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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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6

Mein ganzes Dasein wäre geändert, könnte ich an der Seite eines solchen Mannes, wie es der Herzog ist, leben. Er ist stärker, klüger, fester als ich. Er scheint in meinen Augen lesen zu können, er betrachtet mich lange mit seinen blaßblauen, scharf blitzenden Augen, die eigentlich etwas hinter mir Befindliches zu betrachten scheinen, dabei aber doch durch Herz und Nieren gehen. Von meinen Anlagen zu sprechen ist mir nie möglich gewesen. Meine Wünsche habe ich stets nur mir selbst eingestanden. Meine Mutter habe ich hier nie vermißt. Mein Vater aber hat mir immer gefehlt und niemals mehr als in diesem Augenblick. »Vor dreißig Jahren bin ich hier mit deinem Vater zusammen gewesen. Es kann sein, daß ich ihm den Vorschlag gemacht hatte, mit mir die Expedition Römisch I mitzumachen. Er kannte damals bereits deine reizende Frau Mutter ...« Er begründet nicht weiter, weshalb mein Vater das Angebot abgelehnt hat, er sagt nicht, daß er bedauert, daß mein Vater die Laufbahn eines »stellungslosen Fürsten« eingeschlagen habe. »Wir haben immer zuwenig Leute mit und zuviel. Verwendung wäre für einen absolut durchtrainierten Sportsmenschen, der Medizin, auch Tierkrankheiten, studiert hat, schießen und Tierbälge präparieren kann, Orientierungssinn und etwas wissenschaftliches Interesse besitzt und der leichten Herzens Europa auf einige Jahre verläßt. Übrigens sind auch Sprachkenntnisse unerläßlich. Englisch zum Tagesgebrauch. Die Sprachen der Eingeborenen muß man von heute auf morgen aufnehmen können und nicht so schnell vergessen. Dabei gibt es in Zentralafrika Gegenden, wo jedes Dorf seine eigene Sprache spricht. Diese Sprachen sterben aus, aber wie vieles kann gerettet werden! Früher kam ein Forscher mit einer Waggonladung Elfenbeinhauer und Löwenfelle und fünftausendsechshundert Pflanzenarten zurück, heute mit soundso viel aussterbenden Sprachen und Kulturen, Fetischen, primitiver Kunst, Sagen und Kulturgebräuchen. Ich sehe dich, Orlamünde, ich kann mir deine Art gut bei einer Expedition vorstellen. Außer dir könnte mir nur Prinz X., der, den ihr Piggy nennt, gefallen ...«

In diesem Augenblick tritt der Sekretär zu dem Herzog, um ihn zu fragen, ob er nicht noch Aufträge habe. In der gleichen Sekunde hören wir, daß in jenem Teil der Anstalt, wo die Kanzleiräume untergebracht sind und von wo der Sekretär eben gekommen ist, eine Fensterscheibe geplatzt ist. Ich denke erst daran, einer der Zöglinge, etwa Piggy, dessen bellendes Lachen man unverkennbar vernimmt, hätte aus Übermut eine Fensterscheibe eingeschlagen. Aber da vernimmt man unruhiges Rufen. Plötzlich wird es totenstill, alles ist von uns fort. Alles schart sich um die Verwaltungskanzlei, aus deren zerbrochenem Fenster wir, der Herzog, der Sekretär und ich, schon von weitem mattblaue, durchsichtige, zigarettenrauchähnliche Schwaden hervordringen sehen. Der Meister, weiß wie die Wand des Verwaltungsgebäudes, stürzt an uns vorbei, ruft: »Es brennt« und eilt durch den Park zu den Wirtschaftsgebäuden, um die Spritzenhäuser zu öffnen, deren Schlüssel er besitzt. Wir nähern uns schnell der Brandstätte. Der Rauch ist dichter geworden, wie feines Seidenpapier hängt er vor der Eingangstür. Im Innern des Hauses summt es wie in einem Bienenhause.

Ratlos stehen die Leute, Zöglinge und Erwachsene durcheinander, vor dem Eingang. Immer dichter dringt der Rauch hervor, dem etwas besonders Scharfes, Schweres beigemischt ist. Man hört das Feuer zischen. Plötzlich kommt ein unterdrücktes Stöhnen (nicht zum erstenmal höre ich es, dieses Stöhnen, das dem Ziehen einer Säge in frischem Holze gleicht) aus dem brennenden Innern. Nicht einen Augenblick überlege ich. Ich drücke den Schirm meiner Kappe tiefer ins Gesicht, streife meine alten schwedischen Reithandschuhe über, gehe vor, ergreife die heiße Klinke und stürze mich in die Kanzlei.

Sofort übersehe ich alles. Ausgegangen ist der Brand von dem Motorrade, das in der Kanzlei des Rendanten nichts zu suchen hat und an dem das zwischen den Rädern an dem Gestänge anmontierte Benzinbehältnis eben geöffnet sein muß. Aber der Brennstoff hat noch keinen richtigen Abfluß, und deshalb brennt das Benzin so artig, es pflanzt sich erst puffend am Boden und an den Wänden fort, die von den Regalen bedeckt sind. Es müssen ungeheure Mengen von altem, etwas feuchtem Papier hier angesammelt sein. Unberührt steht in der Ecke, wie ein kleiner Turm aus Blei, niedrig und fest, eine schwere eiserne Kasse. Am furchtbarsten ist der dicke graublaue Rauch, welcher der verglimmenden Makulatur entströmt. In der Ecke neben dem Fenster rechts, die vom Feuer noch unberührt geblieben ist, lehnt oder hockt ein Mann; jetzt erst sehe ich ihn deutlich, er sitzt wie ein Schneider da, die spitzen Knie vorgestreckt, und atmet den Rauch ein, als käme dieser von der in der Mitte durchgebrochenen Zigarette, die er unentzündet zwischen seinen welken Lippen hält: der Rendant. Sein speckiges schwarzes Gewand glänzt in der Feuerflamme. Ich verstehe alles. Ich greife nach ihm, packe ihn beim Kragen, wie man ein Pferd am Halfter packt, und ziehe ihn aus der Ecke fort zur Tür. Er wehrt sich ängstlich, er hält die magere Kanzlistenhand schützend über den gelb glänzenden Scheitel, er klammert sich, als ich Gewalt anwende, an einen der bekannten hohen Sekretäre, die am Fußende schon zu glimmen beginnen. Jahre hat er an ihnen, schreibend und rechnend, zugebracht, hat mit ihnen gelebt und will nun mit ihnen sterben. Niemand anders als er kann den Brand gelegt haben. Er glotzt erst und schweigt, dann öffnet er den Mund wie eine gähnende Katze, Tränen springen ihm aus den kleinen schwarzen Augen, und er fällt zusammen. Er will nicht fort. Er windet sich am Boden, umfaßt meine Knie, ruft mich mit dem Namen seiner Kinder: Paul, Jeanne, Chéri. Schon saust das Feuer stärker. Lautlos hat es sich der Sekretäre und Regale bemächtigt. Die Brandstiftung des Rendanten ist eine Art Selbstmord. Lohnt es sich, eine solche Kreatur zu retten? Aber es muß sein. Die Luftreifen des Motorrades schmoren und entwickeln unerträgliche Dünste, dann platzen sie beide zugleich und werden zu gleißenden Kreisen. Jetzt leckt die Flamme am Benzinreservoir, während ich mich mit Gewalt des schwächlichen Verbrechers bemächtige. Mit einer Hand raffe ich seine aufgegangene Halsbinde in einen Knoten zusammen, mit der andern Hand stütze ich ihn im Kreuz, lasse ihn vor mir her trippeln. Noch an der Tür bückt er sich nach einem Zettel, dem Fragment einer Rechnung, die der Sekretär des Fürsten geprüft und unterschrieben hat. So von Sinnen (oder so klar?) ist der Brandstifter, daß er sich in einem solchen Augenblick nach einem Fetzen Papier, wertlos für alle und für ihn, bückt. Dabei ist es höchste Zeit, denn kaum sind wir zum Hause heraus, als mit dumpfem Knall die Fensterscheiben der ganzen Front platzen und mit einem Male das bis jetzt brummende Raunen der Flammen sich in ein eiliges, rhythmisches, metallisches Prasseln verwandelt. Nie habe ich gewußt, daß Feuer einen Laut hervorbringen kann, als spielte man mit stählernen Kastagnetten. Zum erstenmal sehe ich jetzt unter wallenden Schwaden leibhaftige Flammen aus dem Rechnungsraum hervorschlagen. Der heiße Wind über den Kronen der Bäume hat sich noch gesteigert, wie er es seit Wochen an jedem Abend tut. Soll die Natur eine Ausnahme machen, um das geliebte Onderkuhle zu retten? Überall herrscht unbeschreibliche Verwirrung. Das Vieh in den Ställen, das der Hitze wegen heute besonders früh von der Weide zurückgekommen ist, stößt in seiner Angst gegen die Raufen und Wände, es rasselt mit den Ketten, an denen es befestigt ist. Die Hühner flattern auf, ungeschickt und plump lassen sie sich nieder, während die Tauben hoch oben über ihren Schlägen kreisen, ihr Grau ist vom Feuerglanz oder von der allmählich sinkenden Sonne vergoldet. Wer unterscheidet das? Wer starrt gegen den Himmel, als könnte er von dort etwas herabgreifen, das alles ungeschehen macht? Ich glaube an Gottes Hilfe nicht. Ich glaube daran, daß man in die Ställe eilen muß, wo die Pferde stehen. Ich bringe in die gaffenden, vor Schrecken blöd grinsenden Reitknechte ein wenig Leben. Das Nötige ist schnell geordnet. Gänzlich unfähig sind unsere Führer. Der alte, sonst so mutige Abbé kniet auf den Stufen vor der Kapelle, den Rosenkranz schnell und gedankenlos bewegend, der Direktor und die Lehrer, umgeben von den Präfekten, »disponieren«, wollen das Feuer planmäßig isolieren und bekämpfen, aber sie sehen nicht, daß es unaufhaltsam von dem »isolierten« Kanzleigebäude aus weitergeht, und die seelische Ergriffenheit des trunksüchtigen Direktors, die sich in dicken Tränen ausdrückt, wirkt abstoßend und lächerlich. Der Meister fehlt sehr. Er hat das erste beste Pferd bestiegen und ist nach der Eisenbahnstation geritten, um von dort durch den Draht die Feuerwehr des nächsten Ortes zu alarmieren. Eine Telefonleitung hat unser konservatives Knabenstift nie erhalten. Man wollte sie nicht. Ruhig, beherrschend, im Vollbesitze seiner Geistesgegenwart ist der Herzog. Er hat die Zöglinge um sich zusammengezogen. Sie nehmen die altmodische Spritze vom Dienstpersonal in Empfang. Man rollt sie eiligst heran. Die Schläuche werden gelegt, an die Hydranten angeschlossen, bald beginnen sie zu arbeiten, und der erste feine Wasserstrahl richtet sich gegen das rote, vor Hitze glühende, aber vom Feuer noch unberührte Haus der Schule, in dem sich die großen Lehrsäle, die Kadettenmesse und die Wohnräume für die Vierte und Fünfte befinden. Der Direktor stört. Gefolgt von seinen Trabanten, läuft er händeringend umher. Er möchte die ihm anvertrauten Jungen am liebsten sofort aus dem Umkreis der brennenden Verwaltungsgebäude entfernen, was aber der Herzog nicht zugibt. Der Brand hat sich inzwischen schnell ausgebreitet. Ich komme und gehe in höchster Eile. Die Pferdeknechte werden der Tiere nicht Herr. Ich binde zuerst eine ältere Schimmelstute an einen Baum im Obstgarten. Jetzt nehme ich Cyrus vor. Er folgt ungern. Er wendet immer wieder seinen feinen mausgrauen Kopf zurück nach dem Stalle, aus dem die ersten Flammen lecken, er stampft mit seinen zierlichen, schwarz lackierten Hufen die heißen Pflastersteine, als wolle er bleiben. Aber schließlich fügt er sich. Die andern kommen nach, bald sind sie vollzählig. Sie wiehern viel, schlagen aus, drängen die Köpfe zusammen, stellen die Ohren auf. Aber sie weichen nicht voneinander. Der Meister ist eben zurückgekommen. Die Feuerwehr des nächsten Ortes ist benachrichtigt, sie muß sofort kommen. Inzwischen werden unsere Feuerleitern herbeigebracht. Wir alle bitten den Himmel, man möge sie nicht verwenden müssen. Sie sind nur kurz und würden kaum über das erste Geschoß reichen. Es hat sich nichts geändert. Die Sonne ist tief hinab. Aber jetzt, sonderbarerweise noch mitten im Brande, atmet alles auf, als sei das Schwerste vorbei, alles gerettet, der Schaden nicht zu groß. Die Menschen haben sich aus dem nächsten Umkreis der wie mit großen Flügeln rauschenden Flamme zurückgezogen.

Ich stehe eben im Begriff, den Herzog bei dem Kommando an der Feuerspritze abzulösen, als er die Jungen, die ihm formell anvertraut sind, überzählt. Lange will die Zahl nicht stimmen, da ein paar Jungen, an Kopfschmerzen von den Feuergasen leidend, sich in die kühlen Wiesen hinter dem Hause geflüchtet haben und nur mürrisch aufstehen, um sich zu melden. Sehr sonderbar ist es, daß keiner von ihnen in das Hauptgebäude einen Schritt machen will, etwa um etwas von den Habseligkeiten oder Andenken zu retten. Und bis zu dieser Zeit war das große Haus frei von Feuer, die Treppen und Korridore waren noch ohne Gefahr zu betreten. Aber sie denken gar nicht daran, sondern lassen, besonders die jüngeren, die blassen Köpfe wie geknickte Blumen hängen.

Auf dem Rasen beim Tennisplatze wälzt sich krampfhaft schluchzend und sein morsches Gewand zerreißend, der unverwüstliche Beamte, der Rendant. Ich stopfe ihm den Mund, der von Gebeten und Selbstanklagen überquillt, und heiße ihn um seiner Kinder willen schweigen. Aber er ist taub, nichts rührt ihn, bis ich mich der Namen seiner Kinder (oder wenigstens eines Teils derselben) erinnere und ihm »Jeannette, Paul, Chéri!« ins Ohr brülle; jetzt endlich schweigt er und fährt mit dem Finger wie von Sinnen in die Löcher seines abgeschabten Habits, die er sich selbst gerissen hat. Es ist düster und dunkel, obwohl noch nicht Dämmerstunde. Ein Gewitter scheint auf dem Wege, der Himmel, gegen den die wüsten Flammen schlagen, hebt sich wie mit fahlem gelbem Fell gefüttert von der Schule ab.

Daß die Menschen und Tiere glücklich gerettet sind, das macht mich stolz. Vermessen möchte ich mein Eindringen in das brennende Gebäude noch einmal wiederholen, aller Gefahr ungeachtet, trotz der immer brütenden Angst vor dem T. Der Traum, der Brand im Traum der letzten Nacht war düsterer. Er endete schlecht, ich weiß es. In diesem Augenblick ruft mich der Herzog. In seinem Gesicht nehme ich mit Schrecken mitten durch seinen grünlichgelben Gallenteint eine tiefe Blässe wahr. Er befiehlt mich mit seiner eigenartigen Handbewegung zu sich. »Wo ist der Junge?« fragt er leise. Ich antworte zwar: »Welcher Junge?«, weiß aber sofort genau, wen er meint. Und jetzt endlich sind schreckensvoll Traum und Wirklichkeit eins geworden. Ich habe den kleinen Alma im Fechtzimmer eingeschlossen. Ich habe dies vergessen. Wer in mir hat das vergessen? Der Lebenshungrige? Der Todesfürchtige? Ich breche zusammen. Der schwere Schlüssel in meiner Hosentasche zerquetscht meinen Körper, aber dieser Schmerz ist nichts gegen mein Gefühl in diesem Augenblick, als ich fallend mit den Knien die spitzen Steine im Hof berühre.

Prinz Piggy, mein alter Feind, reißt mich, empor. Titurel steht mit seinem kalten, bösen Lächeln daneben. Der Herzog preßt seine Lippen zusammen, bis aus ihnen alle Farbe weicht. Er nimmt mich an der Hand, zwingt mich durch seinen Blick, den Schlüssel hervorzuholen, und sagt halblaut zu mir, wie er heute morgen, heute vormittag dem armen Alma gesagt hat: »Hopp! Vorwärts!« Er schleift mich durch schon ganz verlassene, betäubend heiße Plätze, die ich im hochlodernden Flammenschein nicht mehr richtig erkenne. Sollte es hier sein, wo ich so viele Jahre gelebt habe und von heute an nicht mehr leben werde?

Schon stehen wir vor dem Portal des Hauptgebäudes. Ich blicke zu dem Fenster empor, hinter dem Alma gefangen sitzt. Weshalb reißt er den Fensterflügel nicht auf? Weshalb hat er nicht schon längst um Hilfe gerufen? Eine hämische, eine tückische Stimme in mir will das so deuten, als hätte er sich »durch das Blut Christi und die Gnade Gottes«, die ich sonst immer bezweifelt habe, dennoch gerettet, durch verschlossene Türen hindurch. Aber die andere Stimme, die lebensmutige, sagt mir, daß mir die Probe nicht erspart wird, daß unser armer Alma eingeschlafen ist, von der Hitze betäubt, daß er in Ohnmacht auf seiner Bank liegen muß und daß, wenn wir nicht kommen, seine Augenblicke gezählt sind. Denn schon rieselt zu unsern Füßen schwerer Rauch umher. Was soll nun bei mir entscheiden? Ich weiß, was sein muß, aber ich kann es nicht! Aus der Ferne kommt das Glockensignal der Feuerwehr der Nachbarstadt. Die Glocke auf ihrem Wagen ähnelt im Klang der Schelle der Milchhändler, die mich als schlafendes Kind auf dem halbmondförmigen Sofa geweckt und von dem Nachtschrecken befreit hat. Ist ja nur ein Traum, sage ich mir. Keine Angst! Ein Traum mehr zu den andern, und von jetzt an, nach diesem letzten Schritt, den Träumen abgesagt! Los! Vorwärts, beherrsche dich! Hast du keinen Funken Courage? Immer schwerer wird die Wolke um uns, sie reicht schon an die Schultern, und immer giftiger wird ihr Hauch. »Es muß sein«, sage ich laut. »Los!« Die Feigheit ist gefährlicher als der Mut. Aber nun flüstert das andere, klügere, erbärmlichere Ich: Sind denn keine andern hier? Du mußt dich den Deinen erhalten! Dein Vater stirbt, wenn du zugrunde gehst. Sollen zwei Menschen sterben? Ist denn eine Rettung überhaupt logisch möglich? Entweder ist Alma schon erstickt, oder er hat sich gerettet. Ruhig im dunklen Zimmer sitzend wird er nicht sein Ende herangewartet haben. Dann wieder: Es muß sein!! Denn wer sonst soll es sein, der es wagt? Aber ich zittere, ich bin wie nasses Werg. Meine Lippen formen gegen meinen Willen oder nur mit dem Willen des einen Ich das Wort: »Entschuldigung!« Ratlos wanke ich, während meinen Körper eisiger Schweiß umhüllt, zitternd in der sausenden Flammenglut. Der Wind ist heute stürmischer denn je. Ich zittere, denn ich habe Angst. Angst beschreibt man nicht, Furcht wie diese erlebt man nur.

Nun stehen wir alle, von Aschestäubchen heiß überrieselt, mit den schützenden Händen über den Augen, im Hofe. Totenstille mitten im Sausen des Brandes. Selbst die Glocken der Feuerwehr sind verstummt...

Ich wende mich zu dem Herzog. Ich halte den Schlüssel in der Hand. Auf dessen blanker, eisengrauer Oberfläche schimmert das erste düstere Gold des Brandes. Ich spreche nichts. Auch der Herzog schweigt, und sein Schweigen ist der Beweis, daß auch er nicht Mut genug hat. Aber ich? Das unwillkürliche Zittern meines Körpers, das Senken meines Kopfes, von dem die Kappe herabgefallen ist, sagt dies nicht alles? Schneller als wir beide, der Herzog und ich, hat sich der Prinz entschlossen. Er reißt mir den Schlüssel aus der Hand. Er spuckt wiederholt in sein Taschentuch, er hält es wie eine Maske vor sein weißes fettes Gesicht. Er drückt seine marmeladefarbigen kleinen Augen etwas zusammen und fliegt so schnell die Treppe empor, daß es aussieht, als wehe ihn der Wind, einem Stückchen hechtgrauen Papieres gleich, über die Stufen.

Wütend schnauben und stampfen große, fahle, schweißgetränkte Gäule mit geifernden Mäulern neben mir, die Feuerwehr aus V., die Fabrikwehr. Der erste Strahl ihrer keineswegs gigantischen Feuerspritze geht auf das Fenster im dritten Stockwerk, das eben klirrend von einem Rapier durchstoßen wird und in dem sich der Kopf des Prinzen und etwas Weißes, offenbar Almas Oberkörper im weißen Hemd, zeigen.

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