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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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Am nächsten Morgen habe ich mich, früh erwachend, schnell gewaschen. Ich bekomme in dem sauberen, aber dennoch muffig riechenden Frühstückssaal für wenige Heller ein annehmbares Frühstück. Es ist noch früh am Morgen. Die auf sechs Uhr angesetzte Morgenandacht warte ich nicht ab, sondern trete vor das Haus, in dem festen Entschluß, Arbeit und Verdienst zu finden. Die Straßen sind verhältnismäßig frei von Fuhrwerken, aber die Gehwege sind von einer dichten Menge stumm dahineilender Arbeiter bedeckt, die alle, ob alt oder jung, denselben, mehr schiebenden als schreitenden Gang und dieselbe Gesichtsmiene des Unausgeschlafenseins an sich tragen. Aufs Geratewohl schließe ich mich einer relativ markanten Erscheinung an, einem hochgewachsenen blatternarbigen Arbeiter oder Handwerker oder Bahnangestellten, den ich aber trotz aller Vorsicht an der nächsten Ecke im Gedränge aus den Augen verliere. Aber ich folge der einmal eingeschlagenen Richtung, die in das Fabrikviertel der Stadt zu führen scheint. Ich durchstreife lange Straßenzüge, über welche der in der Morgensonne lange Schatten der Mietskasernen hinüberfällt. Es ist noch kühl, Karren mit herrlichem Obst und üppigen Blumen ziehen vorbei und verbreiten schönen Duft. Ich komme in ein mir von der Kinderzeit her ganz unbekanntes Viertel, das möglicherweise damals noch nicht bebaut war. Jetzt steht hier eine mächtige Fabrik neben der andern. Eine Schicht Arbeiter verläßt eben durch ein Portal das Gebäude, die andere Partei tritt, ohne einen von der Gegenpartei zu erkennen oder zu grüßen, in den großen Komplex ein, der sich bis zum Kanal erstreckt. Jeder muß den Portier passieren, einen dicken, grauhaarigen Mann mit englischer Pfeife (kalt), der bei jedem Eintretenden sich ein Zeichen an eine Tafel macht, die im Dämmerlichte seiner Zelle neben riesigen Schlüsselregalen und dem Zifferblatt einer Stechuhr blinkt. Obwohl diese Tafel viele hundert Namen umfaßt, braucht keiner der Eintretenden zu warten, aber ebensowenig wird ein Fremder durchgelassen. Die Büros in den Verwaltungsgebäuden haben einen eigenen Eingang, der erst in ein gut gehaltenes Vorgärtchen führt, dann in den schönen, wenn auch schmucklosen Rohziegelbau. Mir sowie einigen andern jüngeren Menschen gibt der Portier ein Zeichen. Wir bleiben seitwärts stehen, um niemand im Wege zu sein. Alles spielt sich leicht und selbstverständlich ab. Nichts trübt meine gehobene, fast freudige Stimmung. Schlag sechs Uhr beginnt eine mächtige Sirene zu heulen und erschüttert mit ihrem kaum zu ertragenden Dröhnen das ganze Gebäude. Bis auf wenige Nachzügler ist die ganze Menschenmenge im Innern der einzelnen Fabrikgebäude verschwunden. Jetzt wird alles stiller, man hört deutlicher das rhythmische Donnern, das tiefe, wie unterirdische Surren, kurze Pfiffe, das Rasseln ablaufender Ketten, ferne das Wiehern eines Gaules oder das Klingeln einer Straßenbahn, die wohl um den Häuserblock einen scharfen Bogen macht, so daß die Räder kreischen.

Es ist ohne alle Überlegung gekommen, daß ich wie die andern jungen Menschen mich hier in dieser fremden Fabrik um Arbeit anstelle. Wir erhalten von einem Angestellten ein mit Buchstaben durchstanztes Stück Blech und werden in einen kleinen Schuppen beordert, wo ein Werkbeamter in grauem Zwilchanzug dasitzt und uns die Personalien abnimmt. Dann wird eine Sehprüfung, eine Hörprüfung gemacht, wobei ich am besten abschneide, ein paar Intelligenzfragen gestellt, die mir zwar fremd sind, die ich aber doch gerade noch lösen kann. Dann werden die gemachten Notizen einem andern Beamten, wohl einem Ingenieur, übergeben, der alles mit seinen tiefliegenden Augen mustert, aber weder an mir noch an den andern etwas Auffälliges findet. Er fragt mit monotoner Stimme, als lose er ein Gesellschaftsspiel aus: »Gelernt? Ungelernt? Büro? Montage? Zeichner? Lehre? Schwachstrom? Spuler? Aushilfe? Schlosser? Fräser? Chauffeur? Modelltischler?« Gerade diese Leistungen scheint er zu brauchen, unglücklicherweise ist keiner von uns dazu geeignet. Ich weiß nicht, wozu ich mich melden soll. Schließlich kommt er noch einmal auf seine Listen zurück und übergibt einigen von uns neue Blechmarken. Diese begeben sich, nachdem sie auf die Marke einen Blick geworfen haben, in einen Teil des riesigen Komplexes, der aus zahllosen improvisierten, mit Wellblech gedeckten Schuppen, dann wieder aus wie auf Zeit und Ewigkeit aufgebauten kirchenschiffähnlichen Hallen besteht. Dazwischen liegen Garagen und Lagerräume aus Eisenbeton, Kleinbahngleise mit vollständig rangierten Zügen, viele Waggons, einer wie der andere mit Maschinenteilen, offenbar Dynamos und Turbinen, wenn mich meine geringen technischen Kenntnisse nicht trügen, beladen. Jetzt ist die Arbeit überall in vollem Gange. In den Höfen herrscht großes Getümmel. Die Lastautos rollen aus den Gebäuden vor. Die kleinen Eisenbahnlokomotiven setzen sich kreischend und pfeifend in Bewegung, sie ziehen, starke Dampfwolken ausstoßend und sich wie große Eilzuglokomotiven gebärdend, ihren Weg zu den Anschlußgleisen der staatlichen Eisenbahn. Der Lärm wird immer schriller. Das monotone Brausen und Dröhnen der Maschinen ist daneben fast nicht zu hören, eher zu fühlen. Die Luft ist von feinem Staub und Rauch erfüllt, dem eigenartigen Aroma, das man an sehr heißen Tagen, wenn die Eisenbahnschwellen und -schienen bei Onderkuhle unter der Sonne brannten, in der Nähe der Schule spüren konnte. Ratlos irre ich zwischen Fabrikgebäuden und Schuppen hin und her. Mir ist dies eine völlig fremde Welt, deren Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit mir aber schnell einleuchtet. Plötzlich stehe ich an einem Zufahrtskanal, wo riesige flache Kähne oder Prahme mit Langholz zum Abladen bereitstehen. Sie wiegen sich lässig auf den Wellen. Der würzige Waldesduft der harzreichen Stämme mischt sich mit dem etwas modrigen Aroma des stehenden Wassers, an dessen Oberfläche Ölhäutchen in bunten Farben schillern. Bei den Stämmen steht, abgeschirrt und unbeweglich, mit hängenden Köpfen, ein Paar alter, aber guter Pferde und blickt nicht auf. Es dämmert faul in der Morgensonne dahin, schlägt nur bisweilen trage mit den sonderbar kurz gehaltenen hilflosen Schweifen nach schwärmenden Fliegen.

Ich bin ganz am Ende des Fabrikgeländes und sicher nicht da, wo es Aushilfsarbeit (Montage, Marke P) für mich gibt. So kehre ich wieder an den Ausgangspunkt zurück, wobei ich mich erinnere, daß das neueste und zugleich höchste Haus, das kirchenschiffähnliche, großfenstrige, hellrote Gebäude mit dem mattblauen steilen Schieferdach am Eingange stand. Der Zufall will, daß ich gerade dort erwartet werde. Denn ich finde ungehindert durch die Drehtür Einlaß. Die Halle ist mindestens so hoch wie ein dreistöckiges Haus. Sie hat keine richtigen Mauern, sondern nur durch Ziegel nach außen verkleidete, innen nackte eiserne Konstruktionen, und zwischen ihnen Glaswände aus großen gerippten Scheiben, es sind nicht die winzigen, schulheftgroßen Fabrikfensterscheiben, wie man sie gewöhnlich in Fabrikhallen hat. Ein einziger Raum unter spitz zusammenlaufendem Dach. Eine Unmenge von sich drehenden, von hin und her schwingenden, von stampfenden und schiebenden Maschinenteilen, von fast nackten hellen Männerkörpern, von sich senkenden, sich schaukelnden und wendenden Kranen, die an silbrig glänzenden Ketten sich wie Arme im Räume bewegen, alles eingehüllt in eine Wolke feinen Staubes, wie eine sandige Rennbahn, durchflogen von einzelnen Funken und von den bläulichen Feuerbüscheln, die einem Schweißgebläse entströmen. Es sind mindestens zweihundert Arbeiter in der Halle beschäftigt. Man begreift nicht, wie sie Hand anlegen, sieht nur, wie alles sich bewegt und vom Fleck kommt. An der kurzen Wand der Halle stehen würfelförmige Gebilde aus grauem, ins Bläuliche hinüberschimmerndem Stahl, von der Größe einer Bauernhütte. Aus ihrer Mitte treten, näher kommend und gleichzeitig dünner werdend, fischähnliche Stücke Eisens in der Breite eines hundertjährigen Eichenstammes, von denen dann eine Art Hobelmesser kreischend spiralige Streifen abschält, in ähnlicher Weise wie die mechanische Kartoffelschälmaschine in der Hand eines Küchendieners von Onderkuhle, wobei sich hier sozusagen die Kartoffel selbst schält. Andere Werkzeugmaschinen bohren an vorgezeichneten Stellen Löcher in faustdicke Eisenplatten, als wäre es weicher Käse. Auf dem asphaltierten, von Öl beschmutzten, aber oft gesprengten Fußboden hocken Angestellte in ihren sandfarbenen Overalluniformen und zeichnen mit Schlämmkreide auf den unbearbeiteten Werkstücken dasjenige in vergrößertem Maßstabe mit ihren Zirkeln und Doppellinealen nach, was in den blau bezeichneten Plänen der Ingenieure angeordnet ist. Ohne daß man besonders aufgepaßt hat, hat sich inzwischen das fischähnliche Stück aus der Werkzeugmaschine losgemacht, die mit einem Male stillsteht. Ein von oben zurrend herabgleitendes Gebiß eines elektrischen Kranes nähert sich ihm, nimmt es unter Aufsicht eines Oberarbeiters in seine Klauen, trägt es über die unbekümmerten, schweißbedeckten Köpfe der Arbeiter fort in einen andern Teil des jetzt von flutender Sonne erfüllten Raumes, wo es mit einem im Getöse nicht wahrnehmbaren Lärm auf einen der Kleinbahnwaggons aufgeladen wird, wo schon Balken bereitstehen, an die das Stück gekettet oder angenietet wird. Es ist nur provisorisch auf den Balken befestigt und geht jetzt in eine andere Maschinenhalle.

Unerschütterlich sind die Mienen der Arbeiter. Sie haben einen Ausdruck, den ich niemals an Bauern oder an dem Personal unserer Anstalt bemerkt habe. Die Männer kommen scheinbar schon von Arbeit übersättigt morgens an. Sie sprechen nicht, sie rauchen nicht, sie scherzen nicht, sie vertreiben sich nicht die Zeit, obwohl sie nicht ununterbrochen beschäftigt, durchaus nicht »angebunden« sind. Sie stehen scheinbar unbeteiligt da, bis die Reihe an sie kommt und sie einen bestimmten Handgriff tun müssen. Diesen vollbringen sie aber derart mit dem letzten Aufgebot ihrer Kräfte, daß sich die Muskeln an den nackten Oberarmen fast hörbar straffen und ihnen der Schweiß von den Augenlidern auf die Mundwinkel und vom Hinterkopf auf den Nacken tropft. Einer liegt auf dem Fußboden und sieht von unten in ein Stück, wie ein Astronom in ein Fernrohr, und gibt mit unhörbarer, aber den Umstehenden dennoch verständlicher Stimme Anweisungen, offenbar Korrekturen, die sich die Leute sofort mit Kreide an dem Werkstück anzeichnen.

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