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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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Die Zeit der großen Gewitter, welche während der ganzen Nacht mit ihren strömenden Güssen die Schlafräume mit ihrem balsamischen Dufte gefüllt hatten, ist vorbei. Ihr ist eine wolkenlose, für Ende Juni ungewöhnlich heiße Witterung gefolgt. Ein stürmischer Wind scheint immer von dem milchweiß oder gelblich umdunsteten Rande des Horizontes hervorzusausen, wobei seine Stärke, nicht aber seine Richtung gleichbleibt. Die Augen der Zöglinge röten sich infolge des Staubes, der von weit her zu uns getragen wird, man verläßt das Haus so wenig wie möglich und muß sogar nachts oft das Fenster schließen, da der sturmartige Wind niemand Ruhe gönnt. Wer wie ich im oberen Stockwerke des Schülertraktes wohnt, kann oft während der ersten Nachtstunden kein Auge schließen, sosehr er sich auch danach sehnt, da von den stark erhitzten Ziegeln des Daches eine furchtbare Glut ausströmt. Das nach und nach ganz ausgedörrte Gebälk beginnt zu krachen, um sich dann in den kühleren Morgenstunden wimmernd zusammenzuziehen, so daß man weder in den Stunden um Mitternacht noch in denen der Morgendämmerung die Erholung findet, deren man in dieser unnatürlichen Zeit besonders bedarf. Infolge dieser »unnatürlichen« Zeit ist eine Mißernte nicht ausgeschlossen, und der Rendant, der einen Teil der Ernte in V. verkaufen wollte, kommt mit ganz verzweifeltem, aber deshalb nur um so blasserem Gesicht auf seinem Motorrade zurück. Oder ist der Grund seiner Verzweiflung ein anderer? Was können die paar Scheffel bedeuten? Neben dem äußerlich ruhigen Meister erscheint seine Erregung fast lächerlich. Wer sollte auch das Lachen verbeißen, wenn der unverwüstliche Beamte, der sorgenreiche Rendant den Rest seiner noch nicht entzündeten Zigarette in seinen kummervollen Gedanken hinunterschluckt? Aber mir kommt dieses Lachen nicht aus dem Herzen. Wie gern wollte ich ihm helfen! Vielleicht fehlt ihm zum Ausgleich seiner schlechten Rechnung nur eine kleine Summe. Aber unter den ärmsten und hilfsbedürftigsten Zöglingen von Onderkuhle ist keiner ärmer als ich, keiner hilfsbedürftiger; wenngleich ich nicht nur in Geldmangel die Armut, noch in ein paar tausend Franken die Hilfe sehe, wie dieser arme Vater von sieben Kindern in seinem abgetragenen grauschwarzen Anzug hier ...

Jetzt kommt die letzte Nacht in Onderkuhle oder die letzte Nacht von Onderkuhle. Denn dies ist das gleiche. Ich habe Onderkuhle überlebt. Es ist nicht mehr. Zwar: was von mir nach dem Brande von Onderkuhle zurückblieb, heißt nur Boëtius von Orlamünde, ist aber ein anderes Wesen. Oder scheint es nur mir so?

Nach dem gemeinsamen Abendessen (wie genau erinnere ich mich noch heute der Kirschen, die zum Nachtisch kamen, dunkelrot, feucht vom Wasser, in dem man sie gebadet hatte, und mit Resten von Blättern an den Stengeln, die aber von der unmäßigen Sonne fast zu Zunder verbrannt waren), nach dem Abendbrote begebe ich mich in mein kleines Zimmer, das mir mit seinen vielen überflüssigen Schreibsekretären doppelt leer und unwohnlich vorkommt, seitdem Titurel keinen Schritt mehr hineinsetzt. Er ist mir gegenüber nichts mehr als ein korrekter Kamerad, ich komme in seinen »Aufgaben und Rechnungen« nicht mehr vor, nicht in seinem Haß, weniger noch in seiner Liebe. Er hat mich ausgelöscht, oder, ärger noch, meine Existenz hat sich ihm von selbst ausgelöscht, so daß ich ihn nicht einmal zum Zorn reize noch auch zum Widerspruch – denn auch dies wäre mir ein Zeichen, daß ich für ihn noch lebe. Es ist vorbei.

Ich nehme noch im Waschraum ein kaltes Duschebad und begebe mich dann zu Bett. Die aus dem dämmerigen Baderaum mitgebrachte Kühle tut mir wohl. Die Dinge bleiben wohlwollend, sie versagen die Treue nie ... Ich schlafe sofort fest ein.

Aber schon eine Viertelstunde später erwache ich. Vor meinem Fenster, das nach Süden geht und trotz dem unheimlich sausenden Winde weit offen ist, breitet sich der klar ausgestirnte, ultramarinfarbene, wolkenlose Himmel bis an die waldigen Berge des äußersten Horizontes aus. Ich kenne vom Unterricht her viele von den Sternen. Auch die Geographie der Erde war mir stets ein Lieblingsfach, ich kann mir die Erde mit ihren Erdteilen und riesigen Meeren ganz lebhaft vorstellen und dabei doch ihrer Kugelgestalt eingedenk bleiben, mir Städte, Gebirge und Flüsse an ihrem unverrückbaren Orte stets ins Gedächtnis rufen, das mich hier nie im Stich läßt. Aber mehr noch reizte mich immer die unabsehbare sphärische Geographie des ewig bewegten, kreisenden Himmelsgewölbes, die Namen und Stellungen, Lichtfarben und Klassen der Sterne, von denen ich immer Neues von unserm alten Professor (einem ehemaligen Seeoffizier) erfragte. Bis jetzt wirkte ihr Anblick in den guten, in den besseren Tagen ebenso wohltätig auf mich wie auf die meisten Menschen. In der Verwirrung der Menschen kann man nicht dauernd bleiben. Mit seinen unbefriedigten und unerfüllbaren Wünschen kann man nicht ruhig leben. Die Sehnsucht nach Vater und Zuhause läßt sich durch Sport und Arbeit nicht immer überwinden ohne einen Freund. Aus der Unruhe des eigenen Herzens flüchtet der Mensch zu gern in den Anblick der Sterne und wird erquickt, getröstet von ihrer Harmonie, von ihrem sanften, lautlosen Gange. So auch ich, bis auf diese Nacht. Von dem panischen Schrecken, der mich heute nacht bei dem plötzlichen Erscheinen der stark blitzenden Gestirne packt, kann aber keine Schilderung berichten. Besonders ist es ein Sternbild im südlichen Himmel, das aus fünf zusammengehörigen Sternen besteht und das mich bis zum Entsetzen ergreift, und unter den fünfen ist es wieder besonders der höchststehende, der eine Jahrmillion von uns entfernt sein soll und von dem ich nicht lassen kann. Was soll die Furcht? Furcht ist sinnlos. Vor nichts braucht ein kleines, namenloses, zu höchstens sechzig bis siebzig Jahren Lebensdauer bestimmtes, aber selbst in dieser kurzen Frist immer zwischen Leben und T. schwankendes Wesen so wenig Angst zu haben als vor diesen Weltenkörpern, die uns nie erkennen, sich nie um uns kümmern, uns ewig fremd sind. Was sind wir ihnen? Weniger als Hekuba, nichts. Wir bestehen vor ihnen nicht. Was sind sie uns? Doch nur ein schöner Anblick, etwas, das edlere Gefühle anregt, wie die blauen Fahnen unseres adeligen Stiftes, Sinnbilder ohne Wesen und Wirklichkeit. So spricht der Verstand. Aber er überzeugt nie. Vergebens lasse ich, um dem Grauen zu entgehen, die zwilchleinenen Fenstervorhänge niederfallen, wobei die eiserne Stange, an der sie aufgerollt sind, mit dumpfem Klang wie ein abgeschlagenes Haupt auf das Fensterbrett niedersaust. Die Sterne brechen dennoch mit ihrem fürchterlichen Glänze durch. Sie stechen, und der eine bestimmte Stern von den fünfen funkelt ganz besonders grell durch die feinen Lücken des schlissigen Gewebes. Vergebens hülle ich mich in mich selbst wie in eine Decke, ich erinnere mich meiner sonderbaren rothaarigen Existenz, ich denke an meine Leistungen, an meine »Rechnungen und Aufgaben«, an meine Lebensziele, an Geographie und Geschichte, Sport und Pferde, ich versuche vergebens, einen Brief an meinen Vater aufzusetzen, an ihn, der mir so sehr fehlt, gerade jetzt! Nur eine Zeile von ihm, ein Brief, wie ich deren schon so viele ohne großen Dank und sogar ohne tiefe Erregung bekommen hatte und alles wäre anders. Der Gedanke an das Unendliche faßt immer stärker in mich hinein. Es krampft sich etwas in mir fühlbar zusammen, und plötzlich höre ich mich so seufzen und stöhnen, wie das Pferd Cyrus, besiegt durch inneren Zug, gestöhnt hat. Muß es nicht schrecklich anzuhören gewesen sein, dieses mein Seufzen oder Stöhnen, wenn die Jungen im Schlafsaal nebenan aufmerksam werden? Ihre Roulettuhr hört auf, sich schnurrend zu drehen, einige stehen auf und kommen zur Tür, um nach mir zu fragen und trotz meinem Schweigen mich durch wiederholtes Pochen und sogar Pfeifen zu sich einzuladen. Bei aller Anteilnahme ist auch Hohn dabei, ich weiß es. Stolzer ist es, allein zu bleiben.

Noch kämpfe ich mit aller Energie gegen das Furchtbare an sich, gegen das Zerschmettertwerden. Ein kleines Kind, das man in wärmeren Landstrichen nackt unter die dort noch viel schärfer blitzenden Nachtgestirne legt, erträgt diesen Anblick ohne weiteres, es lächelt, leckt sich mit der Zunge die letzten Milchreste von den wulstigen Piggylippen und schläft ein. Aber ich, ein Orlamünde? Ich soll davor fliehen? Ich muß? Mit den andern Roulett spielen, wenn es hier Ernst ist? Wem kann ich dann ohne Furcht begegnen? Wovor kann ich bestehen? Was soll aus mir werden? Aber ich fühle es, wenn ich den Kopf absichtlich wende und mir trotzdem das giftige Strahlen des fünften Sternes in die Augen fällt durch die Lücken des alten Vorhanges – nur widerspenstig bin ich wie das Pferd Cyrus, nicht mehr mutig. Einst träumte mir von einem Tod unter diesem Pferd, jetzt sehe ich einen Tod, wie er dieses Pferd erwartet, vor mir.

Die Zeit muß, nach dem Stande der Sterne zu urteilen, nahe an Mitternacht sein. Die Hitze ist kaum noch zu ertragen. Ich ertrage mich selbst nicht mehr. So gehe ich zu meinen Kameraden, die mich empfangen, als wäre ich eben aus ihrem Kreise fortgegangen. Sie sind noch fast alle wach, sitzen aufrecht, manche halbbekleidet, manche nackt wegen der Hitze. Titurel trägt einen ausgewachsenen Schlafanzug, den ich schon kannte, als er ihm noch zu weit war. Er läßt die Roulettuhr in seiner abgebrannten großen gelben Hand kreisen, wobei ihm Piggy mit seinen marmeladefarbenen Augen zusieht und doch auch seine Augen nicht von den Einsätzen läßt, welche die Zöglinge machen. Da ich kein Geld habe und ohne Einsatz nicht spielen will, bekomme ich das Amt, die Uhr zu handhaben. Sie hat eine Feder, die man bis ans Ende aufzieht und dann losschnurren läßt. Der Zeiger bleibt dann auf einer wechselnden Stelle stehen, zeigt die Zahl und die Farbe an. So geht es durch Stunden. Einige Schüler haben bares Geld, Goldstücke und Silber, andere schreiben Ziffern auf Zettel aus ihren Notizbüchern, auch gibt es einige, die Wertgegenstände an Stelle des Geldes annehmen und abgeben. Alles Derartige überwacht Piggy, während Titurel sich ganz dem Spiel als solchem hingibt. Inzwischen wird es Morgen. Es hat sich am Rande des Horizontes eine rauchige Trübung des ultramarinfarbenen klaren Himmels eingestellt. Einige unter uns sind bereits von der Müdigkeit überwunden; sie sind eingeschlummert, liegen mit ihren nackten Oberkörpern, an denen man die Rippen sich ausweiten sieht, auf der Seite, einer hält mit seinen blassen vollen Lippen, welche von dem ersten Flaum eines Schnurrbartes beschattet werden, den Rest einer allmählich verkohlenden Zigarette umklammert, bis sie ihm ein anderer, jüngerer, lachend fortnimmt, andere haben sich, in den Händen noch die Zettel mit Einsätzen und Gewinnen tragend, wie Igel zusammengerollt und schnarchen ächzend. Einer trägt die Likörflaschen an den Hälsen zusammen und verbirgt sie in einem Fach des großen Institutsschrankes. Vor den Fenstern hört man die Hähne krähen. In den Gebüschen flattert es, und die Singvögel beginnen die ersten, fast unhörbaren, sehr süßen Flötentöne, die sie absichtlich recht lang ziehen, als wenn es Fragen wären. In der bereits taubengrauen Dämmerung durchschwirren sie die feuchte Luft, noch unsicher erheben sie sich im Morgennebel und senken sich, während sie sich wie kleine Gewichte schnell niederfallen lassen. Die rauchige Stelle am Horizonte hat sich wie ein weißlicher Flaus mit Blut gefüllt. Langgestreckte Wolken beginnen mit ihrer der Erde zugewandten Seite wie Apfelsinen zu glänzen. Mit einem Male ist es ganz hell, und das Rot ist glühend geworden, in Wellen bewegt und kaum mit bloßem Auge zu ertragen. Die Jungen sind alle verstummt, niemand schenkt der Roulettuhr Aufmerksamkeit außer Piggy, der unermüdlich wacht und dem alle übrigen Einsätze bleiben. Er nimmt nachher die Roulettuhr als sein Eigentum in Empfang.

Ich kehre in mein Zimmer zurück, das im Gegensatz zu der verbrauchten und nach Zigaretten riechenden Atmosphäre des Schlafsaales von einem würzigen Salbeiduft erfüllt ist, wie er jetzt durch den kühleren Morgenwind von den frisch gemähten Wiesen herübergeweht wird. Die Gutsarbeiter verlassen jetzt in kleinen Gruppen ihre Häuser. Der Meister tritt fröstelnd und blaß vor das Haus und sieht sich um. Dann begibt er sich schnell in das Hauptgebäude, wohl um vor seinem ersten Inspektionsgang die blauen Fahnen abzustauben. – Ein Bäcker kommt mit einem großen Korb voll Brot. Das Zimmer füllt sich mit dem Lichte der grandios aufsteigenden Sonne, man hört das Getümmel der Pferde in den Stallungen, das Brüllen der hungrigen Kühe und leise und vertraut das Scharren und fragende Miauen meiner Feuerkatze, die sich während der Nacht auf den Wiesen und Getreidefeldern umhergetrieben hat, wo sie auf die Mäusejagd gegangen ist. Jetzt schmeichelt sie sich hinein, will mich mit ihrem noch mit Blut befleckten Maule liebkosen, wobei sie schnurrend den feuerroten Rücken hochwölbt. Jetzt möchte sie sich zu meinen Füßen auf der Anstaltsdecke zusammenrollen und schlafen. Lange sucht sie nach der für sie bequemsten Stellung, wobei sich ihr Schnurren verstärkt. Das ganze schlecht gezimmerte Institutsbett zittert mit – unter diesem Geräusch schlafe ich endlich ein.

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