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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14

Ich habe vorhin erzählt, daß ich den Freund unter das im Regen aufzischende, milchig getrübte Wasser getaucht habe, damit er das Bewußtsein ganz verliere und uns das Rettungswerk ermögliche. Aber ich selbst verliere jetzt das Bewußtsein. Unwiderstehlich regt sich etwas im geheimsten Innern meines Lebens. Ich kann nichts tun, als alles über mich herabströmen zu lassen. Mit Beklommenheit, mit immer schwereren, heißeren, süßeren Atemzügen gebe ich mich ihm hin. Wie kann ich es nennen? Es ist das erstemal und doch so vertraut, ich kann es nicht beschreiben. Man erlebt diesen Augenblick nicht ein zweites Mal. Ich kenne den Weg ganz genau, den unser Wagen jetzt nimmt. Ich habe oft hier kutschiert. Kein Baum ist mir fremd. Ich erkenne jeden unter dem Wasserfall des herabstürzenden Wolkenbruchs. Jede Krümmung des Weges ist mir bewußt, ja überklar, trotz der Blendung des immer tosender herabgehenden Gewitters, dessen Blitze sich gelichtet haben und ganz zartblau, dabei aber unerträglich hell geworden sind. Ich messe, indem ich mein neues Glück zugleich mit meinem Atem anhalte, den Abstand bis zu unserem Schulhause, das sich in seinem tiefen, stumpfen Rot hoch über die wassertriefende italienische Allee erhebt. Klar kann ich dies alles sehen; was ich aber nicht beschreiben kann, ist die alles überwallende, alles bis in die tiefste, geheimste Herzkammer erfüllende Glückseligkeit. Worte geben es nicht, ich kann heute kaum nachempfinden, was ich damals gelebt habe. Solcher Tage sind nicht viele. Es war etwas, das mir noch nie beschieden war.

Äußerlich ein sonderbarer, vielleicht für einen Fremden wenig erfreulicher Anblick. Ein magerer, scheinbar knochenloser Jüngling in grünweißem Trikot, mit sonderbar gescheckten, sehr reichen Haaren, die nackte Haut an Gesicht und Händen buttercremefarben und voll von Sommersprossen, die langen sehnigen Arme um den Hals seines Freundes geschlungen; seine Hände nehmen das Pochen der Pulse dort wahr und zählen es, als wären es Lebensjahre, die ich alle noch zu erleben hätte. Zwei Proben auf T. habe ich an diesem Tage bestanden.

So erscheine ich vielleicht, zitternd vor Erregung, den Mund stumm zusammengepreßt, einem Fremden, etwa dem Prinzen Piggy. Er ist von uns, Titurel und mir, auf den Vordersitz der Kutsche gedrängt. Er starrt uns beide unverschämt mit seinen marmeladefarbenen Augen an. Er ist vollständig angekleidet bis auf Turnschuhe und Mütze. Mich trifft von überallher der Regenguß, der heiße schwere Gewitterwind. Aber in mir geht etwas Betäubendes, etwas Überwältigendes unwiderruflich vor. Mein unbeschreibliches Glücksempfinden macht mich still, bedrückt mich tief.

So fahren wir wortlos gegen die Pappeln hin, die sich im Gewitterwinde beugen, durch die bekannte Lindenallee, deren Bäume sich ins Unabsehbare vermehrt zu haben scheinen. Der Regen, der von den honigfarben überblühten Zweigen herab mir in den Mund und ins Gesicht strömt, schmeckt nach Lindenblütenduft, nach kühlen, blumenhaften Essenzen.

Mein Freund ist ganz erwacht und erwärmt. Er richtet sich auf, blickt umher und schlingt des Meisters Mantel enger um sich.

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