine Färbung war inzwischen noch kräftiger geworden, nur nicht völlig naturalistisch, sondern etwa in jener zarten goldbraunen Tönung, wie sie manchen antiken Statuen im Laufe der Jahrhunderte eigen geworden ist.

»Walther von der Vogelweide,« stellte er sich vor mit einer leichten Verbeugung.

»Walther Vogel,« stotterte der Andere.

13 »Sieh, sieh,« sagte der Marmorne, »das ist ja so eine Art Verkleinerungs- oder Koseform meines Namens. Freut mich um so mehr, einen Vetter zu begrüssen. Sie sind fremd hier, wie mir scheint. Wie gefällt Ihnen Bozen?«

»Ausgezeichnet,« antwortete Jener, der etwas Muth fasste, »zwar bin ich heute Abend erst angekommen, habe aber schon ziemlich viel genossen.«

»Da werden Sie mit der Zeit sehr viel mehr noch geniessen,« sprach der von der Vogelweide freundlich.

»Ich glaube auch,« meinte Vogel etwas schüchtern.

»Es ist ein allerliebstes Städtchen,« fuhr Jener fort, »und die Gegend einfach entzückend. Ich habe meiner Zeit viel von der Welt gesehen, von Paris bis Jerusalem, aber kaum etwas Schöneres. Ich bin recht zufrieden, dass man mich gerade hierher gesetzt hat, obgleich ich dies Vergnügen vielleicht einem Irrthum verdanke.«

»Wieso?« fragte Vogel bescheiden.

»Ich bin nach Lachmann gar kein Tiroler von Geburt, wie man annahm,« versetzte der 14 Vogelweider, »die Gelehrten werden es aber niemals herausbringen, wo ich eigentlich geboren bin. Und das ist auch recht gut so. Denn ein Dichter wie ich gehört ganz Deutschland an, ist gleichsam überall geboren, wo immer die deutsche Zunge klingt. Aehnlich ist es doch auch mit meinem grösseren Nachfolger Goethe. Das heutige Geschlecht nimmt ja noch allgemein an, er sei in Frankfurt zur Welt gekommen; wartet aber nur ein halbes Jahrtausend, so wird man mit Leichtigkeit beweisen, dass dies ein Irrthum ist. Er ist eben ein Kind aller deutschen Stämme zugleich, keineswegs bloss der Franken vom Rhein und Main: selbst wenn einer behauptete, der Goethe und ich wären in Mecklenburg oder Pommern geboren, thäte er uns kein Unrecht: einzig in Berlin und in Potsdam, glaube ich, sind wir beide fast gar nicht geboren. Dass man mich aber hierher in die letzte deutsche Stadt vor der welschen Grenze gesetzt hat, war ein äusserst vernünftiger Gedanke; nur wäre ich an mancher anderen Stelle vielleicht noch viel nöthiger, in Böhmen und in Posen zum Beispiel, am meisten in Berlin natürlich, 15 um da die französelnden Poeten zu Paaren zu treiben.«

»Wie denken Sie über ein Heine-Denkmal in Mainz?« fragte Vogel neugierig.

»Ich kenne ihn zu wenig,« gestand der von der Vogelweide, »ist er nicht ein arger Franzosenfresser gewesen? Mir dämmert so etwas auf. Das ist mein Geschmack nun gerade auch nicht; aber es ist doch immer noch besser als das Treiben der dummen Kerle, die wie die kleinen Kinder sich von den paar blinkenden Vorzügen der Franzosen so verblüffen lassen, dass sie sich selbst daneben verachten und in ihren Landsleuten beschimpfen. So lange es solche Burschen gibt, ist es immer von Werth, nahe der westlichen Grenze so ein Trutzdenkmal für das geistige Deutschthum aufzustellen als Ergänzung zu dem kriegerischen Niederwalddenkmal. Uebrigens ist ja Mainz auch eine prächtige Stadt, und was den Wein betrifft, so ist das ebenfalls keine üble Gegend.«

»Ich glaube doch, Sie sind über Heine ein wenig im Unklaren,« bemerkte Vogel kopfschüttelnd, »auch für den Wein hat er wohl kaum ein rechtes Herz gehabt. Wissen 16 Sie nicht, was Treitschke von ihm sagt? ›War er doch schlechthin der einzige unserer Lyriker, der niemals ein Trinklied gedichtet hat; sein Himmel hing voll von Mandeltorten, Goldbörsen und Strassendirnen, nach Germanenart zu zechen vermochte der Orientale nicht.‹ Was sagen Sie dazu? Verdient Einer ein Nationaldenkmal, der nicht einmal zechen kann?«

Der von der Vogelweide zeigte eine leichte Verlegenheit.

»Trinklieder habe ich allerdings auch keine gedichtet,« bekannte er zögernd, »es ist heute das erste Mal, dass ich mir dieser klaffenden Lücke bewusst werde. Ich bemerke mit Schrecken, dass ich sogar einmal gesagt habe:

Er hat nicht wohl getrunken, der sich übertrinket.
Wie ziemt dem biedern Mann, dass ihm die Zunge hinket?

– Nebenbei bemerkt, mein lieber Herr Vogel, Sie haben einen kleinen Fehler in der Aussprache, eine gewisse Schwerfälligkeit der Zunge; Sie sollten einmal mit einem Arzte sprechen, ob sich die nicht besser lösen lässt. Oder liegt das vielleicht nur in der Härte des modernen Hochdeutsch? Doch 17 das nur beiher, es fiel mir nur so grade dabei ein. – Ein andermal sage ich:

Ich trinke gerne, wo den Wein mit Mass man schenket –

Aber sagen Sie, lässt sich gegen diesen Satz eigentlich wohl etwas Stichhaltiges einwenden? Ich meine natürlich theoretisch betrachtet.«

»Theoretisch, nein,« beeilte sich Vogel zu versichern, »hingegen in der Praxis – vielmehr streng genommen lässt sich die Ausnahme auch theoretisch begründen. Ganz einfach, indem man Ihre Vorschrift des Masshaltens auch auf die Mässigkeit selbst anwendet: und das ist doch nichts weiter als consequent und die simpelste Logik. Wer masslos mässig ist in irgend einem Thun, also etwa im Trinken, der ist eben ein unmässiger Mensch, das ist klar wie alter Muskateller. Wer beispielsweise ein grosses Freudenfest kaltherzig an sich vorübergehen lässt, ohne mal kräftig über die Stränge zu schlagen, sagen wir den Tag der Siegesnachricht von Sedan oder die Denkmalsenthüllung Walther's von der Vogelweide, oder Bismarck's achtzigsten Geburtstag, oder wenn man ganz wider Erwarten sein Examen 18 bestanden hat, oder das Wiedersehen mit einem lieben Freunde, oder das Erwachen einer neuen Liebe, oder den Tag der Ankunft in einem Weinlande – wer in solchen Fällen nicht Mass zu halten weiss in der Mässigkeit, der ist ein unlogischer Kopf und ein inconsequenter Charakter, und solche Leute nennen wir Philister, Duckmäuser, Kameele, Spiessbürger, Nachtmützen oder hängen sonst ein schmutzig Beiwort an ihre Namen. Das ist eben germanisch.«

Als er dieses gesprochen und sich dabei ein wenig in Hitze geredet hatte, sprang Walther von der Vogelweide jählings mit einem echt tirolischen Juchzer von seinem Sockel, griff freudig nach dem Becher, leerte ihn gründlich und rief mit einem herzlichen Händedruck feierlich:

»Walther, nenne mich Du!«

Und nachdem sie die Arme verschränkt und Brüderschaft getrunken hatten, fuhr er heiter fort, indem er auf der Tischkante Platz nahm:

»Dieser Deiner Regel haben zu meiner Zeit alle Bessern getreulich nachgelebt, ich nicht am letzten, und wir wussten die 19 Festgelegenheiten immer mit sicherer Findigkeit auszuspüren. Das Unglück war nur, dass wir's theoretisch noch nicht zu formuliren verstanden. Hätten wir Deine tiefsinnige Formel schon gehabt, so würde ich ohne jeden Zweifel das volksmässige Trinklied, das seit germanischer Urzeit bestand, als der Erste in die Literatur eingeführt haben; wieviel fülliger wäre dann mein Ruhm! So aber muss ich leider bekennen, dass ich trotz meiner sonstigen Selbständigkeit in diesem Punkte doch der Mode gewichen bin und nach französischer Art ein wenig zu viel von Minne und viel zu wenig vom Trinken gesungen habe. So kann ich denn auch die Strafe, die mich erreicht hat, nicht mehr so ganz ungerecht finden trotz ihrer fast raffinirten Härte: dass man mich nämlich in einem Weinlande vom Range Bozens auf einen Wasserbrunnen gesetzt hat.«

»Eine unbeschreibliche Härte!« bestätigte Vogel nicht ohne tiefen Schauder.

»Nicht wahr?« sagte der Vogelweider beinahe weinerlich, »und es rinnt, es rinnt immerfort, dieses Wasser, vom Morgen zum Abend und vom Abend zum Morgen, es 20 rinnt, es rinnt. Und dabei zu wissen, dass im allernächsten Umkreise an den verschiedensten Stellen ein trefflicher Wein verzapft wird, der so wohlfeil ist, dass sogar ein deutscher Dichter ihn erschwingen kann – Du hast vom Bozener doch wohl schon gekostet?«

»Gekostet, ja,« sagte Vogel lässig.

»Nun? Und?« fragte der Marmorne.

»Es ist eine Sache!« urtheilte Jener mit tiefer Ueberzeugung. »Ich kann nur sagen: eins ist sehr schade, dass die Fracht nach Norddeutschland und der Zoll so hoch ist; ausserdem soll sich freilich der Wein auch nicht so gut halten.«

Walther von der Vogelweide heftete einen scharfen, forschenden, doch nicht unfreundlichen Blick auf ihn.

»Hast Du schon einmal tausendjährigen Wein gekostet?« fragte er dann plötzlich nach einem längeren Schweigen.

»Nein, das wahrhaftig nicht!« rief Vogel erstaunt, »dreihundertjährigen Rheinwein aus der Rose im Bremer Rathskeller, das war das Aeusserste, und der ist schon gar nicht mehr süffig. Uebrigens pumpen sie ihn ja auch immer wieder neu auf, vom ersten 21 Jahrgang werden kaum noch ein paar Tropfen dabei sein.«

»Das ist ein unsolides Verfahren,« bemerkte der Marmorne, »aber hättest Du Lust, einmal tausendjährigen Bozener zu versuchen, der niemals aufgepumpt wird und verteufelt süffig ist?«

»Und ob ich Lust habe! Welch' eine Frage!« entgegnete Vogel mit mildem Vorwurf.

»Aber auch Muth?« forschte Jener ernst.

»Auch Muth,« versicherte Vogel, gleichfalls mit schönem Ernst.

»Es wird aber ein bischen unterirdisch,« flüsterte der Marmorne warnend.

»Natürlich, Keller sind allemal unterirdisch,« warf Vogel leicht hin, doch nicht ganz ohne einen geheimen inneren Schauder.

»Aber sehr viel unterirdischer!« betonte der Vogelweider.

»Macht nichts,« brummte der Andere, »an Hölle und Teufel glaubt man heute nicht mehr, und schliesslich hat Virgil den Dante auch da glücklich durchbugsirt.«

»So schlimm wird es in der That nicht,« beruhigte der Dichter, »die christlichen 22 Teufel wohnen mehrere Stockwerke tiefer, als wohin wir gelangen, denn das ist die allerniederträchtigste Sorte, gegen die alle heidnischen Dämonen klassischer wie germanischer Abkunft nur schüchterne Waisenknaben sind. An sich betrachtet freilich sind die auch ein ganz hanebüchnes Geschlecht.«

»Und da sollen wir hin?« fragte Vogel, nun doch schon leise verängstigt.

»Es ist etwa an dem,« bestätigte der Marmorne, »Du kennst die Geschichte vom Zwergkönig Laurin und seinem wunderbaren Rosengarten, in welchem er die schöne Similde gefangen hielt?«

»Ich sollte wohl meinen,« versicherte Vogel.

»Laurin hatte einen Ring und einen Gürtel,« so erzählte der Dichter, »deren jeder ihm die Stärke von zwölf Männern verlieh, das macht zusammen vierundzwanzig, dazu eine Kappe, die ihn unsichtbar machte. Aber Dietrich von Bern kam mit seinen Recken und besiegte ihn endlich doch, ihn und alle seine Riesen und Zwerge, die für ihn stritten, trotz des trügerischen Friedensmahls, wo die 23 Helden hinterlistig durch einen Zaubertrank betäubt wurden. Und der Garten ward zerstampft und die Jungfrau befreit. Aber Mühe und Gefahr hat es selbst dem grossen Berner gekostet, und es hing an einem Haare, so wäre er doch unterlegen.«

»Ich weiss, ich weiss,« unterbrach ihn Vogel etwas ungeduldig.

»Nun gut,« sprach der Vogelweider ruhig, »diese Dinge sind geschehen vor reichlich tausend Jahren. Und der Garten ist tief in den Berg versenkt, der jetzt nach ihm der Rosengarten heisst, und ist eingerichtet zu einer grossartigen Kellerei: und die wollen wir jetzt besuchen und zusehen, ob wir mit Laurin und seinem Gesinde fertig werden können.«

»Sind die jetzt unschädlich?« fragte Vogel bedeutsam.

»Das kann man nicht behaupten,« beschied ihn der Marmorne, »sie sind solide bei Kräften. Allein ich denke, zwei Männer wie Du und ich: Du sagtest, Du habest Muth –«

»Hab ich!« knurrte Jener. »Indessen ein Haufe Kerls von so und so viel Pferdekraft, das ist doch immer misslich. Sind denn 24 wenigstens die gothischen Helden noch da, die uns als Landsleute ihren Beistand leisten könnten? Ich stamme nämlich von der Ostsee, wo die Gothen ursprünglich sassen.«

»Nein, die sind ja doch als Sieger von dannen gezogen,« sprach achselzuckend der Dichter, »und die schöne Similde ist freilich auch nicht mehr da, aber statt ihrer weilt jetzt dort eine Andere, und diese zwar eine Specialität ersten Ranges: nämlich nichts Geringeres als das schönste Weib der Erde.«

»Von allen, die leben?« fragte Vogel hoch aufhorchend.

»Von allen, die leben und je gelebt haben,« sprach der Vogelweider feierlich. »Und ihrer Hülfe sind wir zuletzt sicher, wenn wir etwa wirklich Anfangs unterliegen sollten. Sie hat von der Similde den Zauberring geerbt, der alle Thüren öffnet; was wollen wir mehr? – Ich kann mir nicht denken, dass Du jetzt noch zögern magst. Das schönste Weib der Erde! Ich kann Dir nur sagen,

Du wirst an ihrem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn.

Und dazu tausendjähriger Wein. Ich meine, das muss genügen.«

25 »In der That,« erwiderte Vogel in lebhafter Erregung, »für meine Person genügt das vollauf, und ich würde zu jedem Wagniss bereit sein: nur bin ich nicht ganz sicher, ob meine kleine Frau mit dem Abenteuer recht wird einverstanden sein – den Inbegriff von allen Himmeln, hm! – ich habe sie heute ohnehin schon ein bisschen lange warten lassen.«

»Ja, wenn Du so unterm Pantoffel stehst, Bruder,« sagte der von der Vogelweide mit leisem, aber doch sehr empfindlichem Spotte, »in diesem Punkte haben wir zu unserer Zeit trotz all' unserm Minnegesäusel uns doch immer einen breiteren Spielraum gewahrt. Uebrigens ist es bis zum Sonnenaufgang noch ziemlich weit, und den wirst Du doch wenigstens abwarten wollen. Für alle Fälle bietet so ein Naturschauspiel einen prächtigen Vorwand. Doch da fällt mir ein: in den Tiefen des Rosengartens harren Deiner hochinteressante und wissenschaftlich bedeutsame Aufschlüsse über gewisse Urwurzeln altgermanischer Sagenbildung, wie sie bisher noch von keinem Gelehrten erkannt und blossgelegt worden sind. Vor dem Ernste 26 der Wissenschaft aber muss, wie Du weisst, jede Rücksicht auch auf die liebenswertheste Gattin zurückstehen, und sie selbst wird diesem Zauberworte sich bedingungslos beugen. Mulier taceat in ecclesia. Gegen Wein und Schönheit mag sie die Fackel ihres Zornes schwingen, vor dem Ruhme und der Wissenschaft muss sie erbleichen. Bist Du anderer Meinung, so heisse ich Dich mit Deinen eigenen Worten einen Philister, einen Duckmäuser, ein Kameel, eine Nachtmütze, ja einen Frosch.«

Vogel war überwunden.

»Nun denn, es sei – um der Wissenschaft willen,« sagte er tiefernst, »ich stehe zur Verfügung.«

»Nun, dann also los!« sagte Walther von der Vogelweide.

Und er schlug seinen weiten weissen Mantel um ihn, der die beiden Männer gänzlich umhüllte.

Im gleichen Augenblicke hatte Vogel ein Gefühl, als ob er Caroussel führe oder richtiger in einer russischen Schaukel, denn es war eine mehr lothrechte Kreisbewegung; doch seltsamer Weise schwebte er trotz alles 27 Kreisens immer nur aufwärts und weiter, niemals zurück und wieder in die Tiefe. Und als er sich an den anfänglichen Schwindel ein wenig gewöhnt hatte, sah er, oder glaubte er zu sehen, dass er in Wahrheit vollkommen unbewegt in der freien Luft ruhte, dass aber das mondbeschienene Rosengartengebirge langsam und in ungeheurer Majestät auf ihn zu und näher und näher geschwebt kam.

Das war ein Anblick voll erhabenen Entsetzens. Immer deutlicher zeichneten sich die riesigen Felsmassen, die jähen Zacken und Thürme, die eingerissenen Schluchten, die senkrecht abstürzenden glatten oder narbigen Wände; und ehe er sich's versah, löste sich die geschlossene Kette vor seinen Augen mehr und mehr auf in ihre einzelnen Riesenglieder, und diese verworrenen Steinklumpengebilde, Kuppen, Klötze und Spitzen schoben sich in gelassenem Gleiten rund um ihn her, bis sie endlich stillstanden und er sich ruhend in der gewaltigsten Bergeinöde befand, die mit Felstrümmern übersät und hie und da von streifigen Schneeflecken bedeckt war.

28 Grade vor seinen Füssen aber schimmerte im Mondlicht ein ganz kleiner See, in dessen glasklarem Wasser sich die wilden Berggestalten ringsumher mit so scharfen Linien und Farben spiegelten, dass er meinte, da in einen unergründlich tiefen Kessel hinabzuschauen, und darob von einem schweren Schwindel überwältigt ward.

»Hier ist die Stätte,« sprach der von der Vogelweide dumpf. »Also, ich bitte sehr – hopp!«

Und Vogel fühlte einen starken Ruck, und es gab einen Plumps, und er sank in das Wasser. Und er sank sehr lange, gewiss mehrere Minuten, in unendliche Tiefen. Aber es war ein angenehmes, fast beruhigendes Gleiten, nicht wie durch eiskaltes Wasser, sondern eher wie durch einen molligen, lockeren und wohlriechenden Kuchenteig.

Endlich gab es wieder einen ziemlich harten Ruck, und er stand auf festem, steinigem Grunde. Als er sich aber ermannte und die Augen zum Umschauen aufthat, sah er mit gewaltigem Staunen, dass er sich genau an derselben Stelle befand, von der aus er ins Wasser gesprungen war: den See vor 29 seinen Füssen und die mächtigen Felsgebilde rings um sich her, Alles im flimmernden Mondschein und schaurig zu sehen.

Doch allmälig bemerkte er, dass sich etwas veränderte. Nebel stiegen aus dem Wasser, huschten hin und her, zertheilten sich in Streifen, ballten sich in Klumpen und klommen an den Felsen beweglich hinauf und hinab wie spielende Luftgeister. Und zugleich erklang eine wundersame Musik von allen Seiten, gedämpften Schalles und doch dröhnend und gewaltig; das hörte sich an wie ein Rieseln und Plätschern und Rauschen und Brausen von tausend rinnenden Quellen. Und manchmal ein Paukenschlag dazwischen wie von stürzendem Gestein.

Und unter dieser Musik verwandelten mit den lustigen Nebeln zugleich auch die Felsen ihre Gestalten. Sie formten sich langsam aus ihrer Wirrniss zu geordneten Gebilden; gegliederte Pfeiler reihten sich an Pfeiler, feste Wände glätteten sich und schoben sich an einander, der See festigte sich zu einem spiegelglatten Estrich, und über dem ganzen klar durchgestalteten Raume wölbte sich eine mächtige Kuppel von bläulich dunkler 30 Färbung, mit wenigen mattschimmernden Goldpünktchen übersprengt.

Indem er den so erwachsenen grossartigen Saal mit immer neuer Verwunderung übermusterte, entdeckte er je zwischen den Pfeilern gewisse runde, derbe, dicke, bauchige Gebilde, die sich bei näherer Betrachtung als gar nichts Anderes denn als richtige Fässer erwiesen, allerdings nicht aus Holz gefügt, sondern aus röthlich-grauem Dolomitstein und mit granitenen Dauben gebunden. Merkwürdig war, dass sie zweierlei Grösse hatten, die einen kolossalisch zu Dreimannshöhe aufragend, die andern die Länge eines kleinen Kindes nicht übersteigend.

Eine viel seltsamere Erscheinung aber war die, dass sie bei flüchtigerem Hinblicken erkennbare Gesichter hatten, gluthfunkelnde Augen, kupferrothe Nasen und höchst kriegerische Schnurrbärte, und zwar das Alles die kleinen noch schlimmer als die grossen: wenn man sie freilich fester und ernster ins Auge fasste, war dies verschwunden und nur die gewöhnliche plumpe Tonnenform sichtbar. Doch war dies Wesen um so unheimlicher, als es immer wieder und wieder auftauchte 31 und nie für längere Zeit aus den Blicken zu bannen war.

Der menschliche Gast war wirklich dadurch recht sehr verängstigt und beklommen, doch sein marmorner Gefährte schlug ihm nunmehr ermunternd auf die Schulter und mahnte freundschaftlich: »Bitte nur zuzugreifen.«

Und da Jener doch zögerte, machte er selbst den Anfang, drehte den Hahn eines der Riesenfässer und liess das rothe Nass in einen Becher aus Bergkrystall fliessen, den er aus irgend einem Winkel geholt hatte.

»Dies ist tausendjähriger Magdalener,« sagte er kredenzend, »sogar noch etwas älter, Jahrgang 814, Todesjahr Karl's des Grossen.«

Vogel trank und that einen Aufschrei beglückten Staunens.

»Herr des Himmels!« murmelte er, fromm emporblickend. »Welches Feuer! Welche Blume!«

Weitere Worte vermochte er nicht mehr hervorzubringen, sondern schlürfte und schlürfte in nur gesteigertem Entzücken.

»Dies ist ein weisser Kreuzbichler von 843 – Vertrag von Verdun – sehr 32 ausgesprochen im Geschmack und besonders fein,« sagte der kundige Dichter und füllte das Glas aus einem andern Fasse.

Vogel trank lautlos und nickte nur begeistert.

»Und hier ein Leitacher, etwas jung, 955 – Schlacht auf dem Lechfelde – aber schon recht gut gelagert; etwas herbe, Lagreinertraube.«

Vogel trank lautlos.

»Muscatellertraube von Sancta Justina; fällt schwer auf die Zunge, 891, Sieg Arnulf's von Kärnthen über die Normannen bei Löwen.«

Vogel trank lautlos.

»Ein Kalterer Seewein – ein weisser Terlaner – ein leichter Traminer Bergwein –« so ging das weiter, und Vogel trank lautlos, nur seine Augen leuchteten immer gerührter.

Endlich waren die grossen Fässer alle durchprobt, und die kleinen kamen an die Reihe.

Der von der Vogelweide nahm ein winziges Krystallgläschen und liess einen goldhellen Trank dahinein rinnen. Vogel kostete bedächtig.

33 »Ah – Schnaps! Cognac!« rief er überrascht.

»Freilich ist's ein Weinschnaps,« bestätigte lächelnd der Dichter; »wenn er aus Frankreich kommt, nennt man ihn Cognac. Aber dieser Tiroler ist auch kein übles Gewächs.«

»Zum Teufel, nein,« rief Vogel mit Feuer, »eine grossartige Sache. Wie Milch, sag' ich bloss. Ja, wirklich, die reine Milch.«

»Aber allerdings für Männer,« bemerkte Walther von der Vogelweide. »Ja, ja, tausend Jahr Lagerung liefern schon etwas Liebliches. Aber willst Du glauben, dass so ein Fässchen zwölf Männer bequem unterkriegt?«

»Glaub' ich! glaub' ich!« erwiderte Vogel mit vergnüglichem Lallen und trank sich von Fässchen zu Fässchen so weiter.

Nun aber begann sich's gewaltig in seiner Seele zu regen; er schlug hinten und vorne aus, wie man zu sagen pflegt. Zunächst umarmte er seinen freundlichen Führer mit tausend Thränen und schwur ihm ewige Freundschaft; dann rollte er eines der Zwergfässer mitten in den Kuppelraum und versuchte darauf zu reiten, fiel aber immer 34 wieder herunter und schlug sich zahlreiche Beulen, ohne das Geringste davon zu merken. Darauf verfiel er eine Zeit lang in ausbündige Schwermuth und klagte sich an, ein verruchter und unseliger Mensch zu sein; und als das überstanden war, bemühte er sich in unsäglicher Heiterkeit, eines der grossen Fässer zu überreden, dass es Brüderschaft mit ihm trinke. Doch als dieses keine Gegenliebe zeigte, kam er in leidenschaftlichen Zorn und warf ihm die schauerlichsten Injurien an den Hahn.

So gerieth er in Kampfstimmung im Allgemeinen und schwoll von ausschweifendem Heldenmuthe.

»Her mit dem Gesinde Laurin's!« rief er mit dröhnender Stimme, »her mit den Riesen und Zwergen, dass ich sie zerschmettere! Her mit dem Rosengarten, dass ich ihn zerstampfe, wie Dietrich's Recken gethan haben!«

Und dabei fuchtelte er mit dem Krystallbecher in der Luft herum, als ob er eine Keule schwänge.

»Riesen her! Zwerge her!« brüllte er noch einmal.

»Da sieht man's wieder,« sagte Walther 35 von der Vogelweide gelassen, »wie schon mein College Goethe bemerkt,

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.

Ja, lieber Freund, seit etlichen Stunden stehst Du im wüthendsten Kampfe mit Laurin's Riesen und Zwergen, hast Dich wacker gehalten, das muss ich zugestehen, aber jetzt, fürchte ich, haben sie Dich doch bald unter – und Du, blinder Prophet, merkst davon gar nichts!«

Verblüfft blickte Vogel ihn an und dann im Kreise umher. Jetzt sah er schärfer denn je die glühfunkelnden Augen, die kriegerischen Schnurrbärte und die kupferrothen Nasen. Da schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, dass es klatschte, und sprach mit fast ehrfurchtsvollem Staunen:

»Das Ei des Columbus! Siehe da die Dämonen unseres deutschen Urmythus!«

»Ja,« sagte Walther von der Vogelweide und ergriff ihn freundlich am Arme, »Du hast in diesem feierlichen Augenblicke die Urwurzel der germanischen Heldensage aufgegraben in der Hand. Geh' hin und verkünde der Welt Deine Erkenntniss, und 36 Dein Ruhm wird unsterblich sein unter Menschen und Germanisten. Seltsam gedankenloses Völkchen, das wir Menschen doch sind, so lange wir dumpf und nüchtern unter den Lebenden wandeln! In der That, nie ist es auch mir bei meinen Lebzeiten eingefallen, nach der tiefen innern Symbolik des Nibelungen- und Siegfriedsmythus zu fragen, und doch ist sie, wie alle Wahrheit, so wundersam einfach. Held Siegfried hat mühelos den Lindwurm erschlagen, das will sagen, das Trinkhorn mit Bier und Meth siegreich bewältigt; jetzt gelangt er vom Niederrhein, wo kein Wein mehr gedeiht, nach Worms, dem Lande der Liebfrauenmilch und andrer edler Marken: die kennt er nicht, er säuft sie wie Bier und muss unterliegen. Ist das klar und überzeugend?«

»Verblüffend klar und einfach!« bekannte Vogel, und der Dichter fuhr fort:

»Die edlen Burgunden hinwiederum sind an Liebfrauenmilch gewöhnt; aber nun kommen sie nach Hunnenland und finden den schweren Tokayer und Oedenberger: dem sind sie nicht gewachsen, sie müssen zu 37 Grunde gehen. Begreifst Du den ganzen Tiefsinn altgermanischer Symbolik?«

»Ich begreife und staune,« versetzte Vogel, und nach einigem Nachsinnen fügte er die Frage hinzu:

»Aber warum muss auch mein Liebling Rüdiger von Bechelaren mit ihnen zu Grunde gehen? Warum in so tragischem Conflict der Pflichten?«

»Rüdiger,« erklärte der Vogelweider, »versinnbildlicht die Tragik eines Mannes, der, beim Ungar herangewachsen, später den Rheinwein kennen lernt: der schmeckt ihm eigentlich noch besser, aber da ihm die feinsten Marken zu kostspielig sind, muss er aus finanzieller Gewissenhaftigkeit sich schliesslich doch, halben Herzens zwar, zum Tokayer zurückwenden. Dieser innere Zwiespalt wird sein Verderben.«

»Gross, tief und erleuchtend!« rief Vogel voll Bewunderung. »Aber wie ist es mit Hildebrand und Hadubrand, dem erschütternden Kampfe zwischen Vater und Sohn?«

»Diese Sage,« versetzte der Dichter, »wurzelt noch enger in Lokalen. Hildebrand, der den Süden vertheidigt gegen seinen 38 Sohn, der von Norden her zurückkehrend gegen ihn andringt, ist die Traminer Rebe, die, aus unserem benachbarten tiroler Tramin nach Norden an Mosel und Rhein verpflanzt, dort trefflich gedeiht und bald den Kampf aufnimmt mit der alten Traube, der sie entstammt. In der ältesten Gestalt unserer Sage besiegt der Vater den Sohn und erschlägt ihn: ein sicherer Beweis, dass der rheinische Traminer es damals mit der Mutterrebe in Tirol noch nicht aufnehmen konnte. Später hat sich die Weinkultur dort beträchtlich gehoben, daher in dem jüngeren Volksliede des sechzehnten Jahrhunderts Hildebrand und Hadubrand, versöhnt und sich gegenseitig anerkennend, mit einander heimreiten. Ein heutiger Dichter müsste, wie ich meine, den Sohn Sieger bleiben lassen, denn dem Forster Traminer und ähnlichen Lagen ist unser Tiroler Product doch nicht mehr gewachsen. – Und da wir gerade bei Tirol sind, zum Schlusse noch ein Wort über Dietrich von Bern und Laurin's Zaubergarten. .Dieser ist natürlich das wunderbare Bozener Weinland zu Füssen des wilden Rosengartengebirges: Dietrich kommt her 39 von dem herben Oberitaliener, hat einen furchtbaren Kampf zu bestehen mit den Riesen, den edleren Bozener Sorten, und dem teuflischen Gezwerg, dem imfamen Weinschnaps, geht aber doch zuletzt als Sieger hervor, indem er den Garten zerstampft, das heisst, das Land leer trinkt, und symbolisirt damit den endlichen Sieg der germanischen Volkskraft über die widerstrebenden Mächte des Weins und anderer gewaltsamer Getränke. Wir haben also als den eigentlichen Kern unserer herrlichen Heldensage nichts Anderes gefunden als den uralten heldenhaften Kampf des Germanen wider den Durst, einen Kampf, der sich ewig erneuert und nach manchem Unterliegen immer wieder zum Siege führt. Bist Du zufrieden?«

»Entzückt! Begeistert!« rief Vogel, »das ist ja eine halbe Mandel Columbuseier auf einmal! Ich bin in Versuchung, die gefundene Methode sogleich weiter auszudehnen und beispielsweise jenen Zweig germanischer Volkssage, der auf fremdem Boden erwachsen ist, mir gleichfalls nach ihr auszudeuten, ich meine die Karlssage – Rolands Fall bei Ronceval – der Bordeauxtrinker unterliegt 40 dem schweren Portwein und Xeres – – ja, ich gehe weiter; mir dämmert etwas: der hellenische Mythos – die zwölf Arbeiten des Herakles zwölf schwere Weinsorten – die Irrfahrten des Odysseus, das vergebliche Umhertaumeln und Hausschlüssellochsuchen eines vom Dionysos Geschlagenen; nur schlafend kehrt er heim, von Fremden befördert, erkennt seine eigene Stube nicht; die Gattin will anfangs nichts von ihm wissen, überzeugt sich aber endlich, dass er trotz seiner derangirten Toilette immer noch der Alte ist, und gewährt ihm Versöhnung; der Freiermord – Bekämpfung des Katzenjammers durch scharfe Sachen – – ja, ich sehe Licht, immer mehr Licht in dem Dämmer der Sagenbildung; vielleicht dass sogar die Perserkriege – –«

»Halt!« rief hier der Vogelweider mit einiger Strenge, »Du schweifst aus, guter Freund; meine Methode duldet Anwendung ausschliesslich auf germanisches Wesen. Der Grieche und Orientale vermag niemals nach Germanenart zu zechen, da traue Deinem Treitschke. Aber da Du von Dämmer sprachst, will ich nur noch sagen, die berühmte 41 Götterdämmerung versinnbildlicht einen Zustand, dem Du, wie ich fürchte, Dich immer bedenklicher näherst; glaub' meiner Erfahrung: ein einziges Schnäpschen noch, und Du bist hinüber.«

»Was?« schrie Vogel auf einmal sehr wüthend, »Du willst doch nicht sagen, dass ich etwas angetrunken sei? Eine ganz alberne Behauptung. Ich vermuthe, was ich getrunken habe, ist Dir zu Kopfe gestiegen. Ich will gern zugeben, mir sind die Beine etwas schwer, aber das kommt von den schweren Knödeln, die ich heut' im »Stiegl« zu Abend gegessen habe. Mein Kopf hingegen ist so klar und frei, wie ich's Dir nur wünschen möchte; wie wäre ich sonst im Stande, so schwierigen mythologischen Problemen mit Verständniss zu folgen?«

»Gewiss, gewiss,« sagte der Dichter freundlich beruhigend, »ich habe auch gar nichts sagen wollen. Aber wenn ich nicht irre, sprachst Du vor kurzem den Wunsch aus, Laurin's Garten zu sehen. Auch wirst Du Dich erinnern, ich versprach Dir noch etwas Besonderes –«

»Das schönste Weib der Erde'.« rief 42 Vogel mit Feuer, »ja, jetzt lass mich sie sehen! Jetzt bin ich in der Stimmung, Schönheit zu geniessen. Wein und Ruhm gewann ich, es fehlt noch das Weib. Ich brenne vor Begierde.«

»Komm!« sagte Walther von der Vogelweide, gelassen winkend.

Vogel zauderte auf einmal.

»Nein!« sprach er düster, »ich lasse es lieber. Sie könnte doch gar zu schön sein und mir am Ende gefährlich werden.«

»Na, na,« sprach der Dichter, »traust Du Dir so wenig schon auf der Hochzeitsreise?«

»Oho!« rief Vogel auffahrend, – »jetzt geh' ich mit Dir.«

Sie durchschritten nun den Raum zwischen zweien Pfeilern, wo kein Fass im Wege stand, und gelangten an eine goldbeschlagene Prachtthür, die bei ihrem Nahen von selber aufsprang. Und allsogleich zeigte sich die Weite des Gartens, der eigentlich nichts war als zwischen himmelhohen Bergschroffen ein wonnigliches Thalgefilde, so dicht übersät mit einer nie gesehenen Fülle der herrlichsten Alpenrosen, dass dies Ganze aussah wie ein flammend rother, entzückender Teppich für lustwandelnde Götterfüsse.

43 Mitten durch diese Blumenmassen führte ein einziger Pfad, der aber nicht breiter war als eines Mannes Fuss, zum andern Ende des Thales, wo ein schlichtes Gartenhäuschen zu sehen war, von Reben umrankt, die voll dunkler Trauben hingen.

»Du musst etwas vorsichtig schreiten,« mahnte der Führer, »wenn Du nichts zertreten willst.«

Vogel versuchte es; doch es misslang kläglich. Er taumelte hilflos von dem schmalen Pfade hinweg bald zur Rechten, bald zur Linken, verhedderte sich in dem zähen Gestrüpp, stürzte hundertmal zu Boden und vermochte zuweilen kaum sich wieder aufzuheben. Je länger das dauerte, desto schlimmer wurde es; er keuchte und stöhnte und schien doch kaum vorwärts zu kommen. Bald sah das schöne Gefilde weit um ihn her aus, als wenn sich eine Elephantenherde darin vergnügt hätte.

Walther von der Vogelweide sah lange kopfschüttelnd dem Unwesen zu, endlich sagte er gemüthsruhig:

»Ja, ja, so ist es Dietrich's Recken hier 44 auch ergangen. Böse Absicht war es nicht. – Komm, ich will Dir helfen.«

»Oho!« rief Vogel zornig, »bildest Du Dir ein, ich könnte nicht allein gehen? Ich soll wohl wieder ein bischen angetrunken sein? Lächerlich. Ich brauche keine Hülfe. Ich finde mich allein nach Hause.«

»Nach Hause?« fragte der Dichter, »das ist etwas Anderes. Allein ich meinte, wir wollten zu dem schönsten Weibe der Erde.«

»Ach so,« sagte Vogel, »das hatte ich vergessen. Das kann ich freilich nicht wissen, wo die zu finden ist. Also magst Du mich führen.«

Jener rührte ihn leise mit der Hand, und allsobald schritten beide wie schwebend auf dem Pfade dahin, bis sie das Gartenhaus erreichten. Die Thür wich einem leisen Druck auf die Klinke, und Vogel sah nicht in ein Prunkgemach, sondern in ein einfaches, aber behagliches Zimmer von der Art, wie man es in guten Tiroler Gasthäusern älteren Schlages zu finden gewohnt ist. Zwei Betten standen darin, das eine war aufgeschlagen und leer, in dem andern ruhte in lieblichstem Schlummer – –

45 Allein schon schlummerte sie nicht mehr, sondern fuhr in die Höhe, sie rief mit etwas verschlafener, aber doch sehr deutlicher, ungemein wohlklingender, aber nicht so durchaus sänftlicher Stimme dem Eintretenden entgegen:

»O Du Abscheulicher! Diese Rücksichtslosigkeit schon auf der Hochzeitsreise! Die ganze Nacht lieg' ich schlaflos und ängstige mich um Dich, und Du treibst Dich umher und denkst an nichts als an Deine versimpelte Mondscheinschwärmerei – – Aber du lieber Himmel, wie siehst Du denn aus? Der ganz neue Reiseanzug! Ja, bist Du denn vielleicht auf dem Monde selber gewesen, oder wo hast Du Dich so zugerichtet? Mein Gott! aber Du strauchelst, Du schwankst – Du hast den Fuss verletzt – Du bist blass und so stumm – o Du armer, lieber Mann, Du bist krank, bist verwundet – vielleicht schon stundenlang, Du kannst Dich verbluten – grosser Gott, und ich Ungeheuer liege hier träge im Bett und schlafe wie eine Ratze – aber warte Geliebter, ich komme –«

Allein sie kam nicht dazu, zu kommen, denn Vogel war soeben, in schneller 46 Erfüllung seines dringenden Wunsches, in die Erde gesunken. Und plötzlich stand er mit seinem Führer wieder in der Halle unter den Fässern.

»Aber das war ja meine Frau!« stotterte er, noch immer halb fassungslos.

»Ja, was dachtest Du sonst?« fragte Walther von der Vogelweide in sehr verwundertem Ton, »hast Du eine Andere zu sehen erwartet? Ei, kleiner Schwerenöther! Aber bisher hast Du doch immer in ihr das schönste Weib der Erde gesehen und hast es ihr tausendmal betheuert – und jetzt schon auf der Hochzeitsreise verwandelst Du Deine Meinung? Das begreife ein Anderer.«

»Ja, wenn Du's so meinst,« sprach Vogel kleinlaut, »dann bin ich ganz einverstanden, und Alles ist in Ordnung. Schade nur, dass ich nicht gleich dableiben konnte. Ich habe jetzt wirklich Sehnsucht nach Ruhe. Mir ist etwas sonderbar, ein wenig schwindelig – weisst Du, von dem vielen Stolpern in dem verdammten Alpenrosengestrüpp – sag' 'mal, ist hier im Lokal wohl schwarzer Kaffee zu kriegen?«

»Kaffee? Keine Spur!« versetzte der 47 Dichter. Wir sind hier nicht im Orient. Die alten Germanen tranken keinen Kaffee.«

»Schade!« klagte Vogel; nach einer Weile fragte er noch etwas dringender:

»Aber vielleicht Selterw–«

»Halt!« donnerte der Vogelweider, »sprich hier das Wort nicht aus, das Dir auf der Zunge schwebt, oder wir sind verloren; Alles stürzt über uns zusammen. Uebrigens tranken die alten Germanen auch so etwas nicht.«

Erbleichend senkte Vogel das Haupt.

»Das ist scheusslich,« jammerte er, »und ich habe einen so ganz entsetzlichen Durst!«

»Aber bitte,« sprach freundlich der von der Vogelweide, »alle diese herrlichen Weinsorten stehen nach wie vor zu Deiner Verfügung. Auch wirst Du ein Schnäpschen jetzt vielleicht wieder genehmigen dürfen.«

Vogel machte eine trostlos abwinkende Handbewegung.

»Ich habe Durst,« ächzte er, »nicht solchen Durst, sondern solchen. Jetzt bloss keinen Wein! Wenn's nicht Selter sein kann, dann meinetwegen ganz gewöhnliches Quellwa–«

»Schweig!« donnerte der Dichter. »Scheue 48 den Fluch dieses Wortes an dieser Stätte! Ueberdies verstehe ich Deine Unterscheidung nicht zwischen solchem Durst und solchem. Die alten Germanen –«

»Brand, meine ich!« unterbrach ihn der Unglückliche, »ich habe einen fürchterlichen, grausamen, verzehrenden Brand. Ein Goldstück für eine einzige Kanne Was–«

Doch er schwieg erschreckend und verschluckte das Wort.

Und wie er so verstummt stand, vernahm er ringsumher durch alle verborgenen Adern des Berges das Rieseln und Plätschern und Rauschen und Brausen der rinnenden Gewässer. – Und »Wasser! Wasser!« schrie er laut auf. Da geschah alsbald ein nimmer erhörtes Krachen und Dröhnen, und ein Schwingen und Schüttern; die Pfeiler senkten sich, barsten und polterten auseinander, die Kuppel schwankte, sank, stürzte zusammen – und der ungeheure Bergsturz begrub alles Lebendige und alles Todte.

Walther Vogel aber fand sich durch Zauberkraft gerettet und unversehrt auf dem Bozener Johannsplatze vor Kräutners Gasthof und blickte verworren umher.

49 Alles war friedlich und einsam; nur ein frischer Morgenwind hatte sich erhoben und schlug bisweilen die Stange des aufgezogenen Zeltdaches mit erheblichem Gepolter gegen die Mauer des Hauses. Er selbst sass auf seiner Bank und geschah ihm nichts Uebles. Nur seine Kürbisflasche war leer.

Die Marmorgestalt Walther's von der Vogelweide stand weiss, schweigend und regungslos hoch auf ihrem Sockel, von fahlem Morgenlicht umspielt, und drehte ihm den Rücken; darunter plätscherte lieblich geschwätzig das rinnende Wasser des Brunnens.

Walter Vogel erhob sich und schritt zu dem Brunnen, neigte sich und trank in langen, heissbegehrenden, wonnevollen, unendlichen Zügen. 51

 

 

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