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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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Mich hat man längst bemerkt, doch hat sich keiner von seinem Platz gerührt. Es scheint auch keine beamtete Aufsichtsperson im Saale zu sein, wenigstens vermag ich sie nicht von den andern zu unterscheiden. Ich durchirre den riesigen Raum, bis ich an den Fuß einer Leiterkonstruktion gekommen bin, zum Fundament eines der vielen Krane, die sich mit ihren langen Hälsen, ihren winzigen, nur auf eisernen Leitern erreichbaren Führerkabinen und den glitzernden Ketten über den Grundraum der Montagehalle erheben. Hier werde ich gerufen. Nicht mit einem richtigen Zuruf, sondern mit einem Pfeifchen, als wäre ich ein kleiner Hund. Aber wer kennt meinen Namen hier? Wie anders sollte man mich darauf aufmerksam machen, daß ich hier fehle? Es gilt mir. Ich habe das Signal verstanden und klettere als guter Turner flink die etwas schlüpfrige Leiter empor, ich verbeuge mich vor dem Kranführer, der mich aber nicht weiter beachtet. Ohne das Auge von der Tiefe unter ihm zu lassen, hält er mir die linke Hand hin. Die rechte hat er an dem Lenkrade. Aber er erwartet keinen kameradschaftlichen Händedruck von mir, sondern hat mir die Hand nur gereicht, um die Marke zu erhalten, die man mir vorhin eingehändigt hat. Er spricht nicht mit mir. Vielleicht weiß er nicht, daß ich zum erstenmal hier Dienst tun soll, vielleicht wäre aber bei dem herrschenden Getöse jede Verständigung unmöglich. (Später sah ich, daß man sich auch hier unterhalten konnte, jedenfalls brauchte man die Stimme durchaus nicht stark zu erheben. Wie das möglich war, weiß ich nicht.) Nun winkt er nach rechts in den Winkel der kleinen, nach Öl riechenden, mit nassen Tabakresten beschmutzten Kabine, wo eine blecherne Ölkanne und ein paar Werglappen liegen. Er bedient ohne Unterbrechung den Kran. Wendet ihn nach außen, nach innen, hebt ihn, senkt ihn, alles auf den Zentimeter genau, auf die halbe Sekunde präzis. Er arbeitet mit seinen schweren Ketten fast lautlos, er ist ein Meister in seinem Fach. Mir weist er bei der ersten Atempause der Maschine meine Arbeit an: federnde Deckel der Maschine lüften, den Hals der Ölkanne daran halten, die Kanne seitlich fest zusammendrücken, andere Schmierstellen durch Abdrehen der Kapsel frei machen, mit festem Fett schmieren, das in einer alten Nickelbüchse liegt, das überschüssige mit einem Streichhölzchen fortstreichen, die Leiter herauf- und herabklettern, die Werkstücke besser postieren, sie mit Holzwolle umhüllen, damit der Transport sie nicht beschädigt. Die Arbeit, die ich zu dieser Zeit zu verrichten hatte, war nur Arbeit letzten Ranges, etwa wie die, die bei uns in Onderkuhle der Stallpage zu verrichten hatte. Denn weder die eigentliche Wartung der Pferde war dessen Amt, denn diese Wartung gehörte zu den vom Meister fest vorgeschriebenen und von den Reitlehrern und von den Gutsbeamten kontrollierten Obliegenheiten der Pferdeknechte, noch auch die persönliche Bedienung des Meisters war sein Amt, denn dieser hatte keinen Anspruch darauf. So war der Stallpage überzählig. Ich in der Turbinenfabrik nicht anders.

Die Arbeit des Kranführers, meines Vorgesetzten, ist keine ununterbrochene. Es vergehen oft zwanzig Minuten, während der Kran ruhig steht, bloß erschüttert von dem explosionsartig einsetzenden Lärm und Beben der automatischen Dampfhämmer in der Nachbarhalle, die dann plötzlich wieder verstummen. Während dieser Zeit konnte der Führer sich an Kaffee erholen. Alkohol war offiziell verboten, dies stand schon in der Aufnahmekanzlei angeschlagen und war sofortiger Kündigungsgrund. Kam »sein« Kran an die Reihe, dann gab man ihm ein Zeichen, das er meist gar nicht brauchte, denn er hatte schon seine teils hydraulisch, teils elektromagnetisch angetriebene Maschine in Gang gesetzt. Die Arme greifen aus, man rückt unten noch näher heran, das Stück wird von den Klauen erfaßt, entweder direkt, wenn es sich um kleinere Stücke handelt, oder es wird eine große Kette darum geschlungen, in die ein fragezeichenähnliches Zwischenstück eingeführt wird. Es gibt aber auch Greifkrane, die lose Eisenteile zusammenraffen können, um sie in die kleinen Waggons zu schaffen. Wenn die Masse emporgewunden ist und den höchsten Punkt erreicht hat, beginnt sie seitlich zu schwanken, wobei es die besondere Kunst des Kranführers ausmacht, diese seitlichen Schwingungen möglichst zu vermeiden, da sie das Material des Krans, Ketten und Übertragung, anstrengen und der Fall nicht ausgeschlossen wäre, daß sich einmal die Last frei macht, trotzdem die Klauen durch Elektromagnetismus aneinandergepreßt bleiben, solange der Strom hindurchgeht. Aber mein Vorgesetzter ist seiner Sache sicher, ein Stück mag hundert Zentner oder zweitausend wiegen (Schiffskiele oder große Turbinenachsen), ihm macht dies nichts aus. Er schafft jedes Stück, ohne dauernd hinzusehen, bloß aus einem angeborenen Gefühl für die Sache heraus, an die verlangte Stelle. Freundlichkeit ist dabei seine starke Seite nicht. Er stößt mich mit dem Ellbogen fort, wenn ich ihn störe; dabei habe ich mich schon aus freien Stücken so klein gemacht wie möglich, denn die Kabine ist eng.

An Onderkuhle, an meine Eltern, an mich, ja überhaupt an etwas Bestimmtes zu denken ist mir bei der Arbeit (und dabei ist es noch nicht einmal eine ernste, verantwortliche) nicht möglich. Man kann diese Arbeit unter keinen Umständen mit der Arbeit in unserer Schule, mit dem Zureiten eines Pferdes, und wäre es auch ein Cyrus, vergleichen. Wie man eine solche Tätigkeit, von der halbwüchsigen Jugend angefangen bis zu den Monaten vor dem Tode, aushalten kann, verstehe ich nicht. Es muß Not hinzutreten, etwas, wovon ich weiß, daß es existiert, aber nicht, wie. Meine Arbeit ist weitaus die leichteste. Ich habe die Schmierstellen in Ordnung zu halten; etwas Öl und Staufferfett fließt bei jeder Aktion aus, man hat es zu ersetzen, im Notfall könnte es auch der Kranführer besorgen und tut dies wohl auch gewöhnlich. Man hat den Staub von dem elektrischen Meßgerät, dem Amperemeter, abzuwischen, dann hat man ab und zu hinabzuklettern, ein Werkstück zu stützen, wenn es schwanken will. Dann wieder durch das Gewirr von Maschinen, Kleinbahngleisen und Menschen, die aber gutmütig ausweichen, einen Weg suchen, den man in der Verwirrung nicht finden kann, muß in die Werkskantine laufen, dem Kranführer Kaffee besorgen in einer blauen Emaillekanne, sich selbst auch etwas gönnen, um nicht zusammenzubrechen, dabei aber auf die Uhr sehen, um nicht zu lange auszubleiben. Dann wieder eine Rolle Kautabak holen, der aber nicht von der gewünschten Sorte ist, also wieder zurückspringen«. So wird es Mittag, neues Heulen der Sirene, ohne daß die Arbeit in dieser Halle Unterbrechung erleidet. Plötzlich gewaltiges Rollen und Sausen an einer der unsern entgegengesetzten Ecke des Raumes; Dampfwolken erheben sich mit kaum zu ertragendem Zischen, und eine Maschine beginnt zu laufen und kreischt so sehr in ihren nicht genügend geölten Lagern, daß man sich die Ohren zuhalten muß, ob man will oder nicht. Es sind neue Turbinen, wie ich in einer stilleren Pause erfahre, die an eine Dampfleitung gekuppelt werden auf dem Probierstande. An ein Niedersetzen, Ausruhen ist nicht zu denken. Kaum daß ich die nötigsten Pausen erhalte. Man schickt mich von einer Maschine zu der anderen, leiht mich her, gibt mir alle fälligen kleinen Besorgungen auf, als habe man es sich stillschweigend zur Pflicht gemacht, ich dürfe keinen Augenblick lang ausschnaufen. (Eine Probe?) Endlich verliere ich gegen Nachmittag das Gefühl der Müdigkeit. Mir ist alles gleich. Ich bewege mich, wie man mich stößt, ich tue, was man mich heißt, ich denke überhaupt nicht mehr klar, ein Glück, daß ich nicht von einer Maschine abgefangen werde und in ein freier laufendes Radgetriebe komme. Schließlich stehe ich die meiste Zeit am Postament »meines« Kranes fest; »mein« sage ich mit Unrecht, da ich ebensogut allen anderen Kranführern und Oberarbeitern gehöre. Ich spüre meine Glieder nicht mehr, mein Körper hört bei den Handgelenken auf, die ich noch als schmerzhaft und angeschwollen empfinde. Dabei stehe ich müßig, während man rings um mich mit unverminderter Intensität schafft. Ich sehe, wie der Schaufelring einer Turbine entsteht, wie man die pflugscharähnlichen Stahlteile Stück für Stück an die Hauptwelle aufkeilt, wobei mittels eines besonderen Meßverfahrens der auf dem Boden liegende Korrektor Abweichungen von einem Bruchteil eines Millimeters feststellt. Denn schon die Differenz von einem Zehntel Millimeter hat bei der rasenden Geschwindigkeit der laufenden Maschine die furchtbarsten Folgen. Selbst wenn die Maschine ordnungsgemäß läuft, fühlt man den orkanartig ansteigenden, anschwellenden Sturm der Luft in der Halle; das ganze, schwer gebaute Haus mit seinen Eisenträgern bebt in seinen Grundfesten. Es kommt von der einen Seite, der Materialseite, der unbearbeitete Stahl hinein, dort wird daran gearbeitet; halbrund profilierte Eisenstangen werden erst in Hitze gerichtet, dann möglichst erschütterungsfrei gefräst, dann gezogen, dann von den würfelförmigen Halbautomaten weiterbearbeitet. Das alles geht in allen möglichen Stadien nebeneinander vor sich, wechselt seinen Platz, wird gehoben, niedergelassen, zurückgestellt, hervorgeholt, nichts ist in dem Gewühle von Eisen, von aktivem, arbeitendem und passivem, bearbeitetem Metall vergessen, alles hat seinen Platz und seine Bestimmung. Nur ich treibe mich hier gedankenlos umher, verstehe jetzt auch die Signale nicht mehr, die mir der Kranführer gibt, komme manchmal ungerufen, und ein andermal lasse ich ihn warten, ich bin wie vor den Kopf geschlagen, blockiert. Man kennt diesen Zustand auch bei überarbeiteten Pferden, ein Stadium, wo sie richtig »kopfscheu« sind, alles und nichts annehmen, und in diesem Stadium sind sie unberechenbar, man nähert sich ihnen dann besser nur mit größter Vorsicht. Bei mir ist keine Vorsicht nötig. Ich stehe wie unter der Wirkung starker alkoholischer Getränke, bin wunschlos, fast besinnungslos. Ich halte mich zusammengerafft, aufrecht, soweit es nur meine gewöhnliche schlaksige Körperhaltung erlaubt. Man sieht mir nichts an als ein bestimmtes gedankenloses, blödes Lächeln und dazu eine ebenso gedankenlose Bewegung meiner ölbedreckten Hände, mit denen ich mir über das Gesicht und über den Hinterkopf fahre, dabei vermehre ich noch das Jucken, imprägniere die Haut und das Haar noch stärker mit Eisen und Kohle.

Unsere Arbeit dauert am längsten, da wir eine Zahl von Werkstücken, die von den anderen »finiert«, fertiggemacht werden, durch die Krane weiterbefördern müssen. Schließlich ist auch diese Arbeit, der ich nicht mehr richtig folgen kann, beendet. Ich wanke durch die plötzlich menschenleere Maschinenhalle, nachdem ich mit dem linken Fuß fast in einer Sprosse meiner Leiter hängengeblieben bin. Der Raum ist jetzt ziemlich einsam, nur von Scheuermännern belebt; die Maschinen stehen. Die nächste Schicht trifft erst später ein. Jetzt ermißt man den ungeheuren Umfang des Gebäudes.

Ich begebe mich in den Ankleideraum des modern eingerichteten Unternehmens, wo sich unter lebhaft sprudelnden kalten Duschen reihenweise nackte Arbeiter reinigen. Man sieht ganz junge, porzellanartig harte und weißliche Körper, fast ganz unbehaart, und solche, die am ganzen Leibe braun bezottelt sind, andere haben ihr dunkles Kopf- und Körperhaar schon mit Grau untermischt, zeigen aber oft noch die prachtvollste Muskulatur. Alle stehen sie mit gebeugtem Rücken da, welchem Körperteil sie das Wasser besonders reichlich zukommen lassen. Auch ich habe die stärkste Sehnsucht nach Wasser, ich eile hinzu, werde aber von einem neu einströmenden Rudel beiseite gestoßen und liege nun auf dem Boden. Das reine Wasser und auch etwas von dem beschmutzten rinnt mir ins Gesicht, in die Ohren. Ich sehe auf dem sauberen, schlüpfrigen, aus kleinen Steinchen zusammengesetzten Fußboden, hart an meinem Munde, die Füße der Arbeiter, Pantinen mit Holzsohlen. Ein einziger Augenblick solchen Liegens genügt, um alle Ermüdung abzuschütteln, wieder zu sich zu kommen. Ich erhebe mich mit dem Versuche eines Lachens. Ich dränge mich energisch heran, dusche mich reichlich, ziehe mich sodann schleunigst an. Ich verlasse den Ankleideraum, bin, ohne es zu merken, wie, in der nächsten Sekunde auf der Straße, in der zweitnächsten schon weit aus dem Bereiche der Turbinenfabrik.

Es kommen breite Boulevards, der Bahnhof ist nahe, aber ich erkenne ihn kaum wieder, er scheint nicht derselbe zu sein wie gestern. Ich strebe nach Hause, in »mein« Hospiz, erreiche es aber nicht mehr. Auf einer Bank, die zu den Anlagen eines öffentlichen Volksparkes gehört (habe ich nicht einmal in Onderkuhle von einem Spazierritt in diesem Parke geträumt ... mit meinem Vater ... auf Cyrus? ...), falle ich zusammen, sehe noch einmal scharf um mich, wie um Haltung und Bewußtsein zu markieren, und bin im nächsten Moment rettungslos in einen unnatürlich plötzlichen, alpdruckartigen Schlaf versunken, aus dem mich erst die Hand eines Polizisten weckt. Es ist Mitternacht. Der Polizist hält mich nicht für einen Vagabunden, eher befürchtet er, man könne mir im Schlafe meine wenigen Habseligkeiten stehlen. Deshalb hat er mich geweckt, nachdem er mich, wie er mir erzählt, durch eine Stunde beobachtet hat.

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