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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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7

Aber schon eine Sekunde später sind sie verschwunden. Atemlos starrt alles empor. Die Dampffeuerspritze, nur allmählich zu ihrer ganzen Wirksamkeit gelangend, beginnt rhythmisch zu arbeiten und hohe Dampfwolken, die sich in den feuerbeglänzten Kronen unserer schönen Bäume verfangen, auszustoßen. Aber nichts von Bäumen. Nur das Feuer beherrscht alles. Dumpf rumort es im Innern der Schule, als würden schwere Möbel oder Kisten die Treppe herabgerollt, und mit einem Male donnert es dröhnend aus dem Innern, man sieht feurige Massen sich auf die steinernen Treppenstufen ergießen, die wir Jahr für Jahr, Tag für Tag bestiegen haben. Wie sollen die unseligen Kameraden zurück? War alles vergeblich? Umsonst der Heldenmut des tapferen Piggy, des wahren Mannes, des richtigen Helden?

Jetzt zeigt sich zum zweiten Male das Köpfchen des Alma, um das sich der Arm des Prinzen schlingt – in einer vorsorgenden, beruhigenden Geste, nicht anders, als mein lieber Vater vor sieben Jahren seinen Arm um meinen Knabenhals geschlungen hat, wenn wir beide aus dem Fenster des Salons unserer Wohnung in Brüssel der Fronleichnamsprozession zusahen, vorn der Erzbischof, der Hof ...

Vergebens will ich mich in diesem furchtbaren Augenblick an die Vergangenheit klammern, will nicht glauben, was ich doch vor mir sehe, will nicht einstimmen in das schrille Rufen und Heulen der Menschen ringsum, die den beiden unseligen Knaben oben zuwinken und sie auffordern, ruhig zu bleiben, nicht zu verzagen – sie alle nicht minder feig und erbärmlich als ich. Aber sie sind keine Orlamünde, Orlamünde bin ich allein. Auch ich winke, ich, der Feigste, ihnen hinauf mit meinen Handschuhen, den alten weißen, die an manchen Stellen des Handrückens schwarze, verkohlte Stellen aufweisen. Ich ziehe sie ab, die Zeichen meines gehobenen Standes, den ich durch meine Feigheit vor mir selbst verscherzt habe, aber das Abziehen tut mir weh, und als ich sie endlich heruntergebracht habe, sehe ich, daß gleichzeitig runde Stücke Haut mitgegangen sind. Meine Hände sind an vielen Stellen von Brandwunden bedeckt, die ich mir bei der Rettung des Rendanten zugezogen habe. Aber dieser körperliche Schmerz, mag er auch mit jedem Augenblick, aufreizender, peinigender werden, ist nichts gegen das Gefühl der Schande. Man wirft mir nichts vor. Niemand kommt zu mir. Um mich ist ein leerer weiter Kreis, nur von goldenen Funken, von rieselnder glühender Asche durchflogen, die der Wind nicht zur Ruhe kommen läßt. Vor ihnen schütze ich meine Augen – oder verberge meine Augen vor dem unvergeßlichen Anblick, dem unbeschreiblichen, wie Alma und der Prinz abwechselnd im Innern des brennenden Zimmers verschwinden, dann wieder an den Fenstern erscheinen, winken und Unhörbares rufen. Ein Taschentuch entgleitet ihnen, oder ist es ein Papier, eine Botschaft? Sie flammt während des Weges auf und erreicht uns nicht.

Die Feuerwehrleute stehen nicht untätig da, der Brandmeister, ein dicker, schwerfälliger Mann mit kupferbraunem Gesicht, hat vor allem das Brandgelände abgesperrt. Alle, der Direktor, der Herzog, die Schüler, das Dienstpersonal, auch der Anstaltsarzt, der als einziges seine schwarze Kiste mit Verbandzeug gerettet hat, der Abbe, die Präfekten, alles ist fortgeschickt worden, bloß mich hat man vergessen. Oder weicht man mir aus? Sie richten den Schlauch gegen das bedrohte Fenster. Umsonst. Der Druck ist zu schwach, die Wasserreserve zu klein, die altmodische Maschine zu ohnmächtig. Einer schleppt die Feuerleiter von Onderkuhle herbei, aber sie reicht nicht hoch genug, sie stört nur, sie selbst kann verbrennen.

Kein Augenblick ist jetzt zu verlieren, aus dem Dache braust es manchmal auf, nicht anders, als wenn man ein Brausepulver ins Wasser wirft, nur sind es nicht Wasserblasen, nicht ein nach Zitronen schmeckender Dunst, sondern bordeauxweinrote, aufsprühende Partikel, aufrauschender Feuerstaub, da die Gegenstände der Bodenkammern Feuer gefangen haben. Das Treppenhaus in Flammen. Der Bodenraum ebenfalls im Beginn des Brandes. Wie lange kann es noch dauern, bis zwischen beiden auch der Fechtboden erfaßt wird und die beiden Knaben vernichtet werden, wenn sie es nicht vorgezogen haben, sich mittels eines der scharfen Fechtrapiere die Adern zu öffnen und so den unbeschreiblichen Schmerzen zu entgehen? Warum versucht von den bewährten Feuerwehrleuten keiner, das Gebäude zu stürmen? Unfaßbar ist mir freilich, wie es geschehen könnte, aber in der tiefsten Tiefe meines Herzens flehe ich zu der unbekannten Gottheit (Christus und sein Wunder!) dennoch um die Rettung dieser zwei Menschenleben und des meinen dazu. Denn ich weiß genau: jetzt schon ist meine Rückkehr unter meine Kameraden unmöglich, unmöglich auch mein ganzes künftiges Leben, wie ich es bis zu diesem Tage geplant habe, unmöglich auch das, daß ein feiger, ein infamer Orlamünde unter die Augen seines Vaters tritt. Aber auch jede andere Art des Lebens wäre mir abgeschnitten, jede, wenn einer von meinen Kameraden, Alma oder Piggy, durch mein Versagen seinen Untergang unter den Brandtrümmern des Hauses Onderkuhle fände. Mag das Haus zugrunde gehen! Mögen die Bäume, die schönen, verbrennen, mögen die Reitschulen, die eine wie die andere, mit ihrem alten Strohbelag an den ovalen Wänden wie Zunder aufflammen, mögen die Kücken sich selbst braten, mögen die Pferdeställe zusammenfallen, das ganze herrliche Anwesen in Nichts aufgehen, nur Menschenleben sollen nicht verloren sein: dies mein Gebet, das erste seit Jahren, das echte. Nicht auf den Knien gebetet, sondern aufrecht. Meine Hände, die mit Brandblasen bedeckten, presse ich mit aller Gewalt gegeneinander. Wird das erhört? Niemand mir zur Seite, kein Vater, kein väterlicher Freund, keine Obrigkeit, keine Mutter: bloß ich allein mit meiner Schuld.

Da begibt sich das Unerwartete, die letzte Rettung. Ich sehe, es wird ein großes Tuch, von allen Feuerwehrleuten gehalten, unter dem flammenumlohten Fenster ausgespannt. Ähnelt es nicht auch dem Innentuch einer Wiege, so tief, so weich? Zwei Feuerwehrleute schreien, indem sie die Hände von dem Sprungtuch lassen und sie wie eine Trompete an ihre Lippen halten. Einer macht eine mit aller Energie angedeutete Bewegung vor. Diejenigen Feuerwehrleute, die mehr zur Wand aufgestellt sind, sind besonders gefährdet, denn Trümmer stürzen flammend jeden Augenblick herab, und man versteht jetzt, warum die Leute eiserne Dragonerhelme tragen, an deren messinggezogenen Raupen kleinere Fragmente ohne Schaden abprallen können.

Kaum kann ich durch die wehenden Schleier brennender Luft die Gesichter meiner Freunde im Fensterrahmen erkennen. Jetzt aber weht der Wind die Flammensträhnen fort. Wie durch ein Opernglas erblickt man alles in äußerster Klarheit.

Der kleine Alma ist der erste. Piggy hilft ihm aus dem Fenster heraus, schützt ihn vor den Glassplittern, die noch da sind, läßt ihn sich so weit als möglich hinausbeugen, dann faßt er ihn um die Hüften, hebt ihn wie ein Federchen aus dem Fenster, so weit als möglich ab von der Mauer, an der sich der Kleine den Kopf zerschellen könnte, und gibt ihm einen kurzen Befehl, ein Kommando, und Alma, der nicht den Mut gehabt hat, sich mir an der Stange im Schwimmunterricht anzuvertrauen, der geschrien hat: »Ich ertrinke!«, er wagt den furchtbar gefährlichen Sprung, durchmißt den heißen, leeren Raum, das Stück Weltall, ohne Furcht, er weiß sich zu halten, während er fällt. Schon ist er unten, hüpft noch einmal, in den wogenden Falten des Tuches halb verborgen, auf. Die Köpfe der Feuerwehrleute werden durch den Zug des Tuches etwas einander genähert; mit einem unbeschreiblichen Gefühl empfinde ich die Tatsache dieser Rettung, und zugleich ist mir bewußt, daß ich dies schon einmal (eben im Traume) erlebt habe.

Jetzt schwingt sich, während Alma flink wie ein Wieselchen und lachend (!) sich seinen Weg aus dem Getümmel bahnt und während das Licht der Brandfackeln über sein kleines Köpfchen und die feinen Haare streichelt, jetzt schwingt sich der viel massivere Prinz aus dem Fenster; er stößt seine Ellbogen und Fäuste nach rückwärts, um sich vor dem Anprall an die Wände zu schützen. Schon ist er unten angelangt, viel plumper als der Knabe, und die Köpfe der Träger des Sprungtuches knallen aneinander. Lachen kann ich nicht, aber erlöst atme ich auf. Dies war es, was ich im Traum der letzten Nächte gesehen habe. Der Prinz drängt sich durch die Menge der Mannschaft. Mich sieht er nicht. Er gesellt sich den anderen zu, langsam gehend, ein Lächeln auf seinen dunklen Lippen verbeißend, mit ungleichen, müden Schritten den Hof überquerend.

Jetzt ist das Werk der Feuerwehrleute vollendet. Hilflos ist die aufgeregt pustende Feuerspritze. Das Haus ist verloren. Die Feuerwehrleute müssen sich zurückziehen, die umliegenden Häuser, soweit sie noch nicht brennen, zu schützen versuchen. Die Pferde schnauben, sie stampfen mit den glitzernden Hufen auf die Schulfahnen, die jemand gerettet und am Boden liegengelassen hat, sie schlagen mit den Schweifen aufgeregt umher. Die Männer führen sie fort. Mit den hohen Schuhen treten sie sicher und fest auf den glühenden Boden, die Fahnen beachten sie nicht, lassen sie glimmen und zugrunde gehen. Ab und zu blickt einer zurück, hebt den Raupenhelm von der schweißüberströmten, aber dennoch blassen Stirn und nimmt den Weg schneller zwischen die Füße. Es ist tief in der Nacht. Kein Mond. Kein Stern. Bloß Hitze und Wind.

Bald ist der Hof verlassen. Das Feuer hat sich aus dem Stadium des wütenden in das Stadium des befriedigten Feuers gewandelt.

Als wäre es aus Papier, hebt sich plötzlich das ganze Dach, bleibt eine Sekunde oben und stürzt wie ein Feuerwerk funkelnd zusammen. Dann beginnen die Mauern zu glühen. Die lebhaften Flammen, das Züngelnde, Prasselnde ist verschwunden. Ruhig und ernst brennt das gewaltige Gebäude, die Heimat meiner Jugend, nieder und schweigt.

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