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Bötjer Basch

Theodor Storm: Bötjer Basch - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleBötjer Basch
authorTheodor Storm
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006073-7
titleBötjer Basch
pages1-61
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Aber am Tage darauf lief es durch die Nachbarschaft, dem alten Basch sei am vorigen Abend sein Vogel davongeflogen; nun sei er in dunkler Regennacht in seinen Kartoffeln umhergelaufen und habe unter jeder Staude visitiert; und ein Spaß für die ganze Stadt war es, als am Nachmittage der Bettelvogt durch die Straßen wanderte und, mit seinem Schlüssel an das große Messingbecken schlagend, ausrief, dem Bötjer Daniel Basch sei sein kunstvoller Dompapst fortgeflogen, und wer ihn wiederbringen solle guter Belohnung gewiß sein! – »Wahrhaftig«, riefen die Nachbaren lachend; »das hat Mamsell Therebintchen angeordnet; sie läßt es sich ein Stückchen Silber kosten: am Ende will sie noch den Alten heiraten!«

Und recht hatten sie darin, daß Mamsell Riekchen den Aufruf hatte anstellen lassen; aber der Vogel kam nicht wieder. »Ja, ja«, verteidigte sich der dicke Bettelvogt, als Riekchen bei Auszahlung seiner Gebühr ihn deshalb zur Rede stellte; »wenn's eine Katz oder auch nur ein Karnickel gewesen wär', ich wollte nichts davon sagen; aber so Vögel mit Schwanz und Flügeln, die können eigentlich gar nicht ausgerufen werden.« Und während Mamsell Riekchen über diese unerwartete Antwort sich in ein verwickeltes Nachdenken verlor, ging der Ausrufer behaglich hustend zur Tür hinaus.

Noch einmal kroch sie mit dem Alten in Haus und Garten umher; aber nur das leere Bauer war geblieben, das mit seinem offenen Türchen die ganze Werkstatt zu veröden schien. Als Riekchen nach all dem vergeblichen Suchen den Kräften des alten Mannes mit den Veronikatropfen ihrer Gräfin aufhelfen wollte, schüttelte er langsam seinen weißen Kopf: »Ich danke, gutes Mamsellchen; das ist nicht anders; die irdischen Freuden sind vorüber.« Dann sah er durch das Fenster in den blauen Himmel, als suche er dort das Tor zur Ewigkeit.

 

Die überraschenden und schnell sich folgenden Vorgänge, welche ich jetzt zu erzählen habe, sind es wohl eigentlich, welche uns in der kleinen Seestadt das Gedächtnis des einfachen Mannes bewahren ließen und mich veranlaßten, den kleinen Spuren seines Lebens nachzugehen, von denen ich einzelne hier aufzuzeichnen vermochte.

– – Es war an einem Spätnachmittage des Septembers, und die Abendsonne lag herbstlich mild auf den braunen Ziegeldächern, als ein Trupp von etwa zwanzig meist aufgewachsenen Jungen sich hurtig, aber in feierlicher Stille, von unseres Meisters Hause die Straße hinaufbewegte, die hier nach Osten zur Stadt hinausführt. Nur selten wurde ein Wort geflüstert; in sachtem Trabe ging es vorwärts; man hörte nichts als das Geräusch von den Stiefeln oder Holzkloppen, die ebenmäßig über das Pflaster liefen. Hie und da kam noch einer aus den Häusern zugelaufen und schloß sich, eifrig aber heimlich fragend, dem Zuge an. »War is da los? Wo willn jüm hen?« frug eben ein kleiner, dicker Bursche.

Und der Gefragte raunte ihm ins Ohr: »Buten na't Brutlock! He will sick versupen!«

»Ah, Snack! Versupen? Wem will sick versupen?«

Und der andere zeigte auf den alten Meister Basch, der in Kniehosen und Pantoffeln, mit Schurzfell und blauer Zipfelmütze, mit fahlem Antlitz und wie leeren Augen in ihrer Mitte trabte.

»Dammi ja!« sagte der neue Junge. »He kickt immer liekut. Warum will he sick versupen?«

»So wes' doch still!« rannte der andere; »wil he nich mehr leben mag.«

»Wem hätt dar seggt?«

»He sülm.«

»Dammi ja!« rief der neue Junge wieder; »wenn man uns' beiden Swemmers mit weren!«

»De sünd all lang vörut.«

Die beiden »Swemmers« waren ein paar ältere kräftige Jungen, Hans Jochims und Harke Mommsen, die Schwimmkünstler unter denen, die draußen bei der Schleuse badeten; sie hatten sich von dem Zuge getrennt und waren aus Leibeskräften vorausgelaufen; denn sie dachten heute ihren Ruhm noch um ein Erkleckliches zu mehren.

Der Trupp, der sich rastlos mit dem schlurrenden, trappelnden Geräusche fortbewegte, war endlich vor die Stadt gekommen, wo sich statt der Häuser zur Linken der Steinwall mit den großen Weißdornbüschen hinzieht und rechts die Marschweiden nach dem Hafenstrom hinab liegen. Es ging jetzt rascher vorwärts; sie waren bald zur Stelle; niemand von den Knaben hatte ein Wort zu dem alten Meister gesprochen, er keins zu ihnen; niemand hat es nachher gewußt, woher es kundgeworden, daß sie ihn auf seinem Todesgang begleiteten; ebensowenig kam ihnen der Gedanke, daß sie den Verwirrten zurückhalten müßten; auch die vorausgelaufenen Schwimmer dachten nur, wie sie ihr Heldenstück vollbringen wollten. Wohl begegneten ihnen ältere Leute, die sie zu Rat und Hilfe hätten herbeirufen können; aber allen von solchen gestellten Fragen setzten sie nur ein stummes Kopfschütteln oder ein nichtachtendes, unbewegliches Schweigen entgegen; sie wollten sich nicht stören lassen; die allen Menschen eingeborene Begier, das Letzte, Schauerliche einmal selbst in nächster Nähe zu erleben, trieb sie vorwärts.

Und der alte Mann schien Eile zu haben; er lief immer hurtiger, wie einst, wenn er aus der Werkstatt zu seiner Line in die Küche trabte; er wollte auch zu ihr, nicht zu ihrem Grabe; er wollte nach einer Pforte, durch die er aus der Welt hinaus konnte; zu ihr, zu Fritz, nur nicht mehr in der leeren Welt!

Der Zug wandte sich jetzt rechts nach einem breiten Damm hinauf; ein paar hundert Schritte weiter, wo am Ende desselben eine hochgelegene Landstraße vorüberführte, lag tief unten im Winkel das Brautloch, eins jener schwarzen Wasser, die nach der Sage unergründlich sind. Die Augen der Jungen wurden immer greller, je näher sie den Spiegel in der rötlichen Abendsonne blinkern sahen; und viele Finger streckten sich aus und wiesen auf zwei dort am Abhang liegende Kleiderhäufchen. »De Swemmers! De Swemmers!« rief es aus dem Zuge. Als sie aber noch näher kamen und von dem Damme das Wasser unter ihnen mit seinen hohen Schilfrändern übersehen konnten, lag unten alles blank und totenstill; sie reckten und drehten die Hälse; aber von den Vorausgelaufenen war nichts zu gewahren.

Plötzlich erscholl aus dem Haufen ein durchdringender Schrei des Entsetzens, denn während die Knaben nach ihren Kameraden auf der Wasserfläche aussahen, hatte Meister Daniel einen Zulauf genommen; sie sahen etwas, das sie nicht erkennen konnten, durch die Luft in die Tiefe hinabfliegen und gleich darauf das Wasser unten in klatschenden Wellen emporschlagen.

Der Augenblick war vorüber; es wurde still; die Knaben standen zitternd auf dem hohen Ufer und begannen um Hilfe zu rufen. Aber sie war schon da, und von diesem Augenblicke an wandte sich das Schicksal Meister Daniels; es ging wieder aufwärts, denn die Jugend hatte sich seiner angenommen. Aus den beiden sich gegenüberliegenden Schilfverstecken schwammen mit kräftigem Armschlage zwei nackte, muskelstarke Jünglinge hervor, und als die Gestalt des Greises wieder aus der Tiefe auftauchte, schossen sie herzu und hoben ihn mit geschicktem Schwung auf ihre Schultern. »Hurra!« riefen die Jungen, die auf der Höhe standen, und noch einmal »Hurra!«, und immer kräftiger, je näher ihre beiden »Swemmers« zwei jungen Tritonen gleich, mit starken Schlägen den Verunglückten der heimatlichen Erde zuführten.

Daß Meister Daniel unter einem Hurra der Knaben in die Tiefe gesprungen sei, ist eine Lüge, die schadenfrohe Menschen sich später zugerichtet haben. Die Jugend ist nur selten böse, und der alte Mann mit seinem schönen Vogel hatte den Knaben ja niemals Leid getan. Aber ein halbes Hundert Arme waren bereit, ihn am Ufer seinen beiden Rettern abzunehmen, die jetzt stolz zu ihren Kleidern schritten; ein paar der Knaben lief nach dem Chausseewärterhäuschen, das nahebei auf dem Damme stand, und die gutmütige Frau, die allein daheim war, öffnete schon die Haustür, durch die nun der ganze Trupp hineinströmte, mit dem Meister, den sie in ihrer Mitte trugen. »Er lebt noch! Er lebt aber noch!« schrien sie der Frau entgegen, und die jugendlichen Gesichter glühten dabei von Lebens- und von Liebesfreude.

Plötzlich gewahrten sie mitten in ihrem Gedränge ein dürres Frauenfigürchen; sie hatte einen Schäferhut auf ihrem Köpfchen, zwei lange dünne Locken baumelten wie geängstete Schlangen unter ihrem Kinn zusammen. »Riekchen! Mamsell Therebintchen!« erscholl es aus dem Haufen. Und sie war es; sie war in Geschäften in der Stadt umher gewesen; sie hatte bei ihrer Heimkehr das Furchtbare erfahren; sie hatte ein großes Wäschestück in einen Papierbogen gewickelt und war fast ohne Besinnung mit diesem Bündel hinterhergelaufen, das sie jetzt auf den glücklich erreichten Tisch warf. »O all ihr lieben Engel«, stieß sie hervor und sank auf einen Stuhl; »wo ist er, ihr Knaben, wo habt ihr den alten Meister Daniel Basch gelassen?«

Die Knaben aber drängten ihre Köpfe gegen sie und schrien wieder: »Aber er lebt! Er lebt, Mamsell!«

Da schnellte Riekchen Therebinte wie eine Stahlfeder von ihrem Stuhle auf. »Er lebt?« rief sie.

»Ja, ja, er lebt! Dreht Euch nur um, so könnt Ihr's selber sehen!«

Aber Riekchen drehte sich nicht; wie in Todesangst flog sie auf ihr Bündel zu, bemächtigte sich desselben und war im Augenblick zur Tür hinaus. »Ich lauf zum Physikus! zum Physikus!« rief sie in der Eile noch zurück; dann lief sie wie ein Bruushähnchen auf dem Damme der Stadt entgegen. Die gute Frau des Wärters aber kleidete den Verunglückten sorgfältig in ihres Mannes Wäsche.

Das auffällige Gebaren des kleinen Mamsellchens hatte freilich seinen Grund: sie hatte dem Meister – so wurde andern Tags erzählt – in ihrem Bündel sein vor vierzig Jahren angefertigtes Totenhemd nachgetragen, das dieser ihr tags vorher kraus und vergilbt gegeben hatte, damit sie es mit ihren Linnensachen durch die Wäsche gehen lasse. Sie hatte sich nun doch geschämt, es für den Lebenden auszupacken.

– – Als aber der Mond aufgestiegen war und von den Häusern der Stadt tiefe Schatten auf die Straße fielen, kam von draußen her ein langer Tragkorb, der in Meister Daniels Haus gebracht wurde; nur der Physikus war nebenher gegangen; Mamsell Riekchen hatte in der Straßentür schon auf den Zug gewartet.

 

Meister Daniel war in eine schwere Krankheit gefallen; tagelang schon lag er ohne Besinnung; das gute Mamsell Riekchen und die alte Arbeitsfrau saßen abwechselnd Tag und Nacht an seinem Bette. Am ersten Tage schien der Zustand des Greises fast verwirrend auf das kleine Dämchen einzuwirken: »Meister! Meister Basch! Besinnen Sie sich! Sie müssen sich besinnen!« hatte sie ihm, ängstlich hin und her hüpfend und an seinem Hemdsärmel zupfend, zugerufen, aber es hatte nichts verschlagen wollen; auch hatte dann der alte Physikus ihr strenge Ruhe auferlegt, und dem Arzte war sie stets gehorsam.

Um diese Zeit kam ich gegen Abend von einer dreitägigen Geschäftsfahrt zurück und war oben an der Süderstraße vom Wagen gestiegen, weil ich einem dort Wohnenden das Ergebnis meiner Reise mitzuteilen hatte. Als ich dann später, da schon alle Handwerker Feierabend gemacht hatten, durch die Straße in die Stadt hinabging, sah ich an der offenen Haustür von Meister Daniels Hause den hageren Nachbar Schneider stehen, als ob er mit sonderlicher Befriedigung nach dem Innern hineinhorche.

»Nun, Meister«, sagte ich, in meinem Gange innehaltend, »gibt es in unseres armen Daniels Hause auch einmal wieder Fröhliches zu erlauschen?«

Er wandte sich zu mir und zupfte sich wie zum Große in seinen grauen staubigen Haaren: »Freilich, freilich, Herr Landvogt!« sagte er dann; »horchen Sie nur, wie fix das von der Hand geht. Er ist noch immer bei der Arbeit, wird bald unter den Resten aufräumen; schicken Sie nur immer neue Arbeit! Und das Gerät, alles blitzblank, alles amerikanisch! Das arbeitet wie von selber; nun gar, wenn ein solcher Bursch dahintersitzt!«

Der Schneider hustete, wie zur Bestätigung, und zog sich sein grünes Wams über die platte Brust. »Ein Wettersjunge war's!« stieß er hervor; »und Sie werden's sehen, Herr, ein Teufelskerl, ein Böttcher aus dem Fundament ist da herausgewachsen!«

Ich sah ihn an, ich verstand sein Gerede nicht; wohl aber hörte ich, jedoch nicht aus der Werkstatt, sondern wie hinten aus dem Hofe und nur schwach herüberhallend, ein Geräusch wie von einem resolut arbeitenden Handwerker.

»Ja«, sagte der Schneider; »dort in dem Ställchen hat er sich eingerichtet; der Alte sollte nicht gestört werden.«

»Lieber Meister«, sprach ich, »warten Sie ein Weilchen! Wer ist der Teufelskerl, der dort im Stall so amerikanisch arbeitet?«

Der Schneider riß die matten Augen auf, daß seine Brauen um einen Zoll weit in die Höhe fuhren, und betrachtete mich von Kopf zu Fuß. »Lieber Herr«, sagte er nachsichtig, »ich seh's, Sie kommen von der Reise, sonst würden Sie's schon wissen: der Junge, der Fritz Basch ist vorgestern von Kalifornien wieder eingetroffen, und ein Kerlchen, wie ein Zyklop!«

Ich sah den begeisterten Mann etwas verwundert an: »Also«, sagte ich, »ist er in den Minen nicht erstochen worden?«

»Doch, doch, lieber Herr, das Messer hat er schon richtig zwischen den Schultern gehabt; aber er hatte auch noch bessere Freunde als den Hasenfuß, den Amerikaner; die schleppten ihn in ihr Zelt, da hat er lange gelegen.«

»Und sein Vater, der alte Daniel«, frug ich, »ist er vor Freuden nun nicht gleich gesund geworden?«

Aber der Schneider patschte mit seinen aufgehobenen Händen in die Luft und beschrieb dann mit dem Finger ein paar Nullen vor seiner Stirn: »Wirrig! Noch immer wirrig; er weiß von nichts.«

»Gott besser's!« sagte ich und sprach das alte Wort wie ein Gebet; ich mochte mir nicht denken, daß der Sohn nur heimgekommen sei, um durch seine Schuld den Vater sterben zu sehen. »Gott besser's!« sagte ich noch einmal.

Der Schneider nickte: »Ja, ja; aber der Physikus meinte, wenn der liebe Gott nur ein wenig helfen wollte, so brächt' er ihn wohl durch.«

Das Arbeitsgeräusch vom Hofe, das unser Gespräch begleitet hatte, war plötzlich still geworden; es wurde allmählich dunkel. »Gute Nacht, Meister«, sagte ich; »Gott wird ja gnädig sein.«

 

Was der Schneider erzählt hatte, wurde bald von allen Seiten bestätigt: Fritz Basch war wirklich wieder da, von Hamburg mit einem hiesigen Fahrzeug angelangt; ein strammer Gesell, etwas größer als der Vater, mit einem braunen Bärtchen auf den trotzigen Lippen und ein Paar Augen, als wollten sie den Vogel aus der Luft herunterholen; die Dirnen und Bursche mochten sich in acht nehmen! Wie im Rausch war er durch Haus und Garten gelaufen und, als er alles leer gefunden hatte, in das Haus zurück; als Mamsell Riekchen ihm hier von der Treppe aus entgegenkam, war er ihr atemlos nach der Giebelkammer hinauf gefolgt; denn was mit seinem Vater geschehen, hatte er schon auf dem Wege vom Hafen nach dem Elternhause durch einen früheren Kameraden erfahren. Stumm war er an Meister Daniels Lager hingesunken, stundenlang hatte er die ehrliche Hand in seiner gehalten, sie gestreichelt und geküßt; stundenlang hatte er auf seines Vaters Angesicht geblickt, als bettle er um auch nur einen hellen Blick; der Meister aber hatte aus seiner Nacht an ihm vorbei nach seinem toten Sohn gerufen.

Am zweiten Tage hatte der junge Mann seine Kiste ausgepackt, in der Werkstatt nachgesehen, ob an unfertiger Arbeit etwas in die Hand zu nehmen sei, und dann draußen im Stall sich seine Arbeitsstätte aufgeschlagen.

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