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Bötjer Basch

Theodor Storm: Bötjer Basch - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleBötjer Basch
authorTheodor Storm
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006073-7
titleBötjer Basch
pages1-61
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Das Goldfieber war derzeit noch lange nicht vorüber; noch manchen lockte es in die Minen und manchen in den Tod; manchem schlugen dort die Keime seiner Natur zu Trunksucht, Spiel und Raub, die vielleicht für immer sonst geschlafen hätten, in Wucherpflanzen auf und erstickten ihn. Freilich war Fritz nicht als abenteuernder Minierer, sondern als festgedungener Böttcher für eine dortige Exportschlachterei mit einem Hamburger Genossen hinübergegangen, aber das Wort »Kalifornien« klang doch wie Gold und Abenteuer, und es war zuerst vor seinem Ohr geklungen, da er aus jenem Briefe seines Vaters dessen drohende Verarmung herauszulesen meinte. Er hatte seine feste Arbeit; aber wenn die Gelegenheit käme, weshalb sollte er nicht auch dazwischenspringen und seinem Vater ein sorgloses Alter mit nach Haus bringen!

Meister Daniel seufzte nicht; er ließ nur den Kopf hängen und rieb sich mit der Hand den Stoppelbart; aber er sah nicht neben sich die roten Blumen wehn und hörte nicht den Iritsch, der über ihm aus dem Laub des Baumes sang, selbst nicht den leichten Schritt, der jetzt von dem unten vorbeiführenden Weg aus dem Gartensteig heraufkam. Erst als eine kleine Hand sich auf die seine legte, blickte er auf. »Magdalena, Kind, bist du es!« sagte er.

Sie nickte. »Ich wollte nur den Vogel gern einmal wieder hören!« Aber sie sah ihn fast erschrocken an.

»Ja, ja« – sprach er wie zu sich selber – »der Dompfaff, der ist noch da.« Dann ging er mit dem Mädchen nach dem Hause zu.

 

Es war schon zu Ende des November. Meister Daniel saß nachmittags in seiner Giebelstube und hatte sich ein behaglich Feuerchen im Ofen gemacht, es roch sogar nach Kaffee, der wohl darinstehen mochte; er wollte heute noch zu seinem Nachbar, dem Barbier, denn der Bart war wieder einmal gar zu lang geworden, und dann ins Stift zu seiner Schwester: heute sollte sie gewiß nicht schlafen, denn der erste Brief aus Kalifornien war angekommen. »Geld verdienen ist hier keine Kunst«, schrieb Fritz; »aber man muß es fest in der Hand halten, wenn es nicht wieder wie Sand durch die Finger laufen soll; zwei Jahre, dann, Vater, klopf' ich an Deine Tür; dann arbeiten wir wieder zusammen!«

Der Dompfaff hüpfte fröhlich in seinem Bauer; ein glücklich Lächeln ging über des Alten Angesicht, und er wollte sich eben seinen Kaffee aus dem Ofen holen, da hörte er es draußen die Treppe heraufhüpfen, ein spitzer Finger pochte an die Kammertür, und als sie sich öffnete, erschien Mamsell Riekchen Therebinte auf der Schwelle. »Oh, Mamsellchen!« rief der Alte.

Und Riekchen machte einen Knicks; sie hatte ihren Schildpattkamm von der Gräfin eingesteckt und Filethandschuhe angezogen. »Ich kann wohl gratulieren?« sagte sie.

»Wozu?« frug der Alte hinterhältig, »Sie meinen wohl, es riecht hier nach Geburtstag?«

»Oh, Herr Basch! Ich denk, zwei einsame Hauskameraden sollten Freud und Leid zusammen teilen, und heute vormittag – ja, ja, ich habe den Briefboten attrapiert – ist doch wohl Freude bei ihnen eingekehrt; da möcht ich mir nun meinen Anteil ausbitten!«

Er drohte ihr mit dem Finger: »Weibsen! Weibsen!« sagte er schelmisch. »Aber, im Vertrauen, Mamsellchen, ich hab's gar gern, wenn ihr Frauenzimmerchen ein bißchen neugierig seid!« Er seufzte, doch er lächelte auch dabei: »Mein selig Linchen war es auch!« flüsterte er ihr ins Ohr.

Und während Riekchen sich verschämt mit ihren Händchen über die bedeutende Stirn strich, lief Meister Daniel zu einem Wandschränkchen und holte Tassen und Teelöffel; dann nahm er den heißen Kaffee aus dem Ofen und schenkte seiner Hausgenossin ein: »Und hier ist Zucker!« sagte er, »bedienen Sie sich, Mamsellchen. Ja, ja, Sie haben recht, heut ist ein Freudentag; ich habe Nachricht von meinem Fritz!« Und ohne seinen Kaffee zu berühren, nahm er den offenen Brief vom Tisch – – aber er mußte lachen, er hatte vergessen, seine Brille aufzusetzen. Aber nun tat er es und begann den Brief zu lesen, während Mamsell Therebintchen mit zierlichem Finger ihre Tasse vom Munde wieder auf die Unterschale setzte.

Als er aber an die Stelle kam, wo Fritz für seine Heimkehr nur noch eine zweijährige Frist setzt, da schien plötzlich auf dem Antlitz der mit gefalteten Händen Horchenden die Teilnahme zu erlöschen.

Sie räusperte sich ein wenig, und Meister Daniel sah sie an: »Ist Ihnen nicht wohl, Mamsellchen?« frug er heiter; »Ihre Äuglein sehen auf einmal so betrübsam!«

Und Mamsell Rickchen sah ihn fast bittend an: »Ach, lieber Meister«, flüsterte sie, »dann werd' ich wohl mein Stübchen und Ihr Haus verlassen müssen!« und sie seufzte, daß es ganz still in der Kammer wurde.

Meister Daniel war schier bestürzt, so hatte er den Fall noch gar nicht angesehen; aber er faßte sich, da war ja noch die kleine Schlafkammer des Gesellen; er nahm ihre Hand: »Nein, nein, liebes Mamsellchen, Fritz wird Sie nicht verdrängen; er ist ein bescheidener Junge, seiner lieben Mutter guter Sohn! Sie sollen auch Ihre Freude an ihm haben; dann wird es wieder laut und lustig hier im Hause, und im Garten wachsen Erbsen und Bohnen und Blumen; auch türkischen Weizen zieht er – ganz wie es früher war zu seiner Mutter Zeit!«

Da lächelte das Mamsellchen wieder, und sie tranken ihren Kaffee und lasen den Brief zu Ende; und als das alte Dämchen sich empfahl, erbat sie sich und erhielt noch die Erlaubnis, im nächsten Frühjahr zwei Suppenkräuterbeete zu gemeinschaftlichem Gebrauche in dem Garten anzulegen.

Der Meister Daniel aber ging schrägüber zum Barbier, dann glattrasiert ins Stift zu seiner alten Schwester, und Salome blieb, während er ihr den Brief vorlas und noch lange nachher, ganz wach und munter; sie saß in ihrem Lehnstuhl und er dicht an ihrer Seite, und die Hände der alten Geschwister ruhten in stummer Freude ineinander; nur mitunter sagte sie: »De Jung! De Jung! He kann wat, und dat in Amerika!«

Als Daniel am Abend heimkam, faßte er den Entschluß, dem Dompfaffen das Stück noch weiter vorzupfeifen. Was sollte Fritz sich wundern, wenn er nach zwei Jahren ihn so singen hörte!

Das war ein Freudentag in Meister Daniels Leben; aber er wiederholte sich nicht, der Winter kam, aber kein Brief von Fritz, und je weiter es in die Zeit hineinging, desto schwächer wurde der Schimmer jener Freudenflamme, und desto dunkler wurde es um den einsamen alten Meister.

 

Als nach ein paar Jahren die Krokus im Schloßgarten blühten, trat ein einfacher Leichenzug aus dem Tore des St. Jürgenstiftes: ein Kränzchen von Primeln und Immergrün lag auf dem Sarge, ein alter Mann ging zunächst hinter demselben; er ging etwas stumpelig, und auf seinem Antlitz mit den schlohweißen Augenbrauen zuckte eine unruhige Trauer. Es war wohl nicht um die Tote, die er auf ihrem letzten Weg begleitete, denn sie hatte in mählich verdämmerndem Bewußtsein das äußerste Lebensziel erreicht; aber der alte Mann hatte jenseit des Meeres einen Sohn, sein einzig Kind, und er wußte seit lange nichts von ihm; die Tote aber war die Letzte gewesen, die aus ihren Träumen noch nach ihm gefragt hatte.

Der alte Mann war Daniel Basch, der seine Schwester Salome begrub; den kleinen Kranz hatte seine Mieterin, das gute Riekchen, gebunden. »Das ist unser Altjungfernrecht«, hatte sie gesagt; »ohne Kranz nicht zu Tanz!«

Der Zug ging Schritt für Schritt die Straße hinab nach dem zweiten Kirchhof am Nordwestende der Stadt, wo Daniels Familiengrabstätte lag. Als er dort an die offene Grube trat, sah er in derselben die Seitenbretter eines morschen Sarges aus der Erde ragen; seine Hand zuckte, als ob er etwas fassen müsse; er kannte den Sarg, es war ihm fast als wie ein schrecklich Wiederfinden. Dann wurde der frische Sarg hinabgelassen, und die hinabgeschaufelte Erde dröhnte auf dem Deckel; Daniel nickte noch einmal in die Grube, und während der alte Propst das »Vaterunser« sprach, murmelte er leis für sich: »Dein Wille geschehe im Himmel und auf Erden!«

Erst als er wie betäubt nach Hause ging, ergriff ihn ein jäher Schmerz um seine alte Schwester, daß er nur mit Gewalt einen Tränenausbruch zurückdrängte; er war nun ganz verlassen.

Als er in seinem Hause nach der Giebelkammer hinaufstieg, stand er mitten auf der Treppe still: er hörte den Vogel in der Kammer pfeifen. Das hatte er freilich schon tausendmal gehört; aber heute kam es so frisch, ganz wie ein Frühlingsruf aus der kleinen Brust herauf; Meister Daniel erklomm die letzten Stufen und brummte zur Begleitung die Worte der Melodie. Aber was war denn das? Der Meister hatte, an dem Erfolg verzweifelnd, in den letzten Wochen seinen Unterricht ganz aufgegeben; immer hatte der Schüler nur gestümpert; und jetzt – jetzt sang er alles: womit ihn Fritz ins Haus gebracht, was dieser ihn gelehrt und was zuletzt der Meister selbst ihm vorgepfiffen hatte. Die unerwartete Freude hatte dem Alten wohl den Kopf verwirrt, denn er wandte sich wieder, faßte mit jeder Hand eine Stange des Geländers, und sich vorbeugend, rief er laut ins Haus hinab: »Fritz! Fritz! Nu fleut he ock de tweete Reeg!«

Da öffnete sich rasch die Tür der unteren Wohnstube, und Mamsell Riekchen war auf den Flur hinausgehüpft. »Wer? Was flötet, Meister Daniel?« rief sie ängstlich.

»Der Dompfaff! Der Dompfaff!« kam es von der Treppe herunter.

»Ach, Sie und Ihr alter Dompapst!« rief Mamsell Riekchen und hüpfte in ihre Kammer zurück. »Sonderbarer Mann!« sprach sie zu sich selber und schüttelte ihre beiden dünnen Locken; »hat eben sein' Schwester begraben und schreit um seinen alten Dompapst!«

Der alte Mann dort oben hatte sich auch besonnen; der Vogel zwar hatte seine Lektion gelernt; wo aber war der, den er gerufen hatte?

 

Um diese Zeit war es, daß der Sohn eines Kellerwirts, »der Amerikaner«, wie sie ihn später nannten, als er sich nichtsnutzig in der Stadt umhertrieb, aus Kalifornien wieder nach Haus gelangte. Er war trunkfällig und großmaulig und führte zur Unterstützung seiner Reden eine rasche Faust, daß die Leute es sich schon gefallen ließen, wenn er in der Fuhrmannskneipe seine Geschichten auftischte und seine Goldbröcklein aus der Tasche holte. Mit Grafen und Zigeunern, Türken und Heiden, so erzählte er eines Abends, auch freilich mit Fritz Basch habe er Gold gewaschen. – Aber der sei ja in San Francisco in einer Schlachterei, meinte einer der Stammgäste. – Der Amerikaner lachte: »Hat sich ausgeschlachtert! Die Bretterbuden sind verbrannt; die Hounds haben die Kassen genommen.«

»Hounds – was sind Hounds?«

»Hunde! Spitzbuben! Räuber sind's!« rief der Amerikaner. »Ihr kennt hier so was nicht! Noch ein Glas, Harke; schmeckt wohlfeil hier bei euch!«

Das junge Schenkmädchen war, die Hand auf einer Kanne, stehengeblieben: »Sagt, wenn Ihr so gut sein wollt, was treibt Fritz Basch denn itzt? Wir sind zusammen eingesegnet.«

»Fritz Basch?« erwiderte der Goldgräber und sah sich frech am Tische um. »Kalkulier', der hat's wohl ausgetrieben!«

»Was sagt Ihr! Was ist's mit Fritz Basch?« riefen die Gäste; denn der frische Junge war in aller Gedächtnis.

Der Amerikaner trank erst sein Glas bis auf die Nagelprobe. »Ihr kennt das hier nicht«, sagte er dann wieder; »im Süden, im Oregon war's; ein neues Goldlager! Ihr kennt das nicht: von Asien, Afrika, Europa rannten sie herbei; der Staub, der Morast, das Schnauben und Toben von Mensch und Vieh; aus hundert Sprachen schrien sie durcheinander; schlimmer als beim Turmbau zu Babel: ein Irländer wurde verrückt; ein Franzos' wollte alles überschreien, bis er am Ende nur noch pfeifen konnte; aber Gold! Gold war für alle! – Harke, noch ein Glas!« unterbrach sich der Erzähler.

»Aber Fritz! Was war mit dem? War er dabei?« riefen die andern.

»Dabei? – Ob er dabei war! Er grub und wusch für zwei! Einen Beutel voll Gold hatte er schon, den er allzeit festgebunden in der Hosentasche trug.«

»Weshalb denn ist er nicht mit hieher gekommen? Habt ihr Streit gehabt?«

Der Amerikaner schüttelte den Kopf: »Streit? Streit genug; aber nicht zwischen uns. In den Minen, abends in den Zelten, wir spielten fast die Nächte durch; habt von der Wirtschaft wohl schon reden hören. Aber Fritz wollte nicht, und wenn sie ihn zerren wollten, sprach er: ›Spielt! Ich mach nicht mit; muß meinem Vater ein weich Kissen für seinen alten Kopf mit nach Haus bringen; hab kein Gold für euere Karten!‹ – Aber sie kriegten's heraus, daß er die Taschen voll hatte; so kam's zum Streit, und in einer Nacht – ihr kennt das nicht – da wurden die Messer blank, und eins davon fuhr ihm zwischen den Schultern in den Rücken.«

Die blonde Dirne stieß einen Wehlaut aus. »Der arme alte Daniel!« rief ein anderer; »es war doch nicht zum Tode?«

»Zum Leben auch nicht!« sagte der Amerikaner; »ich hab ihn später nicht mehr gesehen, und wenn sein Leichnam nicht zufällig einem neuen Claim im Wege lag, so werden die Geier und die Ratten ihn schon begraben haben!«

– – Ein paar Tage später saß der Erzähler auch bei dem alten Meister Daniel auf der Bank unter Mamsell Riekchens Fenster, und bis weit hinab und hinauf in die Straße konnten die Leute, die dort gingen oder vor ihren Türen saßen, ihn reden hören. »Na, good bye, Meister!« sagte er endlich, rückte seinen Hut und schlenderte gleichgültig, die Hände in den Hosentaschen, weiter.

Der Alte sah ihm lang mit starren Augen nach; als er sich aufrichten wollte, taumelte er auf die Bank zurück; er machte noch einmal den Versuch, und nun ging es: mit den Händen an der Wand tastete er sich durch seinen Hausflur und ebenso die Treppe hinauf; als er in die Kammer gelangt war, schloß er hinter sich die Tür. Wer auf der Gasse vorüberkam, sah die Sonne über die geschorene Linde weg ins offene Fenster scheinen und hörte den Dompfaff sein allbekanntes Lied pfeifen.

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