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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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8

Längst ist der Meister verschwunden, um dem Stallpagen den Befehl zu geben, er möge das Pferd Cyrus doppelt longieren und mir in die »grüne« Reitschule bringen.

Noch stehe ich da, auf dem stillen Lazaretthofe, ich atme Sonne ein und berausche mich an ihr, wie ich mich nie an Wein berauscht habe. Es drängt sich mir wie eine süße Schwere in die Kniekehlen.

Mit metallisch surrendem Laut hat sich mir jetzt die Feuerkatze genähert. Sie hat sich mit ihrem fahlen Fell der Länge nach über beide Schuhe gelegt. Nun sind die Löcher in ihrem Pelze wieder ganz ausgefüllt, das Haar, steil in unzähligen Spitzen aufgerichtet, knistert unter der prallen, greifbar heißen Sonne, es bebt der kräftige Körper der Katze, das Schnurren wird lauter, als koche es in dem prächtigen, feurigen, jungen Wesen. Dumpf klingen jetzt die Stimmen der jungen Schüler, die in dem Hauptgebäude ihre Aufgaben hersagen, aus den offenen Fenstern der Lehrsäle über den menschenleeren Hof.

Das Schulhaus, das jenseits der Linden wie über langsam abebbenden Wassern auftaucht, hebt sich hoch und höher im Sonnenrausche über den an sich ganz unbedeutenden Hügel. Die Wolken bilden einen schwarzen, schweren, düsteren Kranz um das heimatliche Haus. Die Sonne haben sie nun ganz in ihre Mitte genommen. Man ahnt sie nicht mehr, sie ist wie mit Erde zugeschaufelt. Es weht kühler von den aufrauschenden Lindenbäumen her, vom Anfang der italienischen Allee. Ein Brunnen beginnt zu plätschern, frisches Wasser wird für die Pferde gepumpt. Zwei Truthähne kämpfen in dem Nachbarhofe des Komplexes gegeneinander, kreischen laut, stürzen übereinander her, als wolle der eine auf dem andern reiten, sie schlagen mit den Flügeln, wirbeln Staub auf, und durch den Staub fliegen Federn, zackig und bunt.

In tiefem Dunkel liegt das Innere der »grünen« Reitschule. Grün heißt sie zum Unterschiede von der andern, die man die spanische nennt. Auch die ältesten Schüler wissen den Grund nicht. Es ist verboten zu fragen. Der Meister hat allen untersagt, die Lehrer ungefragt anzusprechen, und dieses Verbot ist der eigentliche Grund, weshalb wir Schüler so fest zusammenhalten.

Innen sehen die beiden Reitschulen fast gleich aus. Die Wände sind bis über Manneshöhe mit Holz verkleidet und außerdem mit dicken Zöpfen schon tiefgelb gewordenen Strohes austapeziert. Der Grundriß ist oval im grünen Reitsaal, rechteckig im spanischen. Jetzt im Sommer werden die gedeckten Reitschulen wenig benutzt, in meinem Falle ist es aber nicht zu umgehen. Das Haupttor ist geschlossen, den Schlüssel hat der Meister in Verwahrung. Der wachehaltende Stallpage führt mir das Pferd unter einer aufgehobenen Portiere durch einen Nebeneingang hinein. Schon das Rascheln des dicken, weichen Stoffes macht das starke, hohe Pferd unruhig. Es tritt bereits mit kleinen, gespannten Sprüngen auf die Gerberlohe, die den Boden der Schule bedeckt. Ich kenne natürlich das Pferd, einen etwa hundertfünfundsiebzig Zentimeter hohen, mausgrauen, schönen Hengst mit einer Blesse, einer handförmigen weißen Stelle an der Stirn und mit gesprenkelten Vorderbeinen. Er sieht aus, als wäre er in Milch getreten. Er hat gute Rasse, Halbblut, seine mächtigen, steinharten Muskelmassen überzieht locker eine sehr feine Haut, die man mit der Nadel ritzen könnte. Stolz trägt er auf seinem schwanenartig aufgerichteten, etwas langen Halse einen dreieckigen, vorn sehr spitz in kleine zarte Nüstern auslaufenden Schädel mit aufgestellten, unruhigen, flügelartigen Öhrchen, die beim leisesten Geräusch, auch dann, wenn sein eigener Huf einen Kiesel trifft oder sein Schweif zischend die Portiere streift, aufzucken. Auffallend ist die breite, vorgebaute Brust mit den weit voneinander eingesetzten Vorderläufen und im Gegensatz dazu der zusammengepreßte, wie mit dem Hammer zusammengeschlagene Rumpf mit der ausladenden, riesigen Kruppe.

Das Pferd hält jetzt den Kopf ruhig. Es wiehert nicht, beißt auch nicht in das Gebiß. Die Augen sind fast starr. Die obere Reihe der Wimpern ist wunderbar geformt, seidenweich liegt Wimper neben Wimper, jede leicht aufgerollt wie bei einem jungen, schönen Menschen. Die untere Reihe ist aber lückenhaft, da stehen bloß ein paar starre, borstenartige Wimpern, unregelmäßig in den schwarzen Lidrand eingefügt. Der Blick des Pferdes ist auf meine Hand gerichtet. Wir machen jetzt zu zweien dem Pferd die Doppellonge fertig.

Jeder Reiter weiß, daß die einfache Longe aus Riemen besteht, die an der Brust des longierten Pferdes leicht, aber sicher befestigt werden, um das Pferd im Kreise gleichsam an der Leine laufen zu lassen. So gewöhnt man es an eine regelmäßige, taktfeste Gangart und an eine bestimmte Körperhaltung, wobei die Gliedmaßen unter dem Leib des Pferdes »versammelt« werden. Von da aus sollen die »Gänge« mit der äußersten Präzision hervorschnellen, Raum fassen im weitesten Ausgreifen; besonders die rechte Hinterhand, die von Natur aus leicht auswärts tritt, soll herangeholt und geregelt werden, damit das Reitpferd ohne Steifheiten im Genick, Rücken und Hinterhand das Reitergewicht tragen kann bei jedem Tempo und jeder Gangart. Dies ist in den Grenzen der Anlagen des Tieres und auch des Lehrers meist ohne nennenswerte Schwierigkeit im Laufe eines geregelten Dressurganges zu erreichen.

Anders die Doppellonge. Hier ist beiderseits eine Fessel um das Tier gelegt, die zwangläufig mit dem Gebiß, also dem Kopf und der Halswirbelsäule, in Verbindung steht, und zwar ist ein Teil des Riemenwerkes rechts vom Maule bis zur Brusthöhe geführt, geht von hier in meine Hand und von da zurück zum Hinterteil des Gaules. Der andere Teil der Doppellonge ist links ebenso befestigt. Er ist nutz- und kraftlos, solange das Pferd gehorcht. Versagt es aber den Gehorsam, dann tritt dieser Teil in Aktion und erzwingt sich die Gewalt über das Pferd dank einer ungeheuren Hebelkraft. Nach Ansicht des Reiters hat das Pferd ebenso Pflichten wie der Mensch, und das Tier begreift dies auch und lernt dies genauso, wie wir unsere Aufgaben und Pflichten in Onderkuhle lernen. Manchmal ist beim Pferd wie beim Menschen Zwang nötig. Wer weiß das besser als ich? Lange versucht man es mit Güte, denn das Pferd ist an sich kein wildes Tier, mit dem man kämpfen muß. Das Pferd weiß anfangs nicht, was eine Peitsche ist, und weicht vor dieser auch nicht zurück. Also im Anfang keine Peitsche! Jedes Pferd erschrickt in der Jugend vor dem ihm unbekannten Gebißdruck und versucht mit verängstigtem Gesichtsausdruck zurückzudrehen, wie man es nennt. Man versucht es daher immer vorerst im guten. Man weiß, das Maul eines jungen Tieres ist weich, sein Wesen unerfahren, kindlich naiv. Man wendet zuerst eine »bittende, weiche Hand« an, vergebens bei Cyrus. Der Rittmeister hat ganze Beete von Karotten ausgerupft und sich oft die Taschen mit Zucker gefüllt. Nichts wollte fruchten. Er hat sich heiser gesprochen. Das Tier hat sich nicht gefügt. Will es nicht? Kann es nicht? Was bleibt jetzt als Zwang? Wenn man diesen aber braucht und wo er unbedingt am Platze ist, da darf man vor keinem Mittel zurückscheuen. Bei mir persönlich könnten sich in Zeiten des T. vielleicht trotzdem Bedenken gegen die »Qual« des Bezwingens erheben, auch habe ich solche gewaltsame Mittel früher nie nötig gehabt.

Hier aber hilft Milde nichts. Jetzt im Augenblicke des höchsten Lebensglanzes werde ich erreichen, was ich will. Ich beherrsche mich, daher auch andere. Wenn je, jetzt weiß ich, daß es Kräfte gibt, denen kein lebendes Wesen sich widersetzen kann. Erleidet das Pferd Unannehmlichkeiten – man vergesse nicht, ich liebe Pferde, ich hänge mit dem ganzen Herzen an ihnen –, und doch: erleidet das Pferd Unannehmlichkeiten, Zwang und Schmerzen, so hat es sie sich in diesem Falle selbst zugefügt.

Endlich ist die Anschirrung, die durch die Unruhe des Pferdes erschwert ist und doppelt zart und schonungsvoll vorgenommen werden muß, vollendet. Ich kann den Stallpagen hinauslassen. Ich liebe Zeugen nicht. Ich muß mich mit dem Pferd allein wissen. Ich bleibe also mit Cyrus, so heißt der Gaul – sagte ich es schon? –, allein.

Es ist ziemlich dunkel in der Halle, bloß von der Decke bricht wie aus einem Kirchenfenster ein Lichtstrahl durch eine Lüftungsluke. Die Sonne hat das schwarze Negergewölk wieder verlassen. Ich begebe mich in die Mitte der Reitschule und treibe Cyrus an, erst durch Schütteln der locker gehaltenen Longenzügel, dann durch Zurufe, auf die Cyrus nur mit Spitzen der Öhrchen reagiert, und endlich durch festes Aufstampfen mit den Absätzen, die dem Gaul den Takt vormachen sollen, sich zu bewegen und mit der Arbeit zu beginnen. Das Pferd ist nicht »am Zügel«. Zwar setzt es sich in schnellen, unregelmäßigen, holpernden Trab, aber nicht rechtsherum, wie es soll, sondern nach ein paar richtigen Schritten an der Wand wendet es sich blitzschnell herum, wie es will, und versucht in der entgegengesetzten Richtung auszubrechen.

Wären wir jetzt auf der Straße, etwa auf dem Wege zum See, zwischen den Feldern, wo unerwartet Menschen, Automobile, Weidetiere auftauchen können, dann müßte ich nachgeben und Cyrus seinen Willen lassen. Denn einen Willen hat er. Er blickt mich mutig an, wendet mir seine milchfarbene Stirn zu, blinzelt mit seinen großen, steingrauen, wie geschliffenen Augen, er hebt seine weiß gefesselten Beine nur um so höher, er spritzt, während er den buschigen Schweif hoch aufgerichtet wie eine graue Fahne hinter sich herführt, seine prächtigen Bewegungen unter dem geschmeidigen, von links nach rechts sich rhythmisch zusammenpressenden Körper hervor und geht, leicht auf die Lohe klopfend, beständig den falschen Weg.

Warum ihn nicht gewähren lassen? Lohnt es sich, den Willen eines so schönen, stolzen Tieres zu brechen? Das ist die Frage jeder Erziehung, auch der meinen. Warum nicht den falschen Gang des T. hinnehmen, der doch nur uns, den Opfern, falsch erscheint, und es dabei bewenden lassen? Aber bleibt wenigstens dann dem widerspenstigen Menschen oder Tier Ruhe? Cyrus nicht. Es wird und muß dann mit ihm folgenden Weg gehen. Muß ich jetzt nachgeben, so lernt das Tier nie. Es ist, im Zuge sowohl wie unter dem Sattel, unbrauchbar, und selbst das schönste Tier wird in unserer kaufmännischen Zeit nicht nur der Schönheit wegen mit einem so großen Aufwand an Mühe und Kosten erhalten. Sondern es ist so, daß das Pferd von dem ökonomisch rechnenden Meister erschossen wird, wenn es sich nicht fügen will und wenn mein Versuch mißlingt.

Der Meister wird dann das herrliche Pferd an einen grasbedeckten kleinen Abhang führen lassen, wird einen handlichen, kaum daumengroßen Revolver aus dem Futteral ziehen, den das neugierige, mausgraue, stolze Wesen vorerst beschnuppert. Der Stallpage, zitternd vor Angst und schweißtriefend vor Erregung, wird dem Tier eine letzte Karotte vor die Zähne halten, um seine Aufmerksamkeit abzulenken, inzwischen hat der Obermeister die Waffe vorsichtig, um die Haare des Ohres nicht zu berühren und Cyrus unruhig zu machen, in das flügelartig aufgestellte Körpertor eingeführt – und während das Pferd nach der Rübe schnappt, geht mit zartem, trockenem Knall die Waffe im Ohre los. Das Tier blickt sich verwundert nach dem Schall um. Der Page glaubt, die Waffe hätte versagt. Er faßt wieder nach den Zügeln. (Man hat dem Pferd aus Sparsamkeit bloß ein elendes, abgebrauchtes Krepierhalfterwerk umgetan.) Der Meister stößt ihn aber mit Gewalt Zurück, denn schon stürzt der Gaul auf allen vieren zusammen, gleitet wie ein Stück Butter auf einem heißen Messer den Grasabhang hinab und bleibt unten so liegen, daß er den schönen, weißgestirnten, dreieckigen Kopf auf die schlank gefesselten milchweißen Vorderfüße legt, wie eine tote Heuschrecke die Glieder noch hoch aufgerichtet, wenn auch geknickt. In dieser unnatürlich gespreizten Haltung endet das Tier. Ein benachbartes Gut hat eine Knochenmehlfabrik. Man ist über alles bereits einig geworden. Der Preis für die Knochen soll die Futterkosten ersetzen. Von diesem Gute kommt ein zweirädriger, offener, langgestreckter Karren. Das Tier stirbt, der Meister rechnet.

Dieses Ende ist für ein tierfreundliches Herz schwer zu ertragen. Soll ich nicht tausendmal lieber einen Augenblick meiner höchsten Lebenslust benützen und Gewalt über das Tier erringen, damit es am Leben bleiben kann?

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