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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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7

Ich trete ein. Jetzt erst erblicke ich meinen Vater wirklich. Als er meiner gewahr wird, überzieht sich sein Gesicht mit heller Röte, auf seiner kahlen hohen Stirn erscheinen Schweißtropfen, und sein Mund beginnt zu lachen, der zarte weiße Schnurrbart zittert. Bei ihm, auf dem schönen Gobelinstuhl, sitzt der Notar, er hat ein Dokument auf den Knien und ein transportables Tintenfaß, wie die Studenten in der medizinischen Klinik, nahe zur Hand. Jetzt stellt er seinen Federhalter steil, damit er das Dokument nicht beschmutze, und sieht mich erwartungsvoll an, wenn auch etwas ungeduldig über die Störung. Zugleich tritt mit behutsamem Schritt unser alter Beichtvater (mein erster Lehrer im Lesen und Schreiben) ein. Er segnet mich mit seinen wunderbar graziösen, schwingenden Bewegungen, als fächle er mich. Mein Vater ist stumm. Er ist sprachlos vor Freude. Er küßt mich fest auf den Mund. Seine Wangen, die sich an meine schmiegen, sind glatt. Seine Lippen sind warm, blutvoll, lebendig. Und jetzt, als er sich mir so weit als nur möglich genähert hat, kann ich seine guten Augen leuchten sehen mit einem ruhigen, bei aller Freude gesammelten blauen Glanze, der mich immer an sich gezogen hat. Ich bin eins mit ihm, ich möchte ihn nie mehr vermissen ... Daß es Ernst ist, möchte ich nicht glauben, ich will es nicht haben, es soll nicht sein. Aber wider Willen verkrampft sich mein Mund zu einer schmerzlichen Miene. Der alte Mann streicht mit der ausgebreiteten linken Hand über mein ganzes Gesicht, um es zu glätten. Dann läßt er mich, nur durch einen Blick, von den Knien erheben, stellt mich dem Notar vor, der mir, einen Kopf kleiner als ich und dünn wie ein Spazierstock, mannhaft die Hand drückt. Dann setzt er sich wieder hin und wartet. Der Abbé, der seine Obliegenheiten offenbar heute hier schon erfüllt hat, grüßt uns alle und geht.

Der Vater weist mir einen Platz an und fährt in seinem Gespräch mit dem Notar fort. Er ist etwas befangen, schickt mich aber trotzdem nicht aus dem Räume. Er sucht zum Abschied im Geiste Güter und Gaben, um sie zu verteilen. Aber keine Reichtümer sind zu vererben. Ich sehe auch in der Ecke den alten Küraß nicht mehr, den er in früheren Jahren dem Stadtmuseum vererben wollte; in der Vitrine waren früher einmal kostbare Güter, jetzt nicht mehr; die goldenen Sporen ruhten auf weißsamtenem Kissen, nun ist der Platz leer, und die Mittagssonne bricht sich in den Spiegeln, die die Rückwand der Vitrine bilden. Mein Vater hat vielleicht nichts zu hinterlassen als seinen Namen und seinen Ring. Er hat keine Aufgabe fortzusetzen, keine Anordnung über die weitere Führung eines Unternehmens zu geben, wie etwa der Besitzer oder leitende Verwaltungsrat einer großen Turbinenfabrik. Das einzige, was zu tun ihm übriggeblieben wäre, wäre meine Erziehung gewesen. Er liebte meine Mutter, aber er ließ mich lieber durch Onderkuhle als durch sie erziehen. Aber wußte er nicht, daß er der einzige für mich war? Alles, Leben und Tod, Beruf im irdischen Leben, die Unendlichkeit im künftigen, die absolute Unmeßbarkeit des einzelnen und seine Verzweiflung, alles lag in seiner Hand, die er jetzt, mit den blaßroten, wirr durchfurchten, etwas feuchten Handflächen nach oben, dem Mittagslichte darbreitet, leer. Wie ganz anders wäre meine Jugend gewesen neben ihm! Kann es zu Ende sein? Kein Jahr Dauer neben ihm? Vor kurzer Zeit ist Onderkuhle niedergegangen, noch ist die Asche dort warm – und jetzt soll dieser letzte, dieser mir einzige Mensch verlorengehen?

Der Notar hat nicht mehr viel zu schreiben. Es folgt eine kurze Klausel über die Lebensrente aus Irland und deren Verwendung, solange meine Mutter lebt und für die Zeit nachher. Ich denke ganz anders darüber, aber ich schweige und unterbreche den Letzten Willen meines Vaters nicht. Der Notar erhebt sich. Er geht.

Meine Mutter tritt ein mit einem Tablett, aber mein Vater berührt nur so viel von jedem Gang, daß er meine Mutter für die ausgezeichnete Zubereitung loben kann. Sie strahlt denn auch über die schmeichelhaften Worte, die sie nicht ganz verdient. Dann läßt sie uns allein.

Mein Vater sieht mich lange an und sagt dann: »Bitte, sei mir behilflich, ich will aufstehen.« Ich gehorche ihm stumm, reiche ihm die nötigen Kleidungsstücke, stütze ihn, wenn es erforderlich ist, im Kreuz, unter den Armen und helfe ihm in den Gobelinlehnstuhl. Er atmet tief, ist von der Anstrengung eher blasser als roter, eher ruhiger als lebhafter geworden und drückt nur meine Hand mit einem langen, meine Hand fest umfassenden Drucke und schweigt. Es schellt, jemand tritt auf den Zehenspitzen in den Vorraum und spricht mit leiser Stimme mit der Mutter. Mein Vater wendet sich zu mir: »Wie lebst du?«

»Ich arbeite in einer Turbinenfabrik.«

»So. Bist du zufrieden?«

»Ja, ich bin zufrieden.«

»Ich kenne das Unternehmen, man hat mir vor fünfzehn Jahren eine Aufsichtsratsstelle angeboten, ich habe abgelehnt, da es uns widerstrebt, ohne Gegenleistung Geld in Empfang zu nehmen, und meine Leistungen wären gleich Null gewesen.«

Als ich protestiere, sagt er: »Doch, ich weiß es. Vielleicht war es nicht recht. Ich hätte mehr für euch tun können. Bist du nun zufrieden?« wiederholt er.

»Jetzt gewiß«, sage ich, »wenn ich bei dir bin.«

»Nicht so, du weißt es; nicht so, das will ich nicht.«

»Ich bin zufrieden.«

»Das ist mir lieb. Das beruhigt mich sehr. Das ist mir sehr lieb.«

Die letzten Worte kommen nur mühsam und gedehnt aus seinem blasser werdenden Munde. Ist er am Erlöschen? Ich will mit ihm sprechen, ich will, während ich seine edlen, ovalen, schon azurblauen Fingernägel betrachte, an ihn die unsinnige Bitte richten, die alle Überlebenden an die Sterbenden richten, diese möchten doch nicht fortgehen, sie möchten es doch uns zuliebe nicht tun. Aber ich bewahre Haltung. Ich weine nicht. Tränen kamen mir immer schwer. Ich presse die Lippen aufeinander und unterdrücke jeglichen Gefühlsausbruch. Nach einer kleinen drückenden Pause tritt der alte Hausarzt ein. Offenbar hat er meiner Mutter trübe Aufklärungen gebracht. Sie folgt ihm auf dem Fuße, stößt mich fast beiseite, faßt den alten Arzt am Arm und droht ihm, ihn nicht fortzulassen, bevor er meinen Vater nicht gerettet habe. Sie besteht auf einer neuerlichen genauen Untersuchung und gebraucht Worte, deren Bedeutung sie sich in ihrer Aufregung nicht bewußt ist. Der alte Arzt gibt ihrem Drängen nach, und wir, der Arzt und ich, entkleiden den armen Vater, der sich alles gefallen läßt und sogar meine wutbebende Mutter beruhigt. Alle Kleidungsstücke, die er sich mit meiner Hilfe mühsam angelegt hat, werden abgezogen. Endlich liegt er fast völlig entkleidet da. Was ein Sohn bei dem Anblick seines fast nackten Vaters empfindet, läßt sich nicht schildern. Aber ich beherrsche mich, auch mein Vater tut es. Welchen Sinn hat dieses fürchterliche Tun? Was kann man an diesem Herzen vernehmen? Was kann man an diesem Körper fühlen? Zuerst befiehlt der alte, selbst schon dem Grabe sich zuneigende Arzt Ruhe, obwohl wir uns nicht im mindesten rühren, dann untersucht er, drückt und knetet den empfindlichen Kranken, der aber keine Miene verzieht, auch hier den alten Schüler Onderkuhles verratend, dann hebt der Doktor die Augen zur Decke, als stünde es oben geschrieben. Schließlich zuckt der Hausarzt die Achseln und verweist uns mit etwas bebender Stimme auf die »moderne« Ansicht des Professors, den wir alle erwarten. Die Mutter legt dem Vater eine verschossene Seidendecke von Kupferfarbe über und stützt seinen mageren, gelben, wieder zum Schlaf bereiten Kopf mit so viel schweren Kissen, als müsse man ihn jetzt schon aufbahren. Der Fürst faßt sich, in seine Züge tritt der bei ihm sehr seltene, aber mir eben deshalb unvergeßbare Ausdruck von Energie, er möchte sprechen, mir noch vieles sagen. Da übermannt ihn, während er die Lippen noch lautlos bewegt, der Schlaf, der kommende Tod. Mein Vater preßt mir fast schmerzhaft die Hand, als wolle sein Körper mich bitten, ihn zu wecken, wenn die Seele schon schläft. Aber das tut kein Sohn.

Meine Mutter weint, oder besser gesagt, sie vergießt Tränen, die ihren hellbraunen schönen Augen ohne Mühe entströmen. Der uralte Hausarzt ist verlegen, reibt sich die rötlichen fetten Hände und verordnet Ruhe, als wäre mein Vater damit nicht schon im Übermaß gesegnet...

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