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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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5

Ein Leben, das ohne Aufhören unter der Gewalt des T. steht, ist so gut wie gar kein Leben. Man will sich davon befreien. Man will den T. vergessen, will arbeiten, muß man doch auch arbeiten, da das Leben Forderungen hat, denen sich alle fügen, auch die Orlamündes. Man kann, wenn man erfolgreich ist, für sich, für andere sorgen. Man hat seine Freunde, die nahe sind, die unfern in ihrem hohen, weiten Schlafgemache atmen, man hat seine Eltern, an die man nur mit Sehnsucht, Mitleid und mit einem kaum zu beschreibenden Gefühl denken kann: dieses Gefühl ist dem ähnlich, das einer hat, wenn er im Winter einmal spätabends heimkehrt und sich behaglich vor dem Schlafengehen auskleidet und sich nun, von eben diesem unbeschreiblichen Gefühl durchflutet, im wieder dunkel gemachten Zimmer mit dem Rücken an den warmen Ofen lehnt. Die Wärme hebt sich geradezu zauberhaft an dem bloßen Nacken neben dem breiten Kragen des Nachthemdes empor. Jetzt hat man die Empfindung von der Länge, von der Endlosigkeit des Daseins. Das ist wunderbarer als alles andere. Man atmet so leise, daß es ist, als atme man nicht. Und wenn der Ofen nun aufflackert und stärkere Wärme ausstrahlt, ist es, als decke er den Knaben, der vor ihm steht, von den Füßen bis zum Halse mit schweren, von dem Pferdeleibe noch warmen Decken zu.

So wäre es mir, wenn ich bei meinen Eltern immer leben dürfte, wenn ich an demselben Tische essen dürfte wie sie, wenn ich neben meinem Vater in dem großen Volkspark von Brüssel ausreiten dürfte. Unsere Pferde würden im gleichen Schritt gehen, die Köpfe nicken im Takt, die Bauchriemen und Sattelgurte knarren. Von der Lohe, womit die Wege bedeckt sind, steigt, als stießen Maulwürfe darunter die Köpfe durch, feiner, brauner Staub auf. Die etwas blassen, hängenden Lippen des Herrn (man lasse mich meinen Vater den Herrn nennen, ich möchte ihn zu gern als Großen sehen; mich klein neben ihm zu wissen tut mir wohl), die mit einem blassen Rot beschlagenen Lippen des Herrn feuchten sich, da seine Zunge in dem seltenen Genusse des Reitens sich über seine starken, weit auseinanderstehenden Zähne vordrängt. Weder er noch sein Sohn spricht ein Wort. Das Ende der pfeilgeraden Allee ist unsern Blicken nicht erreichbar. Früh ist es am Morgen. Es wäre die Morgenarbeit unserer Pferde. Abgesehen von dem hohen, unbeschreiblichen Genusse, hätten wir noch die Befriedigung, eine Arbeit zu leisten, etwas Nützliches zu tun, das auch zu unserm Namen und unserer Abstammung paßt. Gibt es einen bescheideneren Wunsch? Kann jemand das »Geschenk des Lebens« mit tieferer Dankbarkeit entgegennehmen? Sieht jemand nüchterner die Notwendigkeiten und Überflüssigkeiten des sozialen Daseins, wenn er als höchsten Wunsch eine einfache Stunde Reitens mit seinem Vater, dem verarmten, stellungslosen Fürsten, in der Allee eines öffentlichen Volksparkes ersehnt? Aber der ungeheure Wert des Zusammenseins mit meinem Vater besteht nur für mich. Was ich von dieser Stunde mit ihm erhoffe (vergeblich, ich sage es gleich, es ist vorbei), das ist nicht mehr als das, was alle anderen Söhne immer besitzen und nie würdigen. Ich war Waise, als mein Vater noch lebte.

Der seligste Zustand ist der des Tieres, vorausgesetzt, daß Steine und Lüfte nicht noch beneidenswerter sind. Doch schon das Tier, in dessen Seele man sich, wenn auch schwer, hineinversetzen kann, weiß nichts vom T., bevor es stirbt. Ich liebe Pferde, ich liebe Tiere über alles, aber etwas von dieser Liebe ist Neid. Die Nähe eines Tieres, besonders eines schönen, großen, starken, tut mir wohl, ich sonne mich in seiner Nähe. Wenn ich die Augen des Tieres mit meinen Blicken erfasse, möchte ich das kleine Spiegelbild werden in der eckigen und wie mit verknittertem braunem Pergament umschlossenen Pupille des Pferdes oder gar als ein winziger Orlamünde leben in dem atlasglänzenden Augenstern einer Katze, der sich ausweitet und zusammenzieht im Lichte, als wäre es eine Brust, die Licht einatmet und Licht ausatmet.

So tief möchte ich in dem Dasein eines Tieres untergehen und mich da auflösen, wo es keinen T. mehr gibt.

Für das Tier ist das Leben etwas Ungeheures. Es begreift den T. gar nicht, darin bleibt es ewig Kind, auch das vergrämteste, das gequälteste. Selbst der müdeste Droschkengaul, der so niedrig geworden ist mit seinen geknickten Kniekehlen, daß niemand ihn wiederzuerkennen vermöchte, der ihn in seiner Jugend als Füllen gekannt hat, selbst er besteht nur aus Leben ohne Schatten des Todes.

Jedes Tier in der Natur hat es schwer, es sucht sich seine Nahrung mühsam genug, aber es hat dafür seine ganze Kraft. Es tut so, als wäre nie eine Zeit abzusehen, wo es sich seine Nahrung nicht mehr zu suchen brauche, weil es selbst zur Nahrung für Raubtiere oder Würmer geworden sei. Es sucht sich seine Geschlechtsfreunde, zum erstenmal, als hätte es sie noch tausendmal zu erwarten, und so bis zum letztenmal mit der gleichen Lust, mit demselben tödlichen Willen. So ist das Tier treuer und stärker als der treueste und stärkste Mensch und mutiger.

Wenn es genießt, so genießt es herrlich alle Freuden des Daseins. So schläft eine Katze in der Sonne auf einem abgeernteten, aber noch kräftig durchstrahlten Weizenfelde, nachdem sie sich an Feldmäusen oder auch an Heuschrecken den Magen gefüllt und von ein paar gehöhlten Blättern den Abendtau getrunken hat. Die Katze liegt da, die Vorderpfoten unter der ruhig atmenden Brust gefaltet, als bete sie zu sich selbst. Sie hat den Schwanz um sich geschlagen, als wolle sie sich wärmen. Die Augen hat sie geschlossen, ja, sie kann es nicht genug finster haben und birgt den runden Kopf noch in der faltigen Haut des Halses. Sie ruht. Sie ist unsterblich. Ist sie nicht beneidenswerter als je ein Mensch? Was ist ihr T., was Leben, was Vater und Mutter? Mir ist sie beneidenswert, mir, der nie einen Menschen, und sei es Napoleon, beneiden könnte. Ja, das Tier geht in seiner Unschuld vor dem T. noch weiter, wenn auch selten.

Ich kannte einen prachtvollen Kater, der die sonderbare Neigung hatte, in das Feuer zu gehen. Er war rostrot gefärbt, hatte üppige, auf dem Halse aufgeplusterte, auf dem Unterleib ineinander verfilzte Haare, einen sehr langen Hals und außerordentlich kräftige, gewölbte Hinterbacken, die aber von dem kinderarmdicken, mächtigen Schweif, der wie ein Tigerschweif hin und her schlug, fast verdeckt waren. Als ich dieses Tier zum erstenmal sah, fielen mir blanke Stellen auf. Es waren fast ganz ausgefressene oder ausgestanzte runde Löcher am Nacken und Rücken, unter denen die saubere, oft geleckte Haut in heller Rosenfarbe durchschimmerte. Man hielt dies für Räude, berührte das Tier nicht mit bloßen Händen, hinderte es aber nicht, sich mit seinem sonst lockigen, schön gerundeten Rücken an den Fußrändern unserer Beinkleider schnurrend zu reiben. Der Kater schmeichelte zu gern um meinen Freund und um mich herum, als fühle er, daß wir, im Gegensatz zu den meisten Zöglingen von Onderkuhle, Katzen gern mögen.

Wir saßen eines Abends im Winter in unserem Zimmer (eigentlich ist es nur meines, aber es täte wohl, es mit Titurel zu teilen), in unserem dunklen, wohlgeheizten Zimmer, meine vielen Schreibsekretäre schimmerten, von unten her sanft beleuchtet. Auch durch die Ritzen der Tür drang aus dem benachbarten Schlafsaale Licht, zart in feinen Linien, die sich nur dann verdunkelten, wenn einer der Kameraden drüben durch den Raum ging, ohne Schuhe, so daß man ihn eher sehen als hören konnte.

Wir aber, Titurel und ich, waren allein, bloß irgendwo in den unteren Fächern eines sehr alten und nach Studiersaal muffig riechenden Schreibsekretärs hatte sich unsere Katze verkrochen, denn dort hatten wir ihr aus alten Schulheften, zerrissenen Handschuhen und ähnlichem Gerümpel eine Lagerstätte bereitet, die ihr besonderes Vergnügen machte, wenn sie auch nicht lange da aushielt. Denn etwas anderes ist es, was sie anzieht. Wir sprechen von Pferden, Prüfungen, Lehrern und Zöglingen. Da hören wir ein sonderbares Klirren. Der Kater hat sich dem eisernen Ofenvorsatze genähert, nun schlägt er heftig mit dem prachtvollen Schwanz, der mit seinen aufgerichteten Haaren lebhaft im Schimmer des Feuers erglänzt, jetzt richtet sich das Tier auf den Hinterpranken auf. Der Anblick des starken rostroten Katers mit den kahlen getigerten Flecken auf dem geschmeidigen, wellenförmig bewegten Rücken ist erschreckend schön, besonders wenn die schon ins Bläuliche hinüberspielende Lichtmasse von der glühenden Kohle auf die langen flimmernden Haare fällt. So sieht das Tier in seiner gestreckten Haltung fast gewaltig aus. Wir fassen uns, Titurel und ich, an den Händen, die wir einander zum Zeichen, ruhig zu sein und das Tier nicht zu stören, heftig pressen. Schwer kann der Freund in solchen Augenblicken ein heiseres, sardonisches Lachen unterdrücken. Aber er begreift, was ich will, und zwingt sich zur Ruhe.

Nun haben die Flammen, da der Luftzug geringer geworden ist, etwas in ihrem Glanze nachgelassen, sind blaugrün geworden, edelsteinfarbene Wölkchen, mehr ein tiefer Duft als ein brennendes Mineral. Ein schwüler, gesättigter Hauch kommt uns beiden, die wir mit geöffnetem Munde, Schulter an Schulter und Hals an Hals gepreßt, vor dem Kamin auf den Knien hocken, entgegen. Ich blicke meinen Freund an und sehe, was er mir bis dahin immer verborgen hat, seine schadhaften Zähne. Dies hat er im Augenblick vergessen. Er will offenen Mundes sehen, wie ein schönes Tier mit dem T. ringt. Mir aber bereitet es ein unbeschreibliches, aus Freude, Schauer, Mitleid, Zuneigung, Abscheu und Brüderlichkeit gemischtes Gefühl, diese gelblichen Zähne zu sehen neben meinen schneeweißen. Titurels Zähne haben dunkle, ausgezackte Ränder und kleine, durch Goldplomben ausgefüllte Löcher, in denen sich das Kohlenlicht funkelnd fängt – ich zittere, wenn ich dieses mir sonst verborgene Geheimnis betrachte, etwas in mir wird stolz und groß, wenn er, Titurel, klein wird, irdisch, sterblich und zerbrechlich. Ich habe nur Angst, daß er es bemerkt und mich flieht. Denn wen habe ich hier außer ihm? Die Katze habe ich ganz vergessen und den heiser gurrenden Schrei, den rötlich leuchtenden Schatten des gerade losspringenden Tieres weiter nicht beachtet – aber um so fürchterlicher überfällt mich der Schrecken und läßt mich laut aufschreien, als ich sehe, wie mein Freund in höchster Eile seinen linken Arm, an dem er den Ärmel bis zu Schulterhöhe aufstreift, in die dunkle, aber aus ihrer Dunkelheit funkensprühende Ofenhöhle hineinpreßt, wobei er, um den Schmerz zu verbeißen, diesen im wahrsten Sinn des Wortes zwischen seinen knirschenden Zähnen verbeißt. Mit aller Gewalt schleudert er das unselige Tier hervor. Es hat sich im Ofen gewaltig aufgeblasen. Seine Muskeln hat es aufs äußerste gespannt. Es sträubt sich knurrend und fauchend mit offenem Rachen und emporgezogenen, gerunzelten Nüstern gegen seine Rettung. Man muß es fortzerren, es an den Hinterpranken über den Kniegelenken energisch anfassen, und dabei schreit es mit aufgerissenem Maule, als hätte es sich an den Flammen wie an frischem Fleische berauscht oder irgendwo im Walde an einer blutreichen Beute entzündet. Entzündet ist es auch, denn der starke, gelockte, hohe Pelz glimmt an manchen Stellen des Rückens wie gut brennbares, wenn auch etwas feucht gewordenes Papier. Jetzt ist es stumm, windet sich aber in den tollsten Bewegungen. Titurel wickelt es in die Unterseite seines Hausrockes, wobei er in der Ungeduld, die Flammen zu löschen und das Tier zu retten, auch einen Zipfel seines weißen Hemdes hervorzieht, auf dem lauter aquamarinblaue Hufeisen und damit gekreuzte Peitschen aufgedruckt sind, und legt das komisch gemusterte Stück Leinwand dem Tier um, dessen Flammen schnell erlöschen.

Auf meinen Schrei sind in der Nachbarschaft im Schlafsaale der »Fünften« die Kameraden sehr still geworden. Wir beide, Titurel und ich, ängstigen uns davor, daß in dieses Schweigen sofort das grauenvolle Jammern des verbrannten Tieres hineinschallen werde, das seine Feuersucht mit Feuerwunden zahlen muß. Aber nichts davon. Wohl setzen sich die wütenden, wollüstigen Bewegungen des Katers unter dem Schutze des Hemdes fort, so stark, daß Titurel das Tier herauslassen muß. Aber es scheint über T., den richtigen Tod, zu triumphieren.

Wer möchte nicht mit einem so unerschrockenen Wesen tauschen? Das Feuer im Kamin flackert wieder auf, die Stimmen im Nachbarsaal werden lauter. Der Zigarettenrauch dringt zart zu uns.

Der Kater öffnet sein rosenrotes Maul, zeigt die rauhe, etwas milchig angehauchte Zunge und gähnt laut. Er schmeichelt uns beiden schnurrend um die Füße, gegen die er seine hohe, runde Stirn kräftig stößt, und hindert uns daran, auf geradem Wege zum Fenster zu gehen und die nach versengtem Haar scharf riechende Luft herauszulassen.

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