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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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9

So vergehen die ersten Tage. Da der Zustand meines Vaters sich nicht verschlechtert, bin ich von großem Glücksgefühl erfüllt und wünsche nur, es möge immer so bleiben, so bescheiden bin ich geworden.

Meine Mutter hat gegen mein Ausgehen an jedem Abend nichts einzuwenden. Glaubt sie wirklich, ich verbringe die Nächte, statt am Bette meines Vaters zu wachen, in leichtsinniger Gesellschaft? Fast sieht es so aus. Sie stellt an mich immer wieder mit denselben Worten die gleiche Frage: Ob ich mich gut amüsiert hätte? Und als ich ihr einen Beitrag zu dem Wirtschaftsgelde übergebe, will sie wissen, ob ich das Geld im Bac gewonnen hätte. Ich kläre sie nicht auf. Meine wirkliche Existenz ist ein bloß meinem Vater und mir gemeinsames Geheimnis, das auch er nie mit einem Worte berührt. Meiner Mutter beginnt die viele Arbeit in dem immer noch zu umfangreichen Haushalt Mühe zu machen. Täglich treten Dienerkandidaten an, die aber, jeder aus einem andern Grunde, nicht ihren Beifall finden, es sind auch Dienstpersonen aus dem Hause Onderkuhle dabei, von denen ich manches über das Schicksal des Meisters, des Obersten und des Rendanten erfahre. Aber meine Fürsprache für einen von ihnen, einen jungen, sehr ehrlichen, wenn auch nicht übermäßig geschickten Mann (Fredy) fruchtet nichts, meine Mutter sucht weiter, nicht bedenkend, daß das lange Warten meinem Vater nichts nützt, daß er nicht auf zahllose Monate und Jahre zählen darf. Inzwischen muß er mit meiner Pflege vorliebnehmen. Das Essen läßt meine Mutter aus einem nahen Restaurant durch die Portierfrau holen. Sie ist geradezu kindisch vor Freude darüber, daß sie sich aus der sehr umfangreichen Speisekarte das Leckerste aussuchen kann. Der besorgniserregende Zustand meines Vaters stört sie bei ihrer Freude ebensowenig wie mein Bedürfnis nach Ruhe in den Vormittagsstunden. Ich komme meist gegen sechs Uhr heim, warte das erste Erwachen meines Vaters ab, begrüße ihn, fühle seinen Puls, höre, wie er geschlafen hat, bette ihn um, dann begebe ich mich zur Ruhe und liege bald in sehr festem Schlaf. Meine Arbeit in der Turbinenfabrik übersteigt zwar auch jetzt, wo ich selbständiger hantieren darf, nicht die Kräfte eines einzelnen. Aber es ist doch kein Vergleich mit der Arbeit in Onderkuhle. Wohl mußte ich manchmal dort meine Kräfte fast bis zum Zerreißen anspannen, aber das geschah nur an vereinzelten Tagen. Der Antrieb war Ehrgeiz und Wunsch nach sportlicher Höchstleistung.

Aber etwas anderes, in ganz anderm Grade Zermürbendes ist es, durch Wochen ohne eigentliche Unterbrechung eine gleiche, wenn auch nur mäßig schwere Arbeit durch mindestens neun Stunden zu vollbringen. Man kann zwar solche Arbeit sicherlich sein ganzes Leben lang ohne besonderen Kräfteaufwand leisten, aber man muß seine Ruhe haben, ohne Ruhe ist es Ruin. Weckt man mich also um die Mittagszeit, ist meine Arbeitsfähigkeit in Frage gestellt. Was aber dann? Ich bin jetzt körperlich und seelisch so an diese mechanische Arbeit gebunden, daß ich es meiner Mutter nicht verzeihen kann, wenn sie mich Tag für Tag zu ungeeigneter Zeit weckt. Ich gebe es zu, sie meint es gut. Einmal soll ich mir einen Diener ansehen, der sich meldet, ein andermal eine besonders schöne Stelle in einem ihrer Romane bewundern, ein andermal mir etwas frische Luft gönnen, einen kleinen Ausflug machen, meist ist es nur, weil sie mit der Auswahl aus der Speisenkarte ohne mich nicht fertig werden kann. Sie hat ihr reizendstes Lächeln um die festen, runzellosen Lippen, sie fächelt mir mit ausgebreiteter Speisenkarte die Schweißtropfen aus dem Gesicht, will mir die »bösen Falten« fortwischen. Dabei klirrt die Perlenkette leise um ihren schönen glatten Hals. Ich unterdrücke meinen Zorn, ich werfe ihr bloß einen Blick zu, der ihr alles sagen könnte. Aber sie nimmt mich weiter nicht ernst, sagt: »Großer Brummbär!« Fragt nicht nach der Ursache meiner Müdigkeit, die ich ihr in diesem Augenblick vielleicht doch verriete. Dann aber besinne ich mich. Das Gefühl, mit achtzehn Jahren sich sein Brot zu verdienen, und sei es auch nur durch Handarbeit, ist so belebend, so ermutigend, daß ich viel ertragen kann. Es gibt gewiß Stunden, wo ich auch die Bitternisse dieser Arbeit empfinde, denn unter meinesgleichen darf ich mich in der Fabrik nicht fühlen. Ich weiß wohl, ein standesgemäßes Leben, ein sorgenloses, hoffnungsfreudiges Leben unter Menschen, die mir nach Geburt und Erziehung nahestehen, ist etwas anderes. Aber das Schicksal könnte noch bitterer sein. Vor allem bleibe ich an der Seite meines alten Vaters, ja ich sehe mit nicht auszuschöpfender Freude an ihm eine Art Erholung, ein neues Aufleben, ein Nachlassen der Schmerzen, ein Erwachen aus der Lethargie, in der er bis zu meinem Kommen gelegen. Ich halte mich an die »Monate« des Professors, von denen bis jetzt nur einer verstrichen ist. Ich teile meine Zeit zwischen der notwendigsten Ruhe und seiner Pflege. Er hat begonnen, sich zusammenzunehmen, sich mit Energie gegen seine Krankheit zu wehren, er, der nie seinen Willen entwickelt hat, setzt sich jetzt gegen die Krankheit durch, und er überwindet sie in einer Art, die bewundernswert ist. Es gibt vielleicht Menschen, todesmutige Forscher, Leute wie Amundsen, Helden oder Priester, die ihr Leben opfern für ihre große Sache. Er aber, der dem Tode schon seit langem anheimgegeben war, rafft sich noch einmal mit seiner ganzen Männlichkeit auf, nur um mir länger das Glück seiner Nähe zu gönnen. Eines Morgens treffe ich an der unserm Hause nächsten Straßenecke einen alten, gebeugten, in schlotternde graue Gewänder gehüllten Greis, der auf mich zuwankt, auf seinen hellen Stock gestützt. Diesen Stock, den ich schon an meinem Vater seit meiner Jugend kannte, erkenne ich früher als ihn. Mein Vater hat sich unter Aufgebot aller Kräfte morgens, als meine Mutter noch schlief, angekleidet, ist mir entgegengegangen, hat lange, da sich meine Heimkehr verzögert hat, halb ohnmächtig unter starken Schmerzen an der Ecke auf mich gewartet. Zu meinem tiefen Schmerz muß ich sehen, daß diese Anstrengung seine Kräfte überstieg, das Glück, noch einmal neben ihm durch die Straßen zu gehen, ist heute ein sehr bitteres, fast würgendes. Bei der ersten Stufe, die vom Hochparterre unseres Hauses nach dem ersten Stockwerk führt, verlassen ihn die Kräfte ganz, sein Kopf gleitet auf die Brust, und ich muß ihn stützen, muß ihn, die leichte Gestalt mit den wie Vogelknochen gewichtlosen Knochen, auf meine Arme nehmen und ihn nach oben tragen. Von diesem Tage an beginnt sein neuer, diesmal nicht durch Energie zu unterdrückender Verfall. Der Hausarzt findet alles natürlich, den Aufschwung ebenso wie den Niedergang. Sein Lächeln bringt mich mehr zur Verzweiflung als das Todesurteil damals durch den Professor. Meine Mutter hat wieder ihre unmotivierten Schmerzausbrüche, die sie dann zwischen den Seiten ihrer Romane oder zwischen den flitterbestickten Röcken ihrer Puppen erstickt, der Abbé betritt wieder fast täglich unser Haus und gibt eines Vormittags auf Bitten meiner Mutter meinem Vater die Letzte Ölung.

Meiner Mutter bin ich fremd, und sie ist mir fremd. Ich liebe sie nicht, ich kann sie nicht lieben und werde sie nicht lieben. Ich tue für sie, was ich kann, ich zwinge mich manchmal und bringe ihr kleine Geschenke mit, für die sie sehr empfänglich ist. Aber mehr kann ich nicht tun. Mehr ist unmöglich. Aber verlange ich nicht auch das Unmögliche vom Schicksal? Verlange ich, der an Wunder nicht glaubt, nicht vom Schicksal das »kleine« Wunder, einem alten Manne, der niemand je geschadet hat, ein paar Jahre Gesundheit wiederzugeben? Und wer verdient dies mehr als er? Wenn ich ihn jetzt anblicke und mir denke, daß er bald nicht mehr ist, dann weiß ich nicht, wie ich das ertragen soll. Wenn einer sterben soll, warum nicht lieber ich? Ich kann ihn nicht mit demselben Maße messen wie andere Menschen. Die ganze Menschheit besteht für mich aus zwei Teilen, er ist der eine, alles andere ist Rest. Er ist der liebevollste Gatte, der treueste, wenn auch schwächste Vater. Auch jetzt kein Wort für oder gegen meinen Plan und nichts mehr von standesgemäßen, nichts mehr von gottgewollten Entbehrungen.

Er ist ein Freund der Armen, selbst arm. Er hat, mit seinem Adel wie mit einer schweren Rüstung beladen, als fast willenloser Sproß eines einst machtvollen Hauses, sein Pfund nicht auf den öffentlichen Markt tragen wollen, um damit zu wuchern. Er hat mit seinen mehr als sechzig Jahren nichts erworben und nichts verloren. Was nach seinem Ende zurückbleibt, wird dank der kleinen Lebensrente aus Irland gerade ausreichen, meiner Mutter die Fortdauer ihrer jetzigen Existenz zu sichern. Ich erbe nichts davon. Ich bin mein eigener Herr und daher auch mein eigener Erbe, das weiß er ohne Worte. Er trägt mir auf, seine Ordensauszeichnungen »nachher« zurückzusenden. Sie gehören nicht ihm, werden stets nur verliehen, nie geschenkt. Eine, die wichtigste, kommt an die Kaiserliche Regierung in Wien zurück, andere an das Königliche Haus hier. Von den verschiedenen reichdotierten Ehrenstellen des Hofes, von den vergoldeten Kongonegergeschäften des merkantilen Königs hat er sich stets zurückgehalten. Dafür halten sich die meisten seiner Standesgenossen von uns zurück, nur selten betritt einer von ihnen unser Haus. Der Herzog von Ondermark hat uns seinen Sekretär geschickt, um Nachrichten über meinen Vater (und mich?) einzuholen. Er hat mich nicht angetroffen. Das war mir auch erwünschter. Ich habe während dieses kurzen Besuches geschlafen nach einer besonders schweren Nachtarbeit. Mein Vater hat mich nicht wecken lassen und hat gut so getan.

Das einzige, was er zu vererben hat, jetzt, da er sein Ende nahe fühlt, ist sein Siegelring, der von Geschlecht zu Geschlecht geht. Er trägt sonst keinen Schmuck, auch kein Atom Gold an sich, weder Ehering noch eine Uhr. Denn was bedeuten diesem Manne Schmuck und Zeit? Den Ring nimmt er nun, am 28. August 1913, um zwei Uhr, zum ersten und zum letzten Male seit der Sterbestunde meines Großvaters vom linken Zeigefinger und gibt ihn mir. Ich will ihn zurückweisen, will ihn dann, als dieses Zurückweisen unmöglich ist, in meiner Tasche verstecken, aber er sagt in einem ruhigen und gesammelten Tone, als setze er ein schon längst begonnenes Gespräch fort: »Trage du ihn. Du bist jetzt an der Reihe.« Dann schweigt er. Der Nachmittag vergeht wie immer. Der Geistliche kommt, ich gehe aus dem Zimmer. Meine Mutter hat einen Weinkrampf, sie erstickt ihn, indem sie ihr Gesicht an das hellblaue Seidenfutteral ihres Elfenbeinchristus mit aller Gewalt preßt, so daß dann auf ihren vollen Wangen die Falten der Seide abgedruckt erscheinen. Sie glättet dann lange die gerötete Haut vor dem Spiegel. Ich trete schweigend bei meinem Vater ein. Von der nahen Kirche her hört man die Glocken, später aus einer etwas entfernten Fabrik (nicht der unsern) eine schrille Sirene. Meine Mutter, die ich aufsuche, schläft erschöpft, von allen ihren Puppen umgeben. Ich kehre zu meinem Vater zurück. »Weine nicht!« sagt er nach einer Stunde zu mir. »Wie willst du denn deine Mutter trösten? Ich vertraue dir. Unser Herr und Heiland halte weiter seine Hand über dich!« Seine Blicke und seine linke Hand, die er von meinem Gesichte gelöst hat, schweben in einer sanften Kreisbewegung durch das große ärmliche Zimmer. Ich errate nicht, und ich frage nicht, ob er mein ganzes Dasein kennt und billigt, ob es ihm weh tut, daß er seinen Sohn und seine Gattin in offenkundiger Dürftigkeit zurückläßt. Er ist sehr müde, die Bewegung seiner Hand endet mit einem flüchtig und doch ernst geschlagenen Kreuz über mir, über meinen hellen roten Haaren, die seine leichte Hand nur streift. Er fährt mit seinen starken weißen Zähnen, die lebhaft aus dem lehmfarbenen Gesichte hervorleuchten und die weit auseinanderstehen, über seine herabhängende verwelkte Unterlippe – da übermannt ihn die Müdigkeit. »Ich bin etwas matt jetzt«, sagt er besonders laut, als zwinge er sich zu dieser letzten Kraftanstrengung, um dann das Recht zur Ruhe zu haben. »Gott und ich sind in Frieden. Bleibe du immer mein Sohn. Gott segne dich! Nimm die Kissen mir vom Kopfe weg, lege sie an die Füße. Du tatest es an dem Morgen, als du aus Onderkuhle kamst. Es war gut. Gut war es ...« sagt er und setzt damit das Siegel unter sein Leben, seine Krankheit, seine Liebe, seinen Tod. Er nimmt, ohne mehr zu sprechen, meine rechte Hand mit ihren Brandnarben von Onderkuhle und den Schwielen von der Turbinenfabrik in seine Linke, hält sie mit sanftem Drucke fest, er legt sich dann mit dem ganzen leichten Körper über meine Hände. Er schläft unmerklich ein.

Es wird Abend, es wird Nacht. Meine Mutter ruft leise, ich antworte nicht. Sie wird still. Ich kann mich nicht erheben, mich nicht regen.

Ich kann meine Hand von der des Sterbenden nicht lösen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, schauerlich und herzergreifend, wenn ich spüre, wie meine rechte Hand leblos wird, dann wie aufsteigend mein rechter Arm und meine Schulter das Empfinden verlieren und endlich mein ganzer Körper auf der rechten Seite eingeschlafen ist, frosterstarrt trotz dem schwülen Sommerhauche, des Lebens entwöhnt und ein Stück Tod geworden mit dem toten Vater.

Am nächsten Tage kann ich mich frei machen. Es ist ein heißer Augusttag. Mein Körper lebt und ist stark und gesund wie zuvor. Nur bin ich allein und werde es bleiben. Angst vor dem Tode werde ich nie mehr haben. Es wird mir kein Vater mehr sterben. Seinen eigenen Tod erlebt kein Mensch.

Am Abend dieses Tages gehe ich wieder in die Fabrik, da ich nicht neben meiner Mutter wachen will. Sie ist gefaßter als ich. Aber auch in ihrer größten Erregung küßt sie mich nicht. Sie wird noch in diesem Herbst zu ihrer Kusine, der unverheirateten alten Gräfin P., übersiedeln. Ich werde allein zurückbleiben. Aber der Abschied wird mir nicht schwerfallen, denn ich werde noch inniger mit meinem Vater leben, werde noch mehr in meiner Arbeit aufgehen.

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