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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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5

Die Tage vergehen in rasender Schnelligkeit. Ich muß mir ein anderes, billigeres Quartier suchen, komme aber während der ersten Woche nicht dazu.

Am Sonnabend ist der Augenblick des Lohnempfanges von einer gewissen Feierlichkeit. Ich bin natürlich auch an diesem Tage müde, obwohl ich nur fünf Stunden statt sonst neun gearbeitet habe. Immerhin ist meine Haltung (jetzt wo es nicht mehr darauf ankommt) besser als am Tage des Zeugnisempfanges in Onderkuhle. Nichts mehr von der gezierten und unbehilflichen Haltung. Es kümmert mich nicht, wer umhersteht und wer sich vielleicht bei der Nennung des adeligen Namens über mich lustig machen könnte. Übrigens tut es keiner, jeder ist mit sich selbst beschäftigt und wartet nur das Geld ab, um die Fabrik zu verlassen, so schnell wie nur möglich. Die Zeremonie dauert nicht lange. In länglichen, weizenfarbigen Kuverts liegt der Lohn bis auf den Heller für jeden Namen abgezählt. Keine Quittung, keine Schreiberei. Augenblicklich hat das Nachzählen zu erfolgen, Reklamationen sind sofort, aber bei einem andern, nicht bei dem auszahlenden Beamten, anzubringen. Da sich die Namen oft gleichen, wird die Berufsbezeichnung beigefügt, so Monteur, Chauffeur, Elektriker, Zeichner, Modelltischler, Spuler, Schweißer, Nietenschläger, Gießer, Schmied, Fräser, Stückezeichner, Kontrolle, Schaufeldreher, Tischler, Mechaniker, Heizer usw. Einen Teil meines Geldes trage ich sofort zur Post, um einen Teil meiner Schuld bei dem Kaufmann in V. abzutragen, dann begebe ich mich auf die Wohnungssuche und miete die erste beste Kammer, die, wie ich später erfahre, in Anbetracht des Gebotenen zu teuer ist. Es ist keine bloße Schlafstelle, sondern ein abgeschlossener, nur mir gehöriger Raum in einer von unzähligen kleinen Parteien bewohnten sechsstöckigen Mietskaserne mit vier Aufgängen, die alle sehr belebt und (wenigstens heute, am allgemeinen Reinmachetage) ziemlich sauber sind. Ich freue mich beim Beziehen des Zimmers auf den morgigen Tag, ich möchte die Messe in der Kathedrale besuchen, bei welcher seit Jahren regelmäßig meine Eltern anwesend sind, und bitte meine Wirtsleute, eine kinderreiche jüdische Schneiderfamilie, mich pünktlich zu wecken. Sonderbarerweise erwache ich Sonntag erst gegen Abend. Ich hatte, meinem gesunden Hunger zum Trotz und ohne auf die zahlreichen Versuche der Wirtin auch nur durch Umdrehen im Bette zu antworten, den Ruhetag fast ganz verschlafen. Ich trete auf die Straße, gehe ein paar Schritte spazieren und gehe dann in ein Kino, da ich den Drang habe, genauso gedankenlos, wie ich die Woche bei der Arbeit verbringe, auch den Sonntag bei der Erholung zu verbringen.

Auch das übrige Publikum des billigen kleinen Kinos besteht fast nur aus Arbeitern, männlichen und weiblichen. Als man mich am nächsten Tage fragt, wie ich den Sonntag verbracht habe, und ich verlegen schweige, fordert man mich auf, in einen Arbeitersportverein einzutreten, in dem Fußball gespielt wird und der eine ausgezeichnete Mannschaft haben soll. Das wäre wenigstens eine Möglichkeit, nicht in der völlig aufreibenden, mich bis zum letzten Rest seelischer und geistiger Kraft erschöpfenden Arbeit aufzugehen. Sobald es mir aus bestimmten Gründen möglich sein wird, will ich es unbedingt tun. – Wer mich am nächsten Sonntag weckte, weiß ich nicht. Aber ich stand auf, gerade zeitig genug, um die Stunde der großen Messe in der berühmten Kathedrale nicht zu versäumen. Den Kaffee trinke ich stehend aus, meine Kleider dabei zuknöpfend, das Brot nehme ich mit. So komme ich doch früher von Hause fort und eile dem Gotteshause zu.

Ich sehe die Straßen jetzt am Sonntagvormittag leer. An den Haltestellen stehen die Droschken, und vor den alten Klapperkästen mit dem abgesprungenen Lack und der verschossenen Innenpolsterung dämmern die Gäule, die müden, abgetriebenen, nie ausgeschlafenen Tiere mit den schiefen Vorderbeinen, den winkelig angezogenen dürren Hinterbeinen, den kantigen Kruppen, den überlangen Hälsen, die nur dürftig von den struppigen, nie richtig gestriegelten Mähnen umrahmt sind. Die Unterlippen hängen den Pferden ebenso wie die Augenlider herab. So stehen sie nickend da, und der Kutscher auf dem Bocke döst ebenso wie sie dahin in der schweren, nebligen, warmen Sommerluft. Ein Gaul mit auffallend trübem Gesichtsausdruck und mit vor Altersschwäche tränenden Augen erregt meinen Anteil besonders. Ich kann es mir nicht versagen, der Stute mein Frühstücksbrötchen zwischen die langen, grünlich angelaufenen, wahrscheinlich niemals geputzten Zähne zu schieben. Das Tier erschrickt fast vor dem unerwarteten Geschenk. Dann mahlt es eilig, wobei die Kinnriemen knarren und das Kettchen rasselt, es schlingt eifrig, glotzt mich an, klopft auf den Boden mit einer verstehenden intelligenten Bewegung des langen, unregelmäßig gebauten Kopfes. Es öffnet dann das Maul zum Wiehern, sehnsüchtig und hoffnungsvoll und mit solcher Stärke, daß der eisgraue, aber rotwangige, gesunde, dicke Kutscher fluchend erwacht und dem Tier den Peitschenstiel um die Ohren schlägt. Es verstummt sofort, wendet nur seinen sonderbaren Kopf nach mir, der ich schnell davoneile. Immer habe ich Tiere geliebt, und ich gestehe es, nicht immer geliebt ohne ein Gefühl von Neid. Zum erstenmal ist heute viel Mitleid dabei.

Jetzt bin ich vor dem Riesenportale der Kathedrale angelangt. Die Messe hat noch nicht begonnen, die größte Zahl der Kirchenbesucher kommt erst jetzt. Ich erwarte, meine Eltern zu sehen. Kein Paar, das ihnen gleicht. Plötzlich sehe ich eine Dame, die mit sehr feiner, wenn auch schon etwas altmodischer Eleganz gekleidet ist, viele schwarze Glasperlen an dem faltenreichen Taft ihres Kleides trägt und schillernde Straußenfedern an dem breit und sanft gebogenen Hut. Diese Dame, welche jetzt mit gebeugtem Kopfe in die Tür tritt, mit der einen Hand dem Bettler etwas darreicht, mit der andern nach dem Weihwasserbecken langt, ist meine Mutter. Ich begreife diesen Anblick nicht. Ich fasse es nicht, daß mein Vater fehlt! Aber meine Gedanken gehen schon im Dröhnen der berühmten Orgel mit den zweihundert Registern unter, welche die Zierde dieser Kirche bildet... Wie anders dieses Haus Gottes, wie anders die kleine Anstaltskapelle in Onderkuhle, auf deren Freitreppe sich stets das übermütige Geflügel aus dem nahen Hühnerhofe tummelte. Dort galt der Gottesdienst nur soviel wie eine Art geistlicher Unterrichtsstunde, wo uns das Selbstverständliche, nämlich der katholische unverfälschte Gottesglauben, praktisch und ein wenig festlich vor Augen geführt wurde – dazu die Erinnerung an die Heilslehren, die Gebete für die Gesundheit der königlichen Dynastie, dann für das Glück unserer Eltern, unserer Gönner, Gebete für das Seelenheil der Abgeschiedenen, bis zu den Gebeten für uns selbst, die in entsprechender Distanz an letzter Stelle kamen. Hier aber ein ungeheurer Prunk, eine erdrückende Fülle von Menschen, Ornate der Priester und Adjutoren von solcher Pracht, daß die an Stola und Dalmatika angestickten Edelsteine blenden. Musik von betörender Süße, zermalmender Stärke: Knabenchöre, Chöre von Frauenstimmen, die Solopartie eines Opernsängers, die lateinische Messe, Wolken von Weihrauch, das silberne Klingeln der Glöckchen, die Totenstille während der heiligen Handlung ... alles ungewohnt, übermächtig und erdrückend wie der erste Tag in der Turbinenfabrik...

Ich suche Zuflucht bei meiner Mutter. Endlich entdecke ich sie im Halbdunkel an der gewohnten Stelle, wo unser Kirchensitz sich befindet. Aber ihr Straußenfedernhut verbirgt mir ihre Züge. Jetzt hebt sie den Kopf. Fühlt sie meinen Blick? Sie scheint mühsamer zu atmen, und ihre etwas voller gewordenen hübschen Wangen scheinen im ungewissen Licht zu zittern und zu erblassen. Ahnt sie, daß ihr einziges Kind sie mit seinen scheuen Blicken umfängt? Man kann es nicht erraten. Ich fühle sie weit entfernt. Ich bete für meinen Vater, für meine Mutter, vielleicht betet sie auch für mich.

Daß mein Vater, der geliebte, fehlt, das schmerzt mich sehr. Nicht, daß ich es hätte fordern können. Aber die Enttäuschung ist zu bitter, und, mehr als das, das Fernbleiben muß einen außerordentlich ernsten Grund haben. Ich kann es mir nicht erklären, daß er, dem die Frömmigkeit Herzenssache ist, an einem solchen Tage fehlt. Ich bete ohne Aufhören.

Ob ich noch die ganze Kraft habe, mit der ich einst als Kind beten konnte, weiß ich nicht. Kann einer schwach im Glauben sein (wie sehr! wie sehr!) und doch stark im Beten? Unlösbare Frage. Wenn einem Manne Trost im Gebete zuteil werden kann, dann bedarf er keines anderen. Nur weil mein Vater diesen Trost besaß, konnte er ruhig schlafen, während ich, sein glaubensschwacher Sohn, schlaflos auf dem halbmondförmigen Sofa liegend, mich in die Unendlichkeit der Welt herabstürzen fühlte, die sich vor meinen Füßen auftat.

Ich segne ihn jetzt, meinen Vater, ich segne auch meine Mutter, ich bete, so gut ich kann, für die Hinterbliebenen von Onderkuhle, für die Tiere dort, Cyrus vor allem, auch für den Meister, für Titurel, ich bete auch für meine Arbeit, die ich jetzt in der Fabrik betreibe und die mir morgen bevorsteht. Die große Gewalt der Musik, die Nähe der andächtigen Menschen, das Geheimnis unserer Messe – und die Sorge um meinen Vater haben mich zum Schluß doch aus mir herausgehoben, und so verlasse ich mit dem »ite, missa est« zugleich mit fast tausend Menschen beruhigt und erhoben das Gotteshaus. Meine Mutter sehe ich nicht mehr.

Ich muß es unbedingt möglich machen, ohne Unterbrechung meiner mühsam begonnenen Arbeit meine Eltern aufzusuchen. Jetzt, fühle ich – kann ich es tun. Nicht heute. Ich bin heute zu sorgenvoll, einer schweren Mitteilung nicht ganz gewachsen. Aber morgen schon oder in den nächsten Tagen.

Draußen hat es zu regnen begonnen, und die Luft duftet balsamisch nach blühenden Bäumen. Die Akazien blühen sehr spät in diesem Jahre, erst jetzt, zweite Hälfte Juli.

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