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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
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Zweiter Teil

1

In diesem Augenblick des unvergeßbaren Junitages, des 19. Juni 1913, ist der Höhepunkt meines überstarken Lebensgefühls überschritten, und es beginnt, was natürlich und doch so schwer zu ertragen ist, der Übergang in die Zeiten des T. Ich wehre mich dagegen. Ich kämpfe. Aber sagte ich es nicht schon bei der Bändigung des Cyrus, daß er kämpft, macht ihn wehrlos? Kann das sein? Doch ist es so.

Nun bin ich mit meinem Freunde Titurel nach Onderkuhle zurückgekehrt. Daß ich ihn gerettet habe, dankt mir niemand. Die offenbare Ungerechtigkeit stimmt mich aber mutig. Bloß gegen Güte, Milde und Weichheit bin ich wehrlos. Aber weder der Abbé noch der Direktor haben in dem Ganzen etwas anderes gesehen als Fahrlässigkeit. Daß sich Prinz Piggy über den kühlen Empfang freut, kann mich nicht wundern. Bloß einer hält zu mir, der Meister, der mir ein Zeichen mit seiner Hand gibt, die mit einem edlen grünen Ring geschmückt ist.

Aber was sind sie mir alle, der Abbé und Piggy, der Direktor und der Meister? Ich werde sie übersehen und mich stumm lächelnd von ihnen abwenden. Aber etwas anderes trifft mich schmerzlich. Ich kann es nicht übersehen, ich kann mich nicht stumm lächelnd davon abwenden, wenn Titurel einen kaum unterdrückten Widerstand gegen mich entfaltet. Er wird nichts Ungebührliches sagen, dazu hat er sich, dank seiner Erziehung, zu sehr in der Gewalt. Aber so sehr hat er sich doch nicht in der Gewalt, daß er mir Gerechtigkeit angedeihen lassen könnte. Aber ist es denn Gerechtigkeit, wonach ich mich sehne? Wahre Zuneigung fordert man nicht und gibt sie auch nicht gegen Lohn und gute Gründe. Lieben und Geliebtwerden ist entweder selbstverständlich oder unmöglich. Wozu Worte? Er sagt mir nicht den Grund, ich frage ihn nicht. Hat man mit einem Menschen, einem einzigen Freund, einem unersetzbaren, ich fühle es jetzt, Jahre um Jahre zusammen gelebt, dann versteht man einander ohne Worte, oder man versteht sich trotz aller Erklärungen gar nicht.

Was bleibt mir? Meine Zukunft? Neue Fragen, unlösbare. Meine Eltern, mein Vater, meine Mutter? Ich möchte mit ihnen sprechen, sie grüßen, sie mir nahe wissen, ihnen schreiben, aber es gelingt mir nicht. Ich schreibe Anrede auf Anrede, eine immer zärtlicher als die andere, keine aber empfinde ich. Selbst das einfache, schmucklose »geliebte Eltern« erscheint mir unwahr. Als ich von meinem Brief aufsehe, erblicke ich Titurel und freue mich, daß er lebt. Titurel fühlt das und gönnt mir auch diesen Augenblick nicht mehr. Er wendet sich ab, sieht mich aber schief von unten an und flüstert: »Wehe dir, wenn du mich noch einmal anfaßt!« – »Ich dich anfassen?« frage ich. »Wer hat dir erlaubt, mich unter Wasser zu drücken? Du willst dich zeigen. Bin ich ein dummes Pferd, an dem du deine Künste versuchen kannst?« Ich gehe ihm nach, fasse ihn zwischen meine Arme, ziehe ihn an den Schultern noch einmal über die Schwelle und sehe ihn an. Nie hatte ich daran gedacht, ihn zu demütigen. Über andere zu herrschen war mir gleichgültig. Der einzige Wunsch in mir war, das ewige Gefühl des T. zu besiegen und mich durch das Bestehen von Proben frei zu machen von der Angst vor dem T. Ich habe diesen jungen Menschen liebgehabt, nicht wie man eine Frau, nicht wie man seine Eltern liebt, sondern wie man sich selbst liebt und seine eigene Jugend. Ich hätte gern in seiner Nähe gewohnt, ihn bei mir gewußt. Nun werden wir uns nicht mehr kennen. Wenn er jetzt mit hängenden Schultern, mit abweisend vorgestrecktem Kinn das Zimmer verläßt, erinnert er nicht mehr an den einzigen Freund meiner Jugend, er ist mein Schulkamerad in der adligen Schule, nicht näher, nicht fremder als andere.

Obwohl ich vor dem Einschlafen begreife, daß dies ein endgültiger Abschied ist, erwache ich doch kaum eine Stunde später von einem leisen Geräusch an der Tür und rede mir ein, daß nur Titurel sich so bei mir anmelden könne, daß nur er so schnell zu mir zurückkehre. Dabei weiß ich, daß seine Weise zu klopfen eine andere ist, zwei kurze, scharfe Schläge. Auch müßte ich mir sagen, daß er, mein Freund von einst, auch ohne Klopfen durch die kleine Verbindungstür eintreten würde, die vom Schlafsaal der »Fünften« in mein Zimmer führt, und nicht durch den Korridor, wo um diese Zeit stets eine Ordonnanz schläft. Zum Glück beherrsche ich mich in meiner trügerischen Vorfreude wenigstens so weit, daß ich die im Dunkeln des Zimmers näher kommende Gestalt nicht mit Titurel anspreche. Es ist nicht Titurel und wird es niemals sein. Ich schweige. Auch der Meister schweigt. Dann setzt er sich auf den Rand meines Bettes und beginnt zu sprechen. Ich erfahre jetzt, wer erwartet wird, der Herzog von Ondermark, ein berühmter Forschungsreisender und ehemaliger Schüler unserer Anstalt. »Und wohin Sie?« fragt er unvermittelt. Ich schweige. »Als ich hierherkam, lieber Herr von Orlamünde, dachte ich nur an ein Jahr. Fragen Sie mich nicht, wie viele Jahre es geworden sind. Ich dachte daran, mir ein kleines Vermögen zu machen, gleichgültig wie. Einen Hausstand zu gründen, gleichgültig wo. Nichts davon ist zur rechten Zeit gelungen. Ich habe hier viele Menschen kennengelernt im Laufe der Jahre. Alle sechs Jahre erneuert sich alles. Neue Gesichter, neue Stimmen, alte Namen. Mein ist nichts. Ich bin grau geworden.« Da ich schweige, geht er zum Fenster. Draußen regnet es mit unverminderter Heftigkeit. Das Wasser rinnt wie in starken Säulen, die sich fast gar nicht in Tropfen auflösen, von dem niedrigen Himmel nieder, der sonderbarerweise heller gefärbt ist. Er wiederholt noch vom Fenster: »Wohin mit Ihnen?« – »Wohin sollte ich sonst?« sage ich. »Hier fühle ich mich wohl.« – »Wohl?« sagt er. »Lebt ein Orlamünde um seiner selbst willen? Sie werden hier viele Bekannte haben und keine Freunde, Sie werden hier Befehle erteilen und doch nicht kommandieren. Sie werden ...« Plötzlich sagt er mit einer veränderten Stimme: »Sie, ein Orlamünde, wollen doch nicht werden wie ich?« Draußen hat sich der Himmel stärker erhellt, und ich kann seine auseinanderweichenden, scharfen, steingrauen Augen sehen mit einem Ausdruck der Selbstvernichtung, der stärker ist als seine Liebe zu mir. Er, sonst immer Herrscher, hat sich tief gebeugt. Jetzt streicht er mit seinen Händen die Haare ganz straff an die ausgebuchteten Schläfen, so daß sie im matten Licht grau und schwarz durcheinander aufleuchten, dazu noch das Blitzgefunkel seiner schönen Steine. Er neigt den Kopf noch einmal von einer Seite zur andern, als wollte er sagen: »Niemand werde wie ich«... Dann öffnet er den Mund, zeigt seine schmalen weißen Zähne, die in dem alten Munde erhalten geblieben sind. Er tut, als wollte er mich schnell unterbrechen, wenn ich begänne zu sprechen.

Auch ich könnte sprechen. Es gibt viel, was ich niemand gesagt habe und was man nur einem Vater sagen kann. Einem leiblichen oder einem angenommenen. Aber ich kann es nicht.

Ich habe am nächsten Morgen mit den andern in der Anstaltskapelle gebetet. Mein Platz ist nicht mehr unter den Schülern, zu den Lehrern darf ich mich auch nicht zählen, so zwänge ich mich zwischen beide Gruppen. Die Angestellten, die Professoren, der Rendant, der Arzt, die Präfekten und auch die Gutsbeamten, die wir sonst selten zu Gesicht bekommen, sind alle in der viel zu engen Kapelle versammelt, bloß einer fehlt, der sonst sein Auge überall hat, der Meister, der unserem Glauben nicht angehört. Bei der Predigt wiederholt der Abbé immer von neuem die Bezeichnungen Vater und Sohn. Mich trifft das Wort Vater, wie der Hufschlag eines Pferdes einen auf dem Boden Liegenden trifft. Erwartet, unabwendbar, dumpf und blind. Er, der feine, aber in seiner Art starrsinnige und kalte Priester, der oben auf seiner Kanzel, bis über die Hände in seine seidenen Meßgewänder gehüllt, diese Worte ausspricht, weiß nicht, wer zu seinen Füßen liegt. Es ist nicht der seit Wochen vergeblich erwartete Brief meines Vaters, der mir Tränen abnötigen könnte, wenn mir Tränen nicht unbekannt wären. Denn solange ich mich erinnern kann, habe ich noch nie geweint. Es ist nicht das Gefühl der Verlassenheit. Es ist etwas, das man nicht richtig zu Ende denken kann, geschweige denn aussprechen, man kann sich nicht sammeln, kann sich nicht besinnen auf sich selbst. Wohl redet man sich zu, den kurzen Augenblick zu nützen, in welchem die steingrauen Augen des Meisters anderswo sind, in dieser seltenen Stunde sich Trost zu holen, sich innerlich zu ermannen und endlich zu einem Entschluß zu kommen. Sollte es keine Waffe geben, den Kampf zwischen Leben und T. in mir zu beenden? Kann ich mir nirgendwo Rat holen? Wenn mein leiblicher Vater fern ist und stumm bleibt, wenn mein angenommener Vater nur an Erfolg und Tätigkeit, Streben und Ehrgeiz denkt – sollte es keinen geben, dem ich mich anvertrauen könnte? Dem himmlischen Vater? Aber was sagt mir das Wort »himmlischer Vater«? »Vater« alles – »himmlischer« nichts. Ist, was mich bedrückt, so selten? Hat es noch keinen anderen betroffen? Leichter vertraut man sich einem Bruder an, dem gleichalterigen, als einem alles wissenden, aber um so fremderen Vater. Aber kann der Vater mich kennen, kann ich ihn erkennen? Ich hatte einen gleichalterigen, einen alles verstehenden Freund. Jetzt ist Titurel mit dem Prinzen Piggy ein Herz und eine Seele. Selbst während des Gottesdienstes stecken sie ihre Köpfe zusammen, keiner von ihnen betet, und ich sehe, daß das Gebetbuch, in das sie eifrig hineinzusehen scheinen, einen anderen Druck hat als das unsere. Es wird ein verbotenes Buch sein, Casanovas Memoiren oder Dumas' Monte Christo, das sie jetzt mit den Augen verschlingen. Es ist bitter, sehen zu müssen, wie Titurel, früher mit dem Lesen einer Seite fertig als der Prinz, auf jenen wartet und sich dabei mit dem sprechenden Ausdruck seiner Augen, der mir so bekannt ist, an die wulstigen, blassen Lippen und die huschenden Blicke der marmeladefarbigen Augen des Prinzen heftet. So entwürdigen sie die Stunde Gottes. Aber bin ich besser? Wo sind meine Gedanken? Nicht beim Vater, nur bei mir.

Zwar habe ich am Abend des Sonntags endlich eine Stelle im Evangelium gefunden, die wenigstens mein Beten rechtfertigt und die es mir leichter machen müßte, mich Gott so anzuvertrauen, wie es einem gläubigen Katholiken geboten ist. Es ist die Fortsetzung der Bergpredigt im Evangelium Matthäus, sechstes Kapitel. Es beginnt gut und mit väterlicher Stimme (nicht himmlisch väterlich, sondern irdisch väterlich – wie ein Vater, der Onderkuhle kennt und mich): »Und wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schleuß die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen. Und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird's dir vergelten öffentlich. Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet.« Darauf folgt das Vaterunser im Evangelium.

Ich bin nach dem Abendbrot, von allen allein gelassen, unter höflichem Grüßen in mein leeres, bläulichdunkles Zimmer zurückgekehrt. So liege ich auf den Knien wie ein hingeworfenes Bündel alter Kleider, in das sich die Katze oft verkriecht, wo sie sich anschmiegt und sich wohl fühlt. Aber ich habe nicht die Kraft, ein Ende zu machen. Ich schlafe in dieser unnatürlichen Stellung ein und erwache am Morgen in derselben und gehe an meine Arbeit, eine Schwimmlektion an Stelle des Kapitäns zu erteilen. Meine Lippen beten noch immer weiter, als hoffte ich, noch auf der Treppe, zwischen den Zöglingen in den Frühstückssaal hinabeilend, den Sinn dieses Gebetes zu erfassen. Ist es ein Gebet erst für Männer? Ist es eines für schwer arbeitende Menschen? Ist es für Dienende? Haben meine Vorfahren nicht gebetet? Das einzige, was ich verstehe, ist das Wort vom täglichen Brote. Nicht für mich muß ich das beten, sondern für meinen Vater. Es ist alles stumm um ihn, kein Brief von ihm liegt auf dem Frühstückstische.

Lebt er in Not? In Sorgen? Schuld hat er nicht, an keinem Menschen, eher haben sie schuld an ihm. Führe uns nicht in Versuchung! So tief bin ich versunken in meinen Entscheidungskampf zwischen T. und Leben, daß mich nichts in Versuchung führen kann. Einzig das Übel verstehe ich, einzig um die Befreiung davon müßte ich beten, wenn ich glauben könnte.

Reich, Kraft, Herrlichkeit, daran teilzunehmen, auch nur in Gedanken, welche Hoffnung! Aber ich kann nichts hoffen. Man kann Großes nicht leisten ohne Hoffnung, man kann nicht einmal im Mittelmäßigen bestehen, wenn man überall die Fingerabdrücke des T. sieht und sich ihnen nicht entziehen kann. Ewigkeit! Dem Kosmos gegenüber sich zu behaupten, dem Unendlichen sich als mutiger Aristokrat zu stellen, ich begreife, wie erlösend das wäre, befreiend, ein reines Glück. Aber gerade, daß ich es weiß und daß ich darum kämpfe, macht mich schwach statt stark. Ich habe Angst vor dem T. Ich gehe den falschen Gang wie Cyrus in der grünen Reitschule. Warum faßt mich niemand und führt mich, besser, als ich mich selbst führen könnte?

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