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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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7

Vor dem Lazarett begegnet mir der Meister. Er, das klügste Auge, der wirkende Wille in unserem Hause. Man kann es nicht einmal Anmaßung nennen, wenn er die eigentliche Leitung aller Angelegenheiten, vom Unterrichte natürlich abgesehen, übernommen hat, denn der Oberst (der Direktor) hat sie ihm ganz gern überlassen oder gar aufgedrängt. Jetzt steht der Meister vor mir. Faßt er es als Zeichen meiner besonderen Verehrung oder als Zeichen meiner inneren Überlegenheit auf, wenn ich zuerst meinen Kopf mit meiner hechtgrauen Mütze bedecke, um diese dann mit hohem Schwung vor ihm zu ziehen? Ich, ein Orlamünde, stehe also bloßen Hauptes da. Er wendet sich zu mir, bückt sich, obwohl ich ihn an Körpergröße fast erreiche. Zuerst fragt er mich, ob ich noch ein Jahr dem Stift Onderkuhle widmen könne. Mein Schweigen nimmt er als Zustimmung, und dies ist es auch. Dann kommt ein wichtiger Auftrag, wovon er zu sprechen beginnt. Ob ich es wage, das Pferd Cyrus an die Doppellonge zu nehmen, da es nach der Angabe des Stallbedienten sich keinem Zwange fügen will und bereits einen Bereiter (den ungeschicktesten freilich) mit solcher Gewalt heruntergerissen hat, daß er sich die Schulter ausgerenkt hat.

Es überfällt mich bei dieser Frage ein Zittern, ein inneres Beben der Glückseligkeit.

»Ich danke Ihnen«, sagte ich, »ich werde es versuchen.« Das Gespräch ist zu Ende, aber der Meister verläßt mich nicht. Er bleibt vor mir stehen und starrt mich an; ich bleibe vor ihm stehen und starre die Sonne an.

Die Sonne strotzt zwischen Wolken herab, welche die fettige Schwärze von Negerkörpern angenommen haben. Aber diese Wolken weichen der steigenden Sonne stets feige aus und bilden nur einen weiten, furchtbar düsteren Kranz um das gleißende Gestirn. Rings um mich breitet sich der Hof aus, totenstill. Es riecht außerordentlich stark, aber aromatisch nach erhitzten Steinen, gedörrten Lindenblüten, nach Hafer und Abfall, es ist, als locke die Sonne aus allem den Geruch in stärkster Verdichtung hervor.

Nie in meinem bisherigen Leben habe ich so nach Gefahren gehungert, in die ich mich stürzen könnte, nach Schmerzen, um ihnen zu widerstehen kraft meines unbändigen, rasenden Lebensgefühles. Vielleicht lachen andere Menschen, wenn sie so etwas in ihrem Innern fühlen, ich beherrsche mein Gesicht, ich schweige und halte meinen Mund ruhig. Ich starre bloß in die Sonne, unverschämt, unermüdet, unerschrocken. Dort oben wogt die Lichtmasse in einem flachen, unabsehbaren Bette. Keine Grenze, kein Ufer ist zu erreichen, es steigt, es flutet, es bricht eine Überschwemmung von oben über die lichttriefenden, ziegelroten Dächer der Stallungen herab, in prassender Fülle schießt es durch die stillen, starrenden jungen Lindenzweige herab in meine aufgerissenen Augen. Nennt man es Blendung, wenn meine Augen heute die Sonnenfülle klarer als je zuvor aufzufangen vermögen? Das Auge beginnt mir zu kreisen. Wohin es sich wendet, nirgends findet es jetzt etwas Faßbares, nirgends einen Himmel mehr, nirgends den schwarzen Haufen von Gewölk, jetzt auch nirgends mehr das niedere Dach der Pferdeställe oder das noch steilere des Schulgebäudes, noch auch das Geäst der Bäume der Allee, die zum See führt.

Ganz vergessen habe ich, was mich so oft erschreckt hat, die ungeheure Entfernung, die Millionen Meilen, die in der Allee von unserer armen Erde bis zu den Lichtseen der Sonne kein Menschenfuß durchwandert. Unbedeutend, ganz belanglos erscheint mir jetzt die »irrsinnige« Temperatur von dreiundzwanzigtausend Hitzegraden, die dort oben herrschen soll, herrschen im wahrsten Sinne des Wortes, über uns, die wir kaum den demütigsten Blick zu dem unerträglich mächtigen Gestirn zu erheben wagen. Wer ist Aristokrat der Sonne gegenüber? Aber jetzt wage ich es. Kein Schauder trifft mich. Kein Schmerz läßt mich zusammenzucken. Keine Angst flüstert mir zu: »Verkrieche dich!« Und doch hat einmal nachts schon die blasse Vorstellung von diesem ungeheuren Gestirn genügt, um mich, ein Kind damals, alle Schrecken des Todes und der Vernichtung fühlen zu lassen. Es war eine helle Schneenacht. Hilflos und wehrlos war ich im halbdunklen Zimmer zu Hause dem Gedanken an die Unendlichkeit ausgeliefert. Vergebens krampften sich meine unfertigen, überlangen, hellen Hände zwischen den schwärzlichen Portieren aus billigem, stacheligem Samt fest. Ich wollte Halt gewinnen in der bodenlosen Tiefe dieser Million Meilen, die sich unter uns allen in einem nie geahnten Abgrund auftun. Denn jetzt, in dieser Nachtstunde, ist die Sonne unter uns. Die ganze Endlosigkeit des Universums ist bereit, uns zu verschlingen. Ja, sie hat uns bereits verschlungen, die Leere nimmt kein Ende, nur unser Leben einst. Vergebens stelle ich meine Füße steil auf den unteren Bettrand, eine nur um so schaurigere Kälte macht den schlaflosen, erbärmlich schwachen Knaben zittern.

Es war noch die Zeit, da ich bei meinen lieben Eltern schlafe, zwischen den Betten des Vaters und der Mutter gelagert, denn wir haben nur einen geheizten Schlafraum, die anderen Zimmer (neun!) dienen Besuchszwecken. Ist es nicht sehr kalt, dann wird mir daheim im Speisezimmer von dem alten flämischen Diener David auf einem halbmondförmigen Sofa das Bett gemacht, aber in so kalten Nächten wie in dieser wird es mir in dem »temperierten« Schlafzimmer aufgestellt. Brav ist der Ofen, heimatlich, vertraut, nie überheizt, gut anzugreifen.

Aber ich habe ihn verlassen; von Müdigkeit überwältigt, bin ich verlassen. Man klammert die Hände an die Fransen der Portieren, die eine Tür verkleiden, aber der Gedanke an T. bricht immer fürchterlicher hervor, von innen wächst er und ist nicht zu ersticken. Was nützt es, wenn die Eltern ebenmäßig atmend neben mir ruhen? Sie haben sich in alles gefunden, sie haben auch ihr »fürstliches Elend« hingenommen, leiden weniger als der Diener David, der drei Geschlechtern von Orlamünde gedient hat. Freilich ist er Protestant, exklusiv und zänkisch, meine Eltern sind weich, sie haben alles »zu gut verstanden«. So mögen sie auch diese Furchtbarkeit des Weltalls als unabwendbar längst hingenommen haben. Sie haben sie vielleicht nie geahnt. Vielleicht bin ich der einzige, den diese Furchtbarkeit von Sonne, Nacht, unauszählbarem Sternenhimmel wie ein Lindenblatt zusammendrückt, welches ein fallender Felsen von dreiundzwanzigtausend Tonnen Gewicht unter sich zusammenpreßt zu absolutem Nichts. Aber wenn schon dieser Fels, dieses tote, schwere, maßlose Gestein über mich niedergestürzt ist, weshalb vernichtet er mich nicht völlig mit diesem einen Schlage? Weshalb muß ich die ganze kommende Zeit meines Lebens dem T. und der absoluten Nichtigkeit meiner Existenz ins Auge sehen und kann es doch nie?

Heute aber kann ich es. Heute erst verstehe ich es, am 19. Juni 1913, elf Uhr, jetzt, da ich über dem T. hoch erhaben dastehe, wo ich der Sonnenglut ungeschützt mit dem äußersten Lebensmute entgegenstarre. Laß sie rasen und stürmen, laß sie überfließen, sage ich mir, mag sie wie ein Milchtopf am Herd überschäumen mit ihrem Licht und ihrer Hitze, sie mag größer sein als ich, aber nicht stärker, heute nicht.

Der Meister ist neben diesem ungeheuren Sonnengebilde zum durchsichtigen Schatten geworden. Meine aufgerissenen Augen lassen die Sonne nicht mehr heraus, mein Haupt beginnt zu funkeln, die rötlichen Strähnen in meinem Haar wollen brennen, die gelblichen wollen sich kräuseln – oder werden sie verbleichen in dieser nie wiederkehrenden Stunde? Ich beherrsche mich. Bei Selbstbeherrschung fängt jede Herrschaft an. Ich rühre mich nicht. Mag ich ganz und gar in diesen Sonnenflammen aufgehen. So soll mich das Unvermeidliche im Jugendkampf verzehren. Besser so, als feig dem T. zu unterliegen, der mit Schattenhänden auch den sich Verkriechenden faßt. Alles besser, als sich feig dem hämischen Tode zu unterwerfen. Muß einer Reiter sein und einer Roß, so will ich reiten und Sporen nicht schonen.

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